72458 Albstadt |

Sagen, Mythen und Geschichten

Sage von drei Brüdern

Vor langen Zeiten standen auf dem Schalksberg und dem Hirschberg schöne Burgen, wie auf dem Zollern. Die drei Berge und die Burgen gehörten drei Brüdern. Das Schloss auf dem Hirschberg war das schönste, und der Bruder, der dort hauste, war der reichste; dem gehörte auch Balingen. Der fiel in eine tödtliche Krankheit, und weil seinen Brüdern das schöne Erbe mehr am Herzen lag, als der kranke Bruder, so konnten sie nicht warten, bis er verschieden war. Ja als es hieß, er sei gestorben, verbargen sie ihr Vergnügen nicht, sondern thaten Freudenschüssee von ihren Burgen herab. Die hörte der Todkranke, vernahm ihre Ursache, und fiel vor Ärger in einen Schweiß, der ihn vom Tod errettete. Als er aber genesen war, da beschloss er, den ungetreuen Brüdern das Erbe nicht zu gönnen, sondern er verkaufte seinen Berg samt Haus und Hof und der Stadt Balingen, auf den Fall seines Todes, an Württemberg um einen elenden Hirschgulden! So lebte er noch lange Zeit fröhlich und getrost auf seinem Berge, die Brüder aber riethen ihm zu Hofe und thaten ihm freundlich; denn er war der Älteste und hatte kein Weib und keine Kinder; so hofften sie ihn dennoch zu beerben.

Als er denn endlich gestorben war und sie auf die Burg kamen, mit Worten wehklagten und im Herzen fröhlich waren, da kamen des Grafen von Württemberg Abgesandte, brachten den Hirschgulden zum Kaufschilling und zeigten die Urkunde vor, mit des Ritters Siegel und Unterschrift. So erfuhren sie den Kauf, fluchten und tobten, aber vergebens. Der Berg gehörte Württemberg, und sie mussten abziehen. Am andern Tage kam der vom Zollern zu dem auf die Schalksburg und sprach: „Ich hab‘ schlecht geschlafen, Bruder“. „Ich auch“, sagte der andre, „es ist mir in den Magen gefahren. Lass uns den Hirschgulden vertrinken“, sprach der Zoller, „So wirds uns besser werden, wenn das Erbe draußen ist.“
So gingen sie nach Balingen und zechten im Wirthshaus. Als nun die Zeit kam, da sie zahlen sollten, und den Hirschgulden hinwarfen, da schüttelte der Wirt den Kopf und sprach: „Sie sind abgeschätzt; heut früh hat’s ein Bote von Stuttgart gebracht, in des Grafen Namen, meinem neuen Herrn. So zogen Sie ab und sprachen nichts mit einander; und hatten anstatt des Erbes einen Gulden Schulden.

Süddeutschlands Sagen, Gesammelt und herausgegeben von J.B.Rothacker, 1859