Die Sieben Schwaben
1. Das Märchen von den sieben Schwaben (Ludwig Bechstein)
Die Sieben Schwaben rüsten sich1
Es waren einmal sieben Schwaben, die wollten große Helden sein und auf Abenteuer wandern durch die ganze Welt. Damit sie aber ein gut Gewaffen hätten, zogen sie zunächst in die weltberühmte Stadt Augsburg und gingen sogleich zu dem geschicktesten Meister allda, um sich mit Wehr und Waffen zu versehen. Denn sie hatten nichts Geringeres im Sinne, als das gewaltige Ungetüm zu erlegen, das zur selben Zeit in der Gegend des Bodensees gar übel hauste.
Der Meister staunte schier, als er die sieben sah, öffnete aber flugs seine Waffenkammer, die für die wackeren Gesellen eine treffliche Auswahl bot. »Bygott!« rief der Allgäuer, »send des au Spieß? So oaner wär mer grad reacht zume Zahnstihrer. For mi ischt e Spieß von siebe Mannslengen noh net lang gnueg.« – Drob schaute ihn der Meister wiederum an mit einem Blick, der den Allgäuer beinahe verdross. Denn dieser lugte zurück mit grimmigen Augen, und bei einem Haar hätt’s etwas gegeben, wenn der Blitzschwab nicht just zur rechten Zeit sich ins Mittel gelegt.
»Hotz Blitz!« rief er, »du hoscht Reacht und i merk doin Maining: Wie älle siebe for oin, so for älle siebe noh oin Spieß.« Dem Allgäuer war dies nicht ganz klar, aber weil’s den andern just eben recht, so sagte er: »Joh.« Und der Meister fertigte in weniger als einer Stunde den Spieß, der sieben Mannslängen maß.
Ehe sie aber die Werkstatt verließen, kaufte sich jeder noch etwas Apartes, der Knöpflesschwab einen Bratspieß, der Allgäuer einen Sturmhut mit einer Feder drauf, der Gelbfüßler aber Sporen für seine Stiefel, indem er bemerkte: solche seien nicht nur gut zum Reiten, sondern auch zum Hintenausschlagen. Als der Seehaas sich endlich einen Harnisch gewählt, pflichtete ihm der Spiegelschwab in solcher Vorsicht vollkommen bei, meinte aber, es sei besser, den Harnisch hinten als vorn anzulegen. Und kaufte sich ein altes Barbierbecken aus der Rumpelkammer des Meisters, groß genug, um seine untere Kehrseite zu bedecken. »Merk’s: han i Curasche und gang i voran, noh brauch i koan Harnisch, goht’s aber hintersche und fällt mer d’Curasche anderswohnah, noh ischt der Harnisch an seinn reachte Blatz.«
Die Vorstellung der Sieben Schwaben
Und nachdem die sieben Schwaben wie ehrliche Leute alles richtig bis auf Heller und Pfennig bezahlt, auch als gute Christen bei St. Ulrich eine Messe gehört und zuletzt noch beim Metzger am Göppinger Tore gute Augsburger Würste eingekauft hatten, so zogen sie zum Tor hinaus ihres Weges weiter. Den Spieß aber hielten sie alle sieben und gingen in einer Reihe hinter einander, dass sie schier aussahen, wie angespießte Lerchen. Voran ging der Herr Schulz, der Allgäuer, als der mannlichste unter ihnen, dann kam der Jockele, genannt der Seehaas, hierauf der Marle, genannt der Nestelschwab, dem folgte der Jerkle, war der Blitzschwab geheißen, hernach ging der Michel, Spiegelschwab zubenamset, dann kam der Hans, Knöpflesschwab, und zuletzt kam Veitle, das war der Gelbfüßler. Der Herr Schulz wurde der Allgäuer geheißen, weil er aus Allgau gebürtig war; der Seehaas hatte am Bodensee gesessen; der Nestelschwab führte darum seinen Namen, weil er statt der Knöpfe Nesteln hatte, er mußte aber bei den Hosen fast immer mit der Hand nachhelfen und halten, dieweil die Nesteln oftmalen abgerissen waren. Der Blitzschwab hieß also, weil er sich die Redensart: »Hotz Blitz!« angewöhnt hatte. Der Spiegelschwab hatte die Gewohnheit, seine Nase allezeit an dem Vorderteil seiner Jacke abzuputzen, die davon einen gewissen Spiegelglanz annahm; das schaffte jenem den saubern Namen. Knöpflesschwab war ein Mann, der verstand gute Knöpfle oder Spätzle zu kochen, das ist im baierischen Deutsch Knödel, und im sächsischen Deutsch Klöße. Der Gelbfüßler endlich war aus der Bopfinger Landschaft, deren Einwohner die Umwohner ‚Gehlfießler‘ schimpfen. Darum, dass sie einstmals einen Wagen voll Eier, den sie ihrem Herzog als Abgabe bringen müssen, recht voll stampfen wollen, und die Eier mit den Füßen festgetreten, davon denn die Eier etwas weniges zerbrochen, und die Füße der Bopfinger gegilbt hätten.
Die erste Heldentat
Zogen nun die Sieben allesamt gutes Mutes mit ihrem Spieß dahin, kamen eines Heumondtages in der späten Dämmerung über eine grüne Wiese, da hob sich eine Horniß nicht weit von ihnen mit feindlichem Gebrummel hinter einer Dornhecke hervor, und flog vorüber. Darob erschrak der Schulz, Allgäuer, mächtiglich, und begann Angstschweiß zu schwitzen, und schrie seinen Kriegsgesellen zu: »Horchet! der Feind drommelt schoh!« Da schmeckte der Jockele, der dicht hinter dem Schulzen ging, einen übeln Geruch und rief: »Wohl! wohl! ’s ist ebbes in der Näche! I schmeck schaun ’s Pulver!« Da nahm der Herr Schulz Reißaus, ließ den Spieß fahren und sprang über einen Zaun, kam aber gerade auf die Zinken eines Rechens zu springen, und da fuhr ihm der Stiel ins Gesicht und gab ihm einen ungewaschnen Schlag. Der Schulz vermeinte, der Feind haue auf ihn ein, und schrie: »Gieb Bardohn! i ergeb me.« Die andern sechs waren nachgesprungen über den Zaun, und da sie ihren Anführer also schreien hörten, so schrien sie alle: »Ergibscht du de, noh ergeb i me au! Ergibscht du de, noh ergeb i me au!« Aber es war niemand vorhanden, der die sieben Schwaben gefangen nehmen wollte; und da sie das merkten, schämten sie sich ihrer wenigen Herzhaftigkeit und verschwuren sich, diese ihre erste Heldentat nicht weiter zu erzählen.
Wie die Sieben Schwaben einen Bären erlegen
Weiter so kamen die sieben Schwaben auf ihrem Zuge in einen Hohlweg, und wie sie so tapfer darauf losmarschierten, merkten sie nicht, dass ein großmächtiger Bär im Wege lag, bis der Allgäuer fast mit der Nase an ihn stieß. Als er ihn nun sah, war er hin vor Schreck, stolperte und stieß mit dem Spieße geradezu auf den Bären los, wozu er aber nichts konnte, und schrie dazu gottsjämmerlich: »E Bär! E Bär!« Vermeinte, sein letztes Brot wäre gebacken und bereits verzehrt. Doch rührte sich der Bär nicht, dieweil er maustot war. Des war der Allgäuer hoch erfreut, schaute nun nach seinen Brüdern, und sah mit neuem Schreck, dass alle mäusleinstill für tot auf dem Boden lagen, meinte, er habe sie gar mit dem Spieße hinterrücks erstochen, und erhub ein Wehegeschrei. Als die am Boden Liegenden vermerkten, dass der Bär den Allgäuer nicht aufgefressen, denn sie waren nur vor Schreck dahin gepurzelt, lugten sie vorsichtig in die Höh, und wie sie sahen, dass der Bär tot war, erhoben sie sich frisch und gesund, traten um den Bären herum und auf ihn, und untersuchten, wie tief wohl die Wunde sei, die der Spieß ihm beigebracht, fanden aber keine, und der Blitzschwab sagte: »Hotz Blitz! Der Bär ischt verreckt und schoh lang tot!« – »Joh Joh«, sprach der Jockele, »mer schmeckt de Brohde.« Wurden eins, dem Bär das Fell abzuziehen und als Siegeszeichen mit sich zu führen, das Aas aber liegen zu lassen. »Jetzt kennet d’Schoof de Bäre fresse, wie er d’Schoof gfresse hod!« sprach einer unter ihnen, und so zogen sie fürbaß mit ihrem Bärenfell und ihrem Spieß.
Wie der Allgäuer einen Baum ausreißt
Kamen nun just in einen Wald und gerieten tiefer und tiefer in die Stauden hinein, bis sie darin stecken blieben. Die Bäume standen zuletzt so dicht, dass des Fortkommens kein Gedanke war, bis der Allgäuer endlich vor einem derben Stamme stehen blieb, den Spieß erhob und wie ein Löw brüllte: »Bygott! durch muß e.« Sprach’s und rannte den Spieß mit solcher Gewalt zur Seite des Baums in den Boden, dass der Knöpflesschwab zwischen Baum und Spieß eingeklemmt wurde, wie ein Treibkeil, und sich weder rühren noch regen konnte. Und das war eben kein Kinderspiel, denn jetzt stockte der Zug vollends, konnte keiner vor- noch rückwärts. Zwar machten die Gesellen einige mächtige Versuche, den Knöpflesschwab aus der Klemme herauszuziehen, aber es war eitel Mühen: der Hans saß fest und wankte nicht. Da war es plötzlich, als ob dem Allgäuer ein großer Gedanke durch das Hirn dämmerte; er lugte um sich und rief: »Bygott! i mießt ’s Teufels sei, wenn mer Gott et helfe tät!« Und er sagte: »Hui Ochs!« und packte den Baum mit gewaltiger Faust und riß ihn heraus samt Wurzel, Stumpf und Stiel. Der Knöpflesschwab, mehr tot als lebendig, schnellte heraus just wie der Ball beim Pritschenschlagen, flog sechs Klafter himmelanwärts und plumpte hernieder, dass die Erde drob wackelte. Die fünf andern aber schauten gar ehrerbietig zu dem Allgäuer empor, denn erst jetzt ging ihnen ein Licht auf, welchen Fund sie an dem Herrn Schulz getan.
Wie die Sieben Schwaben einen Bayern verdreschen
Um ein weniges weiter, zeigte sich’s abermals, dass der Allgäuer das Herz nicht im Sprungriemen trug, denn als die sieben sich aus den Stauden herausgefunden, kam ein Bräuer aus München des Wegs, der trieb ein Rudel Borstenvieh vor sich her und man konnt’s ihm auf hundert Schritt ansehen, wes Landes Kind er war. Blieb groß und breit stehen, als er die sieben mit dem Spieß erblickte und zog ein Gesicht, als wollt er die wackern Leut auslachen. Gleich war der Blitzschwab vor ihn her und fragte protzig: »Was luegscht Gsell? hoscht du noh koan Schwohbe gseah?« – »O genug«, gab jener zurück, »bei mir daheim auf der Malzdarre laufen sie zu Tausenden herum.« Meinte spottweise die schwarzen Käfer, also geheißen, weiß keine Menschenseele warum. Das war genug, um dem Blitzschwab, der zu Zeiten giftig war, wie ein Maifrosch, die Laus über den Grind laufen zu lassen. Machte sich an den Baier heran, und gab ihm flugs eine Watschel, dass jenem die Augen hell aufblitzten und die Ohren summten just eben so, wie die große Horniss‘. Der Baier, nicht faul, langte mit den Armen weitmächtig aus, um dem Schwäblein auch eine zu versetzen; und es wär auch eine gewesen, an die er sein Lebtag gedacht hätte. Nun war aber der Blitzschwab ein putziges Kerlchen, drehte sich auf einem Beine siebenmal herum, und hatte sein Lebtag nichts besser gelernt, als das Ausreißen. So kam es, dass der Baier gar mächtiglich in die Luft schlug, sich um und um drehte wie ein Kreisel, stolperte und zu Boden stürzte wie ein Wiesbaum. Das half ihm zum Garaus; der Blitzschwab stürzte über ihn her wie ein Queckenhamster und packte ihn an der Gurgel, während die andern Hände und Füße hielten und lustig darauf lostrommelten. Er wäre ihrer aber doch letztlich noch Herr geworden, weil er ein großer starker Kerl war, wäre nicht auch der Allgäuer über ihn hergefallen, wie ein Maltersack. Da mußte er Abbitte tun, wohl oder übel, denn das Häufein ließ nicht eher locker und ledig.
Wie die Sieben Schwaben das Meer überqueren
Und es geschah, dass die guten Gesellen auf ihrer Weiterreise an einen weiten blauen See kamen, so dünkete es ihnen, denn es war alleweil etwas dämmerig geworden, der schlug Wellen im Wind, und droben an seinem Abhang standen die sieben Schwaben und lugten hinunter, wie sie wohl am geschwindesten über diesen See kommen möchten. Es war aber kein Wasser da drunten, sondern ein Feld voll Flachses, der so recht in seiner schönsten, blauen Blüte stand.
»Hotz Blitz!« rief der Blitzschwab, »was ischt doh z‘ tuan? Über des wild Wasser müßet mer nüber.«
»Allgäuer, trag du es nüber, wie der hoilich Krischdof ed Pilgersleut«, sagte der Seehaas. – »Bygott!« antwortete der Allgäuer, »ins Wasser gieng i wohl, wenn’s net tiefer gieng als an de Hals.« Der Nestelschwab griff mit der Hand an seinen Hosenbund, das edle Kleidungsstück fest zu halten, dass es ihm nicht entfalle, während er mit der andern Hand schwimmen täte; dem Knöpflesschwab war das Ding gar nicht einerlei, er lugte scharf, ob kein Haifisch, Wallfisch oder Krokodil im Wasser brause; und so standen auch die andern ganz verlegen da, bis der Blitzschwab sich hinter ihnen herumdrückte und ein Paar hinunterstieß, indem er ausrief: »Frisch g’wohgt ischt halb gschwomme.« Da die nicht untersanken, fasste sich auch der Gelbfüßler ein Herz und tat einen Hupf hinunter; ihm folgte der Blitzschwab und der Nestelschwab mit besserem Vertrauen, und zuletzt ritt der Allgäuer auf dem Spieße hinab, und plumpste drunten einer auf den andern, bis sie merkten, dass sie mit der Nase ins Feld gefallen waren, und allgemach mit etwas gequetschten Rippen sich wieder aufmachten, den Spieß auffischten und an ihm wiederum fürbaß schritten.
Wie der Spiegelschwab in Memmingen den Bären aufbindet
Bis zur Stunde hatten die sieben einträchtig an dem Spieße gehalten, war weder Unrecht noch Unfried zwischen ihnen vorgekommen. Da kam der böse Feind und säete Zwietracht zwischen dem Blitzschwab und dem Spiegelschwab mitten hinein. Das trug sich folgendermaßen zu. Als die Schar ein gut Stück weiter kam, war es schon Nacht und der Mond ging eben auf. Da wurde es dem Spiegelschwab wunderlich zu Mute, just wie daheim und meinte: »Jetzt hent mers gwonne, <i>Memmenge</i> ischt nemme weit.« Lugt ihn der Blitzschwab verwundert an und fragt, wie er das wissen könne. Der Spiegelschwab lachte pfiffig: »Werd joh doch de Memmenger Mond kenne.« Drob lachte jener, dass ihm das Wasser aus den Augen rannte, und schrie: »Hotz Blitz! Gsell, wie bischt du so blitzdumm!« Nun vertrug zwar der Spiegelschwab einen derben Puff, hatten ihn oft schon kurz und lang geheißen, aber für dumm gelten wollte er nicht. Das war so eben seine empfindliche Seite. Dies kaum gesagt, hatte der Blitzschwab daher auch schon seine Dachtel. Fuhren nun zusammen die beiden, gerade wie ein paar Metzgerhunde und draschen sich schier um die Wette, den andern zur Kurzweil, bis endlich der Seehaas den Allgäuer bat, Frieden zu stiften. Der ließ sich nicht lange bitten, sondern packte sogleich den Blitzschwaben am Hosenbündel und hielt ihn in der Luft, wie einen Frosch; er mochte zappeln, wie er wollte. Inzwischen ließ der Spiegelschwab nicht nach, den Blitzschwaben aufs Brett zu klopfen; daher ergriff der Allgäuer auch diesen und hielt ihn am Leibe unter der Gurgel so steif und fest, dass er bockstarr da stand und nicht mucksen konnte. »Bygott!« rief der Herr Schulz, »i will euch Mores lehre, ihr donnderschlechtige Strohlkerie.« Schüttelte den einen und drosselte den andern immer ärger und ärger, bis sie endlich einander das Wort gegeben, dass sie wieder gut Freund sein wollten, was sie denn auch geblieben von der Zeit an bis an ihren Tod.
Es wies sich auch bald aus, dass der Spiegelschwab gar nicht so dumm gewesen, wie der Blitzschwab allermeist geglaubt, denn als sie zwei Viertelstunden Weges gegangen, kamen sie richtig nach Memmingen, wie jener aus dem Monde prophezeit. Aber als ob just dieses Städtlein dem Spiegelschwaben heut nur Unglück bringen sollte, so geschah es alsbald wieder, dass es dem Armen zu Haut und Haaren ging. »Durch Memmenge ganget mer net«, hatte er gesagt und als man ihn ob der Ursache gefragt, hatte er den Kopf geschüttelt und gemeint, er wisse das selbst am besten! Gingen deshalb ringsum die Stadtmauer, die sieben, um just am andern Ende wieder die Heerstraße zu gewinnen. Aber da hat sich’s denn wiederum augenfällig gezeigt, dass der Mensch seinem Schicksal nicht entgehen könne. Denn ehe sich’s der Spiegelschwab versehen, sprang aus einem Hopfengarten ein Weib auf ihn zu, eine rechte Runkunkel, und schrie in einem Ton, der durch Mark und Bein ging: »Bischt endlich wieder doh, du Schlingel? Wo bischt so lang rumkalfaktert, du Galgenstrick?« Dem Spiegelschwab wurde es grün und gelb vor den Augen und vermeinte, sein Ende sei gekommen, denn die Alte war niemand anders, als seine liebwerte Ehehälfte, die er mir nichts dir nichts sitzen gelassen, als er hinausgezogen war mit den andern Gesellen auf die Wanderschaft. Hier galt’s, nicht lange zu überlegen, war daher flugs mit einem Satze hinüber in die Hopfengärten zum großen Jubel der andern, die schier bersten wollten vor Lachen. Aber die Alte, schnell wie eine Bachstelze auf den spindeldürren Füßen, war hurtig hinterdrein und es hätte wohl einen argen Strauß gegeben zwischen den beiden, wenn dem Spiegelschwaben nicht gerade zu guter Stunde ein Schelmenstückchen eingefallen wäre. Er hatte nichts zu tragen, weil er nichts hatte als das Bärenfell; das tat ihm nun guten Dienst. Eilig warf er es über den Kopf, schlüpfte behend in die Tatzen und lief nun auf allen vieren, nicht anders als ein leibhaftiger Bär, rannte brummend auf das Weib zu, umfing sie mit den scharfen Krallen und drückte und herzte sie, dass ihr Hören und Sehen verging. Die Alte war froh, als sie dem Schalk entronnen, der nun freudig mit den andern von dannen zog. Von Stund an aber schreibt sich der Brauch, dass böse Männer von ihren Ehehälften gar häufig Brummbären genannt werden.
Das g’schenkte Bier in Memmingen
»Uf Leid folgt Freid!« rief der Allgäuer und zeigte nach dem Leutkircher Tor, wo ein Wirtshaus stand, über dessen Tür zu lesen war: »Hier schenkt man Märzenbier aus!« War keiner unter den sieben, der nicht gern einen Trunk Bier geschenkt genommen hätte, richteten daher im Nu ihre Schritte nach dem Wirtshaus und langten mit dem Spieße in der Hausflur an, in demselben Augenblick, als der dicke Bräuer vor die Tür trat, nach dem Wetter auszulugen. Als der die Schar erblickte mit dem furchtbaren Spieß, wurde es ihm eben nicht warm ums Herz, zog aber schnell sein Käppchen und fragte höflich nach ihrem Begehr. »Se wellet e bißle sei Bierbrobiere«, sagte der Allgäuer und schritt schnurstracks mit den Gesellen in die Zechstube. Da ward’s dem Wirt klar, dass die Gesandtschaft mit dem Spieße abgeschickt sei von der schwäbischen Kreisregierung, wie wohl zu Zeiten geschieht, um das Bier zu kosten und zu prüfen, ob es preiswürdig sei. Rannte daher spornstreichs in den Keller und holte ein Körble vom Besten herauf, wie er nur für sich und seine Leute gebraut. Das Körble war leer im Umsehen, das zweite in noch kürzerer Zeit, und als die sieben in weniger als zwei Stunden nahe an einen halben Eimer getrunken, meinte der Wirt, er sehe, dass es ihnen schmecke. Der Blitzschwab aber, der immer das Maul vorweg hatte, sagte; »’s kennt besser sei, wenn net z’wenig Malz und Hopfe drin wär.« »Das ist nicht wahr«, versetzte der Wirt, der ein Schalk war, »Hopfen und Malz ist nicht zu wenig darin, aber zu viel Wasser.« Da merkte der Blitzschwab, dass er seinen Mann gefunden, trank noch ein Mäßle und sagte den Spruch, der ihm einfiel:
»In Langesalz, in Langesalz
(kennt au Memmenge hoiße, sagte er)
Braut mer drui Bier aus oinem Malz,
Es erschte hoißet se de Kern,
Des drinket d‘ Burgemoischter gern,
Es andre hoißt es Mittelbier,
Des setzt mer de gmoane Leud fir;
Es dritt des hoißt Covent,
Drink di potz Sapperment!«
Zogen dann allesamt fürbaß und der Wirt in Memmingen schwört heute noch Stein und Bein, dass das Häuflein nichts anders gewesen, als des Memminger Kreises Oberbierbeschauer.
Wie der Junker von Kronburg die Sieben Schwaben verhaftet
»Uf Leid folgt Freid!« hatte der Allgäuer gesagt, ohne zu bedenken, dass das weise Sprüchlein umgekehrt sich noch bei weitem häufiger bewahrheitet. Es sollte nun einmal Regen und Sonnenschein auf der abenteuerlichen Fahrt der sieben Gesellen fast immer abwechseln, drum war’s eben kein Wunder, dass das arme Häuflein gar bald wieder in die Tinte geriet. Noch drehte und wirbelte es in ihren Köpfen von dem überreichlich genossenen Märzenbier, da harrte ihrer schon wieder das tückische Geschick. Zogen eben bei Kronburg vorüber, da lauschte der gestrenge Herr Junker aus dem Fenster. Mochte ihm nicht recht geheuer vorkommen mit der lustigen Schar, die auch dem Äußern nach nicht eben allzu reputierlich einherzog. Er rief deshalb seinen Schergen und sagte: »Lug einmal nach den Landstreichern da drüben – scheint mir eine saubere Sippschaft zu sein.« Der Scherg nahm sieben Bullenbeißer mit sich, jeder groß genug, um zur Not mit einem Bären kämpfen zu können, und stieg hinab, Jagd auf die unglücklichen Schwaben zu machen. Hatte sie bald ereilt und da der Blitzschwab schnippisch war, wie immer, machte der Haltmichfest kurze Sache und nahm das Häuflein mit sich. Zwar wollte der Allgäuer nicht so ohne weiteres mitgehen, als aber die Hunde gar grimmig knurrten, da senkte er den Spieß mit den Ohren zugleich und trabte hinterdrein. Wurden nun sämtlich vor den Junker von Kronburg geführt, der ein strenges Verhör begann. Der Seehaas machte den Sprecher für alle und erzählte getreulich: Wie in der Gegend am Bodensee ein schreckliches Tier hause, und da hätten sie sich denn als brave Landsleute und biedere Männer zusammengetan aus allen schwäbischen Gauen, um das Land vom Ungeheuer zu befreien.
Das aber glaubte der Junker nicht, sondern blieb bei seiner Meinung, sie seien Strolche und Diebsgesindel, und ließ sie in das Häusle, das ist, ins Gefängnis stecken.
»So geht’s in Schnitzlebutz Heusle,
Doh singet und tanzet die Meusle
Und bellet die Schnecken im Heusle –«
hat der Blitzschwab im Häusle gesungen, aber ganz still, wie ein Mäusle.
Wie der Spiegelschwab die Sieben Schwaben befreit
Es hatte aber der Junker erst Tags zuvor, da ihn das Zipperlein plagte, den löblichen Entschluß gefaßt, ein Zuchthaus zu stiften zum Schrecken aller Gauner und Tagediebe, zu Nutz und Frommen der Bürgerschaft und zur Aufklärung des gemeinen Volkes. Da kamen ihm die sieben Schwaben eben recht. Sonst war er ein gar frommer und milder Herr, der sogar seinen eigenen Bauern nicht mehr Wolle abschor, als er eben nötig hatte, um sich selbst warm zu kleiden. Befahl daher auch, dass man den Gefangenen Nahrung reichen solle, so weit sie des bedürften. Der Spiegelschwab aber, der ihn wohl kannte und wusste, dass Schmalhans in dessen Küche und Keller hauste, legte seinen Plan darauf an, welchen er den Gesellen mitteilte. Wie also der Scherg Mittags eine große Pfanne voll kleiner Klöße, die sie Milchspätzle nennen, brachte, sprach der Blitzschwab zum Knöpflesschwaben: »Die ghairet wohl for di?« Der Scherg meinte, das sei wohl für alle genug. Der Knöpflesschwab aber sagte, er wolle lugen, ob’s für ihn lange, setzte sich und aß die Pfanne allein aus, so dass kein Krümchen noch Bröckchen übrig blieb. Der Scherg erschrak und lief zum Junker, meinend, man müsse für die Landstreicher eine ganze Braupfanne voll Spätzle auf einmal kochen, und das sei, dünke ihm, noch nicht genug. Da ging der Junker von und auf Kronburg in sich und meinte, er sei dem schwäbischen Kreis und der Menschheit kein so großes Opfer schuldig, dass er sich aushungern lassen sollte in seinem Schloss um einiger wenigen Strolche willen. Stracks wurden die sieben in Freiheit gesetzt, nur dass ihnen der Junker noch einen Steckbrief mit auf den Weg gab, um andere Behörden und Kerkerknechte pflichtschuldigst vor des Knöpflesschwaben großer Fresssucht zu warnen.
Die Sieben Schwaben und das Ungeheuer vom Bodensee
Nach mehr als einem andern Abenteuer, das zu viel wäre zu erzählen, gelangten die Schwaben an einen großen See, und da sagte der Seehaas, der ihn gleich erkannte: »Des ischt der Bodesee.« An dessen Ufer sollte, wie die Sage ging, das gefährliche Ungeheuer hausen, welches zu bekämpfen und zu erlegen die sieben Schwaben sich bekanntlich fest vorgenommen hatten. Da sie nun des Sees ansichtig geworden und zugleich des Waldes, in dem das Ungeheuer sich aufhielt, man wußte nicht, war es ein greulicher Lindwurm, oder ein feuerspeiender Drache, so fiel ihnen zumeist das Herz in die Hosen, sie machten Halt und zündeten ein Feuerlein an, auf dass der Knöpflesschwab noch zu guter Letzt (denn wer konnte wissen, ob das Untier sie nicht allesamt mit Haut und Haar verschlingen werde, mit oder ohne Spieß), eine Mahlzeit Knöpfle oder Spätzle bereite, und stellten während dem Essen Todesbetrachtungen an.
»Joh«, sagte der Allgäuer und seufzte recht von unten ‚rauf, »’s ischt e Sach, wenn mer bei sich so recht bedenkt, dass mer zum letzten Mohl in seim Leben z’Mittag isst.« Und wieder seufzte er und sagte: »’s ischt e Sach!« und der Knöpflesschwab fing an still vor sich hin zu flennen, wobei er jedoch des Essens nicht vergaß. Als aber der Allgäuer zum dritten Mal ganz erschrecklich tief seufzte und sagte: »’s ischt e Sach!« da fingen sie alle an so erbärmlich zu flennen und zu heulen, dass es einen wilden Heiden hätte erbarmen können. Der Nestelschwab allein ließ sich das Sterben nicht zu Herzen gehen; denn, sagte er, mein Mutter hat mir oft gesagt, dass mein Stündlein gar niemals kommen würde. Heulte aber dennoch aus gutem Willen zur Gesellschaft mit. Als sie aber endlich nicht mehr konnten, fiel’s ihnen doch ein, dass es Zeit sei, ihre Schlachtordnung herzurichten; dabei gab es aber allerlei Span und Zwietracht. Der Allgäuer sagte, er sei bislang emmer der vorderscht gwe, ’s wär jetzt Zeit, dass er au emohl der henterscht sei, und es soll der Blitzschwob voran. Der meinte aber: »Curasche han i gnueg em Leib, aber net Leib gnueg for d‘ Curasche und dehs Bescht von Ongheuer.« Der Spiegelschwab wischte sich die Nase am Ärmel und tat den Vorschlag, es solle doch wohl besser sein, wenn einer für alle sterbe, und meinte, der Knöpflesschwab können ihnen diesen kleinen Gefallen tun; der aber schrie Zetermordio, als habe ihn das Ungeheuer schon am Schlafittich. Und so sprachen und stritten sie noch eine Weile hin und her, bis sie sich friedsam einigten und hurtiglich mit ihrem Spieße vorwärts schritten, gerade auf den Wald zu, wo das Untier hausen sollte. Ehe sie den erreichten, kamen sie an einen Rain davor, da saß ein Has und machte ein Männlein, und streckte die langen Löffel in die Höh; das war den Schwaben grauentlich anzuschauen, hemmten darum ihren Schritt, hielten Rat und besannen sich, ob sie vorwärts rücken und aufs Untier einrücken sollten mit lang vorgestrecktem Spieß, oder ob sie sich zur Flucht wenden sollten; doch hielt jeder fest am Spieß.
Da nun der Veitle hinten am meisten in Numero Sicher war, schwoll ihm der Kamm und er schrie dem Schulzen zu, der vorne stand:
»Stoßt zue in äller Schwobe Name,
Sonscht wünscht ih, dass ihr möcht erlahme!«
Der Hans, des Veitle Gehlfießlers Vordermann, Knöpflesschwab, spottete der Curasche des Veitle, indem er sagte:
»Beim Element, du hoscht guat schwätze,
Du bischt der letscht beim Drachahetze!«
Dem Michel sträubte die Herzhaftigkeit das Haar empor, er blickte gar nicht hin nach dem Ungeheuer, sondern sprach mit abgewandtem Gesicht, indem er den Ärmel seinem Gesicht näherte:
»Es wird net fehle um a Hoar,
So ist es wohl der Teufel gar!«
Jergle lugte dem Michel ins Gesicht, und schauete auch gar nicht hin nach dem Bescht von Ungeheuer, indem er zaghaft beistimmte:
»Blitz! ischt er’s net, so ischt’s sei Mueder,
Oder’s Teufels sei Stiefbrueder!«
Dem Marle Nestelschwab, der sich schon ziemlich weit vorn am Spieß befand, daran die Schwaben gingen, gefiel sein Platz nicht, und er hatte einen guten Einfall; er kehrte sich auch um, da er nicht für nötig fand, das Ungeheuer anzusehen, und rief dem Veit zu:
»Gang, Veitle, gang, gang du vorahn,
I will dohente for di stahn!«
Veitle drückte aber seine Ohren auf und tat, als hörte er nicht, worauf der Marle zu Jockele sagte:
»Gang, Jockele, gang, gang du vorahn
Du hoscht Sporn und Stiefel ahn,
dass di der Drach net beiße kahn!«
Aber Jockele fand seinen Trost darinnen, dass der Allgäuer an der Spitze des Spießes der sieben Schwaben und des zu bestehenden Abenteuers stand, und sagte:
»Der Schulz, der mueß der erschte sei,
Denn ehm gebiehrt die Ehr allei.«
Schulz Allgäuer faßte sich ein Herz und sprach mutig, da es nun einmal in die unvermeidliche Gefahr ging:
»So zieht denn herzhaft in de Streit,
Dohran erkennt mer tapfre Leut.«
Und so ging es in Gottes Namen und im Sturmschritt auf das Ungeheuer los, und als dem Schulzen das Herz pfupferte, konnte er sich seiner Angst nicht erwehren und schrie: »Hau huelhau! Hau, hauhau!« Da erschrak der Has und gab spornstreichs Fersengeld querfeldein, und lief, was er laufen konnte. Jetzt rief Schulz Allgäuer freudiglich:
»Potz Veitle, luag, luag, was ischt das?
Es Ohngeheuer ischt noh e Haas!«
»Hoschts gsehe? Hoschts gsehe?« fragten sich nun die andern unter einander. »Hotz Blitz! E Ding wie ne Kalb!« rief der Blitzschwab. Der Nestelschwab tat seinen größten Fluch: »Mit Verlaub! dass dih es Meusle beiß‘! E Tier wie ne Mastochs!« »Oho!« rief der Knöpflesschwab: »En Elefand ischt noh e Katz gegen des Ohntier.« »Bygott!« erwiderte der Allgäuer, »wenn des koa Haas gweh ischt, noh woiß i de Dreimänner-Wei vom Racheputzer net z‘ unterschaide!«
»Noh, Noh!« vermittelte der Seehaas: »Haas her! Haas hen! E Seehaas ischt halt greßer und gremmiger, als älle Haase im heilige remische Reich.«
Wie die Sieben Schwaben den Seewein einordnen
»Wie der Seewei seurer und herber als älle Wei im heilige remische Reich«, sagte hinten der Gehlfüßler, und über diese Anzüglichkeit hätte ihm der Seehaas fast ein Paar Watscheln gegeben, denn es kränkte ihn schwer, dass der Veitle über den Seewein spottete, der ihm von Kindesbeinen an geschmeckt. Mit den Seeweinen verhält es sich aber also: es gibt ihrer drei Arten, zum ersten der Sauerampfer, schmeckt nur ein weniges besser als Essig und verzieht das Maul nur ein bißchen, zumal wenn man sich daran gewöhnt hat. Die zweite Gattung ist Dreimännerwein geheißen, steht im Geschmack nach 10 Grad unter Essig und wurde so getauft, weil man behauptet, dass derjenige, so ihn zu trinken verurteilt, von zweien gehalten werden muß, während ihn ein dritter eingießt. Die dritte Sorte ist der Rachenputzer, hat die rühmliche Eigenschaft, dass er Schleim und alles andere abführt, tut aber dabei not, dass wer sich mit dem Wein im Leib schlafen legt, in der Nacht sich wecken lasse, damit er sich umkehren möge, sonst möchte ihm der Rachenputzer ein Loch in den Magen fressen.
Da nun das Abenteuer mit dem Ungeheuer von den sieben Schwaben so glückhaft bestanden war, so wurden sie eins nunmehr von ihren Taten auszuruhen und wieder friedlich heimzuziehen. Zuvor aber tat not, ein Siegeszeichen zu errichten, das der Mit- und Nachwelt ihren Triumph auf ewige Zeiten vermelde. Da nun unmöglich war, wie vor Zeiten tapfere Ritter getan, die Drachenhaut in einer Kirche aufzuhängen, dieweil kein Drache sein Fell zu Markte getragen und der Has in seinem Balg wohlbehalten entkommen war, so wurden die guten Gesellen dahin eins, ihr Bärenfell und ihren Spieß als eine Trophäe in die nächstgelegene Kapelle zu stiften, die hieß man hernach die Kapell zum schwäbischen Heiland. Dort wird wohl der Spieß noch hängen, das Bärenfell aber haben die Motten verzehrt, und die Sperlinge haben die Haare in ihre Nester getragen.
Quelle: Ludwig Bechstein: Sämtliche Märchen. München 1971, S. 15-31. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20004533178
2. Die sieben Schwaben (Jacob und Wilhelm Grimm)
Einmal waren sieben Schwaben beisammen, der erste war der Herr Schulz, der zweite der Jackli, der dritte der Marli, der vierte der Jergli, der fünfte der Michal, der sechste der Hans, der siebente der Veitli; die hatten alle siebene sich vorgenommen, die Welt zu durchziehen, Abenteuer zu suchen und große Taten zu vollbringen. Damit sie aber auch mit bewaffneter Hand und sicher gingen, sahen sies für gut an, dass sie sich zwar nur einen einzigen, aber recht starken und langen Spieß machen ließen.
Diesen Spieß fassten sie alle siebene zusammen an, vorn ging der kühnste und männlichste, das musste der Herr Schulz sein, und dann folgten die andern nach der Reihe, und der Veitli war der letzte. Nun geschah es, als sie im Heumonat eines Tags einen weiten Weg gegangen waren, auch noch ein gut Stück bis in das Dorf hatten, wo sie über Nacht bleiben mussten, dass in der Dämmerung auf einer Wiese ein großer Rosskäfer oder eine Hornisse nicht weit von ihnen hinter einer Staude vorbeiflog und feindlich brummelte. Der Herr Schulz erschrak, dass er fast den Spieß hätte fallen lassen und ihm der Angstschweiß am ganzen Leibe ausbrach. »Horcht, horcht,« rief er seinen Gesellen, »Gott, ich höre eine Trommel!« Der Jackli, der hinter ihm den Spieß hielt, und dem ich weiß nicht was für ein Geruch in die Nase kam, sprach »etwas ist ohne Zweifel vorhanden, denn ich schmeck das Pulver und den Zündstrick.«
Bei diesen Worten hub der Herr Schulz an, die Flucht zu ergreifen, und sprang im Hui über einen Zaun, weil er aber gerade auf die Zinken eines Rechen sprang, der vom Heumachen da liegen geblieben war, so fuhr ihm der Stiel ins Gesicht und gab ihm einen ungewaschenen Schlag. »O wei, o wei,« schrie der Herr Schulz, »nimm mich gefangen, ich ergeb mich, ich ergeb mich!«
Die andern sechs hüpften auch alle einer über den andern herzu und schrien: »Gibst du dich, so geb ich mich auch, gibst du dich, so geb ich mich auch.« Endlich, wie kein Feind da war, der sie binden und fortführen wollte, merkten sie, dass sie betrogen waren: und damit die Geschichte nicht unter die Leute käme, und sie nicht genarrt und gespottet würden, verschwuren sie sich untereinander, so lang davon stillzuschweigen, bis einer unverhofft das Maul auftäte.
Hierauf zogen sie weiter. Die zweite Gefährlichkeit, die sie erlebten, kann aber mit der ersten nicht verglichen werden. Nach etlichen Tagen trug sie ihr Weg durch ein Brachfeld, da saß ein Hase in der Sonne und schlief, streckte die Ohren in die Höhe, und hatte die großen gläsernen Augen starr aufstehen. Da erschraken sie bei dem Anblick des grausamen und wilden Tieres insgesamt und hielten Rat, was zu tun das wenigst Gefährliche wäre. Denn so sie fliehen wollten, war zubesorgen, das Ungeheuer setzte ihnen nach und verschlänge sie alle mit Haut und Haar. Also sprachen sie: »Wir müssen einen großen und gefährlichen Kampf bestehen, frisch gewagt ist halb gewonnen!«, fassten alle siebene den Spieß an, der Herr Schulz vorn und der Veitli hinten.
Der Herr Schulz wollte den Spieß noch immer anhalten, der Veitli aber war hinten ganz mutig geworden, wollte losbrechen und rief:
»Stoß‘ zu in aller Schwabe Name,
sonst wünsch i, dass ihr möcht erlahme.«
Aber der Hans wusst ihn zu treffen und sprach:
»Beim Element, du hascht gut schwätze,
bischt stets der letscht beim Drachehetze.«
Der Michal rief:
»Es wird nit fehle um ein Haar,
so ischt es wohl der Teufel gar.«
Drauf kam an den Jergli die Reihe, der sprach:
»Ischt er es nit, so ischts sei Mutter
oder des Teufels Stiefbruder.«
Der Marli hatte da einen guten Gedanken und sagte zum Veitli:
»Gang, Veitli, gang, gang du voran,
i will dahinte vor di stahn.«
Der Veitli hörte aber nicht drauf, und der Jackli sagte:
»Der Schulz, der muss der erschte sei,
denn ihm gebührt die Ehr allei.«
Da nahm sich der Herr Schulz ein Herz und sprach gravitätisch:
»So zieht denn herzhaft in den Streit,
hieran erkennt man tapfre Leut.«
Da gingen sie insgesamt auf den Drachen los. Der Herr Schulz segnete sich und rief Gott um Beistand an: Wie aber das alles nicht helfen wollte und er dem Feind immer näher kam, schrie er in großer Angst: »Hau; hurlehau! hau! hauhau!« Davon erwachte der Has, erschrak und sprang eilig davon.
Als ihn der Herr Schulz so feldflüchtig sah, da rief er voll Freude:
»Potz, Veitli, lueg, lueg, was isch das?
das Ungehüer ischt a Has.«
Der Schwabenbund suchte aber weiter Abenteuer und kam an die Mosel, ein mosiges, stilles und tiefes Wasser, darüber nicht viel Brücken sind, sondern man an mehrern Orten sich muss in Schiffen überfahren lassen. Weil die sieben Schwaben dessen unberichtet waren, riefen sie einem Mann, der jenseits des Wassers seine Arbeit vollbrachte, zu, wie man doch hinüberkommen könnte. Der Mann verstand wegen der Weite und wegen ihrer Sprache nicht, was sie wollten, und fragte auf sein Trierisch: »Wat? Wat!«
Da meinte der Herr Schulz, er spräche nicht anders als »Wate, Wate durchs Wasser,« und hub an, weil er der vorderste war, sich auf den Weg zu machen und in die Mosel hineinzugehen. Nicht lang, so versank er in den Schlamm und in die antreibenden tiefen Wellen; seinen Hut aber jagte der Wind hinüber an das jenseitige Ufer, und ein Frosch setzte sich dabei und quakte: »Wat, wat, wat.«
Die sechs andern hörten das drüben und sprachen: »Unser Gesell, der Herr Schulz, ruft uns, kann er hinüberwaten, warum wir nicht auch?« Sprangen darum eilig alle zusammen in das Wasser und ertranken, also dass ein Frosch ihrer sechse ums Leben brachte, und niemand von dem Schwabenbund wieder nach Haus kam.
Quelle: Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen. München 1977, S. 567-572. Permalink: http://www.zeno.org/nid/2000490480X
3. Die sieben Schwaben in der Schweiz (Anton Birlinger)
Gingen einmal sieben Schwaben, sechs Gemeinderäte mit dem Schultheiß an der Spitze, über das schwäbische Meer in die Schweiz, ob wallfahren oder des Vergnügens halber, weiß man nicht. Die hatten gewaltig Respekt bekommen vor den Wassern des schwäbischen Meers, also, dass sie im Thurgau vor einem blühenden Flachsacker angekommen, die wogende blaue Fläche abermals für ein Meer hielten. Da die Blüte betaut und das Wasser so nass war, die Sieben aber um jeden Preis weiter kommen wollten, berieten sie sich, was zu tun sei. Da entschlossen sie sich heldenmütig – alle Sieben mit dem Schultheiß voran – das Meer zu durchschwimmen. Nach unsäglicher Mühe und Anstrengung waren die Sieben jenseits der Flachsbreite angekommen und zählten ab, ob sie noch ihrer Sieben und nicht etwa einer ertrunken sei. Und zum immer größeren Entsetzen gewahrten sie, dass einer fehle. Wie sich geziemte, nahm die richtende und strafende Gewalt, der Schultheiß, die Zählung vor, und wohl wissend, welch exemten Stand er einnehme, beliebte er zu zählen. Jetzt Schultheß bin ih – du wärest der airst, du der zwoit u.s.f. Aber so brachte er nur Sechse heraus. Da ging ein Bruder Straubinger an den ratlosen Gemeinderäten vorüber und fragte, was sie hinter dem Ohr zu kratzen hätten. Da eröffneten sie ihm ihre Pein. Nun lag nebenan auf dem Wege ein frischer Kuhfladen, und er riet den Sieben, sie sollen alle, der Reihe nach mit dem Schultheißen an der Spitze, ihre Nase in diesen Fladen stoßen und nachher abzählen, wie viel es Löcher wären. Und siehe da, es fanden sich sieben Nasenspuren im Fladen und so reisten die Sieben getrost weiter.
Quelle: Anton Birlinger/ M. R. Buck: Sagen, Märchen und Aberglauben. Freiburg im Breisgau 1861, S. 460-462. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20004570529
4. Abenteuer der sieben Schwaben (Ludwig Aurbacher)
Anmerkung: Dieser Text ist so umfangreich, das ich die Originalquelle als Links angebe
- Wie die sieben Schwaben nach Augsburg kommen
- Wie die sieben Schwaben weiter ziehen
- Wie die sieben Schwaben von einer Zigeunerin sich wahrsagen lassen
- In diesen und den andern Kapiteln wird erzählt, was sich vor der Hand mit den sieben Schwaben zugetragen hat
- Vom Gelbfüßler, und was sich weiter begeben
- Vom Knöpfleschwaben, und was sich weiter zugetragen
- Vom Blitzschwaben, und was sich sonst ereignet
- Vom Spiegelschwaben und dem Allgäuer, und was ferner geschehen
- Wie die sieben Schwaben auf einen Bären stoßen, und was sie dazu sagen
- Wie die sieben Schwaben in den Stauden stecken bleiben
- Wie die sieben Schwaben einem Mägdlein begegnen, und wie der Blitzschwab von ihr auf die Kirbe geladen wird
- Wie die sieben Schwaben einem Bayern begegnen, und wie sie ihn heimschicken
- Das Kapitel vom Waldbruder
- Nutzanwendung des Autors
- Welches Lied der Blitzschwab gesungen
- Wie der Blitzschwab Händel bekommt mit dem Spiegelschwaben und wie sie wieder gut Freund geworden
- Wie der Blitzschwab an dem Allgäuer Rache nimmt
- Was für eine Gefahr dem Spiegelschwaben gedroht, und wie er sich daraus errettet.
- Wie sie gegen Wissen und Willen in die Stadt Memmingen kommen, und dorten Bierbeschau halten
- Wie unsere Schwaben durch das blaue Meer schwimmen, ohne zu ersaufen
- Wie der Allgäuer die Landstraße findet, aber bald ersoffen wäre
- Einige Stückle vom Nestelschwaben, woraus hervorzugehen scheint, daß er kein Schwab gewesen
- Wie die sieben Schwaben aufgefangen und eingesetzt werden
- Wie die sieben Schwaben sich aus der Gefangenschaft befreien
- Wie die sieben Schwaben einer Herde Vieh begegnen, und wie der Allgäuer ein Stiergefecht hält
- Noch ein paar Stückle vom Nestelschwaben
- Von einem fahrenden Schüler, und was er von Schwabenstreichen erfahren
- Wie der Spiegelschwab einen Tyroler foppt, und von ihm wieder gefoppt wird
- Von einem Heldenstück, das der Blitzschwab getan
- Vom Spiegelschwaben, wie er einen Schatz findet
- Wie die sieben Schwaben einem Juden begegnen, der sich mit ihnen in einen Handel einläßt
- Wie die sieben Schwaben sich die Ravensburger Würste schmecken lassen, und wie sie ihnen bekommen
- Wie die sieben Schwaben vor einem Galgen vorbeigehen, und einen Gehenkten befreien
- Wie der Blitzschwab das Heimweh bekommt, und wie ihn der Spiegelschwab davon kuriert
- Wie der Nestelschwab seine Mutter findet, aber seinen Vater nicht
- Von etlichen erbaulichen Gesprächen, die der Knöpfleschwab mit dem Nestelschwaben gehalten
- Wie die sieben Schwaben des Sees ansichtig werden, und was sie dazu sagen
- Wie die sieben Schwaben zum letzten Mal Mittag halten, und dabei Todesbetrachtungen anstellen
- Wie die sieben Schwaben sich in Schlachtordnung stellen
- Wie die sieben Schwaben den Strauß bestehen
- Wie die sieben Schwaben ein Siegeszeichen errichten und in Frieden und Freuden in Ueberlingen einziehen
- Dies Kapitel handelt von den Seeweinen, und was für einen die sieben Schwaben zu guter Letz getrunken
- Von der Kappel zum schwäbischen Heiland
- Das letzte Kapitel, womit aber die Geschichte von den sieben Schwaben noch nicht aus ist.
- Bemerkungen zu den Abenteuern der sieben Schwaben
Quelle: Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein. Band 1, Leipzig [um 1878/79], S. 136-137.http://www.zeno.org/nid/20004479742
5. Wunderseltsame und abenteuerliche Geschichten und Taten der sieben Schwaben (Essen)
Wunderseltsame und abenteuerliche Geschichten und Taten der sieben Schwaben, und wie sie gegen ein grausames Untier, das in dem großen Wald am Bodensee gehauset und Land und Leuten viel Abbruch getan, mannlich und sieghaft ausgefahren sind.
Erzählt von Essen, Düsseldorf am Rhein MDCCCLVI (1856)
Günst’ger Leser und Beschauer, dem dies Büchlein kommt zur Hand,
Schau zu streng nicht auf die sieben Helden aus dem Schwabenland,
Sei kein eitler Federfuchser, Sittenpred’ger, Splitterrichter,
Denn es kennt wie seine Schwaben sich und auch dich selbst der Dichter
Und er weiß es, solche Sachsen, wie er fleißig hier beschrieben,
Werden insgeheim und offen auch von Andren wohl getrieben,
Und er sagt es laut und klärlich, was er längstens hat entdeckt,
Das auch in euch Allerschlausten meist ein Schwäblein ist versteckt.
I. Wie der Seehaas auf Abenteuer auszieht und der Nestelschwab sich zu ihm gesellt
Zu Überlingen am Bodensee hat vor hundert und mehr Jahren ein Schwab gewohnt, den sie hernach den Seehaas nannten, – wie er zu dem Namen gekommen, werdet ihr hernachmals vernehmen, – der hatte allerlei Posten gehabt und war zuletzt Bannwart gewesen. Es war ihm aber alles zu schwer gewesen und leid geworden. Er hatte nimmer gut tun wollen und so beschloss er endlich, ein Held zu werden und auf Abenteuer auszuziehn.
Von solcherlei Fahrten hatte er Mancherlei gehört und gelesen, also dass es auch ihn gelüstete, in die Welt zu ziehn und Taten zu tun, davon noch die Enkelskinder erzählen möchten.
Er stund grade auf dem Anger, als er den männlichen Plan fasste und er dachte so lebhaft an die Gefahren, denen er sein armes Leben nun bloßstellte, dass er Bauchgrimmen bekam und sich hinter einer schattigen Hecke wieder in Ordnung bringen musste.
Als er des Wegs wieder zurückkam, stieß er auf den Nestelschwaben, der in ähnlichen Geschäften ausgegangen war und machte bei der guten Gelegenheit Bekanntschaft mit ihm, wie ehrliche Schwaben zu tun pflegen.
Fragte ihn also, was er für ein Landsmann sei, worauf der Andre erwiederte, er sei kein Landsmann, sondern ein Mähbub bei jenem Bauern, der dort den Acker pflüge.
Darüber merkte der Seehaas sofort, mit wem er’s zu tun habe, dass der Nestelschwab nicht gescheidter sei, als er selbst, und so war ihm der Dummrian gerade recht, dass er ihn für seine abenteuerlichen Fahrten anzuwerben beschloß. Der Seehaas wußte recht wohl, dass zu guter Wirthschaft der Knecht allzeit einige Procent dümmer sein muß, als der Herr.
Also machte er ihm den Vorschlag, als sein Knecht mit ihm zu ziehn, das Bündel zu tragen und immer, wenn der Seehaas etwas erzählte, zu sagen, dass es wahr sei.
Der Nestelschwab war’s zufrieden, meinte aber, er wisse nicht, was wahr sei und was nicht wahr sei.
Da belehrte ihn der Seehaas und sagte: „Merk Dir’s, Bauerlümmel, Hott bedeutet wahr und Wist nicht wahr“. Nun verstehe er’s, sagte der Nestelschwab und er wolle mit ihm ziehn um einen Baßen die Woche und ihm das Bündel tragen durch die ganze Welt und noch einige Dörfer drüber hinaus.
Also zogen sie selbander fürbaß und der Nestelschwab trug des Seehaas sein Bündel.
Da ich aber nun, wie Homeros das gute Exempel gegeben, meiner Helden zunächst gedenke und das Nötige von ihnen erzähle, muß ich von dem Nestelschwaben sagen, woher er gewesen und welche Bewandtnis es mit seinem Namen gehabt.
Aber die Geschichte weiß bis heutiges Tages noch nicht, weiß Landes er gewesen, ob Schwab, Schweizer oder Pfälzer, oder woher sonst im Reich; denn er redete in allen Landessprachen und in keiner recht. Nestelschwab wird er aber darum genannt, weil er statt Knopf und Knopfloch Nesteln hatte an Jacken und Hosen. Sintemal nun von den Nesteln allermeist einige verrissen waren, absonderlich an den Hosen, so mußte er mit der Hand nachhelfen und festhalten, was sonsten herabgefallen wäre. Das Halten war ihm darüber so zur Gewohnheit geworden, dass er allzeit die Hose mit einer der Hände festhielt, auch wenn’s nicht nötig gewesen wäre.
Also zog der Nestelschwab seine Hose kräftig herauf und ging mit dem Seehaas dahin, bis sie zum Gelbfüßler kamen, der in Bopfingen ansäßig war.
II. Wie ein Gelbfüßler von Bopfingen mit den beiden Schwaben gemeinschaftliche Sache macht und mit ihnen zieht
Von den Bopfingern wird erzählt, dass sie den Namen Gelbfüßler auf eine sehr sonderbare Weise erhalten und mit Recht. Sie waren nämlich ihrem Herzog von Alters her eine Abgabe schuldig, die sie in Eiern zu zahlen hatten. Da sie dem guten Herrn nun die Naturaleinkünfte nicht schmälern wollten, ärgerten sie sich, dass allzeit zwischen den Eiern, wenn sie im Haufen lagen, viel Raum blieb, den sie nicht füllen konnten. Sie luden deshalb in einem guten Jahr ihren Eierzehnten auf einen Krättenwagen und traten sie mit den Füßen darin fest ein, damit sie um so mehr hineinbringen möchten.
Diese Tat ihres Unterthaneneifers hat ihrer Ehrlichkeit keinen Abbruch gethan, sie haben aber darüber den Namen Gelbfüßler erhalten, den sie noch bis auf den heutigen Tag führen.
Wie nun der Seehaas mit seinem Gesellen eines dieser Gelbfüßler ansichtig wurde, der in Bopfingen Bote war, schien er ihm der rechte Mann, um ihn für die Ausfahrt mit anzuwerben, und erzählte:
Wie dass in dem großen Wald am Bodensee ein fürchterliches Thier hause, welches Land und Leuten großen Schaden thue. Beschreiben könne er es ihm gar nicht, aber es sei so groß wie eine wilde Katz, doch weit scheußlicher und grauerlicher anzusehn. Und Augen habe es im Kopf so groß wie Goldgulden, die funkelten nicht anders, als wie das höllische Feuer, und Ohren habe es –
„Nicht wahr, Landsmann?“ fragte er dazwischen dem Nestelschwaben. „Wist!“ sagte der, weil er meinte, so wär’s ausgemacht. Da rief der Seehaas: „Hott!“ worauf der Nestelschwab theuerte: „’s ist wägerle wahr!“
Danach fuhr der Seehaas fort und beschwor den Gelbfüßler um des gemeinen Besten willen, er möge ihm zu Rath und Tat sein und mit ihm getreuliche Gespannen zu werben suchen aus allen schwäbischen Gauen.
Dem Gelbfüßler leuchtete der Vorschlag ein und er sagte, fechten könne er zwar nicht, aber sei’s mit dem Laufen gethan, so könne er den Teufel auf dem freien Felde fangen.
Also wurden sie Handels einig, denn der Seehaas sah ein, dass er den Mann brauchen könne. Der Gelbfüßler sagte, er müsse nur noch vorher seine Stiefeln anziehn und sein Ränzel packen.
Damit fertig, zogen sie selbdrei munter in’s Land hinein und wurden demnach uneins, wohin sie sich wenden sollten, ob gegen die Donau oder das Ries.
„Im Ries,“ sagte der Gelbfüßler, „giebt es wohl viel Gänse, wie ich gehört habe, aber ich weiß nicht, ob es auch Menschen dort giebt“.
Der Seehaas aber gab den Ausschlag und meinte: „Das Sehen kostet nichts und erfahren wir’s nicht neu, so erfahren wir’s alt“. Und damit gingen sie nach dem Ries.
III. Vom Knöpfleschwaben und wie er auch mit ihnen gezogen ist
Dass Schwabenland ein gesegnet Land ist, weiß Jedermann, sonst kann er’s leichtlich daraus abnehmen, dass dort irgendwo die löbliche Gewohnheit besteht, tägliches Tags fünf Mal zu essen und zwar fünf Mal Suppe und zwei Mal dazu Knöpfle oder Spätzle. Die Leute dort herum werden deshalb auch Suppen- oder Knöpfleschwaben genannt und man sagt, dass sie zwei Magen hätten und kein Herz.
Wie nun der Seehaas mit seinen beiden Kumpanen bei den Knöpfleschwaben eintraf, redete er deren Einen an und sprach also:
„Werter Landsmann und Knöpfleschwab, ich sage Dir, dass in dem großen Wald am Bodensee ein fürchterliches Tier hauset, welches Land und Leuten großen Schaden thut. Augen hat es im Kopf, feurige, so groß wie ein Salzbüchsle“.
„Hott!“ schrie der Nestelschwab und wollte sagen, das sei wahr. Der Gelbfüßler stieß aber den Seehaasen in die Rippen, vermeinend, er solle nicht so lügen.
Der Seehaas trat aber auf die Seite vom Nestelschwab und log also weiter:„Das Ungeheuer wächst zusehends, je länger man’s anlügt, und wird so groß wie ein Pudelhund.
Also bitte ich Dich, guter Knöpfleschwab, um der Landsmannschaft willen, sei mir zu Rat und Tat und hilf mir tüchtige Gesellen zu werben in Schwabenland, auf das wir das Untier bestehen. Der Knöpfleschwab sagte: „Fechten ist meine Leidenschaft nicht, aber wenn ihr einen braucht, euch Knöpfle zu kochen, so bin ich euer Mann und ziehe mit euch auf das Abenteuer“.
Alle waren’s zufrieden, der Knöpfleschwab packte Häfen und Pfannen auf und so zogen sie selbvier voran und wendeten sich nun nach dem Lechfelde zu.
IV. Vom Blitzschwaben und was sich sonst zugetragen
Als sie zu Meitingen anlangten, trafen sie dort im Wirthshaus bei einem Mäsle weißen Gerstenbiers den Blitzschwab, und als sie ihm wie brave Landsleute das „Gsegne Gott!“ zugerufen, wischte der sich den Mund und sagte „Dank Gott!“
Darüber brachte der Wirth fünf neue Mäsle, der Seehaas aber hub an und erzählte, wie dass in dem großen Wald am Bodensee ein fürchterliches Thier hause, das Land und Leuten großen Schaden thue. Es sei so groß wie ein Mastochs, habe Augen im Kopf wie die Mondscheibe und das Thier wachse zusehends, je länger man es anluge.
„Potz Blitz!“ sagte der Blitzschwab, „das Untier möchte ich einmal ansehen, ich ließe mir’s beim Terel! einen Dreibägner kosten“.
Der Seehaas sagte, er könne es halt umsonst sehen, er solle nur mitkommen und ihm und seinen Genossen treulich helfen, das Untier zu erlegen; sie würden großen Ruhm erndten.
„Fechten ist absonderlich mein Handwerk nicht,“ versetzte der Blitzschwab, „aber schimpfen kann ich wie ein Rohrspatz und fluchen wie ein Heid“.
Da meinte der Seehaas, man wisse nicht, wozu das gut sein könne, er solle nur mitkommen. Der Blitzschwab schlug ein, nachdem er noch ein Kännlein Branntwein zu sich genommen, um die Magenwinde zu verteilen, wie er sagte, die er mit dem vermaledeiten Bier eingetrunken haben müsse.
Dann rüstete er sich mitzuziehen, wobei er als lustiger Vogel das Liedlein sang:
Wohin soll ich mich kehren,
Ich dummes Brüderlein?
Wie soll ich mich ernähren?
Mein Gut ist viel zu klein.
Was heut ich soll verzehren,
Ist gestern schon verthan,
Soll ich des Trunks entbehren,
Bin ich ein armer Mann,
Darum ist mein Begehren,
Ich zieh mit euch von dann.
Selbsfünf zogen sie danach weiter und kamen gen Memmingen, wo der Spiegelschwab zu Haus war.
V. Wie auch der Spiegelschwab und der Allgäuer in den Bund der sieben Schwaben eintreten, also dass die Galgenzahl Sieben voll wird.
Es ist mir nicht bewußt, dass Memmingen jemals durch Spiegelfabriken berühmt gewesen, sonst hätt’ ich vermuten lassen können, des Spiegelschwabs Name datiere daher. Es ging damit anders zu, nämlich also, dass dort Brauch war, statt säuberlicher Fazinettle den Vorderärmel zu benutzen, worauf sich sodann bald ein Spiegel ansetzte, der im Sonnenschein glitzerte. Einige warfen auch geradezu fort, was vornehme Leute in den Sack stecken, und gebrauchten also das Hühnertaschentuch, sintemal die Hühnchen und Hähnchen auch kein Sack- oder Nastüchlein besitzen. Andere brachten es unter die Uechse oder zwischen die Grattel, wo es sich wieder von selbst abweste. Unser Spiegelschwab hatte aber einen ansehnlichen Spiegel auf dem Rockärmel und führte daher seinen Namen mit Fug und Recht.
Der Seehaas kam zu ihm und trug ihm sein Anliegen vor, sagend, wie dass in dem großen Wald am Bodensee ein grausam Ungeheuer hause, das Land und Leuten viel Schaden thue. Es sei so groß wie ein Trampeltier, habe Augen wie Mühlsteine groß, und er bitte daher, er möge ihm und seinem Gespann mit Rath und That zu Hülfe sein, auf dass sie um des gemeinen Besten willen die Landplage sicher möchten erlegen.
„Rath kann ich wohl erteilen,“ versetzte der Spiegelschwab, „aber mit der That sieht es schlimm aus, dieweil ich nicht einmal mein Weib meistern kann, die gewaltiglich den Pantoffel regiert. Freilich hat sie sieben Häute, wie die Memminger Zwiebel und ist von Teufels Großmutter gefeit. Darum will ich denn mitziehn gegen das Untier, das nicht gefährlicher sein kann, wie mein Weib. Was die tapfere Tat betrifft, so weiß ich aber Einen, der es mit dem Teufel selbst aufnimmt, das ist der Allgäuer, den laßt uns noch ansprechen, er wird uns beistehn und schützen, denn er ist ein kleiner Goliath“.
Somit gingen die sechs zu dem Allgäuer, der sich auch sofort bereit finden ließ, obwohl der Seehaas gesagt hatte, das Untier sei so groß, wie ein Haus, habe Augen wie Mühlräder, die im Um- und Umgehen Feuer und glühende Kohlen auswürfen.
„Bygott!“ schrie der Allgäuer, „es wird dennoch halt nur ein Vieh sein und der Mensch ist mit Gottes Hülfe stärker als alles Getier auf Erden“. „So ist es,“ versetzte der Seehaas, „und da das alte Sprüchlein besagt, Gott verlässt einen ehrlichen Schwaben nimmermehr, so lasset uns nunmehr getrost in die Gefahr uns stürzen, wir sind nun Mann’s genug gegen alle Lindwürmer und Drachen“. Also redend erhöhte sich der Mut der Sieben wunderbar, sie gaben sich getreulich die Hand, gelobend, als treue Schwaben und Landsleute sich beistehn zu wollen in allen Gefahren, Nöthen und Drangsalen Leibes und der Seele.
VI. Wie die sieben Schwaben gen Augsburg kommen und sich allda mit ritterlichem Streitzeug versehen
Danach wendeten sich die vereinigten sieben Schwabenhelden nach der weltberühmten Stadt Augsburg, woselbst damals viel geschickte Waffenschmiede und Schwertfeger wohnten. Und sie traten bei einem von ihnen ein, der den größten Waffensaal hatte, und wollten dort aussuchen und erstehen, was sie zu ihrer Ausfahrt bedurften. Der Meister führte sie in den Waffensaal, wo viel Kriegszeug umher hing und stand, Spieße, Schwerter, Dolche, Helme und Harnische, Schilde, Sporen und anderes Gewaffen.
Sie musterten Alles fleißig, aber der Allgäuer sagte: „Pygott! Sind das auch Spieße? So einer wär mir grade recht zu einem Zahnstocher. Meister, zimmert für mich nur gleich einen Wiesbaum von sieben Mannslängen“. „Potz Blitz!“ sagte der Blitzschwab, „Allgäuer, prahle dich nicht allzusehr“.
Da sah ihn der Allgäuer mit grimmigen Augen an, als wollte er ihn durchbohren, worauf der Blitzschwab sofort anderer Meinung war und fortfuhr: „Eigentlich hast Du Recht, Männle. Ich merke Deine Meinung und teile sie: Wir alle Sieben für Einen, so für alle Sieben nur Einen.“ Dabei streichelte er ihm den Kauzen, und obwohl ihn der Allgäuer nicht verstand, so sagte er doch: „Ja!“ Den Andern war’s auch recht und so wurde denn ein Spies bestellt von sieben Mannslängen und in einer Stunde war er fertig.
Inzwischen kauften sie sich noch allerlei Gewaffen, wie es Jeder sich für dienlich hielt, der Knöpfleschwab einen Bratspieß, der Allgäuer einen Sturmhut mit einer Feder darauf, der Gelbfüßler aber Sporen für seine Stiefel.
„Was soll’s damit, Landsmann,“ fragte ihn der Seehaas, sintemal Du kein Rößlein hast zum Reiten?
„Sporen sind nicht bloß gut zum Reiten, sondern auch zum Hintenausschlagen,“ versetzte der Gelbfüßler und damit hatte er Recht. „Auch zieren sie ihren Mann,“ fügte der Seehaas hinzu, wählte für sich aber einen Harnisch, sagend: „Vorsicht ist die Mutter der Weisheit und nützlich zu allen Dingen. Des Guten kann man nicht zu viel tun und nützt es nicht, so schadet’s auch nicht“.
Der Spiegelschwab sagte: „Ja!“ und wollte auch einen tragen, aber nicht vorn auf der Brust, sondern hinten auf dem Hintern.
Der Seehaas meinte, jener wolle ihn foppen. Der sagte aber: „Merk’s, hab ich Muth und geh ich vorwärts, was nützt mir der Harnisch? Fällt mir aber der Muth anders wohin, so ist der Harnisch dann am rechten Platze“.
Demnach ließ er sich einen Harnisch zurecht machen, der Meister nahm aber nur ein altes Barbierbecken und fügte es ihm mit Riemen und Schnallen hinten an.
Wohl ausgerüstet standen so bald die sieben Schwaben, bezahlten ihre Einkäufe wie ehrliche Christen auf Heller und Pfennig und gingen zunächst in St. Ulrichs Kapelle, Messe zu hören, vergaßen dieselbigen dann aber nicht, auch bei dem Mezger am Gögginger Thor vorzusprechen und gute Augsburger Würste einzukaufen, die der Knöpfleschwab als Proviantmeister des streitbaren Schwabenheeres in einem Säcklein tragen mußte.
VII. Wie die sieben Schwaben ausziehen und dann den geraden Weg nach dem Bodensee zu einschlagen.
Wie sie nun tapfern Sinnes voranzogen, ordneten sie sich also, dass der Allgäuer an der Spitze ging. Er stimmte auch sofort auf seinem Posthörnle ein lustig Trompeterstückchen an, dass Allen das Herz im Leibe lachte.
Hinter ihm ging der Seehaas, der den Plan zum Zuge angegeben hatte und deshalb mindestens der zweite im Zug sein wollte und auf ihn folgte der Nestelschwab mit des Seehaas seinem Bündel auf dem Buckel.
Dann kam der Blitzschwab, der lustige Vogel, der, als der Allgäuer sein Stückchen geendet hatte, alsbald ein muthiges Lied sang, das also anhebt:
Es geht ein Buzemann
Im ganzen Reich herum, herum,
Es geht ein Buzemann
Im ganzen Reich herum,
Bidibum, Bidibum.
Auf ihn folgte der Spiegelschwab, dann kam der Gelbfüßler und ganz hintennach grattelte und
.. to be continued
Quelle: Düsseldorfer Malerschule (DFG): Wunderseltsame und abenteuerliche Geschichten und Thaten der sieben Schwaben, Link: https://digital.ulb.hhu.de/dfg/content/pageview/1116852
Anmerkungen /Fußnoten
1 Die Zwischenüberschriften sind von mir als Gliederung eingefügt
