OE-6820 Frastanz |

Sagen, Mythen und Geschichten

Die drei Schwestern von Frastanz

Es gibt wohl selten eine Naturschönheit, deren Entstehung nicht von dem Volke mit Sagen, die größtentheils den Charakter des Sonderbaren an sich tragen, und eine religiöse Beziehung haben, begleitet wird. So auch hier in den Frastanzer Alpen an der Grenze gegen das Lichtensteinische ragen drei kahle Felsenspitzen neben einander hoch empor, wohin sich vor ihrem Entstehen die Phantasie des Alpenbewohners einen Goldfluß zauberte; denn Gold ist das höchste Erdengut, das der gemeine Mann kennt. Leider wußte von den Eingebornen Niemand das Geheimniß, aus diesem Paktolus zu schöpfen, sondern ein Venetianer (bei dem Volke der gewöhnliche Name eines Bergmannes) benützte diesen Alpenschatz, dafür mußte er aber auch etwas mehr verstehen, als nur die Kunst Brot zu essen. Nun was geschah? –
Kaum hatte die Sonne im schnaubenden Lauf‘
Die Sterne des Hundes im Rücken,
Da macht in der Heimath ein Männchen sich auf
Um sich nach der Kanne zu bücken.
Ihr wähnet er werde mit köstlichem Wein
Die lechzende Zunge erquicken, o nein!
Er trug sie geleeret von dannen.

Das Männchen war jung und das Mädchen war alt,
Es war wohl auch keines von beiden,
Es prangte in blühender Jugendgestalt
Und schien auch vom Alter zu leiden.
Kaum tönte der Glocke hell klingender Schlag
Um zwölf Uhr kaum, graute der kommende Tag,
Fort war er, und nicht mehr zu finden.

Es sausten die Lüfte, es brauste der Wald
Vom fernen Venedig herüber,
Das Männchen erzittert, und bebet. Doch bald –
So sprach er – bald ist es vorüber.
Da stand er mit glänzender Kaume am Arm‘
Das Zinn von dem eilenden Fluge noch warm,
Hoch oben auf Karselegg oben.

Noch netzte die Fluren der nächtliche Thau
Noch glänzten am Himmel die Sterne
Da sah man das Männchen im hellenden Blau
Ganz einsam in einiger Ferne.

So! wem es nun gefällt, der mache in dieser Manier, oder vielmehr in einer besseren fort, bis die Erzählung zu Ende ist; mir fallen die Tropfen zu langsam aus kastallischer Quelle und fließen zu matt in Verse ab.

Der Venetianer verschwand alsdann, und setzte die leere Kanne unter die heimliche Goldquelle, kam aber mit einer vollen zu den Hirten zurück, die dann mit offenem Munde die reiche Beute anstaunten und sich bekreuzten.

Diese einträgliche Luftfahrt ward viele Jahre nacheinander wiederholt, bis der fremde Mann einst an einem Mariä Himmelfahrtstage drei Mädchen, welche Heidelbeeren pflücken, um sie im benachbarten Feldkirch zu verkaufen, antraf. – Was macht ihr da? donnerte eine rauhe Srimme. – Erschrocken und im Bewusstsein einen so hohen Festtag des Gewinnes wegen entheiliget zu haben, antworteten die Midchen zitternd: Nichts. – Nun erscholl es jetzt, so sollt ihr auch nichts werden als drei fahle Felsen, unter die sich mein Goldfluß verberge. –

Seitdem sah man das Männlein nicht wieder, die Goldquelle versiegte und traurend harren die drei Schwestern von Frastanz dem Tage ihrer Umgestaltung entgegen.

Quelle: Wagner, 1821: Allgemeiner National-Kalender für Tirol und Vorarlberg, Seite 101, https://books.google.de/books?id=fsVZAAAAcAAJ