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Die Göttliche Imperia von Konstanz

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    • Honoré de Balzac: Die schöne Imperia
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Update: 18. August 2026

Vorbemerkung

Die „real existierende“ Imperia Cognati (1486-1512) – auch „die Göttliche Imperia“ genannt – lebte zur Zeit des Konzils noch nicht, sondern knapp ein Jahrhundert später in Rom. Ihr Auftreten als Kurtisane beim Konzil ist eine Erfindung von ➥ Honoré de Balzac. Historisch korrekt is, dass Imperia Cognati als „Edelprostituierte“ in Rom lebte, in der „High Society“ bekannt und beliebt und mit dem Künstler Raffael da Urbino befreundet war. Diesem stand sie mehrfach Modell. Honoré de Balzac hatte die Figur der Imperia der Geschichte (und vermutlich anderen literarischen Vorlagen) entlehnt. Bevor Balzac sich des Stoffes bediente, trat Imperia bereits bei den Schriftstellern ➥ Matteo Bandello, ➥ Joachim du Bellay und ➥ François Béroalde de Verville als literarisierte Figur auf.

Fresko von Raffael da Urbano  in der Kirche Santa Maria della Pace in Rom. Die Figur links stelt Sybille dar. Raffaels Modell war Imperia Cognati.Urheber und Lizenz der Abbildung: ➥ Peter1936F,➥ CC BY-SA 3.0 ➥ via Wikimedia Commons

Fresko von Raffael da Urbano  in der Kirche Santa Maria della Pace in Rom. Die Figur links stelt Sybille dar. Raffaels Modell war Imperia Cognati. Urheber und Lizenz der Abbildung: ➥ Peter1936F,➥ CC BY-SA 3.0 ➥ via Wikimedia Commons

Balzac beschreibt in seiner Novelle das lüsterne Treiben während der Zeit des ➥ Konzils zu Konstanz (5. November 1414 bis 22. April 1418). In dessen Novelle „die schöne Imperia“ versetzt er sie nach Konstanz, wo diese Kurtisane Kardinäle, Bischöfe und ein „kleines Priesterlein“ empfing.

➥ Peter Lenk erstellte der Imperia in der Hafeneinfahrt von Konstanz ein Denkmal. Im folgenden Link der Wikipedia werden die „Nacht-und-Nebel-Aktion“ der Installation und die darauf folgenden moralischen Entrüstungen beschrieben: ➥ https://de.wikipedia.org/wiki/Imperia_(Statue)#Stoffgeschichte

„Balzacs Erzählung beruht auf literarischen Quellen, die mit einer historischen Person in Verbindung gebracht werden. Die historische Person, auf die sich die literarische Tradition bezieht, war Imperia Cognati (1481–1512).“

Den folgenden Text Balzacs habe ich für heutige Lesegewohnheiten „sachte“ an die aktuelle Rechtschreibung angepasst.
Viel Spaß bei der Lektüre 😉


Honoré de Balzac: Die schöne Imperia

Hier beginnt die Novelle von der schönen Imperia:

Zum Gefolge des Erzbischofes von Bordeaux gehörte in der Zeit, da selbiger zum Konzil nach Konstanz kam, ein hübsches Pfäfflein aus der Touraine, das in Wort und Wesen gar gefällig war. Galt es doch auch allenthalben für einen Sohn der Soldée und des Gouverneurs. Der Erzbischof von Tours hatte ihn seinem Amtsbruder bei dessen Durchreise freundschaftlichst zum Präsent gemacht, wie das unter diesen Herren voll glaubensfrohen Dranges üblich ist. Solchermaßen kam das Pfäfflein also zum Konzil und fand im Hause seines sittenstrengen, hochgelehrten Prälaten Unterkunft. Diesem Gönner ein pflichtgetreuer und würdiger Untergebener zu sein, war Philippus von Mala (so hieß das Priesterlein) wohl entschlossen. Doch sah er bald, dass männiglich Besucher selbigen gottgelehrten Konziles ein gar lockeres Leben führten und dabei obendrein mehr Ablässe, Goldgulden und Pfründen einheimsten als fromme Tugendbolde.

Und so blies ihm der Teufel in einer anfechtungsreichen Nacht den Gedanken ein, sich’s lieber wohl sein zu lassen und gleich den andern aus dem Borne unserer heiligen Mutter Kirche zu schöpfen, des Unerschöpflichkeit allein gar wundersam des lieben Gottes Gegenwart erwiese. Das ging unserm Pfäfflein wohl ein und es schwor sich zu prassen und zu schlemmen, solange man nur seinem leeren Beutel Kredit gewähre. Noch war er keusch gleich seinem guten alten Erzbischof (der sich, allerdings nur mehr der Not gehorchend, derart einen Heiligenschein zugelegt hatte). Doch schuf ihm das oft schwere Anfechtung und trübselige Stunden, maßen er allenthalben die schmuckhaften, verführerischen Buhlerinnen sah, die gen Konstanz geeilt waren, um der Kirchenväter Sinne zu erleuchten. Er platzte schier vor Grimm über die Art, wie jene losen Elstern den Kardinälen, Würdenträgern, Fürsten und Markgrafen auf der Nase herumhüpften, als wären es arme Schlucker, derweil er nicht wusste, wie er eine fangen könnte. Allabendlich nach dem Gebet erwog er zierliche Liebessprüche und wappnete sich für zärtliches Geplänkel. Traf er dann aber tags darauf solch eine Prinzessin, die in prunkender Sänfte inmitten reichen Geleites ihrer Fülle Pracht stolz darbot, dann blieb er mit offenem Maul stehen und glotzte ihr blinkes Antlitz an, bis ihm die Glut zu Kopfe stieg.

Der Sekretarius seines edlen Gönners tat ihm nun einmal kund, dass die hohen Herrschaften die Gunst jener zieren Kätzlein keineswegs so mir nichts, dir nichts gewännen, vielmehr Gold und Geschmeide in schwerer Menge dafür hingäben. So begann denn der ahnungslose Tropf die Groschen, die durch des Erzbischofes Güte für ihn abfielen, in seinem Strohsack zu sammeln, und er erhoffte solchermaßen einen Schau zusammen zu sparen, mit dem er sich dann holde Gunst erkaufen wollte. Desweiteren gab er sich in Gottes Hand und wandelte nächtens lüstern durch die Gassen, wenngleich er in seiner schäbigen Gewandung einem Edelmanne nicht mehr glich, als eine nachthaubengeschmückte Ziege einem Edelfräulein. Ohne sich um die Hellebarden der Söldner zu scheren, schaute er zu, wie in den Häusern die Kerzen entzündet wurden und durch Fenster und Türen hinausblinkten, horchte auf das geile Lachen der schlemmenden Kirchenfürsten, die der Frau Venus ihr Halleluja sangen, und holte sich dabei gern einen Sack voll Püffe. Denn der Teufel verblendete ihn mit der Hoffnung, früher oder später auch bei solch holder Buhlin den Kardinal spielen zu können, und das machte ihm Mut.

So drang er denn eines abends tollkühn wie ein brünstiger Hirsch in das schönste Haus der Stadt, davor er schon so manche Haushofmeister, Offiziere oder Pagen ihrer Herren beim Fackelscheine harren gesehen hatte. »Ach, die da drinnen muss schön und zärtlich sein!« seufzte er. – Ein waffenstarrender Landsknecht vermeinte, jener gehöre zum Gefolge des bayrischen Kurfürsten (der soeben das Haus verlassen hatte) und käme mit einem Auftrage seines Herrn. Darum kam Philippus hinein und ließ sich, gleich einem Rüden auf der Spur einer läufigen Hündin, von süßen Düften stracks in das Gemach führen, wo sich die Herrin des Hauses von flinken Zofen umringt ihrer Gewänder entledigte. Verdutzt wie ein erwischter Dieb blieb er stehen. Schon war die Huldin ohne Rock und Mieder und bald stand sie hüllenlos in prunkender, anmutsvoller Nacktheit da, also dass dem beglückten Pfäfflein ein liebeheißes »Aah!« entfuhr.

»Was willst du, Kleiner?« fragte die Schöne. »Bei Euch verscheiden,« ächzte er gierigen Blickes. »So komm morgen wieder,« meinte sie, um ihn zu necken. Und Philippus, des Antlitz glühte, rief stracks: »An mir soll’s nicht fehlen!«

Da hub sie an wie toll zu lachen, also dass Philippus verblüfft doch wohlgemut stehen blieb und lüsternen Auges weiter ihre wunderzieren Liebesreize bestaunte: ihr prachtvolles Haar, das zwischen lockigen Flechten den Zauber eines Nackens enthüllte – blink und blank wie Elfenbein; strahlende Augen, die feuriger waren als die Rubinen eines Geschmeides ob ihrer schneeweißen Stirn. Die schimmerten von den Tränen ihres hellen Lachens; und dieweil sich die Holde vor Kichern wand, entglitt ihr ein güldener Schuh und so kam ein nacktes Füßlein hervor, ein Füßlein, das schier kleiner war als der Schnabel eines Schwanes.

Ja, die Schöne war heut guter Laune; sonst hätte sie den Kleinen längst kühl lächelnd zum Fenster hinaus werfen lassen. Und eine der Zofen meinte: »Er hat schöne Augen!« Eine andre fragte: »Woher mag er kommen?« Und die Herrin rief: »Das arme Kindlein! Seine Mutter wird ihn suchen. Wir müssen ihm den rechten Weg weisen!« Aber unser Pfäfflein ließ sich nicht aus der Fassung bringen und weidete sich wonneächzend an dem Anblick des brokatgeschmückten Lagers, darauf die Huldin alsbald ihren prangenden Leib betten sollte. Solch liebesdurftiger Augenschmaus entflammte die Einbildungskraft der Schönen, die darob halb scherzend, halb bereits verliebt wiederholte: »Also morgen!«, und den Burschen sodann mit einer Handbewegung, die keinen Widerspruch duldete, entließ.

»Ach, hehre Frau, da habt Ihr wieder einmal ein Keuschheitsgelübde in Liebessehnen verwandelt!« kicherte ein Zöflein. Und wieder platzten alle heraus, also dass das Gemach wie unter Hagelschlägen erzitterte. – Derweile machte sich Philippus von dannen, nicht ohne blindlings mit dem Kopf wider die Pfosten zu rennen. Denn der leckere Anblick hatte ihn völlig geblendet. Doch prägte er sich die Torwappen sorglich ein und kehrte voll lüsterner Teufeleien und schlechter Gedanken zu seinem biederen Erzbischof zurück. In seinem Kämmerlein zählte er während der ganzen Nacht seine Batzen: mehr als vier Taler kamen freilich nie heraus, aber da dies sein einzig Gut war, das er so der Schönen hingeben wollte, vermeinte er, sie würde wohl zufrieden sein.

Dem Erzbischof ging seines Schreibers Seufzen und Ächzen allmählich auf die Nieren. »Was ist euch nur?« fragte er endlich. Und das Pfäfflein entgegnete kläglich: »Ach wehe, hoher Herr! Mir will nicht in den Sinn, dass so ein zieres, zartes Mägdelein einem also schwer das Herz bedrücken mag.« Da legte jener sein Brevier (darin der Edle für die andern las) zur Seite und erkundigte sich: »Welche ist’s denn?«

»Ach Jesus! Weh, edler Herr und Gönner, verdammt mich nicht. Gewisslich gehört die zum mindesten einem Kardinale an, in die ich mich vergaffte … Und nun weine ich, da mir noch manch verflixter Taler fehlt, um sie mit Eurer Erlaubnis zum Guten zu bekehren.« Der Erzbischof furchte die dachförmige Falte über seiner Nase unter bedenklichem Schweigen, also dass der Pfaff vor Angst zu beben anhub und sein Geständnis bereute. Doch schon fragte der heilige Mann weiter: »Sollte sie denn gar so viel kosten?« worauf jener ächzte: »Ach! schon manche Mitra hat sie geplündert, manchen Krummstab seiner Zier beraubt.« »Ei, ei, Philippus: so du von ihr lässt, will ich dir dreißig Taler aus der Armenbüchse geben!« Aber das Kerlchen gierte nach dem Wonneschmaus, also dass es rief: »Oh, dabei käme ich noch immer zu kurz!«

»Philippus,« versetzte darob der gute Alte, »so willst du denn dereinst zur Hölle fahren, von Gott missachtet gleich all unsern Kardinälen?« Und schmerzbewegt begann er zum Schutzherrn der Keuschlinge, dem heiligen Gabianus, für seines Dieners Heil zu beten. Und weiter musste der Bursch niederknien und seinerseits den heiligen Philippus anflehen. Aber der verdammte Pfaff erbat insgeheim, dass der Heilige ihm morgen einen huldreichen Empfang bei der Dame beschere, und darum betete er so voller Inbrunst, dass der gute Erzbischof beglückt rief: »Nur Mut, der Himmel wird dich erhören!«

Tags darauf (derweile der edle Greis im Konzil wider die Schamlosigkeit geistlicher Hirten donnerte) verschleuderte Philippus seine sauer erworbener Taler für Riechwässer, Bäder und ähnliches Gedüft. Wohl gesalbt wie ein Pomadenhengst wandelte er sodann durch die Stadt, bis er seiner Herzens-Königin Haus erspäht hatte. Als er aber jemanden fragte, wem denn selbiges Haus gehöre, da grinste der und rief: »Was für ein grindiger Schelm, der noch nichts von der schönen Imperia gehört hat!«

Nun ward dem Pfäfflein Angst, sein Geld zum Fenster hinausgeworfen zu haben, denn der Name lehrte ihn, in welch arge Schlinge er aus freien Stücken seinen Kopf gesteckt hatte. War doch Imperia die anspruchsvollste und launischste Dirne des Erdenrundes und nicht sowohl für ihre unübertroffene Schönheit, als für ihre Kunst bekannt, gleichermaßen Kardinäle, Leuteschinder und rauhe Krieger zu knechten. Die Höchsten wie die Kühnsten umwarben sie, ein Wink von ihr konnte einem das Leben kosten, und selbst unerbittliche Tugenbolde krochen bei ihr auf den Leim und tanzten gleich den andern nach ihrer Pfeife. Unserm Philippus ward bänglich zu Mut und so wandelte er in der Stadt umher, ohne an Essen und Trinken zu denken. Hatte ihm doch Imperias Anblick sogar die Lust nach andern Frauen verdorben.

Und als die Nacht kam, da hatte der Stolz den hübschen Bengel also gebläht, die Gier ihn gepeitscht und einige Flüche ihn soweit ermuntert, dass er kecklich zu der eigentlichen Königin des Konziles, vor der sich alle beugten, hineilte. Der Hausmeister, der ihn nicht kannte, wollte ihn freilich hinauswerfen, als just ein Zöflein oben vom Treppenabsatz rief: »Nicht doch, Meister Imbert! Das ist ja der Kleine von der Gnädigen!« Und schamrot wie ein Jüngferlein stolperte der arme Philippus wonnebebend die Treppe hinauf. Alldort nahm ihn die Zofe bei der Hand und führte ihn in das Gemach, darin die Gnädige bereits vor Erwartung kochte und also leicht bekleidet war wie eine Frau, die mutvoll höheren Genüssen entgegenblickt.

In strahlender Schönheit saß sie bei einem prunkhaft gedeckten Tische, dessen Leckerbissen jedem das Wasser in den Mund getrieben hätten – auch unserm Pfäfflein, wäre er nicht so über die Maßen verliebt gewesen. Denn alsbald ward Frau Imperia dessen inne, dass die Blicke des zieren Kleinen nur ihr allein galten. Und sie, die eigentlich an verliebte Demut geistlicher Herren gewöhnt war, ergötzte sich doch dass an seiner Huldigung, maßen sie sich seit gestern Nacht immer mehr in den Schlingel vernarrt hatte und er ihr tagsüber schon gar nicht mehr aus dem Sinn gekommen war. Nun waren die Vorhänge zu und die Gnädigste so holder Laune, als gälte ihr Empfang einem kaiserlichen Prinzen. Und als solcher fühlte sich der Bengel auch, da ihm die Gunst der hochheiligen Schönheit zu Kopfe stieg. Aufgebläht stolzierte er herzu und machte einen Kratzfuß, der nicht übel gelang. Alsbald beglückte den Wonneschauernden ein glühender Blicke und die Holde sprach: »Setzt Euch neben mich; ich sehe, Ihr habt Euch seit gestern verändert.«

»Ei freilich,« brüstete er sich. »Gestern liebte ich Euch – und heute lieben wir uns: so ward ich armer Schlucker reicher als ein König!« »I, du kleiner Strick,« kicherte sie, »mir scheint vielmehr, der junge Pfaff ist ein alter Teufel geworden.« Damit kauerten sie sich zusammen vor dem Kaminfeuer hin, dessen Glut ihnen noch weiter einheizte. Sie missachteten die guten Bissen auf dem Tisch und fraßen sich mit den Augen; und schon waren sie im besten Zuge, als sich vor der Tür ein groß Geschrei erhob und Hiebe prasselten. »Was gibt’s?!« rief stracks die Gnädige, machtbebend wie ein König, den man kecklich stört. »Der Erzbischof von Chur«, hauchte ein Zöflein. »Hol‘ ihn der Teufel! – Sag ihm, ich habe das Fieber, so lügst du nicht, denn dieses Pfäfflein macht mir heiß und kalt.«

Imperia von Konstanz: Lovis Corinth (1858-1925): Die schöne Frau Imperia (1925)

Lovis Corinth (1858-1925): Die schöne Frau Imperia (1925)

Kaum hatte sie das gesagt und dabei des Philippus Hand so hold gedrückt, dass es dem in allen Gliedern zuckte, da tauchte schon der feiste Bischof wutschnaubend vor ihnen auf und hinter ihm seine Leute mit einer güldenen Schüssel, darauf eine Lachsforelle frisch und lecker prangte, mit vielerlei würzigduftenden Gerichten, mit Obst und Früchten und holden Schnäpsen, wie die heiligen Nonnen sie in den Klöstern brauen.

»Uff,« polterte der grob, »um zur Hölle zu fahren, brauche ich mich von dir nicht vorher peinigen zu lassen, mein Täubchen …« »Euer Wanst wird eines Tages eine schicke Degenscheide abgeben,« erwiderte sie und furchte die Brauen und ihre vorher so sanften, lieben Augen wurden hart und grausam. »Und der Chorknabe hier soll wohl schon den Totengesang anstimmen?« pöbelte der Erzbischof weiter und wandte sein rotgedunsenes Antlitz wider den zieren Philippus. Der meinte: »Hochwürden, Madame will mir beichten.« »Was!! kennst du nicht die Regeln?! Damenbeichten zu dieser Stunde sind den Bischöfen vorbehalten. Fort mit dir zu deinen Nonnen!« »Nein, hiergeblieben!« schmetterte Imperia, die zugleich von Zorn und Liebe verschönt sich selbst übertraf, »Ihr seid hier zu Hause, teurer Freund« (da ward Philippus ihrer Liebe gewiss!). »Sind nicht, wie da geschrieben steht, alle Menschen vor Gott gleich? So sollt auch ihr beide vor mir gleich sein, da ich hinieden eure Göttin bin. Setzt euch und esst!«

So sprach sie, denn der Lachs und die Schleckereien taten es ihr doch an. Ihrem Schlingel aber zwinkerte sie listig zu, dass er sich vor dem Dickwanst nicht zu bangen brauche, den sie bald abfertigen würde. So ward denn der Bischof von der Zofe am Tisch verstaut und ein gewaltiges Prassen hob an. Das Pfäfflein freilich aß keinen Bissen, da ihn nach Imperia hungerte, und schweigend an sie geschmiegt redete er nur jene Sprache, die jedem Weibe auch ohne Laute und Buchstaben verständlich ist. – Der feiste Bischof war ein wüster Schlemmer: ein Gläslein Würzwein nach dem andern ließ er sich von zarter Hand darreichen und schon hallte fröhlich sein erster Rülpser, als von der Straße lautes Pferdegetrappel heraufscholl.

Der Lärm ließ zum mindesten einen liebestollen Fürsten erwarten und richtig, stürmte gleich darauf der Kardinal von Ragusa rücksichtslos ins Gemach. Dieser gerissene Italiener, des Anwartschaft auf den heiligen Stuhl man kannte, dieser langbärtige Haarespalter überblickte sofort die Situation. Von seiner Mönchsgeilheit hergetrieben, wollte er natürlich auf seine Kosten kommen und so winkte er sich nach einer Sekunde Überlegung Philippen herbei. »Komm ‚mal her, Freundchen!« – Der Ärmste war mehr tot wie lebendig, denn nun wurde die Sache brenzlich. Dienstbereit nahte er dem furchtbaren Rothute, und der führte ihn zur Stiege, sah ihm stracks in die Augen und sagte ohne langes Fackeln. »Schockschwerenot! Du scheinst mir ein lieber Kumpan, den ich nicht gern um einen Kopf kürzen möchte. Also glatt heraus: willst du dich lieber mit einer Abtei auf Lebenszeit vermählen oder heut Nacht mit der Gnädigen, aber dann morgen verscheiden?«

Der arme Bengel murmelte ganz verzweifelt: »Aber wenn Eure Glut gestillt ist, Hochwürden, – dürfte ich dann wiederkommen?« – Der Kardinal verbiss sich das Lachen: »Galgen oder Mitra – wähle!« »Na,« meinte unser Pfäfflein verständnisinnig, »wenn die Pfründe schön fett ist …« Da ging der Kardinal flugs ins Gemach zurück und schrieb ein ZertifiKat aus. Der Schlingel suchte darin den Namen der Abtei zu entziffern und derweile grinste er: »Den Bischof von Chur werdet Ihr nicht so leicht abhalftern wie mich. Doch will ich Euch meine Dankbarkeit erzeigen und mit einem guten Rate aufdienen. Ihr wisst ja, wie eklig und ansteckend die Seuche ist, die in Paris wütet: sagt ihm also, Ihr kämet just vom Sterbebette des lieben alten Erzbischofes von Bordeaux – dann wird er verschwinden wie die Wurst im Spinde.« »Hoho,« blökte der Kardinal, »du verdienst ja sogar noch mehr als eine Abtei – hier, Schockschwerenot! Freundchen, hier nimm noch hundert Gülden für die Reise …«

Als Imperia die Worte hörte und inne wurde, dass Philippus aus dem wonnigen Bereiche ihrer liebesüßen Schmeichelaugen verduftete, da ahnte sie feigen Verrat und hob voll ingrimmiger Enttäuschung an zu schnauben wie ein Delphin. Die tödlichen Blicke, die sie dem Pfäfflein nachsandte, taten dem Kardinal natürlich wohl, denn nun durfte der italienische Lüstling hoffen, seine Abtei recht bald wieder zu bekommen. Philippus indes ahnte nichts Böses, nur trollte er sich davon wie ein begossener Kater. Und die Schöne tat einen tiefen Seufzer: hei, wie wäre sie jetzt gern mit dem Mannsvolk umgesprungen, wo lohe Glut sie erhitzte und draußen wie drinnen zu wabern schien. Denn das war, weiß Gott, das erste Mal, dass ein Pfaff sie verschmähte.

Derweil lächelte der verschmitzte Rothut und meinte, nun blühe sein Weizen erst recht. Stracks ging er den Bischof an: »Ach, liebwertester Gevatter, wie ich mich freue, diesen Nichtsnutz verjagt zu haben und nun eure Gesellschaft genießen zu können. Wahrlich, der Bursch war der holden Frau nicht wert und zudem – wie leicht hätte er den Tod ins Haus bringen können …« »Was?? Wieso?!« »Aber er ist doch der Schreiber des Erzbischofes von Bordeaux, der sich heute früh die Pest …« Des Bischofs Mund sperrte, als sollte er einen Käse schlucken: »Woher wisst Ihr?«

»Tja –« meinte jener, und ergriff des biedern Deutschen Hand, »ich habe ihm doch die letzte Wegzehrung gegeben und nun schwebt der Heilige dem Paradiese zu.« Schon zeigte der Bischof, dass Fettwänste auch mal springen können wie Gummibälle: hups, war er zur Tür hinaus und ohne Adieu kugelte er bereits angstschwitzend, schnaufend und totenbleich die Stiege hinab. Als er durchs Tor auf die Straße rollte, hub der Herr von Ragusa gewaltig an zu lachen: »Na, mein Püppchen, bin ich’s nicht wert, Papst, und mehr noch – heut Nacht dein Schatz zu werden?« Und da er Imperia bedrückt sah, trat er herzu, um sie schmeichlerisch zu umhalsen und bezärteln, was ja die Herren Kardinäle besser verstehen als jeder andere.

Doch sie entwich und giftete: »Hah, du toller Narr, du willst also meinen Tod! … dir geilem Bock geht das Vergnügen über alles, und was aus mir wird, schert dich nicht?! Pack dich mit deiner Pest fort, rühr‘ mich nicht an, oder ich lass dich diesen Dolch kosten!« Und damit zückte sie ein zierliches Stilett, mit dem sie, für alle Notfälle gewappnet, gar wohl umzugehen verstand. »Aber mein Herzenstäubchen,« entgegnete er lachend, »merkst du denn nicht den Braten?.. Wie wäre ich denn anders den alten Bullen aus Chur losgeworden?!« »Schon gut, ich werde ja sehen, ob Ihr mich liebt. Trollt Euch auf der Stelle! Ich kenne Euch: habt Ihr die Pest im Leibe, dann macht Euch mein Tod auch keine Sorge mehr. Mir aber geht mein Leib und Eigen über alles. Geht, und hat Euch der Sensenmann inzwischen nicht erwischt, dann könnt Ihr ja morgen wiederkommen.«

»Imperia!« rief der Kardinal und warf sich ihr zu Füßen, »Du holde Heilige, verspotte mich nicht!« »Nein –,« erwiderte sie, »mit heiligen und geweihten Dingen treibe ich auch keinen Spott.« »Hah, verdammte Vettel! Exkommunizieren werde ich dich – morgen! Satansbraten! – ach, du Holde, Feinsliebchen … Willst an mein ganzes Geld … einen Splitter vom heiligen Kreuz?.. Hexe, umgarnst hast du mich! Auf den Scheiterhaufen mit dir!.. Süßes, zieres Täubchen!.. Den schönsten Platz im Himmel schaffe ich dir!.. Wie? Was?.. Du willst nicht?! Dann zum Henker mit dir, du Hexe!!« Und er schäumte vor geiler Wut. »Ihr werdet überschnappen,« spottete sie, »geht lieber heim!« – »Wenn ich Papst werde …« – »Werdet Ihr mir auch gehorchen müssen, jawohl!« – »Und was soll ich heut Abend tun, um dir zu gefallen?« – »Verduften …«

Und damit schlüpfte sie hurtig wie eine Bachstelze in ihre Kammer, schob flink den Riegel vor und ließ den Kardinal draußen wettern, bis er es satt bekam und abschob. Und als die Schöne dann einsam ohne ihr Pfäfflein vor dem Kamin hockte, da zerriss sie grimmig ihre güldenen Kettlein und murmelte: »Beim dreimaldoppeltgehörnten Teufel! Wenn mir der Bengel diese Kardinalssuppe eingebrockt und mich zudem noch angesteckt hat, ohne dass ich meine Luft über und über an ihm gestillt habe, dann will ich ihn vor meinem Tode noch lebend geschunden und zerstückt vor mir sehen. – Ach wehe!« Und diesmal waren ihre Tränen echt! – »Was für ein Jammerleben, – für ein bischen Glück rackert man wie ein Hund und gibt noch sein Seelenheil daran.« Und sie heulte wie ein Schlosshund … als sie mit einem Male hinter einem venezianischen Spiegel das Pfäfflein gewahrte, das gar verschmitzt hervorlugte.

»I, du Prachtkerl, du frecher, zuckersüßer Frag!« rief sie. »Gibt’s denn in diesem heiligen, verliebten Konstanz noch einen zweiten Spitzbuben wie dich? Ach, komm, du Toller, du Zierer, Feiner, mein Herzensschatz, mein Wonneparadies! Laß mich deine Äuglein trinken, dich schlecken und vor Liebe fressen! Komm, kleiner Pfaff, ich will dich zum König, Kaiser, Papst – will dich glücklicher machen als alle zusammen!.. Zeig deine Glut, nun bin ich dein, nun sollst du bald Kardinal sein, und sollte ich mein Herzblut vergießen um dein Barett damit zu färben.« Und mit glückzitternden Händen füllte sie des Bischofs güldenen Humpen mit griechischem Wein und bot ihn kniend ihrem Liebsten dar, sie, deren Füßlein die Fürsten der Welt inbrünstiger küssten als des Papstes Pantoffel. Aber das Pfäfflein blickte sie schweigend an mit liebesgieren Augen, also dass sie wonneschauernd hauchte: »Still Kleiner! Komm! … Greif zu!«
Quelle: Honoré de Balzac: Die drolligen Geschichten welchselbige der wohledle Herr von Balzac als Festtagsschmaus für alle Pantagruelskindlein in den Abteien der Touraine sammelte und ans Licht zog. Berlin [o.J.], S. 10-25. Permalink:https://www.projekt-gutenberg.org/balzac/tolldr1/chap002.html (illustriert)

"Imperia" von Peter Lenk, Hafeneinfahrt Konstanz

„Imperia“ von Peter Lenk, Quelle: Wikimedia, PD


Literatur und Film

Der historische, mittelalterliche Roman „Die Wanderhure“ und die Verfilmung des Romans spielen in weiten Teilen im Konstanz der 15.Jahrhunderts.

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Die zitierten, historischen Texte des 19.Jahrhunderts habe ich aus freien Quellen und/oder Fraktur- und Kurrentschrift in heutige Normschrift transkribiert, dabei in Rechtschreibung, Satzbau und Grammatik angepasst und ergänzt,  die historischen Ansichtskarten sind retuschiert und farblich "aufgehübscht", teilweise coloriert.

Für die Webseite, Texte und Abbildungen gilt das Copyright: © CC BY-NC-ND (Namensnennung, Nicht kommerziell, Keine Bearbeitung) edition Wolfgang Autenrieth, Krauchenwies, https://oberschwabenschau.info, 2024


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Copyright der dargestellten historischen Ansichtskarten
Ein Werk wie ein Foto, eine Grafik oder ein Kunstwerk ist bis 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers urheberrechtlich geschützt. Auf einigen der eingestellten historischen Ansichten ist kein Urheber vermerkt. Ich habe nur solche Karten der Jahrhundertwende 1900 verwendet, bei denen nach menschlichem Ermessen der Urheber bereits vor mehr als 70 Jahren verstorben ist. Sollte bei eingestellten Abbildungen, für die ich trotz meiner Recherchen keine Rechteinhaber ausfindig machen konnte noch solche existieren, bitte ich diese nachträglich um Erlaubnis und um eine Mitteilung. Ich werde dann die Werke zeitnah entfernen oder auf Wunsch mit einem entsprechenden Copyrightvermerk versehen. Ich verfolge keine kommerziellen Interessen. Die eingeblendete Werbung dient lediglich der (teilweisen) Deckung der Unkosten. Es geht mir einzig darum, diese interessanten Zeitdokumente der Nachwelt zu zeigen und zu erhalten. Und das dürfte auch im Sinne der Urheber sein!

Die Retusche der Ansichtskarten war SEHR zeitaufwändig und setzt Fachwissen voraus. Dasselbe gilt für die Recherche,  Transkription und Überarbeitung der Texte und Bilder aus historischen Quellen und Frakturschrift. Die Umarbeitung ergibt für die hier eingestellten Ansichtskarten und Texte ein neues Copyright, da es sich nicht mehr um die ursprünglich gemeinfreien Werke handelt. Es steht Ihnen frei, nach den historischen Abbildungen zu forschen und diese zu verwenden. Dass jemand ohne mein Einverständnis aus meiner Arbeit Kapital schlägt, werde ich nicht akzeptieren.

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