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Petrus, Paulus und das Schweißtuch der Veronika

Johann Baptist Hirscher hatte die Predella im Jahr 1855 aus der Ölbergkapelle der Kirchengemeinde Isny abgekauft. Er vermutete es sei nach der Schule von Matthias Grünewald (1480-1530) gefertigt. In Hirschers Angebotsverzeichnis an die Kurfürstliche Sammlung von 1857 werden die beiden Tafeln mit Darstellungen von Petrus und Paulus erwähnt – jedoch als Werke des „berühmten Matthias Grünwald“. 

Die Portraits der Apostel wurden 1858 durch die Kunstsammlung Karlsruhe aus der Sammlung Hirscher erworben. Untersuchungen der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe hatten ergeben, dass die Gemälde von Martin Schaffner aus Ulm (1478-1546) bzw. seiner Werkstatt stammen. Die Predella wird im Katalog der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe unter Nr. 79 erwähnt. Das Schweißtuch der Veronika – das Mittelteil – kam 1936 aus dem Städtischen Museum in Augsburg in die Kunsthalle Karlsruhe. Es war 1913 aus Venedig in süddeutschen Besitz gelangt. In Karlsruhe wurden die drei Fragmente – die beiden Apostel und das Gemälde des Vera Icon (Schweißtuch der Veronika mit Christusportrait) – 1937 wieder zusammengefügt. Dort ist die Predella hier zu finden:
https://www.kunsthalle-karlsruhe.de/kunstwerke/Martin-Schaffner/Die-Heiligen-Petrus-und-Paulus-mit-dem-Schwei%C3%9Ftuch-der-heiligen-Veronika-Vera-Icon/EC5D4E8C4839CE8F99640494A4512702/

Nachdem im Verkaufsdokument nur von einem Bild gesprochen wird, muss Hirscher das Zersägen wohl selbst in Auftrag gegeben haben, vermutlich weil mit den Einzelteilen jeweils ein höherer Verkaufspreis zu erzielen war. Es handelt sich somit bei der Tafel, die heute in der Kunsthalle Karlsruhe zu sehen ist, mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit um die Predella eines Altares aus der Nikolaikirche. Meine Vermutung, dass es sich um einen Teil des Strigel-Altares handeln könnte, wurde von sachkundigen Kunsthistorikern verneint. Somit muss dieses Gemälde Teil eines weiteren kunsthistorisch wertvollen Altares (evtl. des Nikolaus-Altares)  gewesen sein.

Die Nikolaikirche war vor dem Bildersturm 1534 mit mindestens 7 Altären ausgestattet. Zudem gab es einen Altar in der Friedhofskapelle und in der Spitalkirche, weitere in Georgskirche und in der dort befindlichen Marienkapelle. Die Georgskirche wurde beim Stadtbrand 1631 völlig zerstört und später im barocken Stil wieder aufgebaut. Ob Teile von dort vorhandenen Altären ebenfalls in die (protestantische) Ölbergkapelle gerettet wurden ist möglich – wegen der Streitigkeiten jedoch nicht sehr wahrscheinlich.

 

Predella: Petrus und Paulus mit dem Schweißtuch der Veronika, Martin Schaffner, 1518

Predella: Petrus und Paulus mit dem Schweißtuch der Veronika, Martin Schaffner, 1518

Beschriftung auf der Predella:
Omnia nuda et aperta sunt oculis eius („Alles ist nackt und bloß vor seinen Augen“). 1518 (Text nach Hebr. IV,13)

Roland Manz, Heimatforscher aus Isny, konnte zwei Schreiben zum Kauf eines Bildes von Grünewald durch Johann Baptist Hirscher aus der Ölbergkapelle im Archiv der Ev.Kirchengemeinde entdecken und transkribieren. (➥ https://oberschwabenschau.info/wp-content/uploads/2024/06/Text-Nr-2285-2-Briefe.pdf) Im „Verzeichnis Hirscher“ von 1857 taucht nur ein einziges Werk mit der Zuordnung zu Grünewald auf – mit Verweis auf die Darstellung von Petrus und Paulus. Daher sehe ich es als gesichert an, dass es sich dabei um diese Predella handelt, die über die Sammlung Hirscher in die Kunsthalle Karlsruhe gelangte. Die Jahreszahl 1518 auf der Predella passt auch zur Entstehungszeit der Bilder von Bernhard Strigel. Vermutlich wurden hier zwei neue Altäre von den wohlhabenden Isnyer Patriziern gestiftet.

Bernhard Strigel (* um 1460 in Memmingen; † 4. Mai 1528) und Martin Schaffner (Ulm, * um 1478; † nach 1546) übernahmen den Zeitblom-Stil und entwickelten diesen zur selben Zeit weiter. Die Werkstätten der drei Maler lagen nur knapp 30 Kilometer auseinander. Ich suche derzeit nach Altarfragmenten, die Martin Schaffner und der Nikolaikirche zugeschrieben werden. Vielleicht lässt sich der ursprüngliche Aufbau rekonstruieren. 

Die Staatsgalerie Stuttgart besitzt zwei bedeutende Altarflügel von Martin Schaffner, die Heilige darstellen: den Heiligen Wendelin (Inv. Nr. 14) und den Heiligen Nikolaus von Bari (Inv. Nr. 16). Nikolaus ist ein „Zweitname“ von Nikolaus von Myra, dessen Gebeine nach Bari überführt wurden. Angekauft wurden die Gemälde 1859 aus der Sammlung von Karl Gustav von Abel, der auch mit Hirscher in Kontakt stand. Beide Tafeln passen jedoch im Duktus nicht zur Predella. Nachdem die „Altarfabriken“ des Mittelalters sich jedoch oft selbst kopierten, könnten die Tafeln Hinweise dafür geben, wie die Seitenflügel des Retabels ausgesehen haben.

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