Der Hohentwiel
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Lexikalische Einträge
Hohentwiel, isoliert stehender, 689 m hoher Phonolithkegel, eine württemberg. Enklave (Domäne) im badischen Hegau bei Singen, mit herrlicher Aussicht auf den Bodensee und die Alpen und umfänglichen Ruinen einer alten, einst berühmten Bergfeste.
Der Hohentwiel (ursprünglich Duellium, dann Twiel) war um 980 Wohnsitz der gelehrten Herzogin Hadwig von Alemannien, deren Leben dem Dichter Scheffel Stoff zu seinem bekannten Roman »Ekkehard« bot, und kam 1538 in Württembergs Besitz. Unter der Festung liegt der »Vorhof«, eine Vorbefestigung. 1634–50 hielt sich hier der Oberst Konr. Wiederhold gegen alle Feinde; 1800 übergab der Kommandant die Feste an den französischen General Vandamme, der die Werke sprengen ließ. Die Feste diente längere Zeit auch als Staatsgefängnis, in dem unter andern J. J. Moser fünf Jahre lang schmachtete. Das dortige Benediktinerkloster ward um 970 vom Herzog Burkard II. von Schwaben gegründet und um 1005 von Kaiser Heinrich II. nach Stein am Rhein verlegt. In der Nähe liegen die ähnlichen ehemaligen Bergfesten Hohenkrähen und Hohenstoffeln.
Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 9. Leipzig 1907, S. 451. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20006783074
Hohentwiel, Pfarrweiler mit 40 Ew.; sonst Festung im Oberamte Tuttlingen des württembergischen Schwarzwaldkreises; Enklave in Baden; erbaut vom Kaiser Maximin im 3. Jahrh.; hier saß im Exil Herzog Ulrich von Württemberg, im Jahre 1521 kaufte er diese Veste von einer Witwe von Klingenberg; sie wurde 1644 von den Bayern belagert u. 1800 von den Franzosen geschleift.
Quelle: Pierer’s Universal-Lexikon, Band 8. Altenburg 1859, S. 463. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20010125531
Hohentwiel, Phonolithkegel im württemb. Schwarzwaldkreis, 692 m, Enklave im bad. Hegau, mit Ruine des Benediktinerklosters und der 1800 von Vandamme zerstörten Bergfeste. Schauplatz von Scheffels Roman »Ekkehard«.
Quelle: Brockhaus‘ Kleines Konversations-Lexikon, fünfte Auflage, Band 1. Leipzig 1911., S. 816. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20001194550
Beschreibung der Veste von Joseph Meyer (1844)
Von den geheimnisvollen Gestaden, an welchen die Gefährten des Odysseus ruhen und der ewig lärmende Vulkan seine Werkstätte hat, versetze ich den Leser in des Schwabenlandes stille, heimische Waldgründe, in das eigentliche Geburtsland des deutschen Geistes, auf die Lieblingsbühne vaterländischer Sage und Geschichte.
Jenseits der Alp, einem rauhen, wasserarmen Kalkgebirge, welches Württemberg von West nach Ost durchzieht, breitet sich ein romantisches Bergland aus. Es ist dies Oberschwaben, dessen südliche Marken bis an die Buchten des Bodensees und in die nördlichen Kantone der Schweiz reichen.
Die Krone dieser Landschaft und des ganzen Schwabenlandes ist der Hegau (der Gau der Höhen) – eine Bergebene mit einem Kranze von Porphyrfelsen. Fast jeder der letztern trägt das Gemäuer tausendjähriger Burgen und Vesten. Die höchste unter diesen einstigen Hütern des deutschen Landes ist Hohentwiel.
Das Entstehen dieses Schlosses lässt sich bis an die Grenze der Römerzeit verfolgen. Geschichtlich wichtig wurde die Burg schon im 10. Jahrh. Damals war sie nämlich der Sitz der schönen und streng herrschenden Herzogin Hedwig von Alemannien, welche das Zepter über ganz Schwaben bis zum Neckar hin führte und es festhielt, bis dem Lande wieder ein Herzog ward. Seit der Zeit war Hohentwiel ein Eigentum der schwäbischen Fürsten, bis es, nach Conradins unglücklichem Ende, der Kaiser Rudolf, der Habsburger, als heimgefallenes Lehen seinem Kanzler Klingenberg verlieh. Die Klingenberger behaupteten sich im Besitz bis 1538. In diesem Jahre kam es durch Kauf an das herzogliche Haus Württemberg. Hierauf wurde es sehr erweitert und befestigt. Im dreißigjährigen Kriege und im spanischen Erbfolgekriege vergeblich belagert, erwarb sich das Schloss den Ruf der Unüberwindlichkeit, verlor ihn aber 1800 durch eine schimpfliche Übergabe an die Franzosen unter Vandamme, der das Pulver, welches gegen die Angreifer zu verschießen die Besatzung nicht den Mut gehabt hatte, in die Kasematten bringen ließ und die Veste in die Luft sprengte. Seitdem liegt sie in Ruinen.
Zur Überschauung des Schwaben- und des Schweizerlandes, zumal des vorderen Alpenzugs, wird dieser isolierte Hochlandsgipfel häufig bestiegen.
Hinan führt aus dem mit üppigen Wiesen und einem schönen Waldbach geschmückten Tale ein bequemer Fahrweg; die Meisten wählen aber den steilern Fußpfad durch die Rebengelände, welche den Fuß des Felskegels rings umgürten. Er bringt zu einer Schenke, welche auf nicht ganz halber Höhe neben einer Försterwohnung und einem Meyerhofe steht und wo gewöhnlich gerastet wird. Hinter dem Wirtshause, auf mauerartiger Felsumwallung, liegt der Friedhof mit den wenigen Überresten einer kleinen Kapelle und manches versunkene Steinkreuz mit unleserlichen, uralten Schriftzügen gibt hier dem Altertumsfreund Stoff zur Forschung. Wahrscheinlich war er die Ruhestätte der Burgbewohner und der Meyerhof gehörte wohl ehemals zur Kaplanei.
An hohen, ausgehauenen Felswänden hin geht es fort bis an den Eingang eines dunkeln, wohlerhaltenen Torgewölbes. Dieses führt in den Vorhof. Welch ein Anblick! Steintrümmer und Felsklumpen, die das sprengende Pulver abriss, liegen regellos und wild durch einander. Es sind die Überbleibsel der Kaserne, eines Wirtshauses, einer Apotheke und der Bastei, die den Eingang schützte. In der Mitte des Platzes steht noch, übermauert und unversehrt, der Ziehbrunnen der Veste, von großer Tiefe.
Steil und immer steiler geht der Weg zwischen Felsen fort bis zur zweiten Umwallung, jenseits welcher ehemals eine Zugbrücke zur eigentlichen Veste leitete. Jetzt ist ein hölzerner Steg über den mit Schutt und Steinblöcken bis zur Hälfte gefüllten Graben gelegt. Seitwärts gelangt man auf einem treppenförmigen Pfade auf die Zinne einer Schanze – und mit Zittern sieht man sich da am Rande einer senkrechten Wand von mehr als 400 Fuß Höhe. Hier ist die Aussicht schön! Die Burgen der Nachbarhöhen: Staufen, Stoffeln, Hohenkrähen, Mägdeberg, möchte man mit den Händen greifen, so nahe scheinen sie. Ihre Felssäulen erinnern an die Bilder der sächsischen Schweiz: nur mangelt dort die großartige Szenerie des Fernen.
Noch einmal geht’s bergauf – zu der Stelle, wo die dritte Zugbrücke stand, deren Graben die innerste Burg umgab. Letztere enthielt das Haus des Kommandanten, die uralte herzogliche Wohnung und den sogenannten Klosterbau – ein Gebäude unsicherer Herkunft, das später als Kaserne diente. Kreuzgewölbe, halb verschüttet, führen unter demselben hin und eine Menge Ornamente, welche an byzantinische Kunst erinnern, sind die unzweideutigen Zeugen von dem hohen Alter dieses Teils der Burg. Ihr schönster Überbleibsel aber ist die Kirchruine, deren zierliche Fenster, Portalwölbungen und reiche Ornamente die Blütenzeit des deutschen Baustils verraten. Der Turm derselben ragt noch hoch über alles Andere hinaus; doch die zehn Glocken, welche einst von da herab zur Andacht riefen, verloren ihr Stimmrecht an die unzählige Menge Raben, Eulen und Geier, welche ihre gemeinschaftliche Wohnung daselbst aufgeschlagen haben. Alle diese Ruinen der innersten Burg werden von einem großen, schön gepflasterten Hofraum eingeschlossen, in dessen Mitte alte Linden grünten, unter welchen die Besatzung der Veste zu exerzieren pflegte. – Die Zerstörungslust der Franzosen hat glücklicherweise gerade da etwas gelinder gehaust; viele Räume sind noch zugänglich und teilweise, Dank ihrer festen Bauart, gut erhalten. Im Rittersaale sind noch nicht alle Spuren der ehemaligen Pracht verwischt; an Türgewänden, Kaminen und Gesimsen sieht man künstlichen Zierrat, und in den schön geformten Fensternischen lassen mancherlei Ornamente eine Meisterhand erkennen; was aber alle Herzen erfreut, ist die herrliche Aussicht aus den offenen Fensterluken auf die Burgen, die Seen, die Gebirge. Eine noch schönere ist dem Wagenden vorbehalten; ich sage, dem Wagenden; denn sie will mit einiger Gefahr erkauft sein. Wer folgt mit hinauf zur luftigen Krähenwohnung, auf des höchsten Turmes Zinne? Wohlan! die schwanke Leiter ist bald erstiegen und durch eine Bresche, welche mehr die Hand der Zeit, als die zerstörende des Pulvers, in die Mauer gerissen, erklimmen wir die Spitze.
Hier steh’n wir auf den Zinnen der Felsenveste Twiel,
Da treibet auf der Eb’ne der Blick ein weites Spiel,
Durch Triften und durch Wälder, durch Klöster und durch Städte,
Hier ist kein Ziel zu finden, als grauer Alpen Kette.
Das Land der AlleMannen, mit seiner Berge Schnee,
Mit seinem blauen Auge, dem klaren Bodensee,
Mit seinen gelben Haaren, dem Ährenschmuck der Auen –
Recht wie ein deutsches Antlitz ist solches Land zu schauen.
Und in der Tat, eine lachendere, eine reizendere, eine weitere Aussicht kann es kaum von einem Alpengipfel geben, als von diesem Standpunkte. Zu den Füßen öffnet das Schwabenland, öffnen die Kantone Basel, Schaffhausen, Thurgau und St. Gallen ihre landschaftlichen Schätze – ein anmutiger Wechsel von Berg und Tal, Wald und Wiesen, Ruinen und Schlössern, Städten und unzähligen Dörfern; nahe glänzt der Bodensee wie ein leuchtendes Meer mit seinen Buchten und seinen Garteninseln Reichenau und Mainau, mit seinen Uferstädten, Flecken und Dörfern, – ihrer mehr als hundert. Man sieht den Rhein, wie er, noch mehr See als Strom, sich gegen Stein fortwälzt, wo er hinter hohen Felswänden verschwindet; dann kommt er wieder – in sanfter Schlangenwindung zieht sich sein Silberband bis nach Schaffhausen hin, um abermals sich hinter Wald und Fels zu verstecken. – Die Prachtpartie der Vista aber geben die südlichen Fernen, ist die Überschau der Alpen. Das Auge herrscht über die ganze Kette, von den Berner Gipfeln bis zu den Riesen Tirols. In Erstaunen und Ehrfurcht versunken, schaut man auf diese Welt von Pyramiden, auf diese Hieroglyphen-Schrift, mit welcher der große Gott die Urgeschichte seiner geschaffenen Erde schreibt, – für den Menschen ein Stoff des würdigsten Forschens und der erhabensten Offenbarung. („Auf den Bergen tritt der Mensch, wie das Kind auf einen Schemel.“ Hippel.)
Man sieht viele der hohen, nackten Riesen vom Fuße bis zum Scheitel und manche himmelan strebende Firn, die in ewigem Eise starrt. Die kälteste Brust bleibt nicht kalt bei diesem Anblick, und eine empfindsame Seele schmilzt in unaussprechlichen Gefühlen. – Wohl dir, wenn du allein hinauf klettertest und kein profaner Begleiter dich stört. So allein, entrückt dem Getümmel der Welt: – wie nahe dünkt dich dann die ferne Wohnstätte, wie klein wird dir dann dein Kummer, wie leicht die irdische Bürde! Reiner schaut dich hier die kommende Sonne an, und wenn sie schon lange gesunken ist, strahlt noch ihre Glorie auf den Firnen und es weidet sich das Auge noch an ihrem Nachglanze, bis er von Bergstaffel zu Bergstaffel, von Zinke zu Zinke hinan allmählich verlischt.
Kein Genuss gleicht einem solchen auf hoher Warte einer herrlichen Natur. Keiner ist schöner, keiner reiner, keiner lässt seligere Eindrücke zurück. Wer, der ihn gekostet hat, blickt zurückgekehrt in die Strudel seiner Geschäfte, oder in den monotonen Wirbel konventioneller Vergnügungen – nicht oft mit Sehnsucht zu den erstiegenen Höhen und zählt die dort verbrachten Augenblicke zu den glücklichsten? Wer aber Gleiches noch nicht genossen hat, der eile, dass auch er sagen kann mit uns andern:
„Auf den Bergen wohnt der Friede,
Auf den Bergen wohnt die Freude,
Auf den Bergen lebt die Freiheit,
Schlingt den Ehrenkranz um Beide.“
Gedichte von G. Schwab, II. Bd. S. 182.
Quelle: Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswertesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band (1844) CCCCLXXXIX. Hohentwiel in Oberschwaben, https://de.wikisource.org/wiki/Hohentwiel_in_Oberschwaben
Nachrichten von dem Rheinfalle bei Schaffhausen, und von der Festung Hohentwel
Mein Herr!
Die Bequemlichkeit, welche der Rhein der Handlung zu Schaffhausen gibt, wird zwischen hier und Basel zwei Mal durch starke Fälle dieses Flusses unterbrochen, weil man genötigt wird, die Waren bei solchen Orten auszupacken, und von einem Fahrzeuge in das andere zu bringen. Rand links: Rheinfall bei Schaffhausen. Der eine von diesen Wasserfällen ist der so genannte Hellhaken bei Rheinfelden, welcher aber von keiner sonderlichen Höhe und bei weitem demjenigen nicht zu vergleichen ist, der eine Viertelstunde von Schaffhausen bei dem kleinen nahe ober dem Falle liegenden Schlosse Laufen sich befindet.
Dieses Laufen hat voralters den Österreichern zugehört, und dem Wasserfalle den Namen gegeben. Es hat mir an Gelegenheit gemangelt, die Höhe des Felsen, über welchen sich der Strom bei Schaffhausen herab stürzt, genau zu untersuchen. Ich beziehe mich demnach bloß auf die Nachricht der Einwohner, welche die Höhe zu siebzig Füßen, und die Breite zu ungefähr neunzig Schritten angeben. Ehe der Rhein zu seinem sehr steilen Schuss kommt, ragen hin und wieder viele Felsen aus dem Grunde hervor. Beim Falle selbst teilt er sich in drei Flüsse, welche durch ihren grünen Grund und ihr schneeweißes Strudeln dem Zuschauer eine angenehme Augenweide, hingegen durch das Brausen seinem Gemüte sowohl Bewunderung als Entsetzen verursachen. Der gewaltsamste Durchbruch des Stroms ist auf der mittäglichen oder zürchischen Seite, da sich durch den heftigen Sturz das Wasser gleichsam in weißen Staub verwandelt, davon ein Teil als eine dünne Wolke oder als ein Nebel in die Höhe steigt, und vermittelst der darinnen aufgefangenen Sonnenstrahlen die schönsten Farben verschiedener Regenbogen vorstellt.
Die Felsen, so den Rhein in drei Hauptteile absondern, sind mit Fichten und andern grünen Bäumen bewachsen. Nächst daran auf der schaffhausischen Seite liegt bei dem Dorfe Neuhausen ein einträgliches Eisenwerk, und die häufig hierum befindlichen Eisensteine halten öfters viele zu Stein gewordene Muscheln und Seeschnecken in sich: gleichwie man auch auf dem so genannten Randenberge bei Schaffhausen, (wo selbst gleichfalls Eisen gefunden wird) viele lapides Judaicos, ostrcitas spinosos majores & minores, wie auch Radiolos und Scutula Echinitarum antrifft.
Vier Stunden von Schaffhausen nordostwärts liegt das berühmte Bergschloss Hohentwiel, (latein. Duellium) so dem Herzog von Würtemberg-Stuttgart gehört, und gänzlich von dem nellenburgischen Gebiete umgeben ist. Indem solchergestalt nichts von den umliegenden Ländereien zu dieser Festung gehört: so ist leicht zu erachten, dass sie ihrem Herrn mehr Ehre, als Einkünfte bringe. Bei entstehenden Kriegsunruhen könnten die Archive, Juwelen und andere Kostbarkeiten allda ihre Sicherheit finden; weil der Ort wegen seiner Lage also beschaffen ist, dass er zwar einem in das Land dringenden Feinde nichts in den Weg legen kann, indessen aber auch nichts so eilig von ihm zu befürchten hat; und wäre zu wünschen, dass er in einer andern Gegend läge, wo selbst er dem schwäbischen Kreise mehr Vorteil schaffen konnte, als in diesem Striche Landes, wo von der Nachbarschaft der Schweizer nichts feindseliges zu vermuten ist. Anitzt gibt er den hierum zerstreuten evangelischen Glaubensgenossen Gelegenheit, ihren öffentlichen Gottesdienst alle Sonn- und Festtage auf der oberen Festung abzuwarten, da sonst keinem Fremden, ja selbst keinem Prinzen vom Hause die Freiheit gelassen wird, in das obere Schloss zu kommen, wo er nicht desfalls eine besondere Erlaubnis von dem regierenden Herzog aufzuweisen hat. Die Kommandantenstelle wird mit Obristleutenanten, Majoren etc., denen der Herzog die benötigte Ruhe nach vieljährigen Diensten gönnen will, besetzt, wobei aber diese Unbequemlichkeit vermacht ist, dass ein solcher Mann niemals über Nacht außerhalb der Festung bleiben darf.
Hohentwiel liegt in einer schönen und fruchtbaren Gegend, rings herum mit Flecken und alten verfallenen Schlössern auf hohen Bergen umgeben. Die Aussicht, ist von allen Seiten vortrefflich, sonderlich da der Bodensee nur zwei Meilen davon entfernt ist. Bis an die unterste Festung, welche dennoch schon sehr hoch liegt, bringt der Berg gute Weine hervor. Wenn die Luft nicht heiter und klar ist, sieht man von Hohentwiel die angrenzenden Gegenden mit Nebel und Wolken bedeckt, gleich einer See, aus welcher nach und nach, wenn sich das Wetter aufklärt, die höchsten Berge und Schlösser mit ihren Felsen, als Inseln hervorragen. Es ist zu vermuten, dass sich öfters Gewitter eräugen (zeigen) in der Gegend der Luft, welche viel niedriger als der Horizont der oberen Festung ist; sonderlich nach den wahrscheinlichen Sätzen der neueren Weltweisen, die gar nicht zugeben wollen, dass Blitz und Donner in den gar hohen Wolken gezeugt oder hervorgebracht werden; indessen hat die Erfahrung auch gelehrt, dass der Gipfel dieses Berges keineswegs von solcher Höhe ist, dass er den Wirkungen des Blitzes nicht unterworfen wäre; wie dann noch vor etlichen Jahren das Gewitter in die obere Festung eingeschlagen und einen Offizier nebst etlichen gemeinen Soldaten getötet hat.
Es ist hier die Gewohnheit, dass, wenn fürstliche und andere Standespersonen auf diese Festung kommen, jede derselben von dem unteren Kastell einen Stein von zehn und mehr Pfund mit hinauf in das oberste Schloss tragen muss. Dergleichen sieht man nun oben in guter Menge und zeigen einige davon mit den eingegrabenen Anfangsbuchstaben die Namen derjenigen an, welche sich besagte Bemühung gegeben haben. Niewentydt will an einem Orte seines vortrefflichen Werkes, in welchem er aus den Wirkungen der Natur beweist, dass eine unendliche Gottheit sein müsse, beobachtet haben, dass die Adern der Mineralien von Westen nach Osten sich ausbreiten, und absonderlich alle steile Abgründe oder præcipitia der Berge an der Abendseite seien, da im Gegenteile auf der Ostseite die Gebirge nach und nach oder stufenweise zu ihrer Höhe erwachsen. Von beiden Sätzen habe ich viele Ausnahmen bemerkt; wider den letzten aber insbesondere auch die Lage des Berges und Felsen von Hohentwiel streitend gefunden, als welcher auf der Seite gegen Morgen von solcher Jähe ist, dass weder Menschen noch Vieh denselben besteigen können; da hingegen die Abendseite viel gemächlicher und auch für Fuhrwerk, wiewohl nicht ohne Mühe, brauchbar ist. Aus dieser Lage kommt es auch, dass die außerordentliche Höhe des Berges mit den darauf befindlichen weitläufigen Gebäuden auf jener Seite viel besser in die Augen fällt, als wenn man sie von Abend her ansieht. Übrigens hat Herzog Ulrich, im Jahre 1520, diese Festung in seinem exilio von einer Witwe von Klingenberg erkauft; von welcher Zeit sie beständig beim herzoglichen Hause Württemberg geblieben ist.
Quelle: Johann Georg Keyßler. Neueste Reisen durch Deutschland, Böhmen, Ungarn, die Schweiz, Italien und Lothringen. Theil 1. Hannover 1751, S. 8. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20007753977
Sagen, Volksglaube und Brauchtum
Texte rund um den Hohentwiel asammle ich auf der Seite zu Singen:
https://oberschwabenschau.info/landkreise-und-orte-in-oberschwaben/kn-kreis-konstanz/78224-singen_hohentwiel/


