Eine Sage aus dem Jahr 1842. Der Autor versetzt sich in die Person eines Musikanten, der zum Begleiter von Kaiser Maximilian aufsteigt und sich in ein Mädchen aus der Nähe von Petershausen bei Konstanz verliebt. Die Sage spielt während der Zeit um das Jahr 1500, als Maximilian I. in den Krieg gegen die Schweizer zieht. Text aus Fraktur transkribiert und an heutige Rechtschreibung angepasst.
Wilhelm Christian Binder
Das Mädchen vom See
Ach, wie lang‘ ist’s, dass ich walle
Suchend durch der Erde Flur!
Titan, deine Strahlen alle
Sandt‘ ich nach der teuren Spur;
Keiner hat mir noch verkündet
Von dem lieben Angesicht,
Und der Tag, der alles findet,
Die Verlor’nen fand er nicht.
1.
An einem kühlen Märzabende des Jahres 1528 sah man, bei schon einbrechender Dämmerung, ein leichtes Fuhrwerk aus einem der Tore Mergentheims herausrollen und die Heerstraße nach Augsburg einschlagen. Von den beiden Reisenden, die in demselben fuhren, war der eine ein Mann von gutem Aussehen zwischen 40 und 50 Jahren, dessen stark ins Graue spielendes Haar und tief gezeichnete Züge indessen ein schon vorgerückteres Alter ankündigten; ihm zur Seite saß ein hübsches, blondlockiges Mädchen von etwa 19 Jahren, die Verlobte eines jungen Bürgers von Augsburg, die eben im Begriffe stand, sich in Begleitung ihres Pflegevaters nach dem Orte ihrer nunmehrigen Bestimmung zu begeben.
„Liebe Marie,“ begann der Alte, nachdem sie etwa eine Stunde Weges zurückgelegt hatten, zu seiner Gefährtin, „du hast mich schon oft um Ausschluss über deine Lebensverhältnisse gebeten; jetzt, da diese eine ganz andere Richtung nehmen werden, als bisher, und wir uns, vielleicht auf immer, trennen müssen, ist es meine Pflicht, dir diese Bitte zu gewähren, obgleich mit schwerem Herzen. Deine Geschichte ist so enge verflochten mit meiner eigenen, die ersten schweren Stunden deines irdischen Daseins grenzen nahe an die seligste Zeit meines Lebens, welche begann, um schnell wieder zu verschwinden, dass diese Erzählung notwendig Erinnerungen in meine Seele zurückrufen muss, die ich so gerne auf ewig daraus verbannt hätte. Gleichwohl will ich es tun, um dich mit den Namen bekannt zu machen, die dir, nächst Gott, von nun an für dein ganzes Leben die teuersten bleiben sollen.“
Die Stadt Mergentheim ist mein Geburtsort; das kleine Häuschen am Edelfinger Tore, worin du die Lage deiner Kindheit und Jugend verlebtest, vererbte sich von Voreltern her bis auf meinen Vater, Johannes Wunderlich, den seine Mitbürger wegen seiner Fertigkeit im Lautenspiel nur den Lautenhans nannten. Vermöge dieser Geschicklichkeit hatte er sich ein kleines Dienstlein als Lautenist der Stadt Mergentheim erworben, dem er viele Jahre lang getreulich abwartete. Er würde indessen mit dem, was der Magistrat ihm reichte, sein Leben nur knapp durchgeschlagen haben, wär‘ ihm nicht von dem damaligen Kommthur im Schlosse, der ein großer Liebhaber von Musik war, noch mancher Goldgulden nebenher zugeflossen, wenn er ihm die Zeit mit Spiel und Gesang verkürzte. Überdies gab es auch keine Lustbarkeit in Stadt und Nachbarschaft, wo der Lautenhans nicht seinen schönen Kreuzer verdiente; denn wo sein Spiel erklang, war Leben im geselligen Kreise, und selbst die Herrn im Ordenskleide wanden oft ihre Füße um den Tisch, um nicht auch Lust zu bekommen, sich den Reihen der Tanzlustigen anzuschließen.
So ward der alte Lautenhans im kleinen Häuschen nach und nach ein angesehener Mann, den Alt und Jung kannte und lieb gewann. Ich war sein einziger Sohn und Erbe seiner Kunstgabe. Darüber freute sich mein Vater und sah schon im Geiste voraus, wie sein Söhnlein einst nicht nur das Ämtchen eines Stadtlautenisten zu Mergentheim führen würde, sondern er dachte auch noch weiter; ich sollte meine Kunst auch über die Markung der Vaterstadt hinaustragen, Reisen zu meiner weiteren Ausbildung machen und zuletzt mich an den Höfen der Fürsten und Könige hören lassen. Unter solchen Hoffnungen versäumte er keine Mühe, um in dem kleinen Jungen die Gabe der Kunst so früh als möglich zu wecken und auszubilden; ich kam auch in Kurzem so weit, dass ich meinen Vater auf seinen musikalischen Wanderungen begleiten konnte; bald wurde derselbe nirgends mehr ohne sein Hänschen gesehen und brachte immer noch einmal so viel Geld nach Hause als vorher.
So trieb ich es bis in mein sechzehntes Jahr, und dachte gar nicht anders, als dass ich mein ganzes Leben hindurch diesem Berufe zugetan bleiben wolle; freilich sollte ich zuvor noch in die Fremde gehen, aber nie wollte sich dies recht schicken. Schon oft war mein Bündelchen gepackt, aber jedes Mal, wann ich ziehen wollte, wusste meine Mutter irgend ein Hindernis vorzubringen: das eine Mal war das Wetter zu kalt, das andere Mal zu warm, ein drittes Mal hatte man gehört, dass die Straßen gar unsicher wären: kurz, es gab immer neue Ursachen zum Aufschub, doch die Hauptursache war die allzugroße Anhänglichkeit der Mutter an ihr liebes Hänschen. Ein Zufall führte mich endlich aus dem elterlichen Hause, aber in eine ganz andere Laufbahn, als ich und die Meinigen je gedacht hatten.
Eines Abends wurde ich mit meinem Vater zu einer Lustbarkeit in die Herberge zum goldenen Kreuze gerufen. Mehrere adelige Herrn aus der Umgegend, die einem edelen Ritter aus dem Jaxtthale das Geleit gegeben hatten, waren hier versammelt und wollten die Nacht lustig und vergnügt zubringen. Manch lustiges Stücklein spielten wir ihnen auf, sie sangen dazu und waren alle froh und guter Dinge. Nach und nach wurde es ruhiger, mein Vater verließ den Herrentisch und setzte sich in eine Ecke, wo sein Schöpplein stand. Da winkte mir der jüngste unter den Rittern – es war ein Herrlein ungefähr in meinem Alter, von kurzer Statur, aber breiter Brust, rundem Gesicht und blizenden Augen in das nebenliegende Gemach und redete mich, als wir allein waren, ungefähr also an: „Lieber Junge, du gefällst mir nicht übel, und es wäre gewiss wohl getan, wenn du dich entschlössest, mit mir in die Fremde zu ziehen. Ich bin der Junker Götz von Berlichingen zu Jaxthausen; die andern, die du draußen am Tische erblickst, sind meine Vettern, die Ritter zu Dörzbach, sowie die von Adelsheim zu Wachbach; sie haben mich hierher begleitet um mit mir zu lesen, denn ich bin eben im Begriffe gen Onolzbach (heute: Ansbach) an den Hof meines gnädigen Herrn, des Markgrafen Friedrich zu ziehen. Folge mir dahin, wir werden beide gewiss wohl aufgenommen und ehrlich gehalten werden, denn der Markgraf ist gar ein freundlicher und guter Herr. Er liebt Gesang und Saitenspiel, besonders aber hält die Frau Markgräfin, die gar eine liebevolle Dame ist, sehr viel darauf. Bedenke dies, mein Lieber, und entschließe dich frisch auf der Stelle, denn morgen, mit Tagesanbruch möchte ich gerne weiter ziehen.“
Es bedurfte keiner langen Überredung von Seiten des Junkers, um mich zu etwas zu bewegen, was schon längst der sehnlichste Wunsch meines eigenen Herzens gewesen war. Noch am gleichen Abende teilte ich meinen Eltern das gemachte Ansinnen mit; der Vater gab ohne Schwierigkeit seine Einwilligung, aber meine Mutter vergoß herbe Thränen über die bevorstehende Trennung, während sie meinen Bitten und des Vaters Zureden endlich nachgebend, mir das Bündelein zusammenpackte. Am Morgen stand ich schon mit dem frühesten an der Herberge zum goldenen Kreuze, des Junkers Rösslein schon vor dem Hause; freudig empfing er mich, stieg zu Pferde und ritt langsam fürbass, während ich neben ihm zu Fuße her ging, mein Bündlein unter dem Arme, und über die Schulter meine Laute, der ich immer noch herzlich zugetan war. Am Abende des zweiten Tages kamen wir in Onolzbach an und_wurden freundlich empfangen, wie Götz von Berlichingen vorausgesagt hatte. Der Junker trat als Edelknabe in die Dienste des Markgrafen, ich dagegen wurde zum Diener der Frau Markgräfin verordnet, um ihr aufzuwarten und jetzt zuweilen mit Gesang und Saitenspiel die Zeit zu verkürzen. Aber nur wenige Tage sollte dieses frohe, harmlose Leben am Hofe dauern.
Um Fastnacht des Jahres 1499 begann am Bodensee der Schweizerkrieg. Schon mit Anfang dieses Jahres hatte Kaiser Maximilian alle Fürsten und Stände des Reichs gegen die Eidgenossen ermahnt und nach Konstanz zusammenberufen. Auch der Markgraf von Onolzbach war dem Aufgebote gefolgt und hatte schon vor unserer Ankunft zwei Fähnlein seines Kriegsvolks an den Bodensee abgesendet. Eine dritte Schar, an deren Spitze er sich selbst zu stellen Willens war, sollte eben abgehen. Da trat eines Morgens Götz von Berlichingen in mein Gemach mit den Worten: „Was sagst du dazu, Hans, dass ich nächster Tage an den Bodensee ziehe? es geht gegen die Schweizer: willst du mich auch dahin begleiten, oder lieber zu Hause bleiben bei den Frauen und ihnen die Zeit verkürzen?“ „Das eben nicht, wertester Junker,“ erwiderte ich, wohl fühl‘ ich alle Lust, mit Euch zu ziehen, aber was soll ich unter den Kriegsleuten? dort gibt es ein anderes Spiel, als das, dessen ich pflege, dort bedarf man kräftiger Hände.“ „Wie wenn du keine Kraft hättest,“ fiel mir Götz in die Rede, dass du so sprechen magst. Wer kräftig, wie du, die Saiten rührt, mag auch den Schwertknauf handhaben und im Streite das Seinige tun. Bin ich nicht auch, wie du, noch ein zarter Jüngling? darum trag ich doch hohen Mut in der Brust und folge unserm gnädigen Herrn wie einer von denen, die schon ziemlich gebraucht und erprobt sind. Du wirst dich wundern, Hänschen, was das für ein Gelände ist am Bodensee.
Als vor drei Jahren der Kaiser zu Lindau einen Reichstag hielt, war ich allda mit meinem seligen Vetter dem Ritter Conrad von Berlichingen, der in der Stadt Lindau starb, von wo aus ich als Bube mit seinen Knechten die Leiche bis herab nach Kloster Schönthal geleitete. Die Stadt aber, die ich dir nannte, liegt gleich einem Eilande im See, der von hier an gemessen bis an seine unterste Bucht neun Meilen lang ist. Darauf gehen Schiffe wie kleine Häuser mit bunten Segeln. Der Stadt zur Linken fließt der gewaltige Rheinstrom in den See und zu beiden Seiten des ausgebreiteten Tales ragen hohe Gebirge empor, deren Haupt mit ewigem Schnee bedeckt ist; zur Rechten aber dehnen sich die schönen Gaue des Schwabenlandes mit ihren gesegneten Gärten und Rebhügeln aus.“ Dieses und noch viel Anlockendes erzählte mir der Junker von der Landschaft am See; ich konnte seiner Rede nicht widerstehen und zog, nachdem ich zuvor meinen Eltern in einem Brieflein Nachricht von meinem Vorhaben erteilt hatte, am Morgen des dritten Tages neben dem Junker von Berlichingen aus der Burg Onolzbach.
Durch manches schöne Gelände zogen wir, bis wir die Ufer des Bodensee’s erreichten. Die Reichsstadt Überlingen war der Ort, wo unser gnädiger Herr sich mit den Kaiserlichen vereinigen sollte. Nach einer Reise von acht Tagen standen wir vor der uralten Stadt und begrüßten ehrerbietig das Riesenbild des heiligen Christoph, das über dem Tore gemalt ist. Wie wunderbar wurde ich ergriffen, als mein Fuß zum ersten Mal an dem Ufer des See’s stand, als meine Augen über die unendliche Wasserfläche hinüberschweiften! Liebe Tochter, schön und lieblich sind die Täler, welche der Main, die Tauber und Jaxt durchschlängeln, manches Plätzchen findet sich darin, das wohltuend zum Gemüte spricht und ein Ruheort für das Herz werden kann, wenn es, aus dem Geräusche der Welt sich zurückziehend, in der Stille der Einsamkeit seinen Frieden sucht: aber, was sind alle diese Täler, alle diese auserlesenen Plätzchen gegen die Umgebungen des majestätischen Bodensee’s, wo die Natur alles Großartige und Anmutige zum schönsten Gesamtbild vereinigt hat, wo Inseln gleich Feengärten aus dem Wasser hervortauchen, von Felsen, deren Fuß die blaue Welle bespült, stattliche Burgen herabblicken; und all diese Schönheiten bekränzt, gleich einem großen Rahmen, die Masse der Gebirge, deren Schneehäupter im Sonnenlicht golden erglänzen. Ich könnte dir noch vieles von diesem herrlichen Lande erzählen, liebe Marie, aber wozu Bilder vor meine Seele rufen, welche nur die Sehnsucht nach dem schönen Boden aufs neue in mir wecken würden – nach dem Wunderland, worin ich nur noch in meinen Träumen wandeln darf!
2.
Nur wenige Tage verweilte unser gnädiger Herr, der Markgraf, in Überlingen. Von allen Gegenden Deutschlands her hatten sich Scharen gesammelt; nur die Reichssturmfahne fehlte noch. In der Nacht erhielten die Hauptleute Befehl, ihre Scharen zu ordnen; eine große Anzahl Schiffe stand schon bereit, um die Kriegsvölker über den See zu führen. Es war mir ganz sonderbar zumute, als ich, mein Rösslein an der Hand, über das Brett stieg, um die breite Wasserfläche zu durchsegeln. Junker Götz stand neben mir und scherzte nicht wenig, als er sahe, wie ich manchmal ängstliche Blicke auf die Wellen fallen ließ. Wir kamen glücklich in Konstanz an, und erst, als wir am Damme ausstiegen und zurückblickten über den See, sahen wir, wie zahlreich die Schar der Verbündeten war, denn die ganze große Fläche, vom Lughäuslein bis zum Damm, war mit Schiffen und großen Nachen angefüllt. Die ganze Zeit über hielt ich mich nur an den Junker, weil dieser schon längst der Gegend kundig und mit einem großen Teile der vornehmen Herrn und Kriegsmänner, die hier versammelt waren, vertraut war.
Wie wir eben hinter unserem Gebieter die Marktgasse hinauf ritten, stieß uns aus einem kleinen Nebengässlein eine Schar Reisiger entgegen, voran ein Rittersmann auf einem unansehnlichen Rösslein. Er hatte einen ziemlich abgetragenen kurzen grünen Rock an; auf dem Kopf trug er ein grünes Stutzkäppchen, über welchem noch ein breiter Kremphut von gleicher Farbe saß, der sein Gesicht ziemlich verdeckte. Er ritt zu dem Markgrafen hin und reichte ihm die Hand, worauf unser gnädiger Herr den Handschlag ehrerbietig erwiderte, jedoch ohne laut zu sprechen. Neugierig betrachtete ich den Unbekannten, da stieß mich Junker Götz scherzhaft an die Seite, mit den Worten: „Gelt, Hänschen, du möchtest gerne wissen, wer der Herr in dem alten Röcklein da wäre? Das weiß hier niemand, als unser gnädiger Herr, der Markgraf und ich, sein wohl bestellter Fahnenträger. Schaue einmal genau unter seine Hutkrempe; erblickst du da nicht eine große Adlernase, und hast du in der Chronik noch nie gelesen von dem hochseligen Kaiser Rudolph dem Ersten und seiner Nase, gestaltet wie bei den Helden der römischen Zeit? Hieran erkennt man auch die Herrn aus habsburgischem Stamme, und dieser hier, den du da vor dir siehst, ist unser hochberühmter Kaiser, der ritterliche Maximilian, den ich schon auf etlichen Reichstagen gesehen habe, namentlich zu Worms und Lindau, als ich noch Bube war bei meinem seligen Vetter Conrad.“
Der Kaiser und der Markgraf redeten eine Zeit lang mit einander, aber so leise, dass keiner der Umstehenden ein Wort von ihrer Unterhaltung vernahm. Hierauf trennten sie sich wieder und jeder ritt mit seinem Gefolge der Herberge zu. Wir nahmen unser Nachtlager im Gasthaus zum goldenen Schiff, welches nahe dem Damm liegt. Vor Tagesanbruch ritten wir durch das Tor, welches nach Gottlieben führt, bis an den Ort, wo vor mehr als achtzig Jahren Johannes Hus aus Böhmen wegen ketzerischer Lehre verbrannt worden war. Da stand schon der Kaiser mit allen Haufen zu Ross und zu Fuß und um ihn seine Hauptleute und Kriegsräte. Dem Markgrafen zur Linken ritt der Junker und ich dicht hinter ihm. Jetzt erst verstand ich, was Götz gestern damit gemeint hatte, als er sich Fahnenträger seiner Gnaden des Markgrafen nannte. Er trug einen langen, weiß und schwarz gemalten Spieß in seiner Rechten, daran war eine große Fahne, ebenfalls weiß und schwarz, auch hatte er auf seinem Helme einen Federbusch von gleicher Farbe, der stand stracks über sich; so stattlich, wie heute, hatte ich meinen Junker noch nie gesehen.
Während der Kaiser sich mit dem Markgrafen unterhielt, blickte er manchmal herüber auf den Berlichingen und seine Fahne. Auf einmal verließ er seine Umgebung und lenkte sein Ross gegen uns her. „Wem stehst du zu?“ fragte er den Junker, der seine Fahne mit dem hohenzollerischen Wappen tief vor ihm neigte. „Meinem gnädigsten Fürsten und Herrn, dem Markgrafen Friedrich von Onolzbach,“ erwiderte dieser mit frischer Stimme. „Du hast da einen langen Spieß und eine große Fahne daran,“ redete der Kaiser weiter, „reite mir hinüber, dort zu dem Haufen auf den Brühl und warte bis der Reichsadler von Konstanz herauskommt.“
Schnell gehorchte der Junker dem Befehle des Kaisers, und ritt an den bezeichneten Ort, wo der Schenk Christoph von Limburg mit den Seinigen hielt; neben diesen stellte er sich hin. „Und wem gehörst du an,“ fragte jetzt der Kaiser mich, indem er mich freundlich anblickte. Da nahm ich all meinen Mut zusammen und sprach : „Allergnädigster Herr, ich bin aus Mergentheim im Taubertale gebürtig und meines Zeichens ein Spielmann; die Leute nennen mich deswegen den Lautenhans; der Junker dort hat mich beredet, ihm nach Onolzbach an den Hof des Markgrafen zu folgen, und nun habe ich ihn auch hierher begleitet.“ Der Kaiser lächelte über meine ehrliche und naive Antwort, die mir etwas schwer geworden war; betrachtete mich vom Kopf bis zu den Füßen und redete dann weiter: „Willst du in meine Dienste treten, Knabe? du sollst immer um mich sein, um mir die Zeit zu verkürzen, denn ich liebe das Saitenspiel in hohem Maße, doch für den Augenblick sollst du die Laute noch bei Seite lassen, denn wir sind der Zeit an einem ernsteren Spiele. Junge, wenn du eines mit mir bist, so reite herüber zu meinem Haufen und erwarte mich hier. Ein solches Anerbieten und von solchem Herrn ließ ich mir nicht zweimal machen, ich wandte mein Rösslein und ritt hinüber zu dem kaiserlichen Kriegsvolke.
Kaum war eine halbe Stunde verflossen, so zog eine neue Schar aus der Stadt; – aus ihrer Mitte ragte die Reichssturmfahne hervor. Schenk Christoph von Limpurg nahm die Fahne aus der Hand des Trägers und neigte sie dreimal vor dem Kaiser. Eben tauchte die Morgensonne aus den Fluten des Sees und warf ihre ersten Strahlen auf das flatternde Reichspanier, das der kräftige Limpurger, an Statur über alle Ritter des Heeres ragend, wie eine leichte Lanze in der Hand schwang. Dies war das erste und letzte Mal, dass ich den Reichsadler so majestätisch fliegen sah, das erste und letzte Mal, dass ich auf ein so stattliches Heer mit blanken Schwertern, strahlenden Helmen und Harnischen hinblickte. Es war ein Heer, so wohl geordnet und zahlreich, wie noch keines am See gestanden hatte. Aber zur Linken auf den Höhen des Thurgau standen die Schweizer, unsre Feinde, in wohl geschlossenen Rotten und gedoppelter Schlachtreihe. Schon war es so helle geworden, dass wir ihre Menge und Ordnung deutlich wahrnehmen konnten.
Als der Reichsadler so in der Hand des Schenken flatterte, wähnte ich, dass es bald gegen den Feind gehen würde; schon waren die Geschütze ausgepflanzt und der Feind nahe genug, um sich mit ihm in ein Treffen einzulassen; aber immer dauerte die Beratung der Herren noch fort. Eine Stunde ging über der andern hin, es wollte zu nichts gedeihen; ungeduldig und des langen Hinstehens müde, wieherten unsere Rosse; da erklang endlich die Trompete; aber nicht zum Angriffe, sondern zum Rückzuge in die Stadt.
Der Kaiser hatte zum raschen Angriffe geraten, aber im Kriegsrate wurden die Herren über die Art und Weise desselben uneinig, und über dem nutzlosen Hin- und Herraten verfloss die kostbare Zeit; da wurde der Kaiser unwillig, wandte sein Ross und ritt wieder dem Tore zu. Hinter dem Kaiser ließ ich mein Rösslein traben; da gesellte sich der Berlichingen unterwegs wieder zu mir. Hänschen, Hänschen,“ — lachte er mir entgegen, – „du hast heute das beste Teil davon getragen, magst es nun leicht weiter bringen als ich, der Fähndrich Seiner Gnaden des Herrn Markgrafen, der beim Fastnachtszuge gegen die Schweizer die Fahne schwenken musste; ganze Sache ist doch nichts weiter gewesen. Die Schweizer wissen jetzt, dass wir ein stattliches und zahlreiches Heer haben, denn unsere Schlachtreihen waren vollzählig und wohlgeordnet, auch strahlten unsere Waffen einen schönen Glanz aus; aber von unserem Mut und Rittersinne haben wir ihnen wenig Kunde gegeben. Noch einmal sag‘ ich dir, Hänschen, du hast heute ein besser Geschäft gemacht, als der Kaiser selbst; der trägt seinen Ärger mit sich nach Hause, weil die Sache nicht nach seinem Kopfe ging: du aber hast ein gutes Ämtlein herausgeschlagen, wozu ich dir nur viel Glück und Verstand wünsche. Lebe wohl, Hänschen, und denke auch manchmal noch an den Berlichingen, deinen Gesellen.“ Bei diesen Worten gab mir der Junker einen kräftigen Handschlag, den ich mit aller Herzlichkeit erwiderte, und ritt zurück zu dem Gefolge seines Herrn. Seither habe ich ihn am Bodensee nimmer gesehen, aber ich hörte nachher noch manches brave Stücklein von dem ritterlichen Herrn.
3.
Von nun an war ich ununterbrochen um den Kaiser und fand von Tag zu Tage größere Gnade in seinen Augen. Oft ergötzte ich ihn in Stunden des Missmutes durch Gesang und Lautenspiel, denn gar oft lief traurige Kunde ein, wie der Feind da und dort wieder einen Vorteil über das Volk des Kaisers errungen habe, was ihn immer wieder aufs Neue in Unwillen und Trübsinn versetzte. Bei alle dem sah man doch, dass die Anwesenheit des Kaisers am See einigen Eindruck auf die Eidgenossen gemacht hatte; ihre Feindseligkeiten waren bei Weitem nicht mehr dieselben, wie vor seiner Ankunft; es verlautete sogar, dass sie, obgleich bisher meistens im Vorteile, doch erbötig wären, dauernden Frieden mit dem Reiche zu schließen. Es zeigte sich auch bald, dass dieses Gerede nicht ohne Grund war.
Eines Morgens saß ich im Vorgemache des Kaisers und sah durch eines der Fenster auf den See hin. Die Sonne war eben über dem Wasserspiegel aufgegangen und beleuchtete die stattlichen Bergkegel und Burgen des nahen Höhgau, als ich in der Hausflur, wo die kaiserliche Leibwache stand, ein Geräusch vernahm, wie wenn einige Personen sich im lebhaften Gespräche befänden, aus dem heraus ich eine zarte weibliche Stimme deutlich unterscheiden konnte. Eben wollte ich der Türe zugehen, um sie zu öffnen und zu sehen, was es draußen gäbe, als diese aufging und ein Mädchen mit blonden Haaren und blauen Augen mir entgegentrat. „Woher bist du, mein Kind, und zu wem willst du?“ fragte ich die sichtbar Erschrockene, die mich vielleicht für den Kaiser selbst halten mochte, denn im Äußeren war zwischen ihm und seiner nächsten Dienerschaft beinahe gar kein Unterschied. „Ich bin eine Thurgäuerin, mein hoher Herr,“ antwortete mir das Mägdlein, und habe hier ein Schreiben aus dem Lager der Eidgenossen an den Kaiser, das ich aber nur ihm selbst einhändigen darf.“ Mit diesen Worten zog sie aus einem zierlich geflochtenen Strohkörbchen, das an ihrem Arme hing, einen großen Brief hervor und hielt mir denselben entgegen. Als ich den Brief in Empfang genommen hatte, ging ich damit in des Kaisers Gemach und hieß die schöne Botin einstweilen im Vorzimmer warten.
Während der Kaiser das Schreiben durchlas, blieb ich hart an der Türe stehen und hörte von einem Gespräche, das sich zwischen dem Mädchen und einem der Trabanten, der ins Vorzimmer getreten war, entsponnen hatte, noch Folgendes: „Was treiben die Schweizer da oben in ihrem Lagen?“ „Ihr seht’s ja,“ antwortete ganz naiv die Gefragte, sie erwarten Euch.“ „Wie stark sind sie wohl?“ „Stark genug, um Euch noch einmal zu schlagen.“ „Sprich auf der Stelle, wie viele sind ihrer?“ „Ei nun, Ihr hättet sie wohl vor den Toren der Stadt zählen können, wenn ihr Euch auf der Flucht von Schwaderloch nur ein einziges Mal würdet umgesehen haben.“
Über diese Antwort geriet der Trabant in die äußerste Wut, eben wollte er seine Hand an das Schwert legen und drohte dem Mädchen den Kopf zu spalten, als diese sich ihm unerschrocken gegenüber stellte, ihm mit edler Verachtung ins Gesicht blickte und sagte: „Mann, du bist mir ein rechter Held, der einem schwachen Mägdlein mit dem Schwerte droht. Warum stürmst du damit nicht lieber gegen die Posten der Schweizer an? Nicht wahr, da antwortet dir statt der Mädchenlippe die Eisenzunge des Mannes.“ Noch höre ich diese kühne Rede des Mädchens, noch sehe ich den mutigen Blick, womit sie dem Söldling gegenüber stand, diesen Blick aus den seelenvollen, blauen Augen, der indessen so wenig auf den rohen Trabanten wirkte, dass er bereits im Begriffe stand, seine Drohung in Erfüllung gehen zu lassen. Rasch trat ich zwischen beide und: „Schäme dich, alter Graubart, “ – rief ich jenem zu, – „gegen ein wehrloses Mägdlein das Schwert zu ziehen.“ Beschämt steckte der Trabant seine Klinge wieder in die Scheide und verließ das Vorgemach.
Ich las in den Augen des Mädchens den stillen Dank ihres Herzens; weder sie noch ich sprachen ein Wort, sie wohl aus Schüchternheit, ich, weil ich im Anschauen ihres lieblichen Wesens gleichsam versunken war. In schön geflochtenen Zöpfen hing ihr blondes Haar über den schlanken Oberleib herab, den ein schwarzes Mieder umschloss; ein Goller mit weißer Stickerei zog sich, nach Landessitte, bis herauf an den Hals; kurze Ärmel von schneeweißen Linnen, die zur Hälfte den Arm unverhüllt ließen, zeigten dessen schöne Rundung, so wie seine blendende Weiße. Während ich immer noch kein Auge von der Holden verwandte und sie stumm den schüchternen Blick zu Boden senkte, wurde die beneidenswerte Szene durch das Aufgehen der kaiserlichen Zimmertüre unterbrochen.
Der Kaiser erschien, und rief mich in das Gemach. „Die Schweizer,“ sagte er, als wir da allein waren, zu mir, „machen mir Friedensvorschläge, die für mich durchaus nicht vorteilhaft sind. Wohl habe ich des Herben genug in diesem Kriege erfahren, dies soll mich indessen doch nicht bestimmen, in ihre Forderungen zu willigen. Soll die Stadt, worin wir uns dermalen befinden, den Schaden von unserer Uneinigkeit haben und den Blutbann und das Landgericht an den Thurgau abtreten? Nein, um solchen schändlichen Preis will ich keinen Frieden haben. Dies ist mein Entschluss, und den kannst du in meinem Namen den Schweizern melden; du hast nichts in ihrem Lager zu befürchten, sie sind wohl unsere Feinde, aber sonst immer-wackere und biedere Leute.“ Mit diesen Worten entließ mich der Kaiser.
Mit kaum verhohlener Freude übernahm ich den Auftrag meines allergnädigsten Herrn, denn jetzt hatte ich ja die erwünschteste Gelegenheit, noch länger in der Nähe derjenigen zu sein, die schon im ersten Augenblicke ihres Erscheinens mich auf so unerklärliche Weise an sich gefesselt hatte. Die liebenswürdige Botin wurde nun meine Begleiterin in das Lager der Eidgenossen. Freundlicher, als ich je erwarten konnte, ward ich allda aufgenommen und, obgleich der Auftrag meines Herrn, des Kaisers, nicht mit dem Begehren der Eidgenossen übereinstimmte, hielt man mich doch ehrlich, wie es einem kaiserlichen Gesandten gebührt.
Als ich das eidgenössische Lager wieder verlassen hatte, folgte ich, ehe ich nach Konstanz zurückkehrte, zuvor noch der liebevollen Einladung des Vaters meiner schönen Begleiterin, der sich ebenfalls im Lager seiner Landsleute befand. Es war dies Hans Steiner, Mitglied des Rates zu Winterthur, einer aus den edlen Geschlechtern dieser Stadt, der in der schönen Zeit des Jahres den Freisitz Pflanzberg zu seinem Wohnorte gewählt hatte. Selige Stunden verlebte ich auf diesem schönen Schlosse an der Seite des holden Mädchens. Von hier aus bot sich die aller-frohmütigste Aussicht auf den Unter- und Obersee dar, und herrlich lag vor uns die uralte Stadt Konstanz in ihrer ganzen Ausdehnung. Doppelt herrlich aber ist der Genuss der schönen Natur, wenn ein liebevolles Wesen sich an uns anschmiegt, das Teil nimmt an den Empfindungen unseres Herzens! Es war schon spät Abend geworden, als ich wieder in die Stadt zurückkehrte.
Noch oft wallte ich seitdem hinüber auf den Pflanzberg; die holde Thurgauerin war von nun an das Bild meiner Träume. Was kümmerte ich mich um den Hader der Völker; mein Mädchen und ich, wir standen im süßen Frieden, und der Vater meiner Geliebten sah mich nicht ungern in seinem Hause aus- und eingehen, ob er gleich auf der Seite unserer Feinde stand. Aber ach! Die selige Zeit sollte zu Ende gehen, noch ehe sie recht begonnen hatte. Mein Herr und Kaiser verließ die Stadt Konstanz, ohne durch seine Unternehmungen gegen die Eidgenossen auch nur den geringsten Vorteil errungen zu haben; auch die übrigen Fürsten folgten ihm. Er nahm seinen Weg durch den Höhgau und Schwarzwald gegen Freiburg. Auf der alten Felsenfeste Hohentwiel, wo Hans Heinrich von Klingenberg, einer der mächtigsten Ritter des Gaues saß, machte der Kaiser einen kurzen Abstand, um von hier aus dem schönen Seegelände und der Stadt Konstanz noch einmal Valet zu sagen.
Während der Ritter seinen hohen Gast und dessen Diener herrlich hielt, saß ich auf dem Turm, der gegen den See zu liegt, und nahm keinen Anteil an der Freude des Gelages; mir mundete nicht der goldgelbe Hohentwieler Trunk, ich sprach kein Wort, aber mein Blick schwebte hinaus in die Ferne der blauen Fluten. Waren es die Berge, in deren Anschauen ich versunken war? Hier der hohe Nautis mit seinen sieben Churfürsten, dort der Glärnisch und Tudi, das Finsteraarhorn, die Jungfrau, der Münch und Eiger – im fernsten Hintergrunde die Gebirge des Savoyer-Landes, wo der Montblanc mit seinem Silberhaupt über die Wolken ragt – o, nein! mein Auge haftete nicht an dem Eisgurte des Alpengebirges, obgleich ich es noch nirgends in solcher Pracht erblickt hatte, sondern ein Dörfchen, nahe bei Konstanz, dessen Kirche auf einer Anhöhe zwischen Bäumen malerisch hervorblickte, und nah dabei ein gastliches Haus, waren die Gegenstände meiner Betrachtung. Hell erglänzten die Fensterscheiben des Pflanzberges vom Sonnenstrahl, und im Geiste sah ich dort die Geliebte stehen, die allein meine Sehnsucht teilte und in der Stunde der Trennung mir ein Lebewohl zugerufen hatte, das letzte auf lange Zeit!
Ich muss abbrechen, liebe Tochter, jene Zeit war die erste und letzte selige meines Erdenlebens. Ich folgte von nun an meinem Herrn und Kaiser auf allen seinen Zügen, sah Städte und Länder, sah manches Herrliche, woran Auge und Herz sich erfreuen mögen! aber der Bodensee und seine Umgebung, das Schweizerland mit seinen Eisbergen waren mir doch die liebsten, in denen meine Gedanken fortwährend weilten; – ich sah manches schöne Frauenbild in deutschen und wälschen Landen, doch, ach! was waren sie alle gegen mein Mädchen am See mit seinen blauen Augen und blonden Zöpfchen! – sie war die Engelsgestalt, die mir zur Seite ging auf allen meinen Wegen, sie war das Bild, nach dem ich so oft voll Sehnsucht meine Arme im Traume ausbreitete.
4.
Acht Jahre waren dahin gegangen, seitdem ich Konstanz und seine Umgebungen zum letzten Male gesehen hatte; kaum dachte ich, dass je mehr der höchste meiner Wünsche erfüllt werden und ich das Land meiner Sehnsucht, das Mädchen meiner ersten, heißesten Liebe wieder erblicken würde. Da wandte sich eines Tages der Kaiser, als er eben zu Straßburg Hoflager hielt, zu mir mit den Worten: „was sagst du dazu, Hans; es geht jetzt wieder hinauf an den See; – du wirst mich doch auch dahin begleiten?“ Voll freudigen Erstaunens konnte ich Anfangs kein Wort hervorbringen, ich nickte bloß mit dem Kopfe und beugte mein Knie vor dem Kaiser, zum Zeichen, dass sein Wille auch ganz der meinige wäre. Was der Kaiser gesprochen hatte, war wirklich sein voller Ernst gewesen. Schon lange hatte er beschlossen, mit den Kurfürsten und Ständen des Reiches wegen eines Römerzuges zu unterhandeln, der nicht nur des Kaisers Krönung zum Zwecke hatte, sondern auch bewirken sollte, dass einmal den Anmaßungen des Königs von Frankreich ein Ziel gesteckt würde.
Zu dem Ende schrieb Maximilian einen Reichstag nach Konstanz aus und entbot allen Fürsten und Ständen, gegen St. Vitus – Tag des Jahres 1507, daselbst einzutreffen. Mit einer noch nie gesehenen Pracht zog der Kaiser von Straßburg aus; tausend Pferde waren in seinem Gefolge. Über den Schwarzwald ging es nach Rottweil. Im vollen Glanz seiner Majestät hielt unser Herr seinen Einzug in dieser Stadt; über seinem Kürass lag ein Waffenrock von goldenem Stoffe, der hin und wieder ordentlich geschlitzt war und ein lustiges Ansehen gewährte. Der Rat nebst vierhundert Bürgern gingen dem Kaiser in feiner Ordnung vor die Stadt hinaus entgegen und der Bürgermeister überreichte ihm an einem Stabe die Schlüssel zu den Toren, wobei er dem Oberhaupt des Reiches zugleich Rat und gemeine Bürgerschaft in dessen Schutz und Gnade empfahl. Der Kaiser gab die Schlüssel alsbald wieder zurück, empfahl den Gesandten, ihre Stadt, wie bisher, so auch ferner selbst treulich zu bewahren und versicherte sie seiner allerhöchsten Gnade. Hierauf schenkten die Bürger dem Kaiser vier Wagen mit Hafer, zwei Fuder guten Elsässer Weines von vier Ochsen gezogen, samt einem vergoldeten Gefäße, darin 600 Goldgulden lagen. Der Kaiser aber gab den Bürgern beim Einzuge vierzig Gulden und beim Abzug eben so viel, um einen Trunk zu halten.
Von hier aus reisten wir gen Überlingen am See; – ach, wie schlug da mein Herz, als ich wieder die blaue Flut erblickte, wie vor acht Jahren, wo ich zum ersten Mal dieses reizende Gelände betreten hatte. Nach Konstanz gelangten wir in den schönen Tagen des Junis; bunte Wiesen und Gärten mit blühenden Bäumen lachten uns entgegen, als wir an das Ufer stiegen. Sechsundzwanzig geistliche und weltliche Fürsten, samt vielen andern Ständen des Reichs und ihren Gesandten, waren schon angekommen und harrten des Kaisers. Es hatten sich unter andern hier eingefunden: Herzog Georg von Sachsen, Herzog Ulrich von Württemberg, Herzog Erich von Braunschweig, Herzog Albrecht von Baiern, Churfürst Friedrich von Sachsen nebst den beiden geistlichen Kurfürsten von Mainz und Trier. Die entfernteren Fürsten hatten ihre Gesandten geschickt.
Bald nach unserer Ankunft in Konstanz wurde der Reichstag eröffnet. Während der Kaiser der Versammlung beiwohnte, ging ich, unbekümmert um all die wichtigen Angelegenheiten, worüber verhandelt werden sollte, eine gewohnte Straße längs der Strömung des Rheins, bis zu dem Orte, wo ich so manchen seligen Augenblick in der Nähe der Geliebten verlebt hatte. Aber wie ich an dem Schloss stand, auf dem ich vor acht Jahren so gastlich aufgenommen worden war, kam es mir vor, als ob sich indessen gar vieles auf dem lieben Pflanzberge geändert hätte. Es war auch nicht anders. Ich wandelte durch das Hoftor: kein Doggenpaar sprang mir da freundlich entgegen wie früher; ich trat in die Hausflur, aber niemand bewillkommte mich hier mit dem gewohnten Gruße. Als ich schon auf einer der oberen Treppen stand, trat ein griesgrämiger Alter aus einem Gemache und fragte mich mit barscher Stimme, wohin und zu wem ich wollte? „Zum Junker Hans Steiner,“ antwortete ich kurz, ohne mich durch das mürrische Wesen des Alten stören zu lassen. „Der ist nicht weit von hier,“ grinste der Alte mir entgegen; „drüben auf dem Kirchhofe könnt Ihr ihn besuchen;. er wird euch aber wenig Gehör geben, sintemal er einen tiefen und langen Schlaf schläft.“ „Und seine Tochter?“ fragte ich hastig weiter. „Ha ha,“ sagte der Murrkopf, aber ernster als zuvor, jetzt versteh‘ ich Euch; Ihr seid wohl auch einer jener vielen irrenden Ritter, die sie am Narrenseile gängelte – ist wohl der Mühe wert, nach der zu fragen; die hat nichts mehr hier zu_suchen, in Konstanz könnt Ihr sie finden, da wohnt sie bei einer Base: aber glaubt mir, junger Mann, sie ist eurer Bemühungen nicht wert, wer Ihr auch sein mögt.“
Mit diesen Worten machte er eine kleine Verbeugung und ging, ohne weiter auf das zu hören, was ich erwidern wollte, in sein Gemach zurück. Lange stand ich da wie eingewurzelt, mein Auge haftete stier an dem Boden und die Arme waren fest über einander geschlagen. Erst als sich das Gemach wieder öffnete, und der Alte sich abermal zeigte, blickte ich wieder auf. „Elender Lügner,“ rief ich dem Manne wild entgegen, obgleich ich ihn vorher noch nie gesehen hatte und also auch nicht wissen konnte, ob seine Rede wahr oder unwahr wäre; – dieser aber blieb bei Allem so gleichgültig, als ob ihn das Wort gar nichts anginge, betrachtete mich eine Zeit lang vom Kopfe bis zu den Füßen und sagte dann spöttisch lachend weiter nichts, als: „wünsch‘ gute Besserung!“ Hiermit drehte er mir den Rücken und schlug die Türe hinter sich zu. Traurig und niedergeschlagen verließ ich das Schloss; schreckliche Ahnungen bemächtigten sich meiner Seele, während ich die Straße wandelte, auf der mich die geliebte Bewohnerin des Schlosses so oft begleitet, wo sie mich so oft bei allem, was heilig ist, ihrer aufrichtigsten Liebe versichert hatte.
Als ich in der Stadt ankam, war gerade die erste Sitzung des Reichstags geschlossen worden. Den übrigen Teil des Tages bestimmte der Kaiser dem Gedächtnis seines Sohnes, Königs Philipp von Spanien, der das Jahr zuvor in Burgos gestorben war. Eben begab sich der Zug sämtlicher Fürsten, den Kaiser an der Spitze, nach der Domkirche. Unwillkürlich folgte ich den in Trauerflöre Gehüllten, denn wer gehörte jetzt mehr unter die Zahl der Trauernden, als ich? Ich trat in die Kirche ein, um da, wo schon so manches Herz in Stürmen jeder Art Ruhe gefunden, vielleicht auch meine Ruhe und meinen Frieden wieder zu finden; denn wo es im Gemüt des Menschen selbst düster ist, da sprechen Nacht und Dunkelheit um ihn herum besser an, als Tag und Sonnenschein.
Das Dunkel der Abenddämmerung hatte schon die weiten Hallen des Domes erfüllt, nur die hellen Farben der schön gemalten Fensterrose verbreiteten noch von obenher einiges Licht auf die Eintretenden. Mitten im Schiff der Kirche war ein prächtiges castrum doloris errichtet, um welches die Wappen des verstorbenen Königs hingen. Es war erleuchtet durch sechshundert Kerzen und um dasselbe standen dreißig edle Herren, deren jeder eine brennende Kerze in der Hand hielt. Nachdem der Bischof von Münster das Seelenamt gelesen und der von Konstanz das Lobamt gesungen hatte, ging der Kaiser an den Altar zum Opfer; ihm folgten die übrigen Fürsten, nach diesen alle Grafen und Herren, die bei dem Reichstage anwesend waren, und zuletzt des Kaisers und der Fürsten Dienerschaft. Auch ich legte mein Scherflein in dem Opferbecken nieder, indem ich im Herzen den glücklich pries, für dessen Seelenheil ich opferte, der schon längst angekommen war im Ruheorte, wo der Mensch landet von den Stürmen des Lebens, wo er ausruht von den Schmerzen der Liebe.
Beruhigter als ich eingetreten war, verließ ich den Dom; aber ach, diese Ruhe verschwand bald wieder; das Bild, welches wohl Jahre hindurch der Gegenstand meiner Träume gewesen war, stand jetzt in schönerer Glorie, als je, vor meiner Einbildungskraft, es war die Jungfrau in ihrer vollen Entfaltung, die mir freundlich zulächelte, wie in früheren Zeiten; aber, wenn ich meine Arme nach ihr ausstrecken wollte, wandte mir das Bild den Rücken; ich erwachte im Schmerze der Sehnsucht, und suchte wachend auf, was sich im Traum von mir gewendet hatte. Es war kein Gässchen in der Stadt Konstanz, wo ich am Morgen nicht nachfragte, kein Haus, an das ich mich nicht Stunden lange hinstellte, harrend, ob nicht diejenige aus- oder einginge, die bei allen Zweifeln, welche der Alte auf Schloß Pflanzberg in mir rege gemacht hatte, mir dennoch das teuerste im Leben war. Aber nirgends konnte man mir Auskunft geben, wo ein Schweizermädchen wohne, das nach dem Tode ihres Vaters bei einer Verwandten in Konstanz ihren Aufenthalt genommen hätte.
Viele Tage lang wiederholte ich meine Nachforschungen, alles war vergebens. Zuletzt glaubte ich, dass der griesgrämige Alte mir nur Unwahrheit berichtet hätte und dass mein Mädchen sich wahrscheinlich in Winterthur befände. Dieser Vermutung gab ich um so gerner Raum, weil in diesem Falle auch die übrige Aussage, die mein Herz mit so großer Unruhe füllte, als Lüge und Verleumdung dastand.
Während ich allmählich jede Hoffnung aufgegeben hatte, die Ersehnte in den Mauern der Stadt Konstanz aufzufinden, sollte der Zufall mein Führer werden. Der Kaiser gab während des Reichstages manchmal den versammelten Fürsten zwischen die Geschäfte hinein eine Erholung, damit sie über den vielen schwierigen Beratungen und Abtuungen nicht verdrießlich würden. Diese Erholungen bestanden zum Teile in Wasserfahrten nach den nahen Inseln Mainau und Reichenau. Abt dieses Klosters war damals Martin, ein Geborener von Weissenburg, dem der Kaiser mit besonderer Freundschaft zugetan war; dieser fuhr uns allemal mit den Amtsherren des Konvents entgegen und geleitete uns in das uralte Münster, wo so manches Merkwürdige aufbewahrt wurde, und von da aus auf die stattliche Pfalz, wo seit den Zeiten Karls des Großen schon so mancher Kaiser und König beherbergt worden war. Wenn wir aber auf die Mainau fuhren, wo damals der Deutschordens-Commthur von Erbach seinen Sitz hatte, so wurden wir jedes Mal in dem deutschen Hause gar stattlich bewillkommt. Große Feldschlangen, Karthaunen und Steinbüchsen wurden zu besonderer Ehrenbezeugung gelöst, wobei jedes Mal auch die Trompeter des Commthurs sich lustig hören ließen und die schönsten Stücklein aufbliesen.
Unter solchen Erholungen und Ergötzlichkeiten zwischen die Geschäfte des Tages hinein ging der Reichstag zu Ende. Zum Beschluss desselben veranstaltete der Kaiser den versammelten Fürsten und Herren zu Ehren noch eine große Feierlichkeit. Doch, nicht diese allein, sondern auch die Bürger der Stadt, so wie die Bewohner der Umgegend, selbst die Schweizer nicht ausgenommen, sollten daran teilnehmen. Das erste war ein Freischießen mit Bogen und Hakenbüchsen. Bei dem großen Steinhaus am Damm, wo vor hundert Jahren das weltberühmte Concilium abgehalten worden war, wurde die Schießstätte errichtet. Der Kaiser selbst trat unter den Schützen auf, denn er war in allen körperlichen Übungen und Fertigkeiten einer der Wackersten.
Um diese Schießstätte herum waren Tische in langen Reihen aufgestellt, dass die Geladenen nur niedersitzen durften, um zu essen und zu trinken, denn der Kaiser hatte alles die Hülle und die Fülle herbeischaffen lassen. Man sah hier die zierlichsten Herren und Frauen des Schwaben- und Schweizerlandes in freundnachbarlicher Eintracht zu gemeinsamer Freude und Ergötzlichkeit versammelt. Erst als die Sonne anfing, hinter den Bergen des Höhgau’s niederzusinken, erhob sich die Menge, welche bisher froh und lustig durch einander gewogt hatte und in geordneten Scharen zog man wieder in die Stadt zurück, voran der Kaiser und die Fürsten, dann die Patrizierfamilien der Stadt und Umgegend, hinter ihnen das übrige Volk.
War auf diese Weise der Tag lustig dahingebracht, so verhieß der Abend noch größere Freuden. Der Kaiser hatte an den Magistrat der Stadt das Begehren stellen lassen, dass sämtliche Herren des Rates samt den edlen Geschlechtern sich in dem sogenannten Hause zur Katze, der Trinkstube der Patrizier, einfinden sollten, und jeder sollte Frau und Tochter mitbringen; daselbst wollte der Kaiser noch einen Ehrentrunk und Tanzbelustigung geben. Nicht vergebens war die Einladung an die Herren ergangen. Als man die Kerzen anzündete, wallten schon in langen Zügen stattliche Herren in Gold und Samt gekleidet nach dem Zunfthaus, jedem zur Seite ging seine Hausfrau im besten Schmucke und nebenher hüpften gewöhnlich zwei oder drei Töchterlein, mit Gesichtchen, wie man die Heiligenbilder zu malen pflegt.
Im Hause zur Katze waren fünf lange Tafeln, mit den auserlesensten Weinen und Speisen besetzt, zugerichtet. Kein Platz blieb leer, denn keiner der Geladenen hatte sich zu kommen geweigert. Oben saß der Kaiser und neben ihm, zu beiden Seiten, die Fürsten des Reichstages. Ich stand, als erster Diener, neben meinem Herrn, um jeden seiner Winke zu beobachten. Die Kerzen brannten im Saale und flimmerten herrlich in dem Gold- und Silberschmuck der Frauen und Jungfrauen, und doch machte all diese Pracht und Herrlichkeit nur sehr wenig Eindruck auf mich. Mein Blick war blos auf einen Gegenstand gerichtet, der schon diesen Mittag auf dem Damm unter der Menge der Hin- und Herwogenden an mir vorübergegangen, aber meinem verfolgenden Blicke plötzlich wieder entschwunden war. Es war eine Jungfrau, deren Anzug weder von Gold noch von Silber glänzte; nur ein Kränzchen von weißen Rosen schlang sich um ihr blondes Haupthaar.
Je länger ich sie betrachtete, um so bekannter erschienen mir ihre Züge; sie hatte die Augen verschämt niedergeschlagen; nur ein Mal blickte sie auf – ihr Blick begegnete dem meinigen. Es war dasselbe Auge, das mir einst so liebevoll entgegen gestrahlt hatte. Es ruhte einige Augenblicke auf einem bekannten Gegenstande – der Blick war noch der gleiche, liebevolle, wie sonst, aber es war darin zugleich der Ausdruck der innigsten Wehmut und des Schmerzens ausgedrückt.
„Den Becher gefüllt,“ hatte der Kaiser schon zweimal gerufen, ohne dass ich es gehört hatte; erst als er den Befehl zum dritten Male wiederholte, verließ ich die Stelle, um zu gehorchen. Ich reichte dem Kaiser den vollen Becher, meine Hand zitterte, so dass der köstliche Burgunder beinahe überfloss; er trank in vollen Zügen und stand dann auf von seinem Platze. Das war das Zeichen, dass der Tanz beginnen sollte. Pauken, Trompeten und Zimbeln erschallten und jeder der Herren suchte sich eine Tänzerin. Der Kaiser eröffnete den Reihen: wie im Ritterspiel, so war er auch im Tanze einer der Gewandtesten seiner Zeit. Mit ritterlicher Höflichkeit bot er seiner Nachbarin, der Tochter des Bürgermeisters Christoph Schultheß, die Hand, freundlich verneigte sich diese gegen den Kaiser und bald sah man das gewandte Paar, dem noch viele andere folgten, durch die weiten Räume des Saales schweben.
Auch Sie, der ich allein meine ganze Aufmerksamkeit zugewandt hatte, war unter den Tanzenden; ein junger Patrizier schwang sie im Wirbel. Der erste Reihen war vorüber, die Paare setzten sich wieder um auszuruhen und stolz blickte Margarethe Schultheß auf ihre Umgebung, als der Kaiser sie an ihren Platz zurückführte. Während er sich aber freundlich gegen seine Tänzerin verneigte, sah er sich schon wieder nach einer zweiten um; ich bemerkte deutlich, wie sein Blick auf den Gegenstand fiel, den auch ich allein sah unter den vielen herrlichen Frauen und Fräulein. Er ließ sie nicht mehr aus den Augen, und als zum zweiten Male das Zeichen zum Tanze erklang, war sie es, mit der er den Reigen eröffnete. Und das war nicht das letzte Mal, dass der Kaiser mit ihr tanzte: noch oft sah ich diesen Abend beide sich im schwebenden Wirbel drehen.
5.
Mitternacht war schon vorüber; die Scheibe des Mondes, die bisher mit ihrem goldenen Glanz in den Saal gestrahlt hatte, wurde allmählich bleicher, eine Kühle strich durch die hochgewölbten Bogen und man fühlte wohl, dass man stark im ersten Viertel des neuen Tages stand. Die Reihen der Tanzenden wurden nach und nach lichter. Da und dort murmelte ein alter Patrizier ein Wörtchen an sein jugendliches Töchterlein hin – es war von Aufbruch die Rede und die holden Kinder fügten sich willig in das ernste Gebot; denn wohl hatte man von der neunten Stunde des Abends bis früh Morgens zum Hahnenschrei der Wonne des Tanzes genug genossen, auch galt damals ein einziger Wink, ein einziges Wort der Eltern mehr, als jetzt langes Reden und Mahnen; denn das war noch die gute alte und sittsame Zeit. Ein Paar nach dem andern schlich sich, in dichte Mäntel gehüllt, aus dem Saale; mein Herr und Kaiser aber blieb samt dem zwanzigjährigen Herzog Ulrich von Württemberg noch zurück. Sie hatten sich zum Gespräche in einem Nebengemache niedergesetzt; des Tanzens war nimmer viel, da die Tänzerinnen sich nach und nach alle weggestohlen hatten.
Beider Unterhaltung nahm einen traulichen Ton an und wurde immer lebhafter, denn der Kaiser liebte solche Männer, dergleichen der Herzog war, ob er gleich an Alter um mehr als das Doppelte über diesem stand; zudem war er ja sein nächster Vetter. Ich kam jetzt nimmer aus der Tätigkeit, denn nun waren christallene Becher das einzige, worauf ich blicken durfte; mein Mädchen, meine einzige Augenlust an diesem Lage, war schon lange aus dem Saal verschwunden. „Den Becher gefüllt!“ war immer das dritte Wort des Kaisers; bald reichte ich ihn meinem Herrn, bald dem Württemberger dar.
Das Feuer des Burgunders spiegelte sich bald nur allzu sichtbar in den glänzenden Blicken der beiden Herren ab, es strömte aus in heitern und zuletzt scherzhaften Worten, die mit dem sonst ernsten und sittsamen Wesen des Kaisers, das er als Witwer schon mehrere Jahre hindurch beobachtet hatte, so schwer vereinbar schienen. „Es lebe, was uns lieb ist!“ rief der Kaiser, und brachte den Becher dem Herzog entgegen.
„Es kommt darauf an, was mein gnädiger Herr und lieber Vetter meint,“ erwiderte Ulrich, und fasste den Becher zum Anstoßen. „Was anders, als dein Bräutlein, meine liebe Base Sabina von Baiern.“ Da blickte der Herzog zum ersten Male ernst, wie ich ihn bis daher noch nie gesehen hatte: – „sie lebe,“ rief er, aber das Wort ging nicht frisch von der Leber, er stieß an mit dem Kaiser, der Stoß ließ einen seltsamen Ton nach sich und das herrliche Kelchglas war bis auf den Boden zersprungen. „Was du doch für ein hitziger Mensch bist, Vetter,“ sagte der Kaiser und betrachtete nachdenkend den zersprungenen Becher. „So will man’s,“ entgegnete der Herzog, man hält nichts auf einen Bräutigam, bei dem sich nicht überall das Feuer und die Kraft kund gibt.“ „Nun, so mach‘ einmal, dass wir dich als Ehemann begrüßen können; ’s wär, denk ich, hohe Zeit, dass du endlich Hochzeit machtest.“
„Seit anno neunundneunzig Bräutigam ist freilich eine lange Zeit und wohl schlimmer, als zehn Jahre Witwer, denn als Bräutigam hat man das Joch noch vor sich, als Witwer hinter sich.“ Lachend sprach der Herzog dieses Wort, denn er hatte wahrgenommen, wie der Kaiser über dem Zerspringen des Glases auf einmal in eine ernste Stimmung zu verfallen schien, darum suchte er seinen bedeutungsvoll ausgesprochenen Worten eine scherzhafte Deutung zu geben, indem er auf den langen Witwerstand des Kaisers hinwies.
Die ernste Stimmung meines Gebieters war im geselligen Kreise niemals von langer Dauer, und so gelang es dem jungen Herzoge auch diesmal bald, den Ernst von des Kaisers Stirne zu scheuchen und die trüben Ahnungen zu entfernen, die in seinem Innern aufstiegen und leider nur zu sehr in Erfüllung gingen, als vier Jahre später der Herzog das Bündnis mit Sabina von Baiern schloss, das er gerne auf immer vertagt hätte. „Wisst Ihr auch,“ sagte der Herzog im Verlaufe des Gespräches unter anderem mit lachendem Munde zum Kaiser, „was Euer Stammherr, der erlauchte Rudolph tat, als er noch in späten Jahren des Witwerstandes müde geworden war? Er heiratete das blutjunge Fräulein Agnes; weiß der Himmel ob sich der alte Herr besser dabei befunden als vorher, denn nicht umsonst sagt der alte Chroniker Ottokar von Horneck von ihm: „Er sei der verborgenen Minne Dieb gewesen.“
Der Herzog hatte hier eine schwache Seite des Kaisers berührt, doch das tat ihm nicht wehe, wenn es im traulichen Gespräche und von Solchen geschah, die er so wohl leiden mochte, wie seinen lieben und getreuen Vetter, den Herzog Ulrich. Was willst du damit sagen, Vetter?“ lächelte der Kaiser, willst du mir sagen, dass Rudolphs Blut auch in meinen Adern rolle?“ „Nun,“ entgegnete Ulrich, „die Habsburger waren von jeher eines Sinnes, und der Apfel fällt nie weit vom Stamme.“ „Kannst Recht haben,“ rief der Kaiser. „Es lebe, wer gut Habsburgisch ist!“, war des Herzogs Antwort; da hob der Kaiser einen frisch gefüllten Pokal in die Höhe und „es lebe, was uns lieb ist!“ ertönte aus beider Munde.
Die Herren tranken und ihre Stirnen röteten sich immer mehr, der Gegenstand ihres Gespräches wurde stets deutlicher; wie zwei Jünglinge überließen sie sich ganz ihrer Laune und am Ende hätte man glauben können, beide gingen auf Freiersfüßen. „Vetter,“ sprach der Kaiser, indem er mit der Hand über seine glühende Stirne fuhr, willst du nicht einen Gang mit mir machen, dass wir uns abkühlen?“ „Mit Willen,“ entgegnete der Herzog. Die beiden Herrn hüllten sich hierauf dicht in ihre Mäntel; ich musste ihnen folgen. Wir wandelten durch die Hallen des Zunfthauses, wo alles noch im tiefsten Schlafe lag; schauerlich blickte der Dom in der Dämmerung uns entgegen, wir durchschritten den Platz und kamen gerade durch die Straße, welche über die Rheinbrücke nach Petershausen führt, an ein großes Herrenhaus aus uralter Zeit, vor welchem wir stille hielten. „Ist dies das Haus des Patriziers Hans von Guldmast?“ fragte der Kaiser leise, indem er sich zu dem Herzog wandte. „Kein andres kann es der Beschreibung nach sein,“ entgegnete dieser; so viel ich in der Dämmerung unterscheiden kann, besteht es aus drei Flügeln, die einen Hof umschließen.“
„Nun ja, so hat sie es mir mit eigenen Worten bezeichnet,“ setzte der Kaiser hinzu, und wandte sich zu mir: „Wir sind zur Stätte, fang‘ an, mein lieber Hans, spiel‘ und singe du an meiner Statt, ich bin dessen nimmer Meister, wie in früheren Jahren; spiel‘ ein feines Liedlein, so ein Liedlein ans Liebchen.“ Ich stimmte die Laute, aber es war mir wunderbar dabei ums Herz, lieber hätte ich es gelassen, aber ich musste dem Befehle meines Gebieters gehorchen. Meine Stimme bebte, es war das erste Mal, dass ich in solcher Stunde und an solchem Orte sang: oft wollte der kühle Morgenwind meine Stimme zurückdrängen, wie wenn mein Gesang ein unheilbringender wäre. Indessen ermannte ich mich doch und begann die erste Strophe:
„Leise, Lautenton,
Denn sie schlummert schon.
Sanft nur schwebe vor
Ihrem Ohr;
Dass sie wähne/
Liebliche Töne
Von himmlischen Chören
Im Traume zu hören.“
Kaum hatte ich die Strophe geendet, so vernahmen wir ein Geräusch im oberen Stockwerke. Ein Fenster öffnete sich und im schwachen Dämmerlicht wurde eine Frauengestalt sichtbar, die sich durch das Fenster heraus bog. Ein weißes Tuch wehte in ihrer Hand, dann trat sie wieder zurück und das Fenster schloss sich hinter ihr. Eine kleine Pause verging dazwischen, jetzt klirrte das kleine Pförtchen neben dem Hoftore und wurde zur Hälfte geöffnet. Flugs stand der Kaiser am Pförtchen: „haltet gute Wache!“ rief er uns zu, und verschwand hinter demselben. Eine zarte Mädchenstimme, das hörte ich noch, bewillkommte den Eintretenden, und es war mir, als ob ich sonst schon eine ähnliche Stimme gehört hätte.
Den gezückten Stahl in der Hand, stellte sich der Herzog als getreuer Wächter an die Pforte, ich stand ihm gegenüber und die Laute lehnte zu meinen Füßen. Nach und nach verschwanden die Sterne am Himmel, immer deutlicher stellte sich des Domes Riesengestalt unsern Augen dar und in den benachbarten Häusern fing es schon allgemein an, sich zu regen. „Was meinst du, guter Spielmann,“ begann der Herzog, ich dächte, es wäre Zeit, dass wir unserem Minnedieb das Tageslied sängen; es ist kein Wächter oben im Hause, der dies Amt übernähme, lass du deine Laute noch einmal ertönen und sing ihm eins. Hast du ihn hineingesungen zur seligen Stunde, so sing ihn nun auch wieder heraus; es ist jeden Fall besser, man findet unsern gnädigen Herrn hier unter uns, als dort oben im Kämmerlein. Ich tat einige Griffe in die Saiten, aber das Singen wollte nimmer vonstatten gehen. Nicht lange stand es an, so erschien der Kaiser. Meine Lautenklänge hatten ihren Zweck nicht verfehlt hatte sie wirklich für eine Mahnung zum Aufbruch er gehalten.
Nichts für ungut,“ scherzte der Herzog, „dass wir sobald das Wächterlied sangen; bis wir in unserer Herberge sind, kann uns nachsehen wer da will.“ Die Herren hüllten sich tiefer in ihre Mäntel, drückten das Barett ins Gesicht, und als wir in der Pfalz ankamen, war die Sonne schon dem See entstiegen und beleuchtete die Ufer mit ihrer Strahlenpracht.
6.
Bald nach diesem nächtlichen Abenteuer verließ der Kaiser Konstanz und begab sich über Augsburg nach seinem Lieblingsaufenthalte Innsbruck. Doch verweilte er diesmal nur kurz daselbst, denn bald wurde er nach den Niederlanden berufen und, als die Sachen dort wieder in Ordnung waren, rüstete er sich zu dem Römerzug, der schon in Konstanz einen Hauptgegenstand der Besprechungen gebildet hatte. Während dieser ganzen Zeit war ich immer um den Kaiser, aber seit jenem Aufenthalte in Konstanz, ich gestehe es, hatte meine Anhänglichkeit an ihn mit jedem Tage abgenommen; sonst war es meine größte Lust gewesen, in seiner Nähe weilen zu dürfen, jetzt war es mir unheimlich bei ihm geworden; ich sah von nun an in ihm bloß den Mann, der das größte Unrecht gegen mich im Leben begangen hatte. Sonst konnte ich ihm so vertrauensvoll in das Auge blicken, seit jenem Tage scheute mein Blick oft an dem seinigen, wenn dieser auch noch so mild und huldvoll auf mir ruhte.
Diese Änderung machte immer mehr den Wunsch in mir rege, mich auf irgend eine schickliche Weise aus seinem Dienste zu ziehen und nach Mergentheim zu meinen Eltern zurückzukehren, von denen ich seit acht Jahren nur gelegentlich durch diesen oder jenen Nachricht erhalten hatte, dass sie noch am Leben wären und sich sehnten, mich vor ihrem Tode noch einmal zu sehen. Lange wollte sich keine schickliche Veranlassung finden, dem Kaiser die Sache vorzutragen, bis dieser einmal selbst meinem Wunsche zuvorkam.
Zu Anfange des Jahres 1508 begleitete ich ihn nach Trient. Dort wurde er, so hatte es der Papst eingeleitet, von den päpstlichen Legaten in der Domkirche mit allen Zeremonien und Feierlichkeiten, wie solches in Rom selbst zu geschehen pflegte, zum Römischen Kaiser gekrönt und gleich darauf durch die Reichsherolde in allen Straßen der Stadt unter dem Schmettern der Trompeten als Römischer Kaiser ausgerufen. Einige Tage nach der Krönung, als der Jubel des Festes bereits vorüber war, wendete sich der Kaiser eines Morgens, als ich in sein Gemach trat und ihm das silberne Handbecken reichte, zu mir mit den Worten: „Nun, mein Lieber, wäre erfüllt, wovon wir schon so lange geredet, und mein Ehrentag ist vorüber. Aber jetzt kommen andere Zeiten; es geht gegen die Venetianer, das kann ein langwieriger Strauß werden, dahin wirst du mir wohl nicht folgen wollen?“ „Ich teile das Schwere mit Euch, mein erlauchter Gebieter, wie das Erfreuliche,“ war meine Antwort. „Man teilt gerne mit Leid und Freud,“ fuhr der Kaiser fort, „denen, die man mit inniger Liebe, mit ganzem Vertrauen umfasst, aber…“ (ich wusste, was er sagen wollte, ich fühlte, dass er schon längst die Veränderung meines Wesens bemerkt hatte, ich wollte eine Antwort hervorsuchen, aber die Rede wollte nicht vonstatten.)
„Lass es gut sein,“ unterbrach der Kaiser selbst mein Stillschweigen, du hast alte Eltern, die dir näher stehen, als ich, was soll ich ihnen den Trost ihrer letzten Tage nehmen? Wir müssen uns trennen, das habe ich schon lange bei mir beschlossen, nur meinen letzten Ehrentag solltest du nach meinem Wunsche noch bei mir erleben. Morgen gehe ich nach Innsbruck zurück und dann ins Reich nach Ulm, um von dem Schwäbischen Bunde für meinen Venediger-Zug noch mehrere Hilfe zu werben. Bis dahin bleibe noch bei mir, und dann führt dich ein kurzer Weg zu den deinigen zurück. Aber eines,“ setzte er bedeutungsvoll hinzu, „tue mir noch zu Liebe; ein Auftrag, den ich nur dir allein vertrauen kann, gehe durch deine Hand nach Konstanz.“ „Was ich für Euch tun kann, mein erlauchter Herr und Kaiser, soll geschehen, und wenn ich mit meinem Blute Euch dienen könnte,“ war meine Antwort. Seitdem wurde von der Sache vorerst nicht mehr gesprochen.
Wir zogen zurück nach Innsbruck und setzten nach kurzem Aufenthalte daselbst die Reise ‚gen Ulm fort. Als wir in das Lechthal gekommen waren, wo das Städtchen Füssen liegt, trat ich zu dem Kaiser und sprach: „Erlauchter Herr und Gebieter, wir sind zur Stelle, wo die Wege nach Ulm und dem Bodensee sich scheiden; wenn Ihr mir erlaubt, so verlasse ich Euch hier und entledige mich des Auftrages, den Ihr mir zu erteilen geruhen wollt; ich will lieber Eure Angelegenheiten besorgen, ehe ich mich nach Mergentheim in meine Ruhe zu den Meinigen begebe.“
Der Kaiser war mit meinem Wunsche einverstanden und händigte mir zwei Päckchen ein; „Das eine,“ sprach er, „ist für dich, dass du dabei meiner auch in Zukunft gedenkst,“ das andere war überschrieben an die Witwe des Patriziers Hans von Guldmast in Konstanz. Dankend, und mit dem Versprechen, alles richtig zu besorgen, verließ ich meinen bisherigen Herrn; jetzt erst fühlte ich, wie innig das Band war, das mich seit beinahe neun Jahren an ihn geknüpft hatte; wir armen und kurzsichtigen Menschen lernen ja oft erst in der Stunde der Trennung den Wert derer schätzen, deren Nähe wir nun mit einem Male für immer missen sollen.
Nach zwei kleinen Tagereisen, die mich meistens über hohe Berge führten, stand ich zu Lindau am Ufer des Bodensees. Sonst war es mir ein frohes, wohltuendes Gefühl, wenn ich hinblickte über die blaue Fläche des Schwäbischen Meeres; – ich weiß selbst nicht, warum es diesmal anders war. Mit düsteren Ahnungen bestieg ich das Lastschiff, das eben nach Konstanz zu steuern im Begriffe war; stumm und für keine Freude empfänglich fuhr ich durch die spiegelglatte Fläche; mit schwerem Herzen betrat ich am Damm den mir wohlbekannten Boden. Ohne meinem von der Reise ermüdeten Körper einige Ruhe zu gönnen, war mein erster Wunsch, mich sobald als möglich meines Auftrages zu entledigen. Schnell ging ich über den Markt und als ich nach dem Hause des Patriziers Hans von Guldmast fragte, wies man mich nach dem Münsterplatz und deutete auf das große Haus rechter Hand, an dem vorüber die Straße nach Petershausen führt. Es war dies dasselbe Haus, wo ich kaum ein Jahr zuvor auf den Befehl meines Herrn und Kaisers ein Ständchen gebracht hatte.
Ich trat durch die Pforte, stieg die Treppe hinauf, aber niemand begegnete mir. Auch auf dem Hausflur war es ganz stille. Da nahte ich mich einer Türe und hörte innerhalb das Wimmern eines kleinen Kindes. Gott! wie erschrak ich, als ich die Türe öffnete. Auf einem Bette saß, bleich und abgezehrt gleich einem Marterbild, ein weibliches Wesen – ich erkannte in ihm die Züge der Thurgäuerin, des Mädchens meiner ersten Liebe, einst eine blühende Rose, jetzt zerknickt und abgefallen. Neben ihr lag ein kleines Kind von wenigen Wochen. Wie fest gebannt blieb ich an der Türe stehen; ich wusste nicht, ob ich meinen eigenen Augen trauen sollte.
Die Wohlbekannte schien übrigens durch meine Gegenwart wenig gestört, nur drückte sie ihre Hand fest auf den Mund des Kindes, vielleicht um dessen Wimmern zu hindern und lachte zu dem allen; aber das war kein natürliches Lachen. Eine bejahrte Matrone, die eben ins Zimmer trat, hieß mich willkommen und bot mir einen Stuhl; als ich aber näher zu der Kranken trat, blickte mich diese lange stier an, als ob sie mich mit ihren Augen durchstechen wollte, ging dann auf mich zu und machte Miene, mich zu umarmen; aber eben so schnell trat sie wieder zurück und erhob von Neuem ein grässliches Gelächter.
„Verzeiht, Fremdling,“ sagte die Matrone, zu mir sich wendend, dass ich Euch nicht also gleich mit dem Zustande der Kranken bekannt machte; sie ist seit der Geburt dieses armen Würmleins am Verstand irre geworden.“ Ich weiß nicht, hörte ich auf die Rede der Frau oder nicht, ich saß da, stumm und unbeweglich, den Blick stets auf die Kranke gerichtet, dass man mich selbst hätte für einen halten können, der am Verstand leidet. Erst, als mich die Matrone weiter fragte, woher ich käme und was ich wünschte, merkte ich, dass das Gespräch mich anging und da gab sich dann bald Gelegenheit, mich meines Auftrages zu entledigen; ich übergab das Päckchen der Matrone und nannte ihr den Namen dessen, der mich gesandt hatte.
Als die Kranke den Namen Maximilian hörte, sprang sie auf, wie zuvor, trat dann aber gleich wieder zurück und lachte so grässlich, dass es mir durch Mark und Gebein drang. „Seht,“ sagte die Matrone, indem sie das Päckchen aus meiner Hand nahm, „der Name, den Ihr eben nanntet, ist ihr ein wohlbekannter Name. So hat doch der Mann, dem sie alles opferte, ihrer noch gedacht, aber leider zu spät, mit da sie seiner nicht mehr gedenken kann.“
Tränen im Auge sprach sie dieses Wort. Sie hatte inzwischen das Päckchen geöffnet und zog eine blanke goldene Kette von hohem Werte heraus. Dann trat sie zu der Kranken hin, hielt ihr die Kette vor und sagte ihr dabei laut in das Ohr: „Sieh‘ da, Marie, dies von Maximilian.“ Hastig fasste Marie die Kette und bedeckte sie mit ihren Küssen, aber im gleichen Augenblicke warf sie dieselbe wieder von sich und auf das Kind hin, das immer noch wimmerte. Ich hatte bemerkt, dass bekannte Namen einen Eindruck auf sie machten, darum trat ich näher, ergriff ihre Hand und sprach freundlich: „Weißt du noch, liebe Marie, von dem Lautenhans aus Schwabenland, der einst auf dem Pflanzberge so glücklich mit dir war?“
Diese Worte schienen Eindruck auf sie zu machen, sie legte die Hand an die Stirne, als wollte sie sich auf etwas besinnen, ihr bisher stierer Blick wurde wehmütig milde, aber statt einer Antwort, griff sie nach der Kette, warf sie auf den Boden und trat mit Füßen darauf – dann folgte wieder ein grässliches Lachen. Nur mit Mühe konnte man ihr die Kette nehmen, die sie vernichten wollte. „Den Namen,“ sagte die Matrone, „den Ihr da eben ausspracht, habe ich oft von ihr nennen hören, ehe sie in diesen Wahnsinn verfiel; Ach! Ihr werdet nichts ausrichten können, bester Fremdling; Gott allein kann hier das Beste tun und ihre und meine Not ansehen – freilich, das arme, verlassene Kind, wer wird sich seiner annehmen?“
Ich konnte weiter nichts mehr sprechen, sondern fasste nur noch einmal liebevoll die Hand der Kranken, verabschiedete mich von der Matrone und versprach bald wieder zu kommen.
Zur Stunde mietete ich eine Wohnung, nicht weit von dem Hause des Hans von Guldmast. Die Sorge für die Kranke war mir jetzt für den Augenblick wichtiger geworden als die Rückkehr zu meinen Eltern. Manche Stunde des Tages brachte ich in Mariens Nähe zu, aber ich machte auch die schmerzliche Wahrnehmung, dass meine teure Pflegebefohlene mit jedem Tage an Kräften abnehme. Bald konnte sie gar nicht mehr außerhalb des Bettes sein, ihre Füße trugen sie kaum mehr. Eines Abends spät – es war in der dritten Woche, seitdem ich mich in Konstanz aufhielt – holte man mich zu der Kranken. Als ich eintrat, saß sie aufrecht in ihrem Bette, was ich in den letzten Tagen nie gesehen hatte; als ich ihr nahte, streckte sie mir die Hände entgegen. „Mein Lieber,“ rief sie mit einer Stimme, die klang wie in seligen Zeiten, du bist lange ferne gewesen.“ Sie zog mich zu sich hin, schlang ihren Arm um mich, und stromweis liefen die Tränen über ihre Wangen. Ich vergaß in diesem Augenblicke alles, was bisher geschehen war und uns einander fremd gegenübergestellt hatte; es war mir, als ob ich nur kurze Zeit von ihr getrennt gewesen wäre, und nun, nach erfolgtem Wiedersehen, mich wieder desto seliger in ihrer Nähe fühlte.
Seit diesem Tage war es wieder leichter in der Seele der Kranken geworden; ich konnte mich aber nicht darüber freuen, vielmehr ergriff mich eine trübe Ahnung; denn ich hatte öfter gehört, dass Irrsinnige, kurz ehe sie ihrer Auflösung entgegen gehen, wieder in den Besiz ihrer Verstandeskräfte zu kommen pflegen. So verflossen mehrere Stunden, auch die Erinnerung an frühere Zeiten kehrte bei Marien wieder und nicht das Geringste blieb zurück. Sie sprach von der glücklichen Zeit unseres Zusammenlebens, aber auch von der schweren, da ich von ihr getrennt war; der Gedanke, dass ich sie bei meiner zweiten Anwesenheit in Konstanz nicht hätte aufsuchen wollen, weil ich ihrer vergessen; dieser Gedanke, noch bestärkt dadurch, dass ich sie bei jenem Abendtanze unbeachtet gelassen hatte, war Veranlassung bei ihr geworden, mich gewaltsam aus ihrem Gedächtnisse zu schlagen, und das Opfer einer, durch die Auszeichnung, womit ihr der Kaiser entgegenkam, ungewöhnlich erregten Eitelkeit zu werden.
Ach! wie schmerzlich war für mich dieses Bekenntnis ihrer Schwachheit, denn auch ich hatte, obgleich unwissend, einen Teil der Schuld an ihrer Sünde getragen. Diese letzte Unterredung wirkte indessen auf die ohnehin schon so Entkräftete äußerst nachteilig, sie beugte sich zurück auf ihr Kissen und schien einschlummern zu wollen. Eine ziemliche Zeit war Ruhe und Stille über ihr ganzes Wesen verbreitet, jetzt erwachte sie auf einmal wie aus einem süßen Schlummer; ihr Gesicht war freudig und verklärt, wie bei solchen, die einen angenehmen Traum gehabt hatten, sie schlang wieder ihren Arm um mich und „willst du mir verzeihen,“ fragte sie mit halblauter Stimme, dass ich ausgesöhnt mit der ganzen Welt und freudig dem Richterstuhle Gottes nahen kann?“
„Ich habe dir verziehen, Geliebte, seit der Stunde, da ich mich an deinem Krankenlager niederließ, um deiner zu pflegen.“ „So nimm dich auch jetzt des verlassenen Kindleins an; es trägt keine Schuld an meiner Sünde,“ sie deutete dabei mit schmerzlichem Blicke auf das Kleine, das freundlich lächelte in der Sterbestunde seiner Mutter. „O, gelobe…“ die Worte, die sie jetzt sprechen wollte, erstarben in ihrem Munde; sie fasste meine Rechte und drückte sie krampfhaft, dann beugte sie sich zurück auf das Kissen, ihr brechendes Auge war auf mich gerichtet, sie verschied in meinen Armen. Das war das Ende deiner Mutter, liebe Marie.
7.
Ich hatte der Sterbenden den verlangten Schwur nicht mehr leisten können, aber zum Beweise, dass er mir nicht minder heilig war, als wenn ich ihn wirklich ausgesprochen hätte, hielt ich die schon erkaltete Hand noch einige Zeit fest in der meinigen.
Noch ruhte deine Mutter nicht zwei Tage im Grabe, so brachte ich dich schon aus dem Hause, worin du das Licht der Welt erblickt hattest, weg und nahm dich mit mir über den See. Zu Überlingen, das ich vor Jahren als ein junger Fant zum ersten Male gesehen hatte, kaufte ich eine Laute; diese hing ich an meine Seite, dich aber, mein bestes Gut, das ich niemanden Anderem anvertrauen wollte, trug ich in einem Korb auf dem Rücken. So zog ich mit meiner süßen Bürde durch das liebe Schwabenland; wenn du weintest und wimmertest, setzte ich mich im Schatten eines Baumes nieder, trillerte ein Liedchen und schweigte dich ein wie eine Mutter mit dem Wiegenliede. Manche Gefahr, manche Mühe hatte ich zu überwinden, bis ich mit meinem zarten Pfleglinge die teure Heimat erreichte. Doch gelangte ich endlich mit Gottes Hilfe wohlbehalten in das Tauberthal und in meine liebe Vaterstadt Mergentheim.
Es war gerade die Zeit der Abendglocke, als ich in die Wohnstube des bekannten kleinen Häuschens am Edelfinger Tor eintrat. Mein Vater saß, wie gewöhnlich um diese Stunde, in seinem Lehnstuhl, die Mutter hatte eben fromm die Hände gefaltet und sprach das Abendgebet, was früher mein Beruf gewesen war. Sie hatte noch nicht geendet, als ich sie mit meiner Ankunft überraschte und freudig in die Umarmung meiner Eltern eilte. Verwundert erhob sich mein Vater von seinem Sitze, meine Züge waren ihm während der langen Zeit fremd geworden, aber bald erkannte er mich an der Laute, denn ohne eine solche hätte ich nicht vor ihn treten dürfen. Kopfschüttelnd und ungläubig stand meine Mutter da, noch zweifelte sie, ob ich ihr Hänschen wäre, denn in den neun Jahren meiner Abwesenheit war ein stattlicher Mann aus mir geworden; auch befremdete sie nicht wenig die seltsame Bescherung, die ich auf meinem Rücken trug.
„Hier,“ sagte ich endlich zu meiner Mutter, nachdem ich sie lange genug ihrer Verlegenheit überlassen hatte, hier bringe ich euch etwas zum Gruße und zum Zeitvertreibe in euren alten Tagen.“ Mit diesen Worten schnallte ich den Korb vom Rücken und reichte meiner Mutter die kleine Marie. Sie war zwar, nach meiner eigenen Kindheit, der Pflege und Erziehung von Kindern ganz ungewohnt geworden; doch nahm sie dich Verlassene auf ihre Arme und wartete dein wie ihres eigenen Kindes. Sie hat viel an dir getan, und wenn dir das Andenken deiner leiblichen Mutter im Segen bleibt, so gedenke neben ihr auch dieser deiner treuen Pflegerin stets mit Dankbarkeit.
Nur wenige Jahre noch nach so langer Trennung war mir an der Seite meiner Eltern zu leben vergönnt; bald folgten sie einander, in nur kurzen Zwischenräumen, im Tode nach, zu früh für uns beide und weinend gingen wir hinter ihren Särgen her. Wie ich da, an ihrem Grabe stehend, mich so einsam und verlassen in dieser Welt fühlte, hielt ich dich auf meinen Armen und du lächeltest mir in kindlicher Unschuld entgegen, wie bei der Leiche deiner eigenen Mutter. Da war ich nicht mehr verlassen, denn ein liebes Töchterlein wuchs mir heran in meinem Pflegekinde.
Dies, liebe Marie, ist die Geschichte deiner ersten Lebensjahre, dies der Schlüssel zu dem Geheimnis, welches dir bisher das Verhältnis umhüllte, das uns beide fast zwei Jahrzehnte hindurch so innig beglückt hat. Jetzt, da dein ferneres Schicksal dich von meiner Seite ruft, gewähre mir wenigstens noch die eine Bitte und bewahre in deinem Herzen ein liebendes Andenken an den Lautenhans.“
Wilhelm Christian Binder: Alemannische Volkssagen, Geschichten und Mährchen: gesammelt und neu erzählt, Band 1, J.F. Cast, 1842, Quelle: https://books.google.de/books?id=zepLAQAAMAAJ
