Die Zwölf Artikel der Bauern in Memmingen im Jahr 1525
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Update: 18. August 2026
Einleitung
Die Zwölf Artikel wurden im Bauernkrieg am 6. März 1525 verfasst, als sich ca. 50 Vertreter der aufständischen oberschwäbischen Bauern in Memmingen versammelten.
Die Zwölf Artikel / Zwölf Artikel der Bauernschaft in Schwaben gehören zu den Forderungen, welche die Bauern im Deutschen Bauernkrieg 1525 in Memmingen gegenüber dem Schwäbischen Bund erhoben. Sie gelten nach der Magna Carta von 1215 als eine der ersten niedergeschriebenen Forderungen nach Menschen- und Freiheitsrechten in Europa und als erste gedruckte Fassung der Menschenrechte. Die „Zwölf Artikel“ waren ein mediengeschichtliches Ereignis, weil sie dank des Buchdrucks rasch und preisgünstig vervielfältigt werden konnten und sich über ganz Mitteleuropa verbreiteten. Fast alle Aufständischen bezogen sich auf diese Flugschrift.“²
„Am 16. Februar 1525 begehrten etwa 25 zu Memmingen gehörige Dörfer auf und forderten angesichts ihrer wirtschaftlichen Lage und der allgemeinen politischen Situation beim Rat der Stadt deutliche Verbesserungen. Die Beschwerden wurden in den Memminger Artikeln zusammengefasst. Sie berührten die Leibherrschaft, die Grundherrschaft, Nutzungsrechte am Wald und der Allmende sowie kirchliche Forderungen. Die Bauern wollten Reformen auf breiter Front. Die Stadt ließ einen Ausschuss der Dörfler bilden und rechnete mit einem langen Katalog an spezifischen Forderungen. Sehr unerwartet gaben die Bauern aber eine einheitliche grundsätzliche Erklärung ab, die aus zwölf Artikeln bestand. Viele dieser Forderungen konnten im Rat in der Folge nicht durchgesetzt werden, aber es kann davon ausgegangen werden, dass die Artikel der Memminger Landschaft die Diskussionsgrundlage für die Zwölf Artikel der Oberschwäbischen Eidgenossenschaft vom 20. März 1525 waren. „¹
Die Zwölf Artikel
Transkript in mittelhochdeutscher Sprache
Dem Christlichen leser Frid vnd gnad Gottes durch Christum.
Es sind vil widerchristen/ die ytzund von wegen der versamleten Pawrschafft/ das Evãgelion zůschmehen vrsach nemen/ sagent/ dz sind die frücht des newen Evangelions. Niemant gehorsam sein/ an allen ortten sich empor heben/ vñ auffspỏren/ mit grossem gewalt zůhauff lauffen / vnnd sich rotten/ geistliche vnd weltliche oberkeyten zů reformieren / auf zůreütten/ ja villeicht gar erschlagen: Allen dysen gotlosen freuenlichen vrtailern/ antworten dyse nachgeschrißene Artickel. Am Ersten / daß sy dyse schmach/ dem wort gottes auffheben. Zum andern die vngehorsamkeit/ ja die empörung aller pawren Christlich entschüldigen. Zum Ersten/ ist das Evãgelion nit eyn vrsach der empörung oder auffrůren Dieweyl es eyn rede ist võ Christo dem verheyßne Messia/ welchs wort vñ leben nichts dañ liebe/ frid gedult/ vnd ainigkeit lernet/ also daß alle/ die in dysen Christũ glauben/ lieplich/ fridlich/ gedultig/ vnd aynig werdẽ. So dañ der grundt aller artickel der Pawren (wie dañ klar gesehen wirt) dem Evãgelion zůhören/ vñ dem gemeß zůleben/ dahyn gericht ist/ wie mögen dañ die widerchristen das ewangelion eyn vrsach der empörung/ vñ des vngehorsams nennen.
Daß aber ettlich widerchristẽ vñ feynd des Evangelij/ wider söliche anmůtung vnd begerung sich leynen vnd auffspỏren/ ist das Evangelion nit vrsach/ sonder der Teüffel der schedlichst seynd des Evangelij/ der sỏlchs durch den vnglaubẽ in den sei nen wircket/ auff daß das wort Gottes / das liebe/ frid/ vnd aynigkeyt lernet/ vndtergetruckt/ vñ weg genomẽ werde. Zum Andern/ daß klar/ lauter volget/ daß die Pawren in jren Artickeln solches Evãgelion zur leer vnd leben begerend/ nit mỏgen vnge horsam/ auffrůrisch/ genennt werden. Ob aber Gott die pawren/ nach seinem wort zůleben ãngstlich růf
fend/ erhỏren will/ wer will den willẽ gottes tadeln Wer will in sein gericht greiffen? Ja wer will seiner Maiestet widerstreben. Hat er die kynder Israel zů im schreyend erhỏrt/ vnd auß der handt Pharaonis erledigt/ mag er nit noch hewt die seinen erretten? Ja er wirts erretten/ vñ in einer kůrtz. Derhalb Christlicher Leser/ sỏlche nachvolgende artickel lyß mit vleys/ vnd nachmals vrtayle.
Hienach volgent die Artickel.
Der Erst Artickel.
Zvm Ersten / ist vnser demůttig bitt vnd beger / auch vnser aller will vnd meynung / daß wir nun fůrohyn gewalt vnd macht wỏllen haben/ eyn gantze gemeyn soll eyn Pfarrer selbs erwỏlen vnd kysen. Auch gewalt habẽ/ den selbigen wider zůentsetzen/ wañ er sich vn gepůrlich hielt. Der selbig erwelt Pfarrer soll vnns das heylig Evãgeli lauter vñ klar predigen/ on alle menschlichẽ zůsatz/ leer/ vñ gebot/ dañ vns den waren glawben stets verkhůndigen / geyt vns eyn vrsach/ Got vmb sein gnad zůbitten/ vns den selbigen waren glauben einbilden/ vñ in vns bestetten. Dañ wañ sein gnad in vns nit eingepildet wirt/ so pleibẽ wir steets fleysch vnd plůt/ das dañ nichts můtz ist / wie klárlich in der schrifft steet/ daß wir allein durch den waren glauben zů got kom̃en kỏnden/ vñ allein durch sein barmherzigkeyt sålig můssen werden.
Darumb ist vns ein sỏlcher vorgeer vñ Pfarrer võnỏtten / vñ in dyser gestalt in der schrifft gegrůndt.
Der ander Artickel.
Zum andern. Nach dem der recht Zehendt auffgesetzt ist im alten Testament/ vnd im newen als erfůlt/ nichts destmynder wỏllen wir den rechtẽ korn zehend gern geben/ doch wie sich gepůrt. Demnach man soll jn got geben/ vnd den seynen mittaylen/ gebůrt es einem Pfarrer klar vñ lautter dz Gotswort zůverkůndigen . Seyen wir des willens hynfůro / dysen zehend vnsere Kirchẽprỏbst (so dañ eyn Gesmeyn setzt) sỏllẽ einsemlen vñ einnemen/ daruõ einẽ Pfarrer/ so võ einer gantzer Gemayn erwỏlt wirt/ sein zymlich/ gnůgsam auffenthalt gebẽ/ im vñ den seinen/ nach erkantnuß eyner gãtzen Gemeyn. Vnd was vberbleybt/ soll man armen důrfftigen (so im̃ selben dorff vorhandẽ seind) mitteylen/ nach gestalt der sach vnnd erkantnuß einer Gemeyn. Was darnach vberbleybt/ soll man behalten/ ob man reysen můst võ landtsnot wegen/ damit man keyn landßstewer důrff auff den armen anlegen/ soll mans võ dysem vberschuß aufrichten. Auch ob sach were / daß eyns oder mer dỏrffer weren/ die den zehenden selbs verkaufft hetten/ auß etlicher not halbẽ/ die selbigen darumb zůzaygen/ wie/ vnd in waßer gestalt syeß võ eym gantzen dorff hetten/ die sỏln es nit entgelten/ sond wir wỏllen vns zymlicher weyse nach gestalt der sach mit jn vergleychen / jm sỏlichs wid̃ mit zimlichem zyl vnd zeyt ablassen. Aber wer von keynem dorff sỏlichs erkaufft/ vnd jre vorfaren jnen selbs sỏlchs zůgeaygent hetten/ wỏllen vñ sỏllẽ/ vñ seind jnen nichts weytters schuldig zůgeben/ alleyn wie obstat vnsern erwỏlten Pfarrer darmit zů vñ halten/ nachmalen ablỏsen/ oder den důrfftigen mitteylen/ wie die heylig geschrifft inhalt/ sy seyen geystlich oder weltlich. Den kleynen zehend wỏllen wir gar nit geben / dañ Got der herr das vich frey dem menschẽ beschaffen/ das wir fůr ein vnzimlichen zehend schatzen/ den die menschen erdicht haben. Darumb wỏllen wir jn nit weytter geben.
Der dritt Artickel.
Zum Drittẽ. Ist der prauch bißher gewesen/ daß man vns fůr aygen lewt gehalten hatt/ welchs dañ zů erbarmen ist/ angesehen/ daß vnns Christus alle mit seinem kỏstparlichen plůtvergießen erlỏst vñ erkaufft/ den hyrtten gleych als wol/ als den hỏchstẽ/ keyn außgenom̃en. Darumb erfindt sich mit der geschrifft/ daß wir frey seyen/ vñ wỏllens sein/ nit daß wir gar frey wỏllen sein/ keyn oberkait haben wỏllẽ lernet vnns Gott nit . Wir sỏllen in gepoten leben/ nit in freyem fleyschlichen můtwillen/ sonder Gott lieben/ jn als vnsern herzen/ jn vnsern nåchsten erkennen/ vñ alles das so wir auch gern hetten / das vns Got am Nachtmal gepotten hatt zů eyner letz/ darumb sỏllen wir nach seinem gepot leben. Zaigt vnd weißt vnns dyß gepot nit an/ daß wir der oberkeyt nit gehorsam seyen/ nit allayn der oberkait / sonder wir sỏllen vns gegen yederman demůtigen/ dz wir auch begeren gegen vnser erwelten vñ gesetztẽ oberkeyt (so vns von got gesezt) in allen zimlichen vnd Christlichẽ sachen begeren gehorsam zůsein. Seyen auch on zweyffel/ jr werdent vns der aygenschafft/ als war vñ recht Christen gern entlassen / oder vns im̃ Evãgeli des berichtẽ/ daß wirs pflichtig seyen.
Der vierdt Artickel.
Zum Vierdten . Ist bißher im̃ prauch gewesen / daß keyn armer man/ nit gewalt gehabt hatt / das wiltpret/ gefỏgel/ oder fisch in fließenden waßern nit zůfahen zůgelassen werdẽ/ welchs vns ganz vn zymlich vnd vnbrůderlich dunckt/ sonder aygenmůtzig/ vñ dem wort gottes nit gemeß sein. Auch in etlichen ỏrttern die oberkait vns das gewildt zůtrutz vnd mechtigem schaden halten/ will vns das vnser (so Got dem menschen zůnutz wachsen hatt lassen) die vnuernůnftigen thyer zůvnnutz verfrezen můt willigklich/ leydẽ műssen/ dar zů stillschweygen/ dz wider Got vñ den nåchsten ist. Wañ als got d̃ herz den menschen erschůff/ hat er jm gewalt geben vber alle thieer/ vber den fogel im̃ lufft/ vñ vber den fisch im̃ waßer. Darumb ist vnser begeren/ wann eyner waßer hett/ daß ers mit gnůgsamer schrifft beweysen mag/ daß man das waßer vnwissenlich also erkaufft hett/ begeren wir jms nit mit gewalt zůnemẽ/ sonder man műst eyn Christlich einsehen darinnen haben/ von wegen brůderlicher liebe. Aber wer nit gnůgsam anzaygen darůb kañ thůn/ solß eyner gemeyn zymlicher weyß mitteylen.
Der fůnfft Artickel.
Zum fůnfften . Seind wir auch beschwert der Beholzung halb/ dañ vnser herrschafften haben jnen die hỏlzer alle alleyn geaygnet / vnd wañ der arm man was bedarff/ műß ers vmb zway gelt kauffen Ist vnser maynung/ was fůr hỏlzer seyen/ es habẽs geystlich oder weltlich innen/ die es nit erkaufft haben/ soll eyner gantzen gemeyn wider anhaym fallen/ vnd eyner gemayn zymlicher weyß frey seyn/ einem yetlichen seyn notturfft inß hauß zůbrẽnen/ vñ sonst lassen nemen. Auch wañ võ nỏtten sein wůrd zů zymern/ auch vñ sonst nemen. Doch mit wissen deren/ so von der gemeyn darzů erwelt werdẽ. So aber keyns vorhanden were / dañ das so redlich erkaufft ist worden/ soll man sich mit den selbigen brůderlich vnd Christlich vergleychen. Wañ aber das gůt am anfang auß jnen selbs geaygnet were worden/ vnnd nachmals verkaufft worden / soll mann sich vergleychen nach gestalt der sach vñ erkantnuß brůderlicher lieb vnd heiliger geschrifft.
Der Sechst artickel.
Zum Sechsten. Ist vnser hart beschwerung der dienst halben/ welche von tag zůtag gemert werdẽ vñ teglich zůnemen/ begeren wir/ daß man ain zimlich einsehen darein thů / vns der maßen nit so hart beschweren/ sonder vns gnedig hierinnen ansehen / wie vnnser eltern gedienet haben/ alleyn nach lawt des wort gottes.
Der Sybent artickel.
Zum Sybenden. Daß wir hynfůro vns ein herschafft nit weyter wỏllen lassen beschweren/ sonder wieß ein herrschafft zymlicherweyß einem verleycht also soll ers besitzen/ lawt der veraynigũg des herrẽ vnd pawren . Der herr soll jn nit weytter zwingen noch dringen/ mer dienst noch anders von jm vmßsonst begeren/ damit der Pawr sỏlich gůt on beschwert also rwlich prauchẽ vñ nießen mỏg . Ob aber des herrẽ dienst von nỏtten werẽ/ soll jm der pawr willig vnd gehorsam fůr ander sein / doch zůstund vnnd zeyt/ daß dem pawren nit zů nachtayl dyen / vnd jm vmß eyn zymlichen pfenning dienen thů.
Der Acht artickel.
Zum Achten. Seind wir beschwert/ vnd der vil so gůtter innen habẽ/ daß die selbigen gůtter die gilt nit ertragen kỏnden/ vñ die Pawren das jr darauff einbießen vnd verderßen / daß die herrschafft die selbigen gůtter erbar lewt besichtigen laß / vnnd nach der billigkeyt eyn gilt darauff sez / damit der pawr sein arbayt nit vmß sonst thů. Dann eyn yegklicher tagwircker ist seins lons wirdig.
Der Neůndt artickel.
Zum Neůndten/ Seind wir beschwert der grossen freuel halben/ so man steets new sazung macht/ nit daß man vns strafft nach gestalt der sach / sond zů zeytten auß grossem neydt/ vnd etlich auß gunst ledig auß geen. Ist vnser maynung/ vns bey alter geschrißner straff lassen/ darnach die sach gehandelt ist/ vnd nit etlich nach gunst/ etlich auß neyd straff
Der Zehendt artickel.
Zum Zehenden / Seind wir beschwert / daß ettlich haben jnen zůgeaygnet / wysen / der gleichen ecker / die dañ einer gemayn zůgebỏrendt. Die selbigẽ werden wir wider zů vnsern gemaynen handen nemen . Es sey dann sach / daß mans redlich erkaufft haß. Wañ mans aber vnbiellicher weyß erkaufft het soll man sich gůtlich vnd brůderlich mit eynander vergleychen / nach gestalt der sach.
Der Aylfft artickel.
Zum Aylfften / Wỏllen wir den prauch / genañt den todtfall / ganz vnd gar abthan haben / den nymer leyden / noch gestatten / daß man witwen vnd waisen das jr wider Got / eer / vnd recht also schent lich nemen vnnd beraußen soll / wie es an vil ortten (menigerley gestalt) geschehen ist / vnd von den / so sy besitzen vnd beschirmen sỏlten / hand sy vnns geschunden vnd geschaben. Vnd wenn sy wenig fůg hetten gehaßt / hettendt sieß gar genom̃en / das Got nit lenger leyden will / sonder soll ganz absein / keyn mensch nichts hynfůro schuldig sein zůgebẽ / weder wenig noch vil.
Beschluß.
Zum zwỏlfften / Ist vnser beschluß vñ endtliche maynung . Wañ eyner oder mer Artickel als hie gegestellt (so dem wort Gottes nit gemeß) werẽ / als wir dann nit vermaynen die selbigen Artickel / wo man vns mit dem wort Gottes fůr vnzymlich anzaygen / wỏlten wir als dañ darvon absteen / wann mans vns mit grundt der geschrifft erklert . Ob mã vns schon etlich artickel yetz zůließ / vñ hernach sich befůndt / daß vnrecht werẽ / sỏllen sy von stunden an todt / vñ absein / vnd nichts mer gelten . Dergleichen / ob sich in der gschrifft mit der warheit mer Artickel erfůndẽ / die wider Got / vñ beschwernuß des nåchsten werẽ / wỏllen wir vns auch vorbehalten / vñ beschloßen habẽ vñ vns in aller christlicher leer yeben vñ prauchen / darůß wir Got den herzen bitten wỏllen / der vnns das selbig geben kañ / vnnd sonst niemant . Der frid vnd gnad Christi sey mit vnns allen.
Amen.
Übersetzung in heutige Schreibweise
Dem christlichen Leser Frieden und Gnade Gottes durch Christum.
Es sind viele Widerchristen, die jetzt von wegen der versammelten Bauernschaft das Evangelium zu schmähen Ursache nehmen, sagend: Das sind die Früchte des neuen Evangeliums. Niemand gehorsam sein, an allen Orten sich emporheben und aufspüren, mit großer Gewalt zuhauf laufen und sich rotten, geistliche und weltliche Obrigkeiten zu reformieren, auszurotten, ja vielleicht gar erschlagen: Allen diesen gottlosen, frevelhaften Urteilern antworten diese nachgeschriebenen Artikel. Am ersten, dass sie diese Schmach dem Wort Gottes aufheben. Zum andern die Ungehorsamkeit, ja die Empörung aller Bauern christlich entschuldigen. Zum ersten ist das Evangelium nicht eine Ursache der Empörung oder Aufruhr, dieweil es eine Rede ist von Christo, dem verheißenen Messias, welches Wort und Leben nichts denn Liebe, Frieden, Geduld und Einigkeit lehrt, also dass alle, die in diesen Christus glauben, lieblich, friedlich, geduldig und einig werden. So denn der Grund aller Artikel der Bauern (wie denn klar gesehen wird) dem Evangelium zuhören und demgemäß zu leben dahin gerichtet ist, wie mögen denn die Widerchristen das Evangelium eine Ursache der Empörung und des Ungehorsams nennen?
Dass aber etliche Widerchristen und Feinde des Evangeliums wider solche Anmutung und Begehrung sich lehnen und aufspüren, ist das Evangelium nicht Ursache, sondern der Teufel, der schädlichste Feind des Evangeliums, der solches durch den Unglauben in den Seinen wirkt, auf dass das Wort Gottes, das Liebe, Frieden und Einigkeit lehrt, untergedrückt und weggenommen werde. Zum andern, dass klar, lauter folgt, dass die Bauern in ihren Artikeln solches Evangelium zur Lehre und Leben begehrend, nicht mögen ungehorsam, aufrührerisch genannt werden. Ob aber Gott die Bauern, nach seinem Wort zu leben ängstlich rufend, erhören will, wer will den Willen Gottes tadeln? Wer will in sein Gericht greifen? Ja, wer will seiner Majestät widerstreben? Hat er die Kinder Israel zu ihm schreiend erhört und aus der Hand Pharaos erledigt, mag er nicht noch heute die Seinen erretten? Ja, er wird sie erretten und in einer Kürze. Deshalb, christlicher Leser, solche nachfolgende Artikel lies mit Fleiß und nachmals urteile.
Hiernach folgen die Artikel.
Der erste Artikel.
Zum ersten ist unser demütige Bitte und Begehr, auch unser aller Wille und Meinung, dass wir nun fortan Gewalt und Macht wollen haben, eine ganze Gemeinde soll einen Pfarrer selbst erwählen und kiesen. Auch Gewalt haben, denselbigen wieder zu entsetzen, wenn er sich ungebührlich hielt. Derselbige erwählte Pfarrer soll uns das heilige Evangelium lauter und klar predigen, ohne allen menschlichen Zusatz, Lehre und Gebot, denn uns den wahren Glauben stets verkündigen gibt uns eine Ursache, Gott um seine Gnade zu bitten, uns denselbigen wahren Glauben einzubilden und in uns zu bestätigen. Denn wenn seine Gnade in uns nicht eingebildet wird, so bleiben wir stets Fleisch und Blut, das denn nichts nütze ist, wie klärlich in der Schrift steht, dass wir allein durch den wahren Glauben zu Gott kommen können und allein durch seine Barmherzigkeit selig werden müssen. Darum ist uns ein solcher Vorgeher und Pfarrer vonnöten und in dieser Gestalt in der Schrift gegründet.
Der andere Artikel.
Zum andern. Nachdem der rechte Zehnt aufgesetzt ist im Alten Testament und im Neuen als erfüllt, nichtsdestoweniger wollen wir den rechten Kornzehnten gern geben, doch wie sich gebührt. Demnach man soll ihn Gott geben und den Seinen mitteilen, gebührt es einem Pfarrer klar und lauter das Gotteswort zu verkündigen. Seien wir des Willens fortan, diesen Zehnten unsere Kirchpröbste (so denn eine Gemeinde setzt) sollen einsammeln und einnehmen, davon einem Pfarrer, so von einer ganzen Gemeinde erwählt wird, seinen ziemlichen, genugsamen Aufenthalt geben, ihm und den Seinen, nach Erkenntnis einer ganzen Gemeinde. Und was übrigbleibt, soll man armen Dürftigen (so im selben Dorf vorhanden sind) mitteilen, nach Gestalt der Sache und Erkenntnis einer Gemeinde. Was danach übrigbleibt, soll man behalten, ob man reisen müsste von Landesnot wegen, damit man keine Landessteuer darf auf die Armen anlegen, soll man es von diesem Überschuss aufrichten. Auch ob Sache wäre, dass eines oder mehr Dörfer wären, die den Zehnten selbst verkauft hätten aus etlicher Not halber, die selbigen darum zu zeigen, wie und in welcher Gestalt sie es von einem ganzen Dorf hätten, die sollen es nicht entgelten, sondern wir wollen uns ziemlicher Weise nach Gestalt der Sache mit ihnen vergleichen, ihm solches wieder mit ziemlichem Ziel und Zeit ablassen. Aber wer von keinem Dorf solches erkauft und ihre Vorfahren ihnen selbst solches zugeignet hätten, wollen und sollen und sind ihnen nichts Weiteres schuldig zu geben, allein wie oben steht, unseren erwählten Pfarrer damit zu unterhalten, nachmals ablösen oder den Dürftigen mitteilen, wie die heilige Schrift Inhalt, sie seien geistlich oder weltlich. Den kleinen Zehnten wollen wir gar nicht geben, denn Gott der Herr das Vieh frei dem Menschen erschaffen, das wir für einen unziemlichen Zehnten schätzen, den die Menschen erdichtet haben. Darum wollen wir ihn nicht weiter geben.
Der dritte Artikel.
Zum dritten. Ist der Brauch bisher gewesen, dass man uns für eigene Leute gehalten hat, welches denn zu erbarmen ist, angesehen, dass uns Christus alle mit seinem kostbarlichen Blutvergießen erlöst und erkauft, den Hirten gleich als wohl als den Höchsten, keinen ausgenommen. Darum erfindet sich mit der Schrift, dass wir frei seien, und wollen es sein, nicht dass wir gar frei sein wollen, keine Obrigkeit haben wollen, lehrt uns Gott nicht. Wir sollen in Geboten leben, nicht in freiem fleischlichem Mutwillen, sondern Gott lieben, ihn als unseren Herrn, in unseren Nächsten erkennen und alles das, so wir auch gern hätten, das uns Gott am Nachtmahl geboten hat zu einer Letze, darum sollen wir nach seinem Gebot leben. Zeigt und weist uns dies Gebot nicht an, dass wir der Obrigkeit nicht gehorsam seien, nicht allein der Obrigkeit, sondern wir sollen uns gegen jedermann demütigen, dass wir auch begehren gegen unsere erwählte und gesetzte Obrigkeit (so uns von Gott gesetzt) in allen ziemlichen und christlichen Sachen begehren gehorsam zu sein. Seien auch ohne Zweifel, ihr werdet uns der Eigenschaft als wahre und rechte Christen gern entlassen oder uns im Evangelium des berichten, dass wir es pflichtig seien.
Der vierte Artikel.
Zum vierten. Ist bisher im Brauch gewesen, dass kein armer Mann nicht Gewalt gehabt hat, das Wildbret, Geflügel oder Fisch in fließenden Wassern nicht zu fangen zugelassen werden, welches uns ganz unziemlich und unbrüderlich dünkt, sondern eigennützig und dem Wort Gottes nicht gemäß sein. Auch in etlichen Orten die Obrigkeit uns das Wildbret zu Trotz und mächtigem Schaden halten, will uns das Unsere (so Gott dem Menschen zu Nutz wachsen hat lassen) die unvernünftigen Tiere zu Unnutz verfressen mutwilliglich, leiden müssen, dazu stillschweigen, das wider Gott und den Nächsten ist. Denn als Gott der Herr den Menschen erschuf, hat er ihm Gewalt gegeben über alle Tiere, über den Vogel in der Luft und über den Fisch im Wasser. Darum ist unser Begehren, wenn einer Wasser hätte, dass er es mit genugsamer Schrift beweisen mag, dass man das Wasser unwissentlich also erkauft hätte, begehren wir ihm es nicht mit Gewalt zu nehmen, sondern man müsste ein christliches Einsehen darinnen haben von wegen brüderlicher Liebe. Aber wer nicht genugsam Anzeige darum kann tun, soll es einer Gemeinde ziemlicher Weise mitteilen.
Der fünfte Artikel.
Zum fünften. Sind wir auch beschwert der Beholzung halb, denn unsere Herrschaften haben ihnen die Hölzer alle allein geachtet / zugeeignet, und wenn der arme Mann was bedarf, muss er es um zweifaches Geld kaufen. Ist unsere Meinung, was für Hölzer seien, es haben es Geistliche oder Weltliche innen, die es nicht erkauft haben, soll einer ganzen Gemeinde wieder anheimfallen und einer Gemeinde ziemlicher Weise frei sein, einem jeglichen seine Notdurft ins Haus zu brennen und sonst lassen nehmen. Auch wenn vonnöten sein würde zu zimmern, auch und sonst nehmen. Doch mit Wissen derer, so von der Gemeinde dazu erwählt werden. So aber keines vorhanden wäre denn das, so redlich erkauft ist worden, soll man sich mit denselbigen brüderlich und christlich vergleichen. Wenn aber das Gut am Anfang aus ihnen selbst zugeeignet wäre worden und nachmals verkauft worden, soll man sich vergleichen nach Gestalt der Sache und Erkenntnis brüderlicher Liebe und heiliger Schrift.
Der sechste Artikel.
Zum sechsten. Ist unsere harte Beschwerung der Dienste halben, welche von Tag zu Tag gemehrt werden und täglich zunehmen, begehren wir, dass man ein ziemliches Einsehen darein tue, uns der Maßen nicht so hart beschwere, sondern uns gnädig hierinnen ansehe, wie unsere Eltern gedient haben, allein nach Laut des Wortes Gottes.
Der siebente Artikel.
Zum Siebenden. Dass wir hinfort uns eine Herrschaft nicht weiter wollen lassen beschweren, sondern wie es eine Herrschaft ziemlicher Weise einem verleiht, also soll er es besitzen, laut der Vereinigung des Herrn und Bauern. Der Herr soll ihn nicht weiter zwingen noch dringen, mehr Dienst noch anderes von ihm umsonst begehren, damit der Bauer solch Gut ohne Beschwerde also ruhig brauchen und genießen möge. Ob aber des Herrn Dienste vonnöten wären, soll ihm der Bauer willig und gehorsam vor anderen sein, doch zu Stunde und Zeit, dass es dem Bauern nicht zu Nachteil diene, und ihm um einen ziemlichen Pfennig dienen tue.
Der achte Artikel.
Zum Achten. Sind wir beschwert, und der viele, so Güter innehaben, dass die selbigen Güter die Gült nicht ertragen können und die Bauern das Ihre darauf einbüßen und verderben, dass die Herrschaft die selbigen Güter ehrbare Leute besichtigen lasse und nach der Billigkeit eine Gült darauf setze, damit der Bauer seine Arbeit nicht umsonst tue. Denn ein jeglicher Tagwerker ist seines Lohnes würdig.
Der neunte Artikel.
Zum Neunten. Sind wir beschwert der großen Frevel halben, so man stets neue Satzung macht, nicht dass man uns straft nach Gestalt der Sache, sondern zu Zeiten aus großem Neid, und etliche aus Gunst ledig ausgehen. Ist unsere Meinung, uns bei alter geschriebener Strafe lassen, danach die Sache gehandelt ist, und nicht etliche nach Gunst, etliche aus Neid strafen.
Der zehnte Artikel.
Zum Zehnten. Sind wir beschwert, dass etliche haben ihnen zugeeignet Wiesen, dergleichen Äcker, die denn einer Gemeinde zugehören. Die selbigen werden wir wieder zu unseren gemeinen Händen nehmen. Es sei denn Sache, dass man es redlich erkauft habe. Wenn man es aber unbilliger Weise erkauft hätte, soll man sich gütlich und brüderlich miteinander vergleichen, nach Gestalt der Sache.
Der elfte Artikel.
Zum Elften. Wollen wir den Brauch, genannt den Todfall, ganz und gar abgetan haben, den nimmermehr leiden noch gestatten, dass man Witwen und Waisen das Ihre wider Gott, Ehre und Recht also schändlich nehmen und berauben soll, wie es an vielen Orten (mancherlei Gestalt) geschehen ist; und von denen, so sie besitzen und beschirmen sollten, haben sie uns geschunden und geschabt. Und wenn sie wenig Fug gehabt hätten, hätten sie es gar genommen, das Gott nicht länger leiden will, sondern soll ganz ab sein, kein Mensch nichts hinfort schuldig sein zu geben, weder wenig noch viel.
Beschluss.
Zum Zwölften. Ist unser Beschluss und endliche Meinung: Wenn einer oder mehr Artikel, als hier gestellt, (so dem Wort Gottes nicht gemäß) wären, als wir denn nicht vermeinen die selbigen Artikel, wo man uns mit dem Wort Gottes für unziemlich anzeigte, wollten wir alsdenn davon abstehen, wenn man es uns mit Grund der Schrift erklärt. Ob man uns schon etliche Artikel jetzt zuließe und hernach sich befände, dass sie unrecht wären, sollen sie von Stund an tot und ab sein und nichts mehr gelten. Dergleichen, ob sich in der Schrift mit der Wahrheit mehr Artikel erfänden, die wider Gott und Beschwerung des Nächsten wären, wollen wir uns auch vorbehalten und beschlossen haben und uns in aller christlicher Lehre üben und brauchen, darüber wir Gott den Herrn bitten wollen, der uns das selbige geben kann und sonst niemand. Der Friede und die Gnade Christi sei mit uns allen.
Amen.
Digitalisat: https://books.google.de/books?id=iX5TAAAAcAAJ&printsec=frontcover
Interpretation und Hintergrund
Böhmer, :Die Entstehung der zwölf Artikel der Bauern von 15 in: Blätter für württembergische Kirchengeschichte, NF, Bd. 14, 1910
https://www.digizeitschriften.de/id/720885019_2_0014|LOG_0017
Fußnoten
¹ Wikipedia: Die zwölf Artikel
https://de.wikipedia.org/wiki/Zw%C3%B6lf_Artikel
² a.a.O
Anmerkung: Die Transkription aus der Flugschrift und die Übersetzung in heutige Worte habe ich mit Hilfe von Screenshots aus dem Digitalisat und durch die KI Gemini erledigt. Die Transkription kann Fehler enthalten. Sie wurde noch nicht Korrektur gelesen. Nach erstem Anschein scheint es ganz passabel zu sein.


