Sagen, Mythen und Geschichten aus der Gegend um Isny

Vorbemerkung

Im 19.Jahrhundert kam es zu einer Rückbesinnung auf die deutsche Geschichte. Zahlreiche Gelehrte machten sich auf die Suche nach Sagen, Mythen und überliefertem Brauchtum und es erschienen zahlreiche Bücher mit Sammlungen dieser Texte. Die bekanntesten „Sammler“ waren die Gebrüder Grimm, in den verschiedensten Regionen Deutschlands waren jedoch auch andere „Mythenjäger“ unterwegs, die dem Volk die Geschichten „vom Maul“ abschrieben und festhielten. Karl August Reiser verfasste die Sammlung „Sagen, Gebräuche und Sprichwörter des Allgäus“, Anton Birlinger die Sammlung „Sitten und Gebräuche“, Ludwig Aurbacher sein „Volksbüchlein“ u.v.a.m.

Heute sind diese Sammlungen digitalisiert und im Internet abrufbar, manche bereits in Normschrift, andere noch in Frakturschrift eingescannt. Die Texte sind „gemeinfrei“ (Public domain), die Texte auf meiner Webseite sind jedoch entweder von mir aus Fraktur transkribiert und/oder grammatikalisch und in der Rechtschreibung bearbeitet, damit sie leichter lesbar sind. Hier bricht sich mein „eingebauter Rotstift“ Bahn, der sich durch meine Tätigkeit als Lehrer fest verankert hat. Die Quelle für den Originaltext ist jeweils angegeben.

Bolsternanger Stückle

Zwischen Isny und Wengen liegt nahe der württembergisch-bayerischen Grenze in einem Seitentälchen der Argen das Dörfchen Bolsternang. Die guten Bewohner desselben sollen sich ehedem gar sehr hervorgetan haben durch allerlei Stückchen, wovon man noch jetzt zuweilen erzählen hört. Eins davon ist dieses:
Sie beteten einmal mitsammen einen Rosenkranz. Da geschah es, dass sie beim letzten Gesetzchen sich verzählten und draus kamen.
Während die einen „Ehre sei“ machten, huben die andern noch einmal mit „Gegrüßt seist du“ an, und da kein Teil nachgeben wollte, entstand ein arges Durcheinander, dass sie beinahe in Streit gerieten. Um dem ein Ende zu machen, schlichtete der Mesmer und sprach : Lånd’er’s grad an Hund gealte (gelten) und fanget nåmål vu voan a (noch einmal von vorne an)!“ Und so taten sie auch. Seitdem, wenn man in der Gegend etwas rückgängig machen und als ungültig erklären will, sagt man oft sprichwörtlich: des lånd’er an Hund gealte wie d’Bolsternangar de Rosekranz.

2. Zur Zeit, als ihr Tälchen noch eine halbe Wildnis war, hatten sie eine große Fläche abgeschwendet und alles Gebüsch und Gesträuch niedergehauen bis auf die einzelnen Kriesbeerbäumchen, die da und dort darunter standen, und die sie vorsorglich stehen ließen, damit sie hernach recht viel Kirschen bekämen. Das abgehauene Gestrüpp, das dicht die ganze Fläche bedeckte, ließen sie recht trocken und dürr werden, um es hernach anzuzünden, auf dass die Asche den Boden dünge und fruchtbar mache. Aber wie sollten sie es machen, dass die stehengebliebenen Kriesbeerbäumchen von den Flammen nicht Schaden litten?
Da war guter Rat teuer, und sie berieten in einer Versammlung lange vergeblich. Endlich kam einem ein guter Einfall: „Man sagt nicht umsonst,“ sprach er, „was für die Kälte hilft, hilft auch für die Hitze; binden wir die Bäumchen mit Stroh ein, wie man sie im Winter oft gegen die Kälte einhüllt!“ Einen so guten Vorschlag hatte noch keiner gemacht, und darum schritten sie auch gleich zur Ausführung. Sie schleppten ganze Wagenladungen von Stroh herbei und wickelten sorgfältig jedes Stämmchen dicht damit ein. Dann zündeten sie an.
Ob die Kriesbeerbäumchen auf solche Weise unversengt geblieben sind und hernach recht viel Kirschen getragen haben, muss man aber die Bolsternanger selber fragen. (Hinznang)

3. Seit vielen Jahren hatten sie gefunden, dass die Heuernte im Sommer gar arg viel Schweißtropfen koste, und dass daran nur immer das heiße Wetter schuld sei. Da veranstalteten sie im nächsten Sommer eigene Betstunden, in denen sie „um einen kühlen Heubat“ beteten. Von der Geschichte wollen sie aber nichts mehr hören und auch keine Auskunft geben, wie sie mit dem kühlen Heubat gefahren sind. (Weitnau)

4. Zu einer andern Zeit war es einmal überaus lange Regenwetter, und alles schien zu missraten. Da veranstalteten sie abermals eine Betstunde um gut Wetter. Wie sie aber hernach zur Kapelle herauskamen, schneite es. Da sprachen sie: „Oich! jetz håmmer der Katz an Bu (Bauch) ‚griffe!“ Man hieß sie auf das hin lange noch „Katzgriffer“. (Eglofs)

5. Einmal legten sie mit großem Fleiß eine Brunnenleitung. Als sie mit der Arbeit fertig waren und die Gräben alle wieder zugeworfen hatten, stellte es sich heraus, dass sie vergessen hatten, die Deichel zu bohren. Böswillige aber sagten, sie hätten geglaubt, es ginge mit ungebohrten Deicheln auch, und die Mühe des Bohrens könnte man sich ersparen. (Eglofs)
Quelle: Karl August Reiser: Sagen, Gebräuche und Sprichwörter des Allgäus, 1894, S. 503 ff
Link: https://www.google.de/books/edition/Sagen_Gebräuche_und_Sprichwörter_des_A/SczGjV41q_sC

Wie Isny durch Heinzen vom Feinde verschont geblieben

Als in dem Kriegsjahre 1796 die Franzosen auch in das Allgäu gedrungen waren, zog einmal eine Abteilung ihrer Armee zur Nachtzeit von Wangen herauf, um Isny zu überfallen und einzunehmen. Damals war aber gerade Heuerntezeit, und in den Fluren um die Stadt standen eine Menge Heinzen. Wie nun die Franzosen über Eglofs gegen den Weiler Gründels kamen und bei Mondschein von Ferne die Menge Heinzen erblickten, glaubten sie, es wäre das kaiserliches Militär, das in Isny läge, und das von ihrem Vorhaben Wind bekommen und daher Aufstellung genommen habe. Da getrauten sie sich keinen Angriff, machten eine Schwenkung und zogen heimwärts ab. Isny aber verdankte für diesmal den Heinzen seine Verschonung vor einem feindlichen Überfall. (Muthmannshofen, Legau)
Quelle: Karl August Reiser: Sagen, Gebräuche und Sprichwörter des Allgäus, 1894, S.480
Link: https://www.google.de/books/edition/Sagen_Gebräuche_und_Sprichwörter_des_A/SczGjV41q_sC

Womit die Leutkirchner und die Isner einander foppten

Die Jsner wurden früher von den Leutkirchnern gerne „mit ihren luimenen Glocken“ aufgezwickt, indem ihnen vorgehalten wurde, dass sie einstmals, um an Kosten zu sparen oder aus sonstigen Gründen ein Turmgeläute aus Lehm hergestellt hätten, um am Sonntag damit die frommen Gläubigen zum Gottesdienst zusammenrufen zu können. Die Jsner leugneten nun zwar nicht, dass sie mit den neuen seltsamen Glocken nicht viel Glück gehabt hätten, meinten aber, die „Luitkircher“ brauchten gar nichts zu sagen, denn die hätten lange Zeit überhaupt keine Kirchenglocken gehabt und sich damit beholfen, dass der Mesner sich jedesmal unter die Fensteröffnungen des Turmes stellte, zwei Finger in den Mund steckte und einen grellen Pfiff ausstieß. Dann habe er mit den Armen herumgefuchtelt und den Leuten „zugewunken“, dass sie kommen sollen. (Jsny)
Quelle: Karl August Reiser: Sagen, Gebräuche und Sprichwöärter des Allgäus, Kempten, 1895, S.522,
Link: https://www.google.de/books/edition/Sagen_Gebräuche_und_Sprichwörter_des_A/SczGjV41q_sC

Brauchtum

Die Wallfart in Rohrdorf bei Isny für Kinder

Hat man im Allgäu ein kleines krankes Kind, so geht die Mutter des Kindes oder auch eine andere Person nach Rohrdorf. Von dem Kinde müssen zwei Kittelchen mitgegeben werden, wovon in das eine 12 kr. (Kreuzer) gewickelt sind. Beide Kittelchen werden vom Messner während der Messe unter das Altartuch gelegt. Nach derselben wird ein Kittelchen, in dem kein Geld war, der Wallfahrerin wieder zurückgegeben, während das andere mit dem Geld zurückbehalten wird. Man erhält auch noch ein Gebet, worauf das Bildnis des hl. Remigius ist; das Gebet muss man täglich ein Mal beten und dasselbe dem Kinde samt des zurückerhaltenen Kittelchens neun Tage unter den Kopf legen. Nach neun Tagen ändert sich der Zustand des Kindes entscheidend, entweder zum Tod oder zum Leben.
Quelle: Birlinger, Anton: Sitten und Gebräuche. Freiburg im Breisgau 1862, S. 420-421.
Permalink: http://www.zeno.org/nid/20004578015

Im sog. Allgäu …

also bei Wangen und Isny, ist es gebräuchlich, dass jeder Wirt bei der Gebetglocke das Salve Regina laut vorbetet, und wenn er gleich die Stube voller Gäste hat. Beim größten Lärm wird’s auf einmal still und alle anwesenden Gäste erheben sich von ihren Sitzen und beten das altkatholische Gebet laut mit.
Quelle: Birlinger, Anton: Sitten und Gebräuche. Freiburg im Breisgau 1862, S. 442.
Permalink: http://www.zeno.org/nid/20004578392

Wie der Allgäuer mit dem Spiegelschwaben nach Hindelang wandert, des Allgäuers Heimat

Der Spiegelschwab wollte von Lindau aus über Wangen und Isny nach Kempten wandern, weil er da überall bei seinen Vettern freie Einkehr nehmen konnte; und es ist auch Schade, dass es nicht geschehen, inmaßen viel zu erzählen wäre von den Vögeln, die in diesen Nestern hocken und hecken. Aber der Allgäuer blieb dabei, und ließ sich’s nicht nehmen, längs den Bergen geraden Weges heim zu ziehen, obgleich dies ein Gelände ist, nicht viel besser, als die obere Pfalz, die bekanntlich dem Teufel gehört: und der Spiegelschwab hatte auch Zeit genug zu fasten und zu beten; er fluchte aber blos.

Endlich kamen sie in Sonthofen an. Hier, auf dem Calvariberg, Angesichts des Grindten, verrichtete der Allgäuer seine Andacht; denn er hatte sich, bevor er mit den Gesellen das Abenteuer bestanden, dahin verlobt. Der Spiegelschwab lugte indes in die Gegend hinaus, auf die hohen Berge hinein und auf die grünen Matten hinab, und es gefiel ihm wohl. »Jetzt ist’s nicht schön,« sagte der Allgäuer; »aber am heiligen Kreuztag, wo das Vieh aus den Almen und da unten zusammen kommt, Ochsen und Kühe, und Geißen und Schaf‘ und Böck‘, alles durcheinander, und eine Unzahl von Menschen: Bue‘! da ist’s schön!«

»Das Ländle ist, mein Eid! nicht übel,« sagte der Spiegelschwab, »und ich möchte wohl da wohnen.« – Sie gingen weiter, und kamen auf dem Weg vor einem Bauernhaus vorbei. Da saß auf der Bank ein alter Mann, der heinte (weinte). »Was fehlt dir, Uri?« fragte ihn der Allgäuer. »Ja,« sagte der, »der Aetti hat mich geschlagen, weil ich den Aeni hab‘ fallen lassen.« Der Allgäuer tröstete das Kind und sagte, es werden dies wohl nicht die ersten Schläge gewesen sein. Und als sie weiter gingen, erklärte er dem Spiegelschwaben, wie sich das verhalte. Es lebe nämlich in dem Hause noch der Großvater, der sei hundert und zwanzig Jahre alt, und sein Enkel volle achtzig; und der Vater von hundert Jahren führe noch das Hausregiment. Der Spiegelschwab verwunderte sich drob und sagte: »So müssen die Leute bei euch steinalt werden.« »Es passiert so,« sagte der Allgäuer; »aber man muss eben darnach leben. Mein Vater ist schon ein Siebziger, und ist noch so rüstig, wie ein Vierziger.« »Wie hat er denn das angefangen,« fragte jener. »Das weiß ich just nicht,« antwortete der Allgäuer; »er tut nichts Exteres, sondern treibt’s, wie andere Leut‘, nur dass er nichts trinkt, als Wasser.«
»Das sei es eben,« meinte der Spiegelschwab; »Wasser! ja Wasser! wer nur Wasser trinken könnte!« »Bygost! das weiß ich just nicht,« sagte der Allgäuer; »mein Vater hat einen Bruder, der um ein Jahr älter ist, als er, und ist täglich besoffen.« »Curios!« sagte der Spiegelschwab; »aber freilich: die Gaben sind verschieden.« Uns ist beschieden dies und das, – Der eine ist trocken, der andere nass.
Quelle: Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein. Band 2, Leipzig [um 1878/79], S. 161-162.
Permalink: http://www.zeno.org/nid/20004481232