Weingarten in Oberschwaben (ehemals Altdorf) – Sehenswertes, Geschichte und Insidertipps. Das etwas andere Portal zu Weingarten. Hier gibt es nützliche Links, (alte und neue) Karten, Fotos, Ausflugsziele, Sagen, Mythen, Geschichten und Gebräuche

Allgemeines

Historische Lexikoneinträge

Weingarten (Meyers, 1909)
Stadt im württemberg. Donaukreis, Oberamt Ravensburg, an der Dampfstraßenbahn Ravensburg-W., 485 m ü. M., hat eine evangelische und eine kath. Kirche, Synagoge, Rettungsanstalt, Porzellanfabrik, Flachsspinnerei, eine Maschinenfabrik, Holzmanufaktur, Preßhefenfabrikation und Branntweinbrennerei, Strumpfstrickerei und (1905) mit der Garnison (ein Infanterieregiment Nr. 124) 7159 Einw., davon 1291 Evangelische und 3 Juden. Weingarten ist 1865 aus dem Flecken Altdorf und dem Schloß Weingarten gebildet worden.

Das prachtvolle Schloß Weingarten (jetzt Kaserne) war vormals Sitz einer Reichsabtei des Benediktinerordens, die, als Frauenkloster 920 von den Welfen in Altdorf gegründet, 1047 in ein Mönchskloster umgewandelt, 1053 nach einem Brand in das Stammschloß der welfischen Familie (das gegenwärtige Gebäude) verlegt, 1803 aufgehoben wurde und 1806 an Württemberg fiel.

Die Abtei (ehemals mit berühmter Bibliothek, besonders mit wertvollen Handschriften der Minnesinger) umfaßte ein Gebiet von 330 qkm (6 QM.). In der Gruft der 1715–25 im Jesuitenstil erbauten Klosterkirche ruhen die Ahnen des Welfenhauses. Darin findet sich eine der größten Orgeln (mit 6666 Pfeifen und 75 Registern), ein Welfendenkmal (1859 vom König Georg V. von Hannover errichtet) und unter den Reliquien ein »Tropfen vom Blute Christi«, der die Veranlassung zum jährlichen »Blutritt«, einer Prozession zu Pferde, gegeben hat. Zu Weingarten ward 22. April 1525 ein Vertrag zwischen den aufständischen Bauern und dem Truchseß von Waldburg geschlossen.
Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 20. Leipzig 1909, S. 485.
Permalink: http://www.zeno.org/nid/20007682948

Weingarten (Pierer, 1865)

Schloß im Oberamte Ravensburg im württembergischen Donaukreise; war früher eine freie, 1053 von den Guelfen gestiftete Benedictinerabtei (einst mit berühmter Bibliothek), mit einem Gebiet von 6 QM. u. 11,000 Ew.; hat Wallfahrtskirche (Zum Blute Christi), kam 1803 an den Fürsten von Nassau-Diez, 1806 unter württembergische Hoheit u. ist jetzt Waisenhaus. In der dasigen Klosterkirche ist die Gruft der Ahnen der Guelfen; darin sind beigesetzt: Heinrich mit dem goldenen Pflug u. seine Gemahlin Hatta; Rudolf, Heinrich, Welf II.; Welf III.; Welf IV., Herzog von Baiern (st. 1101) u. seine Gemahlin Juditha; Welf V., Heinrich der Schwarze (Großvater Heinrichs des Löwen, Stammvater der Häuser Braunschweig u. Hannover); Wilphild u. Sophia, Schwestern der Juditha, der Mutter des Kaisers Friedrich I.; am 21. Mai 1860 wurde die vom König von Hannover erneuerte Gruft geweiht.
Quelle: Pierer’s Universal-Lexikon, Band 19. Altenburg 1865, S. 49.
Permalink: http://www.zeno.org/nid/20011268719

 

Links

Internetauftritt der Stadt / Gemeinde
Wikipediaeintrag
Alemannische Wikipedia
Wikisource: Historische Quellen und Schriften

Fotos & Abbildungen

Weingarten, Strumpffabrik Kutter und Basilika
Weingarten, Strumpffabrik Kutter und Basilika, Postkarte von Eugen Felle um 1900, gemeinfrei

 

Bildersammlung auf Wikimedia-Commons
Abbildungen auf Tumblr
Infos und Fotos auf Pinterest
Filme in der ARD-Retro-Mediathek (Filmbeiträge der 60er-Jahre)

Kunst, Kultur und Brauchtum

Kultur und Sehenswürdigkeiten (Wikipedia)
Abbildungen auf ‚Bildindex‘
➥ Bilder auf ‚Google-Art‘
Weingarten auf ‚Zeno-Org‘
Suchfunktion nutzen für Weingarten auf leo-bw.de
(Karten, Archivmaterialien und Luftaufnahmen vom Landesarchiv Baden-Württemberg)
Alphabetisch sortiertes Verzeichnis auf www.kloester-bw.de
Beschreibungen vom Landesarchiv Baden-Württemberg

Geschichte

Ortsbeschreibung von Merian: ➥ https://de.wikisource.org/wiki/Topographia_Sueviae:_Weingarten

Ausflüge und Sehenswertes

Wikivoyage – Projekt der Wikimedia
Wikitravel – der freie Reiseführer

Natur & Parks

Karten

Luftlinie-org berechnet die Luftlinienentfernung
sowie die Straßenentfernung zwischen zwei Orten und stellt beide auf der Landkarte dar. Startort ist Weingarten, den Zielort müssen Sie noch wählen. Voreingetragen ist ➥ Bisoro in Burundi

Karte eingebunden aus https://www.openstreetmap.de/

Webcams

Webcams in Weingarten und Umgebung

Nachbargemeinden

angrenzende Städte und Gemeinden (aus Wikipedia)

Teilgemeinden und Ortschaften

Ortschaften und Wohnplätze von Weingarten (aus Wikipedia)

Sagen, Mythen und Geschichten

Welfensage

Ein im Rathause zu Altdorf befindliches Holzgemälde, das die Vorführung von eilf Knaben bei einem solennen Gastmahle des Grafen darstellt, enthält folgende Inschrift:
»Eine unerhörte Historia von dem Ursprung und Namen der Quelphen, vor Zeiten Grafen und Herren zu Altdorff im Allgäu, nachmals Fürsten in Baiern, dergleichen von Anbeginn der Welt nie gehört noch vernommen worden; Isenbard, Graf zu Altdorf, lebt in Anno 780. Seine Gemahlin Irmentrudis brachte auf einmal zwölf Kinder zur Welt und wollte aylffe davon gleich als die junge Hunde lassen in’s Wasser werffen.«
Aehnliche Bilder sah ich mehrere in Oberschwaben, z.B. auch bei Ulm in Delmensingen, die früher, scheint es, verbreiteter gewesen sein müssen.
(…) Beachtenswerth sind die Anmerkungen Panzers zu dieser Art Sagen, I. S. 335-341. Ist nicht die Welfensage eines alten Naturcults Ueberrest? Sollte die Zahl zwölf nicht auf die zwölf Monate gehen? Bemerken will ich, daß man die Mühle, in der die eilf Welfen auferzogen worden, jezt noch zeigt, es sei die Griesle-Mühle. An der Fastnacht hat man ehedem diese Geschichte in Weingarten aufgeführt mit den sonderbarsten Sitten aller Art. (…)
Quelle: Anton Birlinger/ M. R. Buck: Sagen, Märchen und Aberglauben. Freiburg im Breisgau 1861, S. 223, Permalink: http://www.zeno.org/nid/20004565827

Welfensage

Eine weitere Tradition von des Welfennamens Ursprung berichtet: »Isenbard habe während seines Aufenthalts am Hofe Karls des Großen die Nachricht von der Geburt eines Sohnes mit dem Verlangen seiner Gattin erhalten, sobald als möglich nach Hause zurückzukehren. Auf seine Bitte um Urlaub, soll Karl lächelnd geäußert haben: ›Es lohne sich wohl der Mühe, wegen der Geburt eines jungen Welfs so sehr nach Hause zu eilen!‹ Isenbard, schnell besonnen, habe hierauf Karln gebeten, das Kind aus der Taufe zu heben und betheuert, daß er diesen seinen Sohn nicht anders als nach des Kaisers Ausdruck ›Welf‹ nennen werde.«
[Leipziger allgem. hist. Lexikon. Art. »Isenbard«. Bucel. hist. Agilolf. pag. 363. Anonym. Weing. apud Hess pag. 5 et 6. Dieser gibt jedoch nicht an, welcher Kaiser es gewesen sei. Isenbard führt er auch nicht namentlich auf. Eben’s Ravensburg. I S. 54 u. 55.]
Quelle: Anton Birlinger/ M. R. Buck: Sagen, Märchen und Aberglauben. Freiburg im Breisgau 1861, S. 223-224, Permalink: http://www.zeno.org/nid/20004565835

Welfensage (extended)

Die Sage von dem Ursprunge der Zollern’schen Grafen von den Welfen.

Herr Isenbard, Graf zu Altorff (so ehemals ein Dorf in Schwaben gewesen, wo jetzt das Kloster Weingarten ist), welcher um das Jahr Christi 780 gelebt und Caroli M. Feldherr gewesen, hatte Frauen Irmentraud, eine junge und hitzige Dame, der Kaiserin Hildegard Schwester, zur Gemahlin. Indem nun ein armes Weib drei Kinder auf einmal zur Welt geboren, hat diese Gräfin sie öffentlich für eine Ehebrecherin gescholten und davor gehalten, daß von einem Manne nicht zwey oder drey Kinder auf einmal könnten gezeugt werden, und hat die Frau Gräfin bei ihrem Herrn Gemahl es dahin gebracht, daß das unglückliche Weib in einen Sack gestecket, auch als eine Ehebrecherin ins Wasser geworfen und ersäuffet worden. Folgendes Jahr wurde die Frau Gräfin schwanger und gebahr in ihres Herrn Abwesenheit zwölf schöne junge Söhnlein, welche aber, wie leicht zu ermessen, von geringer Leibesgröße sein können. Die seltne Begebenheit verursachte bei dem anwesenden Frauenzimmer einen Schrecken, bei der Frau Gräfin aber eine heftige Ehrfurcht und Scham. Sie bedachte bald, daß männiglich ihre Keuschheit in Zweifel ziehen und sie unordentlicher Liebe beschuldigen würde, gleich wie sie vor so weniger Zeit mit großem Eifer selbst andern gethan.

Die heftigen Gemüthsbewegungen setzten der ohnedem kranken Gräfin Leben und Verstand in Gefahr. Ihren guten Ruf und Nahmen wollte sie erhalten, sollte gleich alle mütterliche Treu und Liebe nebst der Seelen Seligkeit selbst darüber vergessen werden. Sie ließ die Kinder vor sich bringen,[10] wählte eins unter so vielen, welches sie behalten wollte, und befahl ihrer Wärterin mit ganz ergrimmtem und boshaftem Gemüth, die übrigen eilf an den nächsten Fluß zu tragen und ins Wasser zu werfen. Die Wärterin, welche mehr Gehorsam als Verstand und Gottseligkeit hatte, eilte selbst mit den unglückseligen Kindern fort, warf sie schichtenweis in die Bademulde und lief dem Wasser zu. Allein Gott wachte für diese Verlassenen, welcher es durch seine Regierung so gefüget, daß der tapfere Graf Isenbard eben nach Haus und dieser Kindesmörderin, ehe sie es vermuthete, auf den Hals kam. Er liebete seine Irmentraud sehr inniglich, und lief entweder aus Begierde, nach seiner Gemahlin Zustand zu fragen, oder aus kluger Haus-Sorgfaltigkeit auf sie zu und wollte wissen, was sie trage.

Wer dürfte aber eine alte Dirne ohne Antwort vermuthen? Sie war hurtiger zu sagen, daß es junge Hunde wären, so sie ins Wasser tragen wollte, als daß der Graf eine Unwahrheit hätte besorgen können. Doch trieb ihn eine heimliche Regung, die Hunde zu sehen, ob vielleicht selbige von guter Art und zur Jagd möchten abzurichten sein. Allein die Alte wußte ihm mit rauhen Worten zu begegnen, es stände ihm als einem großen Herrn übel an, sich um solche unfläthige Dinge zu bemühen; er sollte nach etwas Schönern sehen, der hündliche Anblick könnte einem großen Herrn Eckel erregen und in schwere Krankheit stürzen, er habe bisher Hunde genug gehabt und könne diese untüchtigen wohl entrathen. Wer muß nicht bekennen, daß Gott hier Alles regieret, nachdem der Graf auf diese ungeschliffene Worte nur desto begieriger worden, die angegebene Hunde zu besehen? Er zwang die Alte, die Decke hinwegzunehmen. Was Wunder aber findet er? So viel schöne, zwar von geringen und kleinen Gliedern, doch wohl proportionirte lebhafte Kinder. Die Barmherzigkeit gegen die unschuldigen Märterer und der Zorn über die unbarmherzige Hunde-Mutter gerieth in Wettstreit; doch wollte er erstlich von der Alten die Eltern dieser Armseligen erforschen, welche, weil ihr eine grausame Todesart angedrohet war, anfing alles umständlig, und was die Gräfin zu dieser Grausamkeit bewogen, zu erzählen.

Der fromme Herr, dem nun der Unschuldigen Elend noch mehr schmerzete, wußte vor Mitleiden, Verdruß und Scham vor der Gemahlin Grausamkeit fast nicht, was er in so verwirrtem Stand vornehmen sollte, resolvirte sich doch endlich, am ersten die Kinder zu retten und das übrige bis auf bequeme Gelegenheit zu verschieben, übergab die Kinder dem daselbst wohnenden und wohlhabenden Müller mit Befehl, ihrer wohl pflegen zu lassen, und befahl der Alten, sie solle nur ohne Furcht zu ihrer Frauen wiederkehren und daß sie die Kinder ins Wasser geworfen, erzählen.

Sechs Jahre sind inzwischen verstrichen und die armen Findelkinder ziemlich erwachsen, als der Herr Vater sie heimlich auf einerlei Weise gar artig bekleiden und in das Schloß zu Weingarten (welches hernach zum Kloster geworden) bringen, ein kostbares Banquet anrichten, auch seine und der Frau Gemahlin nächste Freunde dahin einladen lassen.
Als man allerdings abgespeiset, brachte der Graf das rare Schauspiel, welches vielleicht der glücklichen Veränderungen und Affectenwechsel halber nicht viel seines Gleichen gehabt. Es hatte die Frau Mutter ihr junges Herrlein in schönen Purpur bekleidet, und der Graf hatte heimlich für die übrigen eilf Brüder auch dergleichen Kleider verfertigen lassen; in welchem Habit sie[11] dann sämmtlich in den Speise-Saal traten, sowohl an Kleidern als Gliedern und allem Ansehen einander so ähnlich, daß männiglich sie vor leibliche Brüder halten konnte. Sie machten dem Befehl gemäß einen höflichen Reverenz, und der Graf stund auf, zeigete mit Fingern auf die liebreichen Kinder und fragete seine werthe Gäste, mit welcher Straff man eine Mutter belegen sollte, welche dergleichen eilf schöne und holdselige Kinder hätte zu erwürgen befohlen? Das böse Gewissen ist ein grausamer Henker, und von solchem wurde Frau Irmentraud dermaßen gefoltert, daß sie anfing zu erblassen, bald zitterten alle Glieder und endlich fiel sie halbtodt vom Stuhl in tiefe Ohnmacht.

Das anwesende Frauenzimmer erschrack heftig, eilte doch mit allerhand kräftigen Wassern, die vor todt liegende zu erquicken, welche sich auch bald aufmachte und zu des Grafen Füßen wieder niederfiel, welchen sie nebst der sämmtlichen anwesenden hohen Freundschaft mit Vergießung vieler Thränen um Christi Willen um Verzeihung bat. Sie setzte beweglich hinzu, daß sie nicht sowohl aus Boßheit als Einfalt und Thorheit diesen Fehler begangen. Sie erzählete, wie die Begebenheit mit der armen Frauen und deren drei geborenen Kindern sie hierzu gebracht und wie sie nicht durch Hochmuth, sondern aus Unwissenheit gefehlet. Sie bat inständig, man solle bedenken, daß sie diesen schweren Fall schon oft bereuet und mit vielem Seufzen Gott abgebeten und daß sie diese sechs Jahre hier niemand mit einer fröhlichen Miene würde gesehen haben.

Die reuige Bekänntnüß und Abbitte des begangenen Fehlers hat eine sonderliche Versöhnungskraft in sich und edle Gemüther sind zur Verzeihung gern geneiget, wenn sie eine Demuth spüren. Dahero geschah es, daß alle Anwesende mit denen häufig hervorquellenden Thränen Mitleiden hatten. Sie erwogen sämmtlich, daß, obgleich die Anschläge und Thaten verdammlich, doch der Ausgang und Erfolg glück- und erfreulich gewesen. Sie traten in die Reihe um den tapfern Grafen Isenbard und baten, daß er diesen Fehler der unglücklichen Frauen vergeben wollte. Diesem nach bückete sich der vorhin fast unbeweglich stehende Graf Isenbard, hub die vor ihm knieende und weinende Gemahlin von der Erde auf. Er dankte zuvörderst mit aufgehobenen Händen dem wunderbaren Gott, der alles so glücklich regieret. Dann wendete er die Rede auf die Frau Gemahlin; und Euch, meine liebe Irmentraud, sagte er, wollen wir sämmtlich vor unschuldig halten, weil es meistens aus Einfalt und Uebereilung hergerührt.

Endlich weil seltsame Begebenheiten ein beständig währendes Gedächtniß bei denen Nachkommen verdienen; also wurde von der ganzen Gesellschaft für gut befunden, daß diese junge Grafen zu ewigem Gedächtniß dieser Wundergeschicht die Welfen (Wölfe, junge Hunde), oder wie es andere ausreden, Guelphi, Veliphi (nach Andern bedeutet es Zwölf, die Zahl der geborenen Kinder) sollten genennet werden, wiewohl die Eilffe bald hernach ohne Erben wieder verstorben, und nur der Einige, welcher von der Mutter erzogen worden, das Geschlecht fortgeflanzet, welches aber so hoch durch Gottes Segen gestiegen, daß nicht nur dessen Tochter Juditha Ludovici Pii andere Gemahlin worden, von welcher Kaiser Carolus Calvus, sondern auch die mannliche Descendenten, Conradus, von dem die Herzogen und Könige in Burgund, auch die französischen Könige, dann ferner Rudolphus, von dem die Herzogen zu Bayern alten Geschlechtes und jetzige Braunschweigische herstammen. Von dieser Welfischen hohen Familie[12] wollen viele alte und neue Scribenten die Abstammung des Hauses Zollern herleiten, so den Welf oder Hund, so anfänglich im Schild gestanden, auf den Helm gesetzt.

Sie haben auch Graf Isenbard selbst für den Zollerischen Stammvater angesetzt, welcher nebst Guelfo I. Thassilonem gezeuget, und diesem sey das Hohenzollerische Territorium zugefallen, dahero selbiger Thassilo für den ersten Urheber dieses preiswürdigen Geschlechts zu zählen. Man hat aber gleichwohl aus beider Häuser gegen einander geführten Meinung abgenommen, daß das Zollerische Haus von denen Welfen nicht abstamme. Aus den bewährtesten Geschichtschreibern ist bekannt, daß eine grausame Erbfeindschaft zwischen denen beiden Factionen, der Welfischen und Gibellinischen oder Weiblingischen (vom Kaiser Conradi III. Geburtsort Weiblingen, so jetzo dem Herzog von Würtemberg zugehöret, also genennet) entstanden, welche viel Jahre lang Deutschland und Italien in Unruh gesetzet, in welcher jegliche Familie nicht nur ihre Verwandten, sondern alle Bekannten, so viel möglich, sich anhängig gemacht, um sich bei der höchsten Macht zu schützen und die gegenseitige Faction zu stürzen.

Weil nun sowohl das Haus Zollern als die Burggrafen zu Nürnberg, auch sogar die Colonnensische Familie in Italien, jederzeit gut Gibellinisch oder kaiserlich gewesen, also könne man wohl ermessen, daß diese Häuser nicht von denen Welfen abgestammt, sie würden sonst ihres eigenen Hauses, welches das mächtigste in ganz Europa gewesen, Untergang nicht gesuchet und sich selbst Schaden zugefüget haben.
Quelle: Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 1, Glogau 1868/71, S. 10-13.
Permalink: http://www.zeno.org/nid/20004936183

Laurasitz

Auf dem Weg von Weingarten nach Schlier ist der »Laurasitz« im Laurathal. Da sitzt ein Geist, eine Gräfin Laura »auf dem Sitz«, welche mit goldenen Kugeln und silbernen Kegeln kegelt. Das geschieht alle Nacht von 12 bis 1 Uhr. (Mündlich von Weingarten)
Quelle: Anton Birlinger/ M. R. Buck: Sagen, Märchen und Aberglauben. Freiburg im Breisgau 1861, S. 7. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20004560787

Laura’s Erlösung

Fräulein Laura mit ihrem weißen Kleid, einen Bund Schlüssel an ihr hängend und ein Wasserkrüglein in der Hand, erscheint in den heiligen Zeiten an einem unscheinbaren Brünnlein an der Scherzach (ganz in der Nähe der Brücke, die auf den Hallersberg führt, der Griesle-Mühle gegenüber) und schöpft Wasser, sprechend: »Ich muß eine Linde tränken, und zwar so lange, bis der Baum erstarkt ist. Alsdann wird aus diesem Baum eine Wiege gefertigt, und dasjenige Kind, welches in derselben gewiegt und auferzogen wird, erlangt von Gott die Gnade, mich erlösen zu können.« Und dann sezt sie ihren Weg dem Laurathal zu fort.
Quelle: Anton Birlinger/ M. R. Buck: Sagen, Märchen und Aberglauben. Freiburg im Breisgau 1861, S. 7. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20004560795

Balladen

Der Welfen Ursprung

Zu Altorf wars in Schwaben, auf hohem Söller stand
Die stolze Gräfin, schaute mit ihren Fraun‘ ins Land,
Und unten an der Pforte da sitzt ein niedres Weib,
Drei Säugling auf dem Schooße, einander gleich von Leib.

Da rief die stolze Gräfin: Ha seht die Freche dort,
Zur Schau trägt sie die Schande, mir fehlt dafür das Wort,
Sagt, ob in Ehren jemals ein Weib Drillinge trug!
Man blieb die Antwort schuldig, als so die Gräfin frug!

Wohl höret es die Arme, die bettelnd saß im Thor;
Sie blickte nassen Auges zum Söller wohl empor.
Ob sie zu Gott gebetet, ob sie zum Bösen rief?
O viel vermag ein Seufzer, entpreßt dem Herzen tief!

Und nicht viel Monde gingen seit jenem Wort daher,
Da fühlet sich die Gräfin so bang und gar so schwer,
Zu Hülfe muß man rufen eine kluge Frau bei Nacht:
Da ist sie bald genesen – doch hört, was sie gebracht.

Sie bracht‘ in Kindesnöthen nicht Drillinge zur Welt,
Nein zwölf der Kinder waren’s, ich sage zwölf! das fällt
Nicht vor in Zukunft wieder, wie’s nicht zuvor geschehn,
Und war des Himmels Fügung für jenes Worts Vergehn!

Und sie erkannt es also: sie that die Hand aufs Herz,
Und sprach mit heißen Thränen in ihrem wilden Schmerz:
Ich kann es nicht ertragen, den Schimpf und Spott der Welt –
Ich oder diese! ehe der Graf kehrt aus dem Feld!

Da hieß sie elf der Kinder ertränken in den Fluß,
Nur Eines will sie retten, doch als sie wählen muß,
Sie will das schönste, stärkste, und fand sie alle gleich,
Da flossen ihre Thränen, fast ward das Herz ihr weich!

Sie schließt das Aug‘ und greifet nun rückwärts abgewandt,
Da hielt sie Eins, die andern hat herzlos sie entsandt,
Nie will ich davon hören! Herab vom höchsten Bord,
Und wo die Flut am tiefsten – geht – Nie davon ein Wort!

Da kehrte nun vom Kriegen der Graf Warin, und ritt
Den Fluß entlang im Walde, da hört er stillen Tritt,
Hört leise Worte flüstern – ihm schien’s nach Diebesart –
Er hielt sein Roß, da hat er ein Frauenpaar gewahrt.

Die Eine sprach: nun stürzen wir sie vom Fels herab!
Die andre sprach: nein retten wir sie von Tod und Grab!
Da trat der Graf dazwischen: Was giebts, ihr Hexen hier?
Wen wollet ihr ersäufen: Sie sprachen: jung Gethier!

Laßt sehn! In eurem Korbe, laßt sehen, was es ist!
Was wimmert da, was zappelt? Sie sprachen: Herr, so wißt,
Eine Hündin hat gewelfet, s’sind Welfen, Hündelein!
Er rief: Ich will sie sehen! Soll keins ersäufet sein!

Da langten nach einander elf Knäblein sie hervor,
Das sah der Graf mit Staunen – das Eine Weib nun schwor:
Es sei bei Einer Bäurin solch Segen eingekehrt
Sie aber unvermögend, daß sie die Kinder ernährt.

Da ließ er Fackeln zünden und als im hellen Licht
Er nun gesehn die Knäblein, sprach er: So ist es nicht!
Die Kinder, gleich einander, wie Eines Nestes Brut,
Sie sind von hohen Eltern, sie sind ein edles Blut!

Und brachte sie zum Müller, der soll sie ihm erziehn,
Dazu hat er des Goldes und Landes ihm verliehn,
Und wenn sie aufgewachsen, so bring er sie zum Schloß –
Dann ritt des Weges weiter der Graf mit seinem Roß.

Und ritt zu einem Priester: tauft mir die Kindelein!
Der Priester sprach, wie sollen sie denn geheißen sein?
Er sann ein wenig, sprach dann: So taufst sie alle elf,
Wie sie die Frau geheißen, tauft sie mit Namen: Welf!

Und jetzt zu seinem Schlosse sich wendet Graf Warin,
Da eine Freudenfahne sah auf dem Thurm er ziehn,
Und ihn empfängt die Gräfin, den Säugling auf dem Arm,
Da schlug sein Herz wohl freudig und war wohl frei von Harm.

O Segen über Segen, so rief er jubelnd aus,
Ich hab‘ elf Pflegekinder gewonnen schon dadrauß,
Nun ist es voll das Dutzend, und dieses Kind ist mein,
O Fraue, süße Fraue, was konnte schöner sein!

Der Frau war solche Rede ein Dolchstich erst ins Herz,
Dann fand sie Fassung wieder, und mildert sich ihr Schmerz;
Sie sprach: Sie sind gerettet! sie leben, sind nicht todt,
Sind in des Vaters Händen und haben keine Noth!

Der Graf nun aber wiegte mit Vaterglück den Sohn,
Da kamen ihm Gedanken und ist die Freud‘ entflohn.
Denn wie er recht in’s Antlitz dem lieben Knäbchen sah,
Wie es den andern gleiche, mit Staunen sah er da.

Er ging in finsterm Sinnen wohl lange Zeit umher,
Sein Haupt zur Erde neigt‘ er gedankenvoll und schwer,
Da hört er manches raunen, verschwiegnes Flüstern hallt,
Da mußt‘ er denken dessen, was sich begab im Wald.

Das Knäblein nun wuchs munter, und war des Vaters Lust –
Und saß auf seinen Knieen und spielt‘ an seiner Brust.
Nicht minder nun auch wuchsen die andern Knäbelein,
Und sah der Graf mit Freude sie alle zwölf gedeihn.

Jetzt ließ er Kleider schaffen von hellem Scharlachroth,
Verbrämt mit Gold und Pelzwerk, die er dem Einen bot,
Und die er bot den andern – und nun am Ostertag,
ließ er aufs Schloß sie kommen, als er des Mahles pflag.

Es freute sich die Gräfin des Sohns im schönen Kleid,
Und wich ob solcher Freude im Herzen all ihr Leid;
Wie herrlich prangt der Knabe vom Hut bis zu den Schuh’n!
Da öffnen sich auf einmal des Saales Flügel nun.

Eintreten, schau, elf Knaben, in hellem Scharlachkleid
Mit Gold verbrämt und Pelzwerk – elf Brüder ohne Streit,
So gleichen all einander an Größ‘ und Wuchs und Art,
Sie gleichen auch dem Zwölften, wie Allen klar da ward.

Der Zwölfte sah’s mit Jubel, und händeklatschend sprang
Zur Mutter er – die nieder mit Schmerzensaufschrei sank.
Als sie emporgeblicket da sprach der Graf also:
Frau, das sind meine Söhne, deß bin ich wahrlich froh!

Im Ehebruch erzeuget hab‘ ich die Kinder sieh –
Nein, nein, so rief die Gräfin und fiel vor ihm aufs Knie.
Der Graf sprach: was verdienet ein Weib, die Tobesnoth
Gab ihres Leibes Kindern – Sie rief: den Tod, den Tod!

Der Graf sprach: was verdienet ein Weib, die elfmal das
An elf so lieben Kindern gethan? nun sagt mir, was?
Da sprach der Ritter ält’ster: Seht hier, die Kinder stehn,
Gott ließ im Himmel selber darüber Gnad ergehn!

Da ward der Graf nun heiter, ihr Weinen stillt die Frau,
Und alles war im Saale beglückt ob solcher Schau.
Von Augen und von Locken, von Mund und Angesicht
Wie waren doch so gleich sie, man unterschied sie nicht.

Und als die Fürstin suchte ihr wohlbekanntes Kind,
Da hat sie fehlgegriffen, sie fand’s nicht so geschwind.
Der Graf rief: Gott gelobet! Gott wandt‘ es alles gut,
Da schauet meine Welfen, schaut meine Welfenbrut.

Quelle: Otto Friedrich Gruppe: Sagen und Geschichten des deutschen Volkes aus dem Munde seiner Dichter, 1854
Link: https://www.google.de/books/edition/Sagen_und_geschichten_des_deutschen_volk/Wlc_AAAAIAAJ