Im Folgenden zitiert aus:
Ernst Heinrich Meier: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben

1

Hexen sind in der Regel Weiber, die sich dem Teufel verschrieben haben, dass sie Schaden stiften wollen. Oft vererbt sich auch die Hexerei in gewissen Familien, indem die Mütter ihre jungen Kinder, besonders die ungetauften, dazu anhalten und sie z. B. schon tanzen lassen. So sollen namentlich die ältesten Töchter in den meisten Familien Hexen sein. Eine Hexe ist auch nach dem Tode dem Teufel verfallen und zieht im Mutesheere mit ihm durch die Luft. Während ihres Lebens hat sie keine Ruh und Rast, sondern ist beständig getrieben Menschen und Tiere zu quälen und Früchte und Felder zu verderben, so viel sie kann. Dazu aber hat sie vom Teufel übermenschliche Macht erhalten. Eine Hexe kann Frost, Sturm und Gewitter hervorbringen, kann Krankheiten und Tod bewirken, kann sich schnell an jeden Ort hinzaubern wohin sie will, indem sie auf Katzen oder auf Besen und Ofengabeln durch die Luft reitet. Namentlich reiten alle Hexen so zu ihren wöchentlichen und jährlichen großen Versammlungen, die auf gewissen Bergen gehalten werden. Hier müssen sie dem Teufel Bericht erstatten über das, was sie ausgeführt haben, und bekommen neue Aufträge.- Zugleich wird getanzt, geschmaust und aus Kuh und Pferdehufen getrunken. Von dem Hexenritte werden die Katzen oft ganz mager und krank; schneidet man ihnen dann aber ein Stück vom Ohre oder vom Schwanze ab, so sind sie untauglich zu dem Ritte und erholen sich wieder.

2

Wenn eine Hexe Jemand quälen oder wie man auch sagt „reiten“ will, so verlässt sie Nachts als Geist ihren Körper und schlupft als Maus zum Munde heraus. Der Leib liegt dann wie tot im Rücken, indem der Mund geöffnet ist. Würde man sie um kehren und mit dem Gesicht aufs Kissen legen, so müsste sie ersticken, weil die Seele nicht wieder hineinziehen kann. So machte es einst ein Bursch, der Nachts zu seinem Mädchen stieg und es nicht wecken konnte. Er legte es auf den Bauch. Da kamen aber sogleich eine Menge Katzen und kratzten und bissen ihn, bis er das Mädchen wieder in den Rücken legte.

3

Die Hexen fahren zum Kamin oder Schornstein hinaus und kommen auf demselben Wege auch wieder in ihr Haus. Sind sie aber Morgens vor der Betglocke nicht da, so stürzen sie durchs Kamin herunter. Auf dem nämlichen Wege ziehen sie auch in fremde Wohnungen ein und aus. In der Zeit von der Betglocke Abends bis zur Betglocke Morgens ist man den Einwirkungen der Hexen ganz besonders ausgesetzt. Trägt man während dieser Zeit Milch über die Straße, ohne dass man einige Salzkörnchen hineingeworfen hat, so können sie den Kühen beikommen und sie beschädigen. Sehr häufig reiten sie Nachts auch die Pferde und flechten die Hals und Schwanzhaare in Zöpfe zusammen. Dann zittern die Pferde des Morgens und schwitzen am ganzen Leibe.

4

Die Hexen können durch bloßen Blick ein Kind krank machen. Namentlich bewirken sie, dass ganz kleine Kinder Brüste bekommen, die Milch geben und säugen können. Oft zwingen sie auch Kindern gewisse Speisen und Getränke an, von denen sie krank werden und nachher allerlei seltsame Sachen ausbrechen, z. B. Haare, Knöpfe, große Nägel u. dergl.

5

Der Veitstanz kommt bloß von den Hexen her. Ebenso das Albdrücken.

6

Die Hexen stehlen auch gern ungetaufte Kinder und bringen sie um, um ihnen die Hände abzuschneiden. An einer solchen Hand kann man alle fünf Finger anzünden und die gebraucht man beim Stehlen. Dringt nämlich Einer Nachts in ein Haus, steckt die Hand an und alle Finger brennen, so ist das ein Zeichen, dass alle Hausbewohner schlafen. Brennt ein Finger nicht, so wacht noch Jemand; brennen zwei nicht, so sind noch zwei Menschen wach u.s.f. Andre sagen, aus den Fingern ungetaufter Kinder werde Hexenbrei gekocht. Sie sollen auch ungetauft verstorbene Kinder ausgraben, um ihnen einen Finger abzuschneiden. Noch andre sagen, die Spitzbuben machten Pfeifen aus solchen Fingern.

7

Hexen können sich beliebig in verschiedene Tiere verwandeln, namentlich in Katzen, Schweine, Pferde, auch in Vögel z. B. in Gänse, Elstern u.s.w. Am leichtesten aber in Schweine (Derendingen)

8

Die Hexen erhalten gewöhnlich wenig Lohn für ihre Untaten. Doch werden manche auch reich dadurch indem sie z. B. Milch aus einer Handzwehle melken und Hexenbutter verkaufen.

9

Hat eine Hexe oder ein Hexenmeister ein Stück Vieh beschädigt oder umgebracht, so kann man sie zur Strafe ziehen. Man stecke in das Herz des toten Tiers drei Nägel und drücke diese täglich etwas tiefer hinein, so muss die betreffende Person absterben, wenn sie nicht kommt und um Erbarmen bittet und man die Nägel her auszieht. Ebenso stirbt eine Hexe an der Schwindsucht, wenn man ihre Fußtritte ausschneidet und in den Kamin hängt.

10

In der Christnacht und Karfreitagsnacht halten die Hexen einen großen Umzug. An diesen beiden Tagen kann man durch gewisse Mittel in der Kirche erkennen, welche Frauen Hexen sind (vergl. die Gebräuche). Sonst erkennt man die Hexen auch daran, dass sie am Samstag Abend spinnen. Ferner blinzeln alle Hexen. Sieht man einer Hexe aber in die Augen, so blickt das Bild verkehrt heraus.

11

Berüchtigt und gefürchtet sind die Hexen mancher Orte, z.B. die von Gomaringen und Pfrondorf in der Nähe von Tübingen. Als die stärkste Verwünschung betrachtet man den Fluch: „dass dich das beste Paar Hexen von Gomaringen oder Pfrondorf reiten tät“. – Saulgau in Oberschwaben heißt in der ganzen Umgegend wegen seiner vielen Hexen das „Hexenstädtle“. Das Wiesensteiger Tal heißt das „Hexenthäle“ oder „Gaisthäle“. In Möhringen auf den Fildern sagt man. seien sechs Hexen mehr als Milchhäfen im ganzen Orte

12

Bei heftiger Hitze sagt man wohl: „heut ist es so heiß dass man eine Hexe auf dem Sims (am Fenster) „bräckeln“ (d. i. braten) könnte.“ (Tübingen)

13

Es gibt verschiedene Schutzmittel gegen die Hexen. Stellt man einen Besen aufwärts hinter die Stubentür, so kann keine Hexe hereintreten, ebenso kann sie es nicht, wenn man drei „Krottenfüße“ oder „Trotenfüße“ (Drudenfüße) über die Tür zeichnet. Auch an Kornsäcke und Krippen malt man oft solche Zeichen. Ferner kann keine Hexe einem Schlafenden beikommen, wenn die Schuhe mit der Spitze gegen das Bett gerichtet sind.

14

Ein Pferdehuf über der Stalltür festgenagelt, schützt das Vieh vor Hexen. (Groß Heppach)

15

Wenn man zum Melken aus dem Hause über die Straße gehen muss, so soll man immer etwas Salz in den Melkkübel streuen, um die bösen Leute abzuhalten. Auch beim Butterstoßen wirft man etwas Salz und Brot ins Faß zum Schutz gegen Hexen.

16

Wenn eine Hexe einen Menschen „reitet“ und ihn drückt, dass er kaum atmen kann, so darf man ihn nur dreimal beim Vornamen rufen, dann muss die Hexe von ihm weichen

17

Hat man seine Nothdurft verrichtet, namentlich sein Wasser gelassen, so soll man dreimal ausspeien, dann können einem die Hexen nicht bei.

18

Messer mit drei Kreuzen versehn, schützen gegen Hexen.

19

Man darf keiner Hexe irgend etwas leihen.

20

Des Freitags (auch Mittwochs) ist es besonders gefährlich von Hexen zu reden, weil sie es dann hören können, wenn man nicht hinzufügt: „Dreck vor d’Aure“ (Ohren)

21

Begegnet man einer Hexe, so soll man dreimal sagen: „In Gottes Namen“

22

Um Hexen zu vertreiben, gebraucht man „Steinöl“. Um die Kühe vor ihnen zu schützen, streicht man denselben „Katharinenöl“ um die Nase und an die Krippe (Calw)

23

Legt man Neunfingerleskraut unters Kopfkissen oder trägt Asche von verbrannten Erlen und Sevenblätter Juniperus Sabina bei sich, so können die Hexen einem nicht bei. (Calw)

24

Schlägt man einer Hexe mit dem Rücken der Hand ins Gesicht, dass es blutet, und wischt das Blut mit einem Tuche ab und verbrennt dies, so muss die Hexe sterben. Oft kommt sie dann während des Verbrennens und bittet dass man sie verschone. (Calw)

25

Anstatt Hexen soll man immer sagen „böse Leut“, sonst hören sie es und rächen sich, namentlich wenn man am Mittwoch und Freitag von ihnen spricht ohne dass man vorher dreimal sagt: „Dreck vor die Ohren“. Sagt man dies aber, so hören sie nichts. (Heubach)

26

In Ställen muss man das Spinnengewebe sitzen lassen, sonst beschädigen einen die „bösen Leut“. In Wohnzimmern aber muss man das Spinnengewebe immer von unten herauf wegnehmen, nie von oben herab, sonst bekommt man böse Finger. (Heubach)

Ernst Heinrich Meier: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, Stuttgart 1852, , Band 1, Nr.195

https://books.google.de/books?id=i1sKAAAAIAAJ&pg=PA9-IA10&hl=de&source=gbs_toc_r&cad=3#v=onepage&q&f=false