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St. Johannistag

Der St. Johannistag (24. Juni) fällt in die Sommersonnwende.

Dieser Zeitpunkt spielt in den religiösen Anschauungen der alten germanischen Völker eine große Rolle. In diesen Augenblicken dachte man sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleich geworden; daher die vielen abergläubischen Sitten, die Zukunft zu erforschen und sein Schicksal zu erfragen. Die ganze Natur nimmt einen andern Lauf. Der schöne Sommer, dessen Einzug mit dem Austreiben des Winters in zahllosen Frühlingsfesten gefeiert worden, beginnt am St. Johannistag schon ein wenig zu weichen, um dem unerbittlichen Winter allmählich Platz zu machen.

Im schwäbischen Oberland und Unterland wird dieser wichtige Tag mit zahllosen Festlichkeiten feierlich begangen. Die größte Rolle spielen die sog. Johannisfeuer, wie sie in Oberschwaben heißen. In der Gmünder Gegend heißen sie Himmelsfeuer, bei Ehingen Zündelfeuer, in Neckarsulm und Umgegend Kanzfeuer, beim Federsee das Sinkenfeuer. In andern Gegenden fallen die Johannisfeuer auf St. Jakobi, St. Michaeli, behalten aber immer ihren Namen Johannisfeuer. In der Umgegend von Waldsee, früher in Wurzach, gab es ein Muc kenfeuer, wahrscheinlich zu Ehren St. Johann Nepomuks, welcher Tag auf den 18. Mai fällt. Abends wurden zwei Holzhaufen errichtet auf irgend einem freien Platz vor dem Städtchen Wurzach oder auf einer benachbarten Höhe. Der eine Holzhaufen war für Erwachsene und darum höher, der andere für Kleinere und niederer. Der große konnte oft drei bis vier Fuß hoch sein. Alsbald wurden die Stöße angezündet, und das Jucken über das brennende Feuer ging an. Meistens sprangen die Bursche an der Hand ihrer Mädchen hinüber; getraute sie sich nicht, so sprang sie nebenher und er allein hinüber. So juckten oft 40 bis 50 Paare über das Johannisfeuer. Wer am höchsten jucken konnte, der war der Held des Tages. Nach Hause gekommen, zechte man bei seinem Mädchen oder gemeinschaftlich im Wirtshaus.

In den Ortschaften an dem Federsee herum sprang man über das hochaufbrennende Feuer, das oft von mehreren Haufen aufloderte, und rief:
Sankt Johanns Segen,
Laß mir mein Werg
Drei Ellen lang werden,
Bollen wie Baumnuß.
So dauert das Johannisfeuer oft acht Tage.

In Neckarsulm ziehen die Bursche von Haus zu Haus und fordern Holz. Sie ziehen die zerrissensten Kleider an, mit Prügeln auf den Schultern; ernsthaften Gesichts machen sie vor jedem Hause Halt und rufen allesammt:
Ist eine gute Frâ im Haus?
Schmeist ein Büschele Holz heraus,
Oder man läßt den Marder in’s Hühnerhaus.

Wird nichts verabreicht, so folgt gleich eine häßliche Katzenmusik. Gewöhnlich werden Rebbüschelein gegeben, diese hinausgeführt und in Haufen geschichtet, worauf das Feuerspringen beginnt. Hier sind es blos jüngere Buben, und die Feierlichkeit selbst ist kaum mehr ein Nachklang der alten Johannisfeier, indem zugleich andere Absichten mit unterlaufen. Zu bemerken ist noch, daß, je ärmlicher gekleidet, je bettelhaftiger die Buben daherkommen, die Feier um so sinnvoller sein soll, was eher auf ein altes Winterfest schließen ließe. Daß derlei Feuerspringen und Feuerjucken auf einen alten Sonnencult zurückzuführen sei, ist unzweifelhaft. Die Sitte, brennende Strohräder von Bergen herabzulassen, wie wir in der Gegend von Gerhausen, auf dem Frauenberg und um den Hohenstaufen es ehemals sehen konnten, hat sicherlich Bezug auf die Sonne, ebenso wie die brennenden Scheiben des weißen Sonntags. Charakteristisch ist das Beten um Gedeihen des Werges in Gegenden Oberschwabens, wo die Wergcultur besonders zu Hause ist. Man sieht hieraus, wie das Volk die Wergernte so sehr von der Gunst der Sonne abhängig macht.

Eigenthümlich seit uralter Zeit ist die Johannisfeier in Rottenburg und dauerte bis zu dem Anfang dieses Jahrhunderts herein. Schon um die Mittagszeit gingen Haufen Buben in der Stadt herum, theilten sich in verschiedene Stadttheile und Gassen, zogen Armen und Reichen in die Häuser hinauf. Einer mit papierner Fahne, ein zweiter mit weißem Teller und schneeweißem Tüchlein darauf gedeckt, ein dritter mit dem Degen. Diese drei gingen in’s Haus, die andern blieben draußen. Zur Stubenthür eingetreten, hub der mit dem Degen also an:
Sankt Johann bin ich genannt,
Ich trag den Degen in meiner Hand,
Wer um den Degen streit,
Der macht die allerbeste Beut!
Der mit der Fahne hub an:
Sankt Johannes sacrata
Muß den Martin Luther braten,
Muß ihn mit Zibeben spicken,
Muß ihn dem Teufel zum Jahr schicken.

Oder:
Sankt Johannes saffrata,
Komm, wir wollen den Luther braten,
Hat er gessen Käs und Butter,
Muß er schnupfen Stubenkutter!
Dann kam der mit dem Teller und weißen Tüchlein darauf:
Wie! gebt uns auch einen Thaler, drei oder vier,
Können wir trinken Wein oder Bier!

Diese Sitte des Einsammelns mit dem Degen in der Hand dauerte bis zum Jahre 1807 und 1808, in welcher Zeit der neue württembergische Oberamtmann Marz dem sog. Unfug dadurch ein Ende machte, daß er, den Stock in der Hand, die Buben von der Thüre trieb. War auf diese Weise die Runde gemacht, was so bis gegen Abend dauerte, so wurde das Gesammelte gezählt. Auf einem freien Platze, oft mitten in der Stadt, auf der Schütte, vor dem Silcherthor, auf dem Wört, auf dem Ehingerplatz ward Anstalt gemacht zum Engelmann köpfen. Man trieb einen Stotzen fest in den Boden hinein und umwickelte ihn mit Stroh und bildete eine Art menschlicher Figur mit Armen, Kopf und Gesicht. Den Kopf, gar feine und zierliche Arbeit, lieferte der Hafner. Jeder der Buben brachte eine Handvoll Sträuße; diese steckte man um den Engelmann herum, so daß er von Blumen ganz überdeckt war. Unten herum wurde Holz aufgeschichtet, Johannisscheiter geheißen. Eine endlose Masse von Buben stand rings herum, voll Kampfesmuth, mit dem Degen in der Hand, und wartet auf das Zeichen zum Losschlagen. Der Holzstoß wird angezündet, und wenn der Engelmann hell auflodert, hauen alle auf gegebenes Commando ein und jeder will der Tapferste sein. Ist der Engelmann bereits abgebrannt und zerhauen, so springt man über die brennenden Scheiter hinüber und herüber; es konnte oft lang andauern.

Das Eingesammelte verwendeten die Buben, um Bier, Wein, Käs und Wurst zu kaufen. Abends wurden vor dem Hause irgend eines von ihnen Tische und Stühle aufgestellt und das Gekaufte aufgetischt. Eltern, Nachbarn, Alles saß zusammen: brachte der einen Krug Bauzemer, Neckarhalder oder Mâtisberger, und so er leer war, jener wieder einen. So wurde das Fest ein gemeinsames; die Alten freuten sich jezt des Abends, nachdem die Jungen ausgetobt hatten. Auch nachdem das Einsammeln mit dem Degen schon längst aufgehört hatte, dauerte die nächtliche Feierlichkeit an den Tischen noch fort bis auf die lezten Jahre herein. Innungen und Zünfte, Nachbarn, Bekannte, Freunde und Verwandte saßen zusammen. Wirte hielten ihre Stammgäste in dieser Nacht frei. Alle die, welche zum Spital sahen, bekamen in der Johannisnacht Wein und Brod an Tischen unter freiem Himmel; der Herrschaftskeller in der obern Gasse verabreichte den Nachbarn ebenfalls Wein und Brod. Es war Ein Friede und Eine Freundschaft: alles Maßleidige wurde wieder gut gemacht, und alte Leute können nicht genug erzählen, wie schön es da gewesen ist.

Betrachten wir diese einzelnen Züge in den aufgezählten Sitten, so haben wir in den etwas rohen Versen des Spottes auf Luther wol pasquillartige Ueberbleibsel aus der Reformationszeit. Nicht zu vergessen ist dabei, daß die vorderösterreichischen Grenzbewohner, die Rottenburger, abgesagte Feinde alles Lutherthums waren, und es mag zwischen den Württembergern und den Rottenburgern zu manchem Strauß gekommen sein. Das Engelmannköpfen scheint noch Spuren einer uralten heidnischen Zeit an sich zu tragen, wiewol die ganze Darstellung auf die Hinrichtung des hl. Johannis geht. Der blumenumsteckte Engelmann, der geköpft und zerhauen wird, ist ohne Zweifel eine Hinweisung auf den schon wieder das Scheiden antretenden Sommer mit seinen Blumen und Blüten. Der Sitte wurde ein christlicher Sinn unterschoben, daher die ganze Sache eine Mischung von Heidnischem und Christlichem. – Was den Minnetrunk anbelangt, wie man in Rottenburg bis auf unsere Zeit herein zu thun pflegte, so darf man nicht vergessen, daß das Minnetrinken sowol zu Ehren des Johannes des Evangelisten, wie zu Ehren des Täufers geschah: beide wurden zusammen genommen, wie bei kirchlichen Stiftungen. Aehnliche Schmausereien waren in Heilbronn auf den Straßen, in Ueberlingen gemeinsames Essen der Zünfte, in Tettnang Festessen, den Bürgern von den Montfort gegeben, in Blaubeuren wurde ein Eimer Wein unter die Jugend vertheilt, von der Gräfin Anna auf dem Frauenberge gestiftet.

So traulich und lustig diese Feierlichkeiten waren, so furchtbar war die Johannisnacht. Keine Zeit im ganzen Jahre hatte solche Schrecken, wie diese: des Teufels ganze Sippe, Geister und Hexen hatten freien Lauf und konnten den Menschen schaden. Gleich nach dem Nachtgebetläuten wurden darum Thüren, Fenster und Läden sorgfältig verschlossen; denn durch jede Spalte, jede Ritze, wo Luft eindringen kann, ist es diesen Ungeheuern möglich, einzudringen. Die Nacht durch wurde mit allen Glocken geläutet; Läuten nimmt den bösen Geistern ihre Macht und macht die Hexen unfahrbar. In einem Kirchenbuche heißt es von den Zehntknechten, daß sie am Johannisabend von Abends 9 Uhr bis Morgens 3 Uhr läuten müssen; dafür erhielten sie sieben Maas Wein und ein Laib Brod vom Spital25. Weissangen wurden auf dem Herde verbrennt; so weit der Rauch dringt, kann nichts Böses.

Zauberei aller Art konnte in dieser Nacht getrieben werden; zwischen 11 und 12 Uhr holten Zauberkundige den Fahrsamen, der in dieser Stunde blüht, reift und abfällt (Puspers Hexenprotokolle). Jezt weiß man davon fast gar nichts mehr, und von dem ganzen Schrecken der Nacht und von der ganzen Johannisfeier hat sich nur noch der schöne Brauch bis vor wenige Jahre hin erhalten, daß man gemeinschaftlich in aller Lustigkeit zusammensaß und zechte.

»Zweimal des Jahrs wendet die Sonne ihren Lauf: im Sommer, um zu sinken; im Winter, um zu steigen. Diese Sonnwenden beging das Heidenthum feierlichst; von dem sommerlichen Fest ist noch jezt die Johannisfeier übrig.« Grimm, Mythol. S. 683.
In Augsburger Ausrufzetteln aus den Jahren 1530-1540 werden öfters die Simentsfeuer verboten. Vgl. einen solchen hinten in den Anmerkungen.
Noch in neueren Zeiten feierte die Jugend den Johannisabend auf dem Frauenberge mit Freudenfeuer. Aus Stroh geflochtene Räder wurden dabei den Berg hinabgerollt. Also auch hier wie zu Saulgau Johannisfeuer. Blaub. O.A. Beschr. S. 155.
Auf dem Frauenberg bei Gerhausen soll die Gräfin Anna einen Wohnsitz gehabt und alljährlich am Tage St. Johannes d.T. daselbst unter die Jugend einen Eimer Wein vertheilt haben.
Vgl. Volksthüml. I. Bd. S. 278. Nr. 437.
Quelle: Birlinger, Anton: Sitten und Gebräuche. Freiburg im Breisgau 1862, S. 96-103.
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