Oberschwaben – historische Ortsansichten & regionale Sagen

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Der bayerische Hiasl – der verwegenste und merkwürdigste Wildschütz und Räuberhauptmann in Deutschland – Dessen schreckliches Leben u. fürchterliche Abenteuer ganz der Wahrheit gemäß dargestellt nach den verlässigsten Angaben.
Erschienen bei J. Lutzenberger, Burghausen 1857 – ohne Nennung des Verfassers. Aus dem Original transkribiert und sachte an heutige Schreibweise angepasst durch W.Autenrieth, 2026. Digitalisat: https://www.google.de/books/edition/Der_bayerische_Hiesel_der_verwegenste_un/3NlAAAAAcAAJ

Inhalt

Gliederung

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  • Inhalt
  • Vorbemerkung
  • Der bayerische Hiasl
    • Kap. 1: Der bayerische Hiasl
    • Kap. 2: Hiasls erste Heldentat; Hiasl als Jägerjunge
    • Kap. 3: Er dient um seine Geliebte. Sein erster Schritt zum Verderben.
    • Kap. 4: Als Wildschütz
    • Kap. 5: Hiasl als Rekrut und Ausreißer
    • Kap. 6: Kommt unter Wildschützen. Eine teilnehmende Krankenwärterin
    • Kap. 7: Hiasl schützt seinen Wohltäter
    • Kap. 8: Besucht seinen Paten. Hiasl wird Wildschüzenhauptmann
    • Kap. 9: Im Zuchthaus
    • Kap. 10: Wie Hiasl einen Fanghund kriegt
    • Kap. 11: „Herr Förster, den Stuben ab!“ Eine Streife
    • Kap. 12: Grausamkeit Hiasls
    • Kap. 13: Die Räuberhöhle im Sumpf
    • Kap. 14: Hiasl ist in Gefahr und entkommt durch List
    • Kap. 15: Graueltaten
    • Kap. 16: Hiasl scheut keine Gefahr
    • Kap. 17: Hiasl als vielvermögender Brautwerber
    • Kap. 18: Wie Hiasl in die Hände des schwarzen Martin gerät und von der schönen Afra befreit wird
    • Kap. 19: Der Überfall in der Mühle. Hiasl als Retter. Des schwarzen Martins elendes Ende
    • Kap. 20: Der Weinhändler auf dem Ball. – Wie der Ball ausging
    • Kap. 21: Hiasl vor Bauern weichend. Rache dafür
    • Kap. 22: Der Verrat. Die Felsenhöhle geht verloren. Afra gefangen
    • Kap. 23: Die Befreiung. Woran Hiasl seine Geliebte erkennt. Ein Stärkerer, als Hiasl ist
    • Kap. 24: Ho, ho, Ihr Schergen! I bi der boarisch Hiasl, und fehl’n tuat mir nix
    • Kap. 25: Hiasl zieht nach Oberschwaben. Er rettet seine Marie vom Tode. „Geht heim ihr Federvieh!“
    • Kap. 26: Hiasl als Prälat
    • Kap. 27: Hiasls Geliebte, Afra, stirbt den Heldentod. Der letzte Kampf Hiasls. Gebraten oder gehangen, Herr Hiasl?
    • Kap. 28: Hiasl im Gefängnis und im Tode
    • Moral
  • Weitere Lebensbeschreibung des Hiasl

Vorbemerkung

Matthäus Klostermayr (geb. in Kissing 1736 – hingerichtet 1771 in Dillingen) war Anführer einer „gerechten“ Wildschützen- und Räuberbande im Ostallgäu. Genannt wurde er „Der bayerische Hiasl“ – abgeleitet von seinem Vornamen Matthias und seinem „Arbeitsgebiet“ südlich von Augsburg. Klostermayr war zunächst aus finanzieller Not heraus „Wildschütz“, der seinen Lebensunterhalt durch Wilderei verdiente. Er wurde er von der Bevölkerung und den Bauern als Volksheld und Freigeist geachtet. Nachdem er und seine Bande sich jedoch nach und nach radikalisierten und Überfälle begingen, wurde Klostermayr zum meistgesuchten Verbrecher in Bayrisch-Schwaben. Hiasl (auch „Hiesel“) wurde im Januar 1771 verhaftet und in Dillingen öffentlich erdrosselt, geköpft, gerädert und gevierteilt. Zur Abschreckung wurden die Körperteile an verschiedenen Orten öffentlich ausgestellt. Den Kopf steckte man an den Dillinger Galgen, die Körperteile wurden in Dillingen, Füssen, Oberdorf (heute Marktoberdorf) und Schwabmünchen öffentlich ausgestellt.

„Matthias Klostermayr war schon zu Lebzeiten berühmt und berüchtigt. Für viele Zeitgenossen aus ärmeren Schichten war er ein Volksheld, obwohl zahlreiche Gewaltverbrechen an Unschuldigen auf sein Konto gingen. Er lebt bis heute in zahlreichen Anekdoten, Liedern und Legenden weiter.➥ Friedrich Schiller soll den Bayerischen Hiasl als Vorbild für den ➥ Karl Moor in seinem Stück ➥ Die Räuber genommen haben.“ ( ➥ zit. aus Wikipedia)

„Von den 50 Delikten, die den „Eidgenossen“ im Dillinger Prozess vorgeworfen wurden, spielten sich (..) nur zwei im bayerischen Gebiet ab (Jagdbezirk Wildenroth, heute Landkreis Fürstenfeldbruck). Elf fanden im heutigen Landkreis Ostallgäu statt, im Landkreis Augsburg waren es zehn. In Mittelschwaben und Württemberg zählte man sieben, im unteren Allgäu einen, in Dillingen an der Donau sechs, in Günzburg ebenfalls sechs und im Augsburger Stadtgebiet zwei Übergriffe Klostermayrs und seiner Leute.
Der südlichste Tatort lag bei Altusried nördlich von Kempten, der nördlichste bei Lauingen an der Donau. Im Westen wagte sich die Bande bis vor die Tore Ulms (Oberelchingen), im Osten bis Wildenroth im Kurfürstentum Bayern. Alle Delikte fielen in die Jahre zwischen 1766 und 1771.“ ( ➥ zit. aus Wikipedia)


Der bayerische Hiasl

Auf der Straße gegen Mergenthau, einem Schlosse an der Schwabengrenze im Oberbayrischen, wanderte ein junger Mann, von sehr auffallendem Äußern. Er gehörte dem reifen Jünglingsalter an, seiner Größe und Stärke nach zu schließen sollte er ungefähr 22 Jahre zählen, obwohl er deren erst 18 hatte, das Gesicht war stark gebräunt, seine Stirne hoch und gewölbt, die braunen Augen blitzten wild unter den dichten schwarzen Wimpern hervor, die Nase war sanft gebogen und die Mundwinkel scharf eingeschnitten. Der etwas breite Mund wies wenn er ihn öffnete zwei Reihen blendend weißer Zähne, die ganze Figur sah kühn und imposant aus, und gewann noch mehr durch das dichte schwarze Haar, welches sein Haupt umlockte. Er war gekleidet in ein kurzes Kamisol von grünem Samt, trug einen grauen breit krempigen Hut, eng anliegende kurze Hosen von Gamsleder, weiße Strümpfe und Schuhe.

Wer ihn sah, blieb stehen, ihn zu bewundern; man kannte es ihm auf den ersten Blick an, dass er ein Mensch von außerordentlicher Befähigung sei.

Es war dies Mathias Klostermayer, Hirtensohn von Kissing, einer einst den Jesuiten gehörigen Hofmark, Landgerichts Friedberg in Bayern. Das Häuschen, wo er geboren war, hieß zum Brentan.

Gruss aus Kissing mit Schloss Mergenthau und bairischem Hiasl um 1900

Gruss aus Kissing mit Schloss Mergenthau und bairischem Hiasl um 1900

Der Welt ist dieser Mensch bekannt unter dem Namen:

Kap. 1: Der bayerische Hiasl

Wir müssen ihm in seine früheste Jugendzeit, in die väterliche Hütte folgen, da er in den Annalen der bayrischen Kriminalgeschichte einen der hervorragensten Plage als verwegener Wildschütze, grausamer Räuber und Mörder einnimmt, dessen Name noch heute mit Schrecken genannt wird in jenen Gegenden, die er zum Schauplatz seiner verruchten Taten gemacht hatte.

Hiasls Geburtsjahr ist 1736, sein Geburtstag nicht bekannt, sein Vater, ein Viehhirte, ließ ihm neben der einzigen Schwester Agnes, die im Lenze ihres Lebens starb, eine Erziehung geben, wie bei Leuten dieses Schlages selten der Brauch ist, er lernte fertig lesen und schreiben, und daheim musste er spinnen und Körbe flechten. Hiasls Mutter war für seine Herzensbildung emsig besorgt und leitete ihn strenge nach dem Grundsatz: Arbeite und bete! Frühe schon machte sich an Hiasl ein unbändiger Hang zum Umherstreifen in den Wäldern, und benachbarten Hügeln bemerkbar, er war ein wilder Junge, jähzornig und wo es einen Handel und ein Geraufe gab, vorne daran.

Man wusste nicht, warum er so ganz aus der Art schlug, obwohl er ein gutes Herz besaß, das hie und da durch die Brennessel seiner Leidenschaften wie ein süß duftendes Veilchen erschien Wenn er an der Stelle seines Vaters das Vieh hüten sollte, streifte er statt dessen herum, spürte die Fährte eines Hirsches oder Rehes auf, wusste geschickt Hasen in der Schlinge zu fangen und es fehlte ihm nicht leicht an einigen Groschen, die er aus deren Erlös gewann, um dieselben gelegentlich im Spiele mit älteren Kameraden zu vertun. Dafür galt er als ein flotter Bub, was ihm hinlänglicher Ersatz schien für die Regungen seines Gewissens, das ihm manchmal Vorwürfe über seinen verbotenen schändlichen Erwerb machte.

Als der Schwester, die er wirklich mit aller Wärme geliebt hatte, bald seine gute Mutter ins kühle Grab gefolgt war, schien es, als ob Hiasl auf der schlüpfrigen Bahn Einhalt tun, als ob er umkehren wollte. Auf ihrem Sterbebette noch unterließ das besorgte Weib nicht, eindringlich zu ihrem Sohne zu reden, und ex versprach ihr, tief bewegt und ergriffen, Alles was sie wollte und es hatte den Anschein als ob Hiasl nunmehr ein ordentlicher Mensch werden sollte.

Da wurde auch sein Vater siech und bettlägerig; das wenig Bargeld für ihn und seine bessere Pflege war bald verbraucht, und so arbeitete, spann und flocht Hiasl Tag und Nacht, um ihm nichts mangeln zu lassen. Der Tod trat jedoch binnen Kurzem zum dritten Male bei Brentan in’s kleine Hüttchen und am 15. September 1754 trennte ein kleiner Erdhügel den entschlafenen Vater vom verwaisten Sohne.

„Lebe wohl!“ hatte er vor seinem Scheiden zu ihm gesprochen, sei und werde glücklich, vergiss deinen sterbenden Vater nie und ehre ihn durch einen ehrlichen rechtschaffenen Wandel.“

Auch der Pfarrer, in dessen Schule Hiasl gegangen war, spendete ihm gute Lehren; wir wollen sehen ob und wie er sie befolgte.

Das Gefühl der Verlassenheit hatte sich Anfangs seiner bemächtigt und er saß in schmerzliche Gedanken vertieft nach etlichen Tagen unter dem Schatten des schönen Apfelbaums vor der Hütte, welchen sein Vater gepflanzt hatte, da trat das Gericht heran, um im Namen der Gläubiger das kleine Anwesen in Beschlag zu nehmen. Der Erlös des Ganzen war gerade hinreichend, die Schulden zu decken, und nur aus Barmherzigkeit überließ man Hiasl so viel, dass er sich neu kleiden konnte und etliche Gulden im Sacke behielt. Zwar war sein Taufpate im Orte und er konnte zu diesem in den Dienst treten, ja vielleicht seine Existenz dort begründen; denn Ignaz Stettner hatte nichts dagegen, dass seine jüngere Tochter Marie den kräftigen flinken Hiasl gerne sah. Jedoch hatte das Gefühl der unbedingten Freiheit, der er jetzt in die Arme geworfen war, ihn so sehr ergriffen, dass er trotz der Bitten Mariens und trotz der väterlichen Vorstellungen Stettners schon nach etlichen Tagen seinen Bündel schnürte und seiner Heimat Valet sagte. Sein Pate hatte ihn mit Wäsche hinreichend versorgt. Unter Tränen nahmen sie von einander Abschied und Hiasl musste versprechen, falls ihm in der Fremde sein Glücksstern nicht leuchten sollte, zu Stettners Familie zurückzukehren.

Kap. 2: Hiasls erste Heldentat; Hiasl als Jägerjunge

Es war Sonntag. Der Abend begann zu dämmern. Im Garten des Wirtshauses zu Mergenthau saßen der Gäste viele, die bei einem Kruge Bier sich letzten. An der Kegelbahn ging’s lebendig zu, die Burschen waren dort in dichter Schar versammelt, an langen Tischen saßen die Männer des Dris und der Gegend, an einem Seperattischchen aber in einer Laube waren die Schreiber und Diener des Schlosses, obenan der Verwalter.

Es war Hiasls erste Tagreise, er wollte noch bis zu einem Dorfe kommen, 1 Stunde von Mergenthau, wo eine Verwandte von ihm ein Anwesen besaß. Dort hoffte er eine Unterkunft zu finden. Das rege Treiben aber und sein Durst führten ihn in den Wirtsgarten, um eine Kanne zu leeren; er trat unter die Gäste und nahm einen bescheidenen Platz ein. Sogleich war die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet.

Im nämlichen Augenblicke trieb der Hirte die Herde der Mergenthauer von der Weide zurück; als er am Garten vorüberkam, wurde ein mächtiger Stier scheu, brach aus dem Zuge und rannte wütend unter die versammelten Gäste.

Diese stäubten in ängstlicher Hast aus einander, jeder suchte Schutz vor dem grimmigen Tiere, Hiasl aber sprang rasch auf den Stier zu, erfasste mit Löwenkraft mit der Linken dessen Horn, packte es mit der Rechten an den Nüstern und während ein Schrei des Entsetzens aus dem Munde aller Gäste ertönte, riss er ihn zu Boden und hielt ihn mehrere Minuten an die Erde gefesselt, wo das Untier, erkennend dass es seinen Meister gefunden habe, an allen Gliedern zitternd, als er es losließ, scheu und ängstlich das Freie suchte.

Hiasl suchte, als ob gar nichts vorgefallen wäre, wieder seinen Platz, der Verwalter aber winkte ihn zu sich, fragte ihn um Namen und Heimat. Mit aller Offenheit erwähnte Hiasl sein Missgeschick, und dass er jetzt auf dem Wege sei, einen Dienst zu suchen, um ehrlich sein Fortkommen zu finden.

Der Verwalter bot ihm einen Platz im Schlosse an als Ausläufer und Kanzleigehilfe; wer dünkte sich glücklicher als Hiasl. Die Bauern umringten nun unsern Helden, ihm Bier zu zahlen erbötig, so viel er nur trinken wolle, er aber lehnte es stolz aber höflich ab.

Auch ein alter Jäger einer Herrschaft in der Nachbarschaft trat zu ihm, ein in allen Künsten des edlen Waidwerks wohl erfahrener, verwitterter Mann, der sich rühmte kugelfest zu sein und von keinem Hieb und Stich zu verwunden. Wirklich war derselbe aus vielen Straußen, die er mit den gefährlichsten Wildschützen gehabt hatte, unverlegt davongekommen und sein Ruf als Teufelsbanner und Hexenmeister wohl begründet.

„Wärst du doch“ sprach Benno (so hieß der alte Jäger) „in meine Dienste gegangen, einen so kühnen schmucken Gehilfen habe ich mir lange gewünscht wie du bist, du scheinst ein guter Jäger zu werden. Denn meine Beine sind schon morsch und gar oft bin ich, vom Zipperlein geplagt, nicht mehr im Stande, meinem Geschäfte nachzugehen, wie ich sollte. Ich werde, wenn du mit mir verstanden bist, gelegentlich mit dem Verwalter, dem ich das Karste, was Forst und Sumpf enthält, in die Küche liefern muss, mich bei ihm für dich verwenden.“

Wer war vergnügter bei dieser Rede als Hiasl, ein Jäger zu sein, war sein höchster Begriff von menschlicher Glückseligkeit.

Hiasl hatte im Schlosse gute Tage, und wurde zu vorkommenden Geschäften jeder Art verwendet.

Wirklich bekam er oftmals die Erlaubnis, den grauen Benno in den Forst zu begleiten, und da Hiebl mit dem Stuben bald besser umzugehen verstand als sein Lehrmeister, so trat er nach Umfluss einiger Monate in Bennos Dienste. Eine Rauferei im Wirtshause zu Mergenthau befestigte noch den Ruf seiner übermenschlichen Stärke, und da er keinen Vogel im schnellsten Fluge mehr fehlte und auf 150 Schritte ein Talerstück durchschoss, so war sein Ruhm als tüchtiger Jäger fest begründet und er durfte überzeugt sein, überall eine Anstellung als praktischer Jäger zu bekommen.

Noch waren keine 10 Monate verflossen, seit Hiasl Bennos Gehilfe war, da gingen die Füchse und Hasen der Mergenthauer Waldrevier mit Bennos Leiche; eine tötliche Brustkrankheit hatte ihn dem edlen Waidwerk entrückt. Sein Nachfolger, Forstwärtl Stauderer, war gleich in der ersten Zeit auf Hiasl eifersüchtig; Gelegenheit zu Zankerei gab’s bald, und da Hiasl den Brutalen spielte, so war’s Verhältnis zwischen ihnen aus und gar. Er packte seinen Bergsack, hing seine Zwillingsbüchse und schnallte den Hirschfänger um und so ging’s nach zweijähriger Anwesenheit zurück nach Kissing.

Kap. 3: Er dient um seine Geliebte. Sein erster Schritt zum Verderben.

Hiasls erster Gang in Kissing war zum Paten Ignaz Stettner. In Stetiners Hause hatte sich seit Hiasls Abwesenheit manche Veränderung zugetragen. Die ältere Tochter, Margaretha, hatte unterdessen einen Schreiber von Friedberg geheiratet, Stettner selber war in Folge eines Sturzes siech und konnte dem reichen Anwesen nimmer nach Gebühr vorstehen, und Maria, die jüngere Tochter hatte Anfechtungen von benachbarten Bauerssöhnen, die sie in ihr Haus heimzuführen beabsichtigten. Aber allen diesen Versuchungen und Anerbietungen wich sie beharrlich aus im getreuen Andenken an ihre heiße Liebe zu Hiasl. Denn hatte auch Hiasl seit er fort war nichts von sich hören lassen, dennoch war der Ruf von dem trefflichen Schützen und kühnen Jäger bis in ihr elterliches Haus gedrungen und sie hatte nicht aufgehört, ihre Liebe zu dem Jugenfreund treu und warm zu erhalten.

Der Empfang Hiasls in Stettners Haus war daher innig und freudig, und Marie war wie besessen vor Entzücken über den stattlichen Jäger, dem die ersten Flaumen um Kinn und Wangen blühten. Bald war man einig, dass Hiasl im Hause bleiben solle, bis sich eine für seine Fähigkeiten geeignete Stelle als Jäger finden würde.

Bis dahin sollte Hiasl als Knecht in seines Patens Dienste treten, es wurde ihm eine Kammer angewiesen und er verrichtete seine ihm angewiesenen Arbeiten mit solchem Eifer, dass niemand in ihm den Forstmann vermutet hätte, der nicht wusste, dass einzig die aufglühende Liebe zur schönen Marie ihn zu solcher Erniedrigung veranlasst hatte.

Allgemein wurde Hiasl als Mariens Bräutigam bezeichnet, und wenn sie an seiner Seite, beide so schön geputzt als möglich, Sonntags in die Kirche oder Nachmittags in das Wirtshaus kamen, da rissen die Bauern Augen und Maul auf, denn ein so schönes Paar war in Kissingen noch nie gewesen. Ihre Vereinigung war aber auch aufrichtig, und eine Zeitlang hing Hiasl wirklich dem Gedanken nach, an seiner Geliebten Seite das Leben in Kissing zu durchwandeln, denn Marie sollte das Gut bekommen.

Die nun folgende Zeit war Hiasls glücklichste. Sechs volle Jahre hatte er in dieser Lage ausgeharrt. Stettner starb nicht, ihn um Mariens Hand zu bitten, war Hiasl zu stolz und so kam eine wesentliche äußere Veränderung im Hause nicht vor. Da kam des Teufels Versuchung ins Spiel.

Einst musste Hiasl, der seines Paten unumschränktes Vertrauen genoss, eine kleine Summe Geld zu seinem Schwiegersohne nach Friedberg tragen. Es war Sonntag, in einem Landwirtshause unterwegs kehrte Hiasl ein, traf lustige Gesellschaft, ließ sich zum Zwicken verleiten und verlor sein Geld und die ihm anvertraute Summe. Der kalte Schweiß stand ihm auf der Stirne. Seine Mitspieler, drei Jäger, hatten gute Lust, seiner noch dazu zu spotten und es hätte beinahe ein schlimmes Geräufe abgesetzt, wäre der Wirt nicht besänftigend ins Mittel getreten, der dem Hiasl, ohne ihn näher zu kennen, die verspielte Summe als Darlehen bis nächsten Sonntag anbot, wo Hiasl mit dem Gelde wieder zu kommen und zu bezahlen versprach. Das Gelehnte betrug 12 Gulden. Ein bitterer Groll gegen die Jäger stieg in seinem Herzen auf.

Wie nun den Wirt bezahlen? Erspartes hatte er nicht; Stettner den fatalen Umstand anvertrauen schämte er sich schon der Marie wegen und so brütete er Tag für Tag seinen Gedanken nach, wie er seine Ehrenschuld an den Wirt abtragen könne, dessen Vertrauen er durchaus rechtfertigen wollte, zumal da sich die Jäger über den Wirt lustig machten und Hiasl im Voraus einen wortbrüchigen Schuldner nannten.

Geld also musste hergeschafft werden, und kam es auch aus der Hölle. Da fuhr ihm ein unglückseliger Gedanke durch den Kopf.

Gruss aus Kissing mit Wohnhaus des bairischen Hiasl 1904

Gruss aus Kissing mit Wohnhaus des bairischen Hiasl 1904

Kap. 4: Als Wildschütz

Der Mond schien helle, die Turmuhr zu Kissing schlug 11 Uhr und der Nachtwächter Martl rief sein schaurig Lied in die Gasse hinein, da schlich hinter Stettners Gut Hiasl durch den Obstgarten, stieg über den Zaun und verschwand unter den Nussbäumen, die Stettners Haus umstanden, dem nächsten Wald zueilend. Hiasl war auf dem Gang zu seinem Unglück.

Schneidend pfiff der Schneewind über die Hügel, weit und breit überzog das Land die harte hohe Schneedecke. Kein lebendes Wesen war zu hören, Hiasls blitzendes Auge schweifte über das funkelnde Tal hin und ruhte auf einem dichten weiten Wald, der eine halbe Stunde entfernt die nächtliche Fernsicht begränzte. Dahin hastete Hiasl; er war in einen Mantel gehüllt, den verlässlichen Stutzen barg er darunter. Alle Wildgänge waren ihm von früher aufs beste bekannt.

Hiasl drang tief in den Wald bis er auf einen Schlag kam, dort nahm er seinen Stand. Die dem Wirte schuldigen 12 Gulden, der Spott der 3 Jäger, die Schande vor Marien, das verlorene Vertrauen Stettners, – auf der andern Seite die leichte Weise, sich durch einen glücklichen Schuss aus all diesen Verlegenheiten zu retten, traten ihm hier vor die Seele. Und dazwischen erschien ihm die ehrwürdige Gestalt seines verklärten Vaters, ihm mit dem Zeigefinger warnend. Durch die Wipfel des Waldes strich pfeifend der frostige Wind, eine Eule huschte über seinem Haupte weg. – Hiasl begann es unheimlich zu werden, und sein Schutzengel schien die Oberhand über Hiasls Verbrechergedanken zu erringen.

Da knarrte im nahen Dickicht der Schnee, die Äste rauschten und aus dem finstern Forste zog ein mächtiger Vierzehnender über den Schlag, sich bedächtig umschauend. Hiasl ließ den Hahn seiner Büchse leise aufknacken, schlug auf das edle Tier an und als der Schuss krachte, wälzte sich der König des Forstes zum Tode getroffen im Blute, um nach etlichen Minuten zu verenden.

Hiasl war vor dem Schusse erschrocken, es war ihm als rief sein Gewissen mit eherner Stimme: Hiasl was beginnst du? Doch drängte er seine Angst zurück ins kühne Herz, lud die Büchse und schritt bedacht und vorsichtig aus dem Walde der Hütte eines Bauers zu, welcher, wie Hiasl wusste, den Wildschützen ihre Beute abkaufte. Er bezeichnete dem Hehler die beiläufige Schwere des Hirsches, zeigte ihm den Platz an wo er lag und nach einer Viertelstunde war Hiasl mit 16 fl. in der Tasche wieder auf dem Heimweg. Ebenso unbemerkt wie er hinaus gekommen, kam er wieder in seine Kammer hinein und legte sich seelenvergnügt zur Ruhe.

Des andern Morgens als der Jäger in den Forst ging, bemerkte er an den Fußstapfen im Schnee was vorgegangen war und da die Fährte zu des Bauers abgelegenen Hof und von dort in Stettners Garten führte, so wurde eine Haussuchung in des letztern Haus vorgenommen. Hiasl jedoch war des frühesten Morgens schon so vorsichtig gewesen, sowohl das Jagdgerät als auch das Geld so zu verbergen, dass es niemand finden konnte und deshalb mussten Jäger und Gerichtsdiener trotz ihres Verdachts auf Hiasl ohne Resultat abziehen. Jener Wildhehler aber hatte wie immer, den Hirschen noch in der nämlichen Nacht zu einem Wildprethändler nach Augsburg gebracht, wo er das Doppelte dafür bekam.

Als Hiasl am Sonntag zu dem Wirt ging, der ihm auf sein offenes Vertrauen erweckendes Gesicht hin die 12 fl. geborgt hatte, da freute es den Wirt, denn die 3 Jäger, welche wieder zugegen waren, hatten schon gesagt, es sei die Summe verloren. „Habe ich’s nicht gesagt, der Hiasl bezahlt richtig?“ rief der Wirt. Da antwortete ein Jäger, derselbe der bei Hiasl vergebens Haussuchung gehalten: „Ja, ja, mit dem Geld, das ihm der gestohlene Hirsch eingetragen hat!“ Und die andern Jäger stimmten bei: „So ist leicht Schulden bezahlen!“

Sie hatten noch nicht ausgeredet, als Hiasl den zunächst sitzenden Jäger an der Brust packte und hinauswarf, und ehe die zwei andern ihrem Gefährten helfen konnten, hieb Hiasl mit einem abgetretenen Stuhlfuß dermaßen ergrimmt auf sie ein, dass er sie ohne des Wirts Vermittlung erschlagen hätte. Allein da der Wirt, ohne ihn näher gekannt zu haben, so viel Vertrauen zu ihm bewiesen hatte, so gab er seinen Bitten und seinen besänftigenden Reden nach.

Hiasl konnte voraussetzen, dass dieser Vorfall in Stettners Hause bekannt würde, daher erzählte er den Hergang der Sache am nächsten Tage selber, das Geld aber, womit er bezahlt habe, sei erspartes Geld gewesen. Nicht umsonst fürchtete der Pate für Hiasl wegen der Folgen jener Schlägerei und Marie wollte schier in Angst vergehen.

Eines Tages saßen sie eben bei der Morgensuppe, als plötzlich Pferdegetrappel durchs Dorf hörbar wurde und im nächsten Augenblicke hielt ein Kommando Husaren vor der Hütte und fragte nach Hiasl.

Der Abschied war rührend aber kurz, denn der Wachtmeister der Husaren hatte den Befehl den starken Hiasl zu holen und einen Verzug duldete der bärtige Krieger nicht.

Stolz schritt Hiasl neben den Reitern durchs Dorf Friedberg zu, wo die Husaren auf Werbung lagen. Die Sache mit den geprügelten Jägern und der Verdacht wegen des gestohlenen Hirsches lag als Ankläger am Landgericht Friedberg gegen Hiasl vor. Elf Mal war es Hiasl, dessen Liebe zur Ungebundenheit einen Abscheu vor der Kaserne hatte, geglückt, sich freizulosen, und schon oft hatte es den Beamten geärgert, dass ihm gerade der schönste stärkste Bursche immer entwischte. Diesmal sollte er nicht mehr entkommen.

Kap. 5: Hiasl als Rekrut und Ausreißer

„Bist du einmal da, du Wildfang“ fuhr der Landrichter ihn an. „Was du alles angefangen hast, weißt du besser als ich. Du bist ein Wilddieb und ein gefährlicher Räufer. Doch weil du ein hübscher Bursche und zum Spinnen im Zuchthaus zu stark bist, so stelle ich es dir frei, dich auf schöne Manier aus der Schlinge zu ziehen, lass dich anwerben, werde Soldat, du kannst dein Glück machen!“

Den Hiasl überlief eine Gänsehaut, als er von der Soldatenglückseligkeit den würdigen Beamten reden hörte, doch aber machte er eine gute Miene zum bösen Spiel, biss in den sauren Apfel und sprach: „Ich bin zwar kein Wilddieb und dass ich die drei Jägerhalunken geprügelt habe, daran sind dieselben selber Schuld. An meiner Ehre lass ich mich nicht angreifen und mich reut’s fast, dass ich die Lumpenhunde nicht erschlagen habe. Übrigens bin ich dem gnädigen Herrn Landrichter für seinen guten Rat sehr dankbar, will keine Stunde im Amthaus sitzen, viel weniger im Zuchthaus spinnen und werde Soldat. Vivat, der allergnädigste Kurfürst soll leben!“

Der Landrichter war des zufrieden und Hiasl machte sich mit seinen neuen Kameraden bald vertraut und aß und trank mit guter Lust. Die Werber führten ihn hierauf ins Werbbureau, das eine halbe Stunde. entfernt in einem Wirtshause war, Hiasl stellte sich sehr erfreut, dass sein Handel so gut ausgegangen sei, und „Soldat,“ sagte er, will ich jetzt gerne sein.“

Als unfreiwillig abgestellter Rekrut bekam er das sonst übliche Handgeld nicht, er hatte aber noch den Rest des Hirschgeldes und so ließ er volle Krüge bringen und trank den Werbern tapfer zu, die sich so was nicht zweimal schaffen ließen und gegen Hiasl nicht den mindesten Argwohn des Entrinnens hatten.

Eine Stunde entfernt ist der Lech. Hiasl war plötzlich durch eine Hintertüre des Wirtshauses entwischt und rannte flüchtigen Laufes talabwärts dem Dorfe Appertshausen zu. Dies Dorf lag jenseits des Lechs im Schwabenlande; erreichte Hiasl das andere Ufer so war er geborgen. Als man ihn oben vermisste, hatte er bereits einen sehr großen Vorsprung und das Späherauge eines Husaren erblickte ihn eben noch als er in die Auen des Lechs einlief. Rasch saßen die Kriegsleute zu Pferde, nahmen Stricke mit, um den Flüchtling an einen Roßschweif anzubinden und jagten im stürmischen Galopp der Richtung des Entflohenen nach.

Wie ein Reh war Hiasl durch Busch und Gesträuch gedrungen, sah schon auf 300 Schritte den rettenden Fluss vor sich, da raschelte es durch die Au, Hiasl duckte sich wie ein Fuchs in einem Wassergraben, und glücklich sprengten die Husaren vorüber ohne ihn zu bemerken, 200 Schritte oberhalb war die Lechbrücke, die von den Reitern sogleich besetzt wurde, während eine Abteilung derselben stromabwärts streifte. Hiasl war bis auf 50 Schritte ans Ufer auf dem Brauch gekrochen, erhob sich schnell und ehe die flüchtigen Rosse seine Verfolger herbeitrugen, stürzte sich Hiasl, ein trefflicher Schwimmer von Jugend an, in die rettenden reißenden Fluten des Stromes.

Nur seine Riesengesundheit konnte solches mitten in strenger Winterkälte, schweißtriefend wie er vom Laufen war, ertragen ohne sofort vom Schlage getroffen zu werden. Weit unten tauchte Hiasl, der eine Weile unter dem Wasser geschwommen war, wieder empor und sogleich schossen die Husaren ihre Gewehre auf ihn ab. Eine Kugel streifte seine linke Schulter. Rasch gewann er das schwäbische User, erstieg es, schüttelte das Wasser von den Kleidern und plötzlich von heftigem Fieberfrost geschüttelt, setzte er die Flucht vor den Verfolgern mühsam in den nahen dichten Forst fort und lehnte sich ermüdet an eine dicke Buche, wo er sich plötzlich von mehreren verdächtigen Kerlen umringt sah.

Kap. 6: Kommt unter Wildschützen. Eine teilnehmende Krankenwärterin

„Wer bist du und woher kommst du?“ fragte ihn einer derselben, indem er den Hahn seiner Büchse drohend spannte. Ruhig blickte ihn Hiasl an: „Krank bin ich wie du siehst und elend,“ sprach er, „dennoch aber breche ich dir das Genick, wenn du das Gewehr nicht wegtust, Hast du doch Courage, wenn noch sechs Bewaffnete bei dir stehen, gegen einen einzigen Wehrlosen, du Lumpenhund!“

Diese kühne Antwort des Hiasl frappierte die Bande, die sich nun teilnehmender um ihn erkundigte. Hiasl, der sein Abenteuer erzählte wie es war, bat ihn schnell unter ein Dach zu bringen, da ihm sonst das Mark in den Gebeinen vor Forst und Elend zergehe.

Sie machten daher schnell aus Ästen eine Bahre, und trugen ihn eine halbe Stunde weit in eine von rohen Stämmen erbaute, mit Moos und Binsen verstopfte niedere Waldhütte, in der ein einladendes Feuer brannte. Der duftende Geruch eines frischen Rehbratens drang zu Hiasls Nase.

Hier war der Aufenthalt des berüchtigten Wilderers Krettenbuben, Namens Xaver Bobinger, wo sich die Ankömmlinge nach dem saftigen Abendschmause, zu dem eine große Branntweinflasche die Runde machte, auf Binsenmatten ganz dem Gefühle der Sicherheit überließen, denn vor einem nächtlichen Überfall schützte sie die Wachsamkeit zweier mächtigen Rüden, die ununterbrochen die Hütte umschwärmten. Wie sie Zufall oder Neigung verbanden, hatten sich die Wilderer und Räuber in Partien gruppiert, und ließen ihren Zungen zur Kurzweil und Unterhaltung freien Lauf.

Kurz wurde Hiasl dem Hausherrn als tüchtiger Kumpan empfohlen, schnell war die Bekanntschaft gemacht und nach einem warmen Imbiss und einem tüchtigen Schlucke aus der blumenbemalten weitbauchigen Branntweinflasche streckte sich Hiasl auf einer mit Moos gefüllten Matraze, die dicke Wollendecke über den Kopf ziehend. Bald brach das Fieber in voller Stärke aus, Hiasl phantasierte und nur der größten Aufmerksamkeit gelang es ihn vom Tode zu retten.

Bobinger hatte eine Schwester, Afra, ein feuriges Mädchen mit kohlschwarzem Haare und üppigem Wuchs, und diese besonders wendete die rastloseste Mühe Tag und Nacht an, ihm jede an diesem abgelegenen Orte mögliche Hilfe und Pflege gewährend.

Der Krettenbub war ein Hydropath, zu deutsch Wasserdoktor, der bei allen Übeln, die ihn befielen, so lange Wasser trank, bis ihn starker Schweiß befiel. Einen Arzt durfte er begreiflicher Weise für den Hiasl nicht holen und somit musste der Patient sich der Kur Bobingers unterziehen, die denn auch nach einigen Tagen guten Erfolg hatte. Aber erst nach vierzehn Tagen konnte Hiasl das Lager verlassen und da der wohltätige Frühling den Schnee zu verdrängen begann und die Primeln um die Hütte blühten, führte Afra den wieder genesenden Hiasl am Arme zur Mittagsstunde im Sonnenschein spazieren.

Hiasls hatte sich eine große Schwermut bemächtigt und wenn er einen Vergleich zwischen seiner jetzigen unsteten Lage und dem Glück, das ihm an Mariens Seite in Kissing geblüht, so verwünschte er seine Leidenschaftlichkeit.

Afra merkte bald, dass den schönen Hiasl ein Herzenleid drücke, und das machte ihr denselben so interressant, dass sie in heftiger Liebe zu ihm entbrannte.

Hiasl war hergestellt, und der Wald hallte wie der von dem Gesange der munteren Söhne des Lenzes; jedes Vögelein suchte sich ein Liebchen und trug zum Neste. Da sprach Hiasl zu Bobinger und Afra eines Abends: „Ihr seid meine größten Wohltäter, denn ihr habt mir das Leben erhalten. Ich bin euch viel Dank schuldig, ich kann euch jetzt nicht belohnen, da ich kein Geld habe. Kann ich meine Schuld aber abverdienen, so sagt es und ich bleibe; wo aber nicht, gehe ich, um als Jäger in ferner Gegend Dienst zu suchen.“

Bobinger aber ließ den Hiasl nicht ziehen, redete ihm seine Grillen aus dem Kopf und sprach schließlich zu ihm: „Bleib Hiasl bei uns im freiem Wald. Bei einer Herrschaft als Jäger bist du ein Sklave, bei uns ein freier Herr. Wir sind Wohltäter der Bauern, die uns achten und schätzen, denn wir wenden Zerstörungen des Wildes von ihren Feldern ab. Was wir schießen, geht in gleiche Teile. Ist die Woche um, trifft immer jeden eine schöne Summe. Drum bleib bei uns!“

Hiasl schlug ein, denn so gefiel’s ihm, da konnte er nach Lust schießen und die Jäger ärgern, die er seit der Affäre mit jenen Dreien herzlich hasste, obwohl er selbst wieder einer werden wollte.

Bobinger war ein ausgelernter Wildschütz, so sicher aber wie Hiasl konnte er im Flug und Lauf nicht treffen; in allem andern aber war Hiasl Bobingers gelehriger Schüler.

Einstmals, es war schon Sommer und eine drückende Schwüle hatte sich den Tag über auf den Wald gelagert, musste Hiasl mit Afra allein zu Hause bleiben als Wache. Er kehrte alles vor, um sich gegen einen Überfall, der immer zu fürchten war, zu schützen, lud alle Gewehre frisch, und verrammelte die Haustüre. Hierauf setzte sich Afra zu Hiasl, der fleißig dem Bierkruge zusprach und sein Pfeifchen Tabak gemächlich schmauchte.

Kap. 7: Hiasl schützt seinen Wohltäter

Die hölzerne Wanduhr schlug Mitternacht, Afra war, ihr schönes Haupt an Hiasls Brust gelehnt, sanft eingeschlummert, da dröhnte ferner Donner durch den Forst und feurig überleuchteten Blitze das Licht in der Wandampel. Afra erwachte, der Regen stürzte in Strömen hernieder und der ganze Forst schien zu ächzen unter den schnell folgenden Schlägen des schrecklichen Ungewitters, das jetzt mit voller Wut in der Nähe von Bobingers Hütte losgebrochen war. Afra fürchtete sich, besonders als ein vom Sturme erfasster Balken am Dache auf und zuschlug.

Da vernahm Hiasl, eben als er droben war unterm Dach der Hütte, um das losgewordene Brett wieder fest zu machen, einen leisen Pfiff. Die zwei Rüden waren mit der Bande im Forste und somit war Hiasl auf sich selbst angewiesen. Er stieg rasch herab, ergriff den Stutzen und spähte vorsichtig zum engen Fenster hinaus. Da erleuchteten schnell auf einander folgende Blitze die Umgegend der Hütte und wie – Hiasl hatte sich nicht getäuscht! Da schlichen fünf Kerle an die Hütte heran. „Das ist der schwarze Martin mit seinen Gesellen,“ jammerte Afra, „wir sind verloren!“

Hiasl stieß nun das mit Papierfetzen verklebte Fenster hinaus und donnerte, den Sturm überschreiend : „Wer da?“ Zugleich knackten die Hähne seiner Zwillingsbüchse.

Martin, der ergrimmteste Feind Bobingers, machte Anstalten mit Gewalt in die Hütte zu dringen, der Blitz aber verriet jede Bewegung der Angreifer und ehe man Drei hätte zählen können, lagen zwei in ihrem Blute, der schwarze Martin mit den übrigen entfloh. Gegen Morgen kam Bobinger und die Bande beutebeladen von dem nächtlichen Streifzuge heim und war nicht wenig überrascht, als er die unerschrockene Heldentat Hiasls aus Afras beredten Munde vernahm, die im Lobe Hiasls unermüdlich war. Bobinger bot ihm das Kommando seiner Schar an, die nun aus 26 Mann bestand, welche mit Jubelgeschrei in des Krettenbuben Vorschlag einstimmten.

Hiasl dagegen antwortete „Ihr seid Mordkerln und wenn ich je Gesellen brauch, so wäret ihr die rechten; aber ich danke euch recht schön für diesmal, aber ich muss fort, mich leidets da nicht, warum, weiß ich selber nicht. Auf jeden Fall bleiben wir gut Freund gegeneinander, aber für jetzt b’hüt euch Gott!“

Noch am nämlichen Abend nahm er herzlichen Abschied von Bobinger und der schönen Afra, die sich gar nicht trösten konnte und von den wilden Gesellen, ließ sich bis zur Lechbrücke auf Umwegen von 3 derselben begleiten, die ihn dort verließen.

Kap. 8: Besucht seinen Paten. Hiasl wird Wildschüzenhauptmann

Gegen Mitternacht schwamm Hiasl, nachdem er eine große Strecke von der Lechbrücke stromaufwärts dicht am Ufer gegangen war, über den Fluss, dessen Wasser ganz lauwarm war, und eilte dem Walde hinter Kissing zu, wo er in dem Haus jenes Bauers, der ihm den ersten Hirschen abgekauft hatte, anklopfte und Einlass erhielt. Den nächsten Tag hielt er sich da verborgen, am Abend aber als es dunkelte, trat er in Stettners Haus, wo er mit dem Zeichen der lebhaftesten Teilnahme aufgenommen wurde, aß und trank, zu Bette ging, aber lang ehe der Tag graute, mit seiner Kugelbüchse, die er aus dem Verstecke hervorgeholt, stille das Haus wieder verließ. Auf den Tisch schrieb er mit Kreide, dass ihm der Abschied, besonders von seiner einzigen lieben Marie zu schwer gefallen wäre. Er hatte den guten Leuten vorgesagt, er sei jetzt in Türkheim’schen Jägerdiensten. Als der Morgen anbrach, war Hiasl schon drüber dem Lech, wieder im Schwabenland.

In einem dichten Wald, als er im Schatten einer Eiche der Ruhe pflog und eingeschlafen war, wurde er von einem mörderischen: Halloh! aus dem Schlummer gerissen, schnell griff er nach dem Stutzen, jedoch legte er ihn eben so schnell wieder weg, als er zwölf Stutzenmündungen gegen seine Brust gerichtet sah. Hier musste er List brauchen, um durchzukommen, denn sie forderten ihm all seine Habe ab. „Schämt ihr euch nicht,“ brüllte er sie an, einen Kerl wie ich bin so zu traktiren; kennt ihr nicht den Hiasl?“

Es war eine Abteilung von der Bande des schwarzen Martin und sie kannten den Ruf Hiasls sehr gut. Nach kurzer Beratung wählten sie ihn zu ihrem Hauptmann, denn sein Name hatte schon damals Wunder getan. Ihr bisheriger Hauptmann, der schwarze Martin, hatte sich ein Unrecht bei der Beuteteilung zu Schulden kommen lassen und somit war er nach ihren Statuten der Anführerschaft verlustig geworden.

„Unser neue Hauptmann lebe!“ rief es in buntem Geschrei durch einander, dass der Wald wiederhallte. Hiasl reichte jedem Einzelnen die Hand. Er war nun Hauptmann einer Bande von 36 Mann. Sie schworen ihm den Eid der unverbrüchlichsten Treue.

Doch das Unglück eilet schnell hinter dem drein, den es als Beute sich ersehen. Hiasl war 28 Jahre alt. Es war 4 Wochen später; in den Forsten gegen Schongau hielt er große Hirschjagd; aber der ganze Plan war verraten und Hiasl wurde von einem Piket Soldaten aus einem Hinterhalt überfallen, ehe er sich’s versah, von seinen Leuten verlassen, gefangen, gebunden und nach Landsberg und von da nach München geschickt.

Aufs Leugnen und Lügen verstand sich Hiasl prächtig und obgleich er gefoltert wurde, war ein Geständnis aus ihm nicht herauszubringen, sodass die Kriminalbehörde ihn nur zur neunmonatlicher Kerkerstrafe verurteilen konnte, die er im Zuchthause zu München mit Spinnen zu verbüßen hatte.

Kap. 9: Im Zuchthaus

Als sein Taufpate und Marie in Kissing durch den Amtmann von Friedberg zufällig die Nachricht hörten, Hiasl sei gefangen und müsse ins Zuchthaus, da waren die friedlichen stillen Räume des größten Jammers voll. Marie besonders wollte nach München, ihren Hiasl sehen und trösten; denn sie konnte gar nicht begreifen, dass er schuldig sei. Mit Mühe hielt sie Stettner zurück. Was soll ich vom Aufenthalte Hiasls im Zuchthaus sagen? Dieses Kapitel ist eigentlich das wichtigste, weil dieser Abschnitt des Lebens unserm Hiasls am folgewichtigsten gewesen ist. Er traf im Zuchthaus alte ausgelernte und ausgediente Spitzbuben aller Art, Wildschützen, in allen Waidkünften erprobt, und hier genoss er eine treffliche Schule, sich in allem Schlechten auszubilden und lernte von alten Praktikern die Mittel und Wege kennen, sich den Verfolgungen der Jäger und Streifen zu entziehen und sich furchtbar zu machen.

Die Zuchthäuser damals waren nichts als Fütterungsanstalten und Verbrecherschulen.

Hiasls Befreiungstag brach an; er begrüßte ihn aber nicht mit guten Vorsätzen, sondern dachte nur daran, wie er das alte Leben mit bestem Erfolg fortsetzen könne.

Seinen Zwangspass nach Kissing zerriss er, und statt in seine Heimat zu wandern, wo er sich als entlassener Zuchthäusler um keinen Preis in der Welt blicken lassen wollte, ging sein Weg bei Nacht und Dunkel dem dichten Forste zu gegen Sauerlach. Dort traf er des andern frühesten Morgens einen Jäger, den er sogleich seiner herrlichen Zwillingsbüchse und der Jagdtasche samt Pulver und Blei beraubte und ihm auch 1 fl. 30 kr. an Geld abnahm, alles was er bei sich hatte.

Also ausgerüstet warb er alle verdächtig aussehenden Subjekte zu einer Bande und in 10 Tagen stand er schon an der Spike von 35 verwegenen Leuten, mit denen er in den Häusern der Jäger und Gutsherrn einbrach, sodass alle bald so gut bewaffnet waren mit Stutzen und Hirschfängern, dass er es mit jeder geregelten Truppe aufnehmen konnte.

Kap. 10: Wie Hiasl einen Fanghund kriegt

Weit und breit nannte man den bayerischen Hiasl mit Entsetzen und die Gerichte sahen bald ein, dass dieser außerordentlich gefährliche Mensch nur durch ungewöhnliche Vorsicht und große Mühe unschädlich gemacht werden könne. Es wurde ein Preis von 1000 Gulden auf seinen Kopf gesetzt.

Hiasl dachte jetzt zu seiner persönlichen Sicherheit im Ernst daran, einen abgerichteten starken Fanghund zu bekommen, der ihm jede Gefahr rechtzeitig anzeige.

Bei Schwabmünchen war ein Müller, der seit ein paar Wochen einen ungemein großen wilden Bluthund abrichtete, um damit den bayerischen Hiasl zu fangen. Diesen Hund wollte Hiasl. Er ging also wie ein Metzgerknecht gekleidet in die Mühle, handelte mit ihm um ein Stück und als er durch das Stubenfenster die ungeheure Bestie an der Kette sah, fragte er den Müller, wozu er das schlechte dumme Vieh brauchen könne.

„Zum Hiasl fangen,“ war die Antwort. „Pah,“ entgegnete Hiasl, „der Hiasl ist ein Teufelskerl, den Hund da fürchtet er sicher nicht, das wette ich mit dir Müller!“

„Und wär der bayrisch Hiasl der Teufel selbst, so fangt ihn mein Tiras,“ prahlte der Müller.

„Müller, laß den Wunderhund einmal los, dass ich ihn näher betrachten kann.“

Den Müller ärgerten die spöttischen Reden des Metzgerknechts, löste den Tiras von der Kette und führte ihn in die Stube; kaum aber war er dem Hiasl nahe, riss er sich vom Müller los und stürzte sich auf Hiasl, der ihn stehenden Fußes um den Hals fasste, mit der rechten Hand in den Rachen fuhr, ihn bei der Zunge packte, über den Zaun schleuderte und von dem erschrockenen und Müller wegging mit den Worten: „Der bayrische Hiasl braucht den Tiras mehr als der Müller von Wehringen!“ Der Hund zitterte an allen Gliedern und als Hiasl im nahen Wald bei seiner Bande angekommen, den Tiras auf den Boden frei ließ, dieser zahm wie ein Schoßhündchen seinem neuen Herrn und Meister vor die Füße, jedes Winks gewärtig, und wurde bald der zuverlässigste, treueste Gefährte und Anhänger Hiasls. Dabei war Tiras so klug, dass allgemein der Glaube ging, den bayerischen Hiasl begleite der Teufel in Hundsgestalt.

Der bayerische Hiasl mit Hund und Bube, Hinterglasmalerei um 1800

Der bayerische Hiasl mit Hund und Bube, Hinterglasmalerei um 1800

Kap. 11: „Herr Förster, den Stuben ab!“ Eine Streife

Hiasls erster Freund war Tiras, sein zweiter ein gewisser Andreas Mayr, ein junger Mensch von 19 Jahren, ungemein kräftig, kühn, ja verwegen, und dem Hiasl mit Leib und Seele anhänglich. Hiasl nannte ihn deshalb auch nur kurzweg seinen Buben, der bei ihm schlief, während Tiras zu seinen Füßen lag. Eines Tages machte der Bube sein Meisterstück. Er strich mit seinem Hauptmann allein im Forste herum, Tiras musste daheim bleiben; da sahen sie vor weitem zwei herrschaftliche Jäger. Hiasl wollte sich ihnen gefährlich zeigen, und hieß den Buben schnell eine Tanne erklettern. Hiasl aber sang herunten ein trotziges Liedl:

„Den Schergen und den Jägern
Dem miserablen G’schmoaß
Hab i scho a dieweil
G’macht a Bisl hoaß.“

Flugs hatten die Forstleute ihn im Auge, und während Hiasl ein Stück Rehbraten gemächlich verzehrte und tat als sehe er nicht, hatten sie sich an ihn gepirscht, deuteten ihm schnell Hiasls Stutzen und forderten ihn auf, sich gefangen zu geben und ihm zu folgen.

Hiasl aber lachte, aß ruhig fort und machte keine Miene zum Aufstehen, bis ihn der Spaß verdross. Er schrie: „He Bub aufg’schaut! Da knackten in den dichten Tannenästen einige Hähne, die Jäger blickten hinauf und sahen mit Entsetzen, dass der Bub im Feuer lag. Hiasl fuhr sie nun hart an: Eure Stutzen abgelegt, oder der Bub schießt euch wie die Katzen nieder!“ Zitternd legten sie die Gewehre ab und Hiasl entließ sie mit der höhnenden Rede: „Geht ihr Helden, das habt ihr nicht geahnt, dass der bayerische Hiasl unter dem Schutz eines höhern Wesens steht! Der da droben wacht für mich!“ Und wirklich sagten die Jäger aus, der Teufel sei auf dem Baum gesessen. So wuchs der Schrecken vor Hiasl täglich größer.

Als die Jäger fort waren, stieg der Bub herab, und drangen tiefer in den Wald vor, wo sie eine gegen die Bande gesandte Jägerstreife von Türkheim erblickten. Hiasl stieß in sein Horn und fing sogleich gegen die Streife zu schießen an. In einer Viertelstunde glich das gegenseitige Geplänkel einem wohlunterhaltenen Tirailleurfeuer. Der Jäger von Angelberg wurde am Kopf verwundet. Die Streife musste weichen, der Bub drang in der Verfolgung zu hitzig vor und fiel beim Dorfe Simnach nächst Mindelheim in einen Hinterhalt. Er wurde gefangen genommen und konnte von Hiasl, ungeachtet er die Streife bis Ettringen nächst Mindelheim ausdehnte, nicht mehr befreit werden. Der Bub bekam Jahre Zuchthausstrafe.

Von diesem Augenblick an schwor er grausame Rache allen Jägern und Gerichtsdienern; denn über den Verlust seines Buben war er mehrere Wochen untröstlich.

Franz Baur, Jägerssohn von Tussenhausen kam ihm gerade im Walde entgegen, da er Rachegedanken brütete. Da derselbe, Hiasl kennend, die Flucht ergriff, ließ er ihn durch Tiras einholen, nahm ihm sein Gewehr und sein Jagdmesser, misshandelte ihn bis zum Tode und ließ ihn endlich halbtot liegen. „Ihr Hiaslfänger müsst noch alle mörderisch ins Gras beißen, ich lass euch die Gedärme aus, ihr Lumpenhunde, die ihr rechtschaffenen Leuten die Freiheit verkümmert!“

Hiasls Bande war nun bis zu 70 Mann angewachsen, die ihm mit voller Ergebung zugetan waren und unbedingt Gehorsam leisteten und den letzten Blutstropfen für ihn hergegeben hätten. Von allen Streifen, die gegen ihn ausgingen, erhielt er von den Bauern, denen er nie etwas nahm, genaue Kundschaft, sodass er, wenn es ihm eben kein Vergnügen machte, recht gut einem Zusammenstoße ausweichen konnte. Manchmal aber einen blutigen Strauß zu üben hielt er für nötig, um die Angst vor seiner Macht lebendig zu erhalten.

Als aber seine Spione die Kunde einbrachten, in acht Tagen würden von Augsburg aus 2 Bataillon Infanterie und Kavallerie zu seiner Habhaftwerdung ausziehen, sodass mit den Jägern und zur Streife genötigten Landleuten ungefähr 1200 Streifer gegen seine Handvoll Leute zögen, da hielt er es für gut, Schwaben für etliche Wochen zu verlassen.

Wie ein geschickter Oberst zog er in zwei Haufen, deren jeder einen Waffen- und Munitions-, und einen Kleider- und Proviant – Vorratswagen mit zwei von dem reichen Erlös des verkauften Wildes eingehandelten Pferden bespannt mitführte, immer nur zur Nachtzeit an den Chiemsee, in die großen Waldungen um Trostberg, Mühldorf, Burghausen und Braunau. Seine Bande hatte sich auf dem gefährlichen Marsch auf 119 Mann vermehrt. Da aber dieser Auszug nur geschah, um den Schwaben eine Nase zu drehen, so hielt er sich am Inn und der Salzach nicht lange, zumal da hier die Streifen viel ernstlicher und kräftiger gegen ihn unternommen wurden.

Pferde und Wägen wurden verkauft, Vorräte und Geld verteilt, und die Bande zerstreute sich, um im Waldbergerforst nächst Augsburg sich wieder zu sammeln. Überall hieß es: „Hiasls Bande hat aufgehört zu sein!“ Wie arg hatte man sich getäuscht!

Kap. 12: Grausamkeit Hiasls

Kaum waren die Ersteren der Bande Hiasls im Waldkirchnerforst angelangt, da ging wieder ein reges Leben los und die Stutzen der Wilderer krachten so lustig in den blauen Frühlingshimmel als je einmal. Hiasl selber war am 3. Mai 1767 mit den verlässlichsten sechs Mann, dem Kern der Bande, in Westheim angelangt und gewann gegen Abend den großen Forst. Noch waren sie nicht tief vorgedrungen, stießen sie auf die Vorhut einer bedeutenden Jägerstreife. Hiasl zog sich zwar vor der Übermacht zurück, erschoss aber einen Streifer, den Jägerssohn Johann Geyer von Waldberg. Einer der Kameraden Hiasls aber geriet in Gefangenschaft. Gleich hernach drang er in das Wohnhaus des Meßners Layd zu Steinkirchen, den er für einen Verräter hielt, um ihn grausam zu massakrieren. Zum Glück war Layd nicht daheim, dafür ängstigte Hiasl ohne Erbarmen die hochschwangere Frau dessselben und deren 7 kleine Kinder, die er alle von Tiras zerreißen zu lassen drohte, und Tiras fletschte unter der Türe die Zähne und wartete nur auf den Wink seines grausamen Herrn die Drohung zu erfüllen.

Endlich schlug er Türen und Fenster ein, brach das Geschirr und ging unter einem teuflischen Gelächter weg mit den Worten: „So macht es der bayrisch Hiasl mit der schlechten Brut seiner Verräter und Feinde!“

Einer der Verfasser der Geschichte Hiasls glaubte als Erklärung dafür, dass Hiasl in der Regel sehr gut von den gegen ihn beabsichtigten Streifen unterrichtet gewesen ist, annehmen zu müssen, dass Hiasl wirklich vom Teufel in Gestalt eines Trüffelhundes alles erfuhr, welchen er in einem Dorfwirtshause als Trüffesucher aus einer Schlamasse mit Bauernburschen befreit habe. Ich glaube aber, es sei das ein schlechter Teufel, der sich vor ein Paar Bauern fürchtete; mit einem solchen Bundesgenossen wäre dem Hiasl sicher nichts geholfen gewesen. In der Tat waren es die Bauern und Häusler selber, die ihm wohl wollten, da er ihre Felder fleißig vor Wildschaden hütete, für den damals noch weniger als in den jüngsten Jahren bei uns Ersatz von den Herrschaften geleistet wurde. Die Bauern hielten den Hiasl für ihren Wohlthäter, dem sie auf alle Weise zu dienen und Vorschub zu leisten suchten, sodass er stets gut und sicher unterrichtet war von allem, was man gegen ihn vorhatte.

Kap. 13: Die Räuberhöhle im Sumpf

Hiasl hielt seine Bande nunmehr, als sie ganz, bis auf den letzten Mann glücklich wieder beisammen war, für stark genug, um größeren gegen ihn ausgeschickten Streifhaufen die Spitze zu bieten. Am dritten Tage abends waren sie auf einem freien Platze mitten im Türkheimerforste versammelt, da gebot Hiasl den scherzenden und um die Wachtfeuer herum mit Kartenspiel beschäftigten Mannen Ruhe und sprach also:

Kameraden! Wir sind freie Menschen, die sich allen Gefahren ansichtig das Leben täglich in die Schanze schlagen müssen um tägliches Brod zu verdienen. Hize und Eis, Donner, Blitz und Stürme hindern uns nicht, das edle Wild zu suchen und zu verfolgen bis es unsre Beute ist. Die Menschen aber vergönnen uns den mühsamen Erwerb nicht, verfolgen uns mit Feuer und Schwert und wollen uns wie wilde Tiere ausrotten. Wir wehren uns dagegen wie es freien Männern gebührt; aber wir müssen hierfür eine kleine Burg besitzen in Mitte unserer Tätigkeit, einen festen Platz, in den wir uns in Zeit größter Not und Gefahr zurückziehen können. Ich kenne einen solchen Ort. Wollt ihr euch der strengen Ordnung fügen, welche Bewachung und Verproviantierung eines solchen Schutztorts erfordern?“

Da brach ein Sturm der Freude aus; denn die meisten sehnten sich nach einem sichern vor dem Unwetter und der Sommerhitze wie Winterkälte geschützten Orte, wo sie zuweilen eine Nacht oder einen Tag ruhig verschlafen könnten. „Der Hauptmann lebe, er lebe hoch!“ schallte es aus hundert rauen Kehlen, dass das Echo weithin wiederhallte und die aus ihrem Schlafe aufgeschreckten Raben und Geier heiser kreischend über ihren Häuptern hinschwebten, unwillig über die nächtliche Störung.

Das Lager wurde aufgeräumt, das Feuer ausgelöscht und die Brandstätte mit Laub und Reisig bedeckt, was jedes Mal beim Aufbruch geschah, um keine Spur zur Entdeckung zurückzulassen.

Mit aller Vorsicht zog die Schar die halbe Nacht durch den unermesslichen Forst. Mitten im Walde in einer der wildesten Partien, wo selten eines Jägers Fuß hinkam, befand sich ein großer Sumpf. (Ist seit dem, nachdem der Wald ausgerottet war, urbar gemacht worden.) Auf der einen Seite hatte dieser Sumpf hohe Ufer, gebildet von Kalkfelsen, die sich zu einem mäßigen dicht bestrüppten Höhenzug erhoben, und in diesen Kalkfelsen war eine sehr geräumige Höhle. Ehe Hiasl seine Leute dahin führte, musste jeder, Mann für Mann, einen Eid leisten, das Geheimnis dieses Schlupfwinkels nie zu verraten, selbst wenn er gefangen und gefoltert würde. Sie schworen alle auf ihre Wildschützen Ehre, auf die sie sich sehr viel einbildeten. „Dem Verräter den grausamsten Tod!“ schrien sie.

Einem Uneingeweihten war es unmöglich, den Eingang dazu zu entdecken, denn dicht am Rande des bodenlosen Morastes musste man auf fast unsichtbaren Vorsprüngen der Felsen, über die Schlamm sich gelegt hatte, ziemlich weit hinwegklettern, um zur Stelle zu kommen, wo der Eingang durch mehrere Felsen verdeckt war. Die Höhle zog sich weit unter dem Felsen weg und hatte noch einen fast nicht zu findenden Ausgang, den draußen dichtes Buschwerk deckte. An Seilen oder Strickleitern konnte man sich selbst oder Proviant zum Eingang der Höhle herablassen, um den schwierigen Sumpfweg zu vermeiden. Der Sumpf, an dem die Höhle war, stand im Rufe, als gingen Hexen und Teufel da herum. Somit war dieser Ort sicher genug gegen alle Nachstellungen.

Von nun an war Hiasls Leben fast eine ununterbrochene Kette von Verbrechen der gröbsten Art. Seinen Schlupfwinkel hatte er ziemlich wohnbar eingerichtet, eine Abteilung für die Mundvorräte, eine andere für die Waffen, deren er eine Menge übrig hatte, sodass er hätte 250 Mann vollständig bewaffnen können. Mit der Welt hatte er jetzt vollends gebrochen, sie bestand für ihn nur noch, damit er unversöhnlich Krieg mit ihr führe.

Die Wälder strotzten von einer Fülle des schönsten Wildbrets. Nicht nur Hirsch und Reh wanderten aus Hiasls Hand durch Zwischenkäufer gleich Wagen voll nach Augsburg und Kempten und die umliegenden Städte und Märkte, sodass das Wildbretfleisch nie so wohlfeil war wie damals, auch ein feister Bär trabte manchmal durch den Forst und Hiasl ganz allein hatte deren 4 erlegt. Sein Lager bestand aus Bärenhäuten, seine Decke war ebenfalls eine Bärenhaut. Bärenzunge und Tatze, geräuchert, lagen als bester Festbissen in des Räuberhauptmanns improvisierter Felsenküche. Mit Bier, Branntwein, und nach besonders ergiebigen Zügen, ein paar Fässchen Tirolerwein, war die Bande immer wohl versehen. Tag und Nacht stand ein Posten unter den Felsen des Eingangs, aufmerksam spähend, ob kein Verrat und keine Gefahr drohe, und so lebten die wilden Gesellen wie eine friedsame von der Welt in die Wildnis hinausgestoßene Familie.

Kap. 14: Hiasl ist in Gefahr und entkommt durch List

Eines Abends war Hiasl, von einer großen Jagd in einem ferneren Revier heimkehrend, ermüdet auf einer Einöde, zu den Krauthöfen genannt, eingekehrt, um mit 3 Kameraden dort zu übernachten; ein Dutzend anderen befahl er, im Gränzforst zu jagen. Da wurde vom ausgestellten Posten gegen Mitternacht das Anrücken einer sehr bedeutenden Streife gemeldet; ein Bube war dem Zuge von Weitem unbeachtet gefolgt und hatte es seinem Vater gesagt, der Franz Joseph Lanner hieß, Beständner auf dem sogenannten Hauserhof und verdächtig war, einen Wildschützen erschossen zu haben. Dieser Lanner nun hatte schnell die Münsterhauser’schen, Türkheim’schen und umliegenden Jäger und Amtleute in Kenntnis von Hiasls Nachtquatier gesetzt, um sich einen Teil der 1000 Gulden Fanggeld zu verdienen.

Hiasl blickte mit geübtem Auge seine Lage an und da die aus 40 Mann bestehende Streife das Haus schon umzingelt und die zwei Ausgänge besetzt hatte, so musste er List brauchen, um zu entkommen. Der Anführer der Streife polterte nun an der Türe, die wohl verrammelt war, und forderte Hiasl auf sich samt seinen Leuten zu ergeben. Hiasl gab keine Antwort, stattdessen zog er eine Kuh aus dem Stall in den Hausflur bis an die Haustüre, wo sie mit den Hörnern polterte. Die Streife glaubte, die Bande werde durchbrechen wollen, zog sich hier zusammen, um sie mit einer Salve zu empfangen und ließ am hinteren Ausgang nur 2 Mann Posto fassen. Hiasl aber stieg unter das Dach empor, brach leise die Schindel aus und war an der Seite des Hauses über das niedrige Dach auf die Erde gesprungen und im vollen Laufe dem nahen Gehölze zugerannt, da merkten die Jäger, dass sie Hiasl überlistet hatte, schickten ihm ihre Kugeln nach, trafen ihn aber nicht. Als die Schüsse vorne krachten, liefen die zwei Mann Posten hinter dem Hause weg, um den Freunden beizuspringen. Diesen Moment benützten die noch im Hause befindlichen 3 Spießgesellen, entkamen durch die hintere Türe und eröffneten nun im Rücken der Streifer aus einem Buchenhain ein so wohlgezieltes Feuer, dass 3 Jäger tot blieben, während Hiasl aus dem stockfinstern Wald ebenfalls einem Herrschaftsjäger das Lebenslicht ausblies.

Kap. 15: Graueltaten

Am folgenden Tage wagte sich Hiasl mit seinen nämlichen 3 Kameraden nach Schneizhofen, wo sie Karten spielten.

Hiasl sah den fleißigen „Hiaslsucher“ Jäger Leonhard Schenk vorbeigehen, ließ ihn durch seine drei Gesellen ins Wirtshaus führen, wo er ihm den Stutzen auf die Brust setzte und ihn zu erschießen drohte. Schenk bat um sein Leben, weil er eine arme 80jährige Mutter zu ernähren habe. „Um deiner Mutter willen lass ich dich laufen. Da hast du einen Frankenthaler, bring ihn ihr heim und sag, er sei vom Hiasl. Gehst du mir aber nochmal im Walde nach, so bist du hin, so wahr ich der Hiasl bin!“

So war Hiasls Herz doch noch nicht ohne jede menschliche Regung, da ihn die Erinnerung an eine hilflose alte Mutter zur Milde bewegte. Diese besseren Regungen aber dauerten selten lange.

Eines Tags brach er mit Tiras und 6 der Bande nach dem Hauserhof bei Münsterhausen auf, um den Beständner Lanner für den Verrat und den Überfall auf den Krauthöfen, wo er ohne seine Klugheit beinahe in die Hände der Streife gefallen wäre, zu züchtigen.

Lanner war mit seinen Leuten im Stadel, um Korn zu dreschen. Ohne Umstände ließ er ihn durch Tiras zu Boden reißen, mit Stroh zudecken und durch seine Gesellen so lange mit den Hirschfängern losschlagen, bis er kein Lebenszeichen mehr von sich gab.. Dann gab er den Befehl, ihn am nächsten Baume aufzuknüpfen und die Mordgierigen wollten dies eben ausführen, da winkte ihm der bessere Genius und er befahl sofort, von Lanner abzulassen. Lanner wurde zwar zum Leben zurückgebracht, aber er war von dort an ein siecher Krüppel.

Hiasl aber verließ das Haus unter den gräulichsten Flüchen und schrie: „Mord und Tod, Teufel und Hölle! so rächt sich Hiasl an seinen Feinden!“

In Folge dieser Gräueltaten und weil sich kein Jäger mehr in den Wald zu gehen trauen durfte, beschloss das peinliche Augsburgische Halsgericht, mit bedeutenden Streitkräften die Vertilgung der verruchten Rotte zu bewirken und es zogen die Streifen Tag und Nacht in Schwaben herum.

Gruss aus Münsterhausen 1908

Gruss aus Münsterhausen 1908

Kap. 16: Hiasl scheut keine Gefahr

Hiasl hatte oberhalb Kaufbeuern mit 65 Mann einen großen Jagdzug gehalten, und 7 Wägen voll Wildbret durch seine vertrauten Bauern an die heimlichen Aufkäufer abliefern lassen. Den größeren Teil seiner Leute hatte er auf den verstecktesten Waldpfaden in die Felsenhöhle heimgeschickt, er aber lagerte mit nur 18 Mann auf weichem Moose am Rand eines Fichtenwäldchens, als der ausgestellte Wachtposten das Lärmzeichen gab.

Schnell war Hiasl auf, und nachdem der Posten gemeldet hatte, dass er tiefer im Forste etliche Jäger bemerkte, die offenbar zu einer bedeutenderen Streife gehören, ordnete Hiasl seinen Haufen. Mit 6 Mann blieb er in der Nähe des Orts, wo er gelagert war, jedoch postierte er sich so hinter Dickicht und in die Nähe großer Bäume, dass sie Schritt für Schritt weichend hinter den mächtigen Stämmen laden und wieder schießen konnten. 12 Mann aber beauftragte er, im schnellsten Laufe links am Walde fortzueilen, sich dann tiefer in den Forst zu ziehen, die Streife wo tunlich zu umgehen und so zwischen zwei Feuer zu bringen. Rechts oder links hätte Hiasl bei der ersten Meldung noch ungeschoren abziehen können, doch das war nicht des Hiasl Sache. Bald jedoch merkte er, wie sehr er sich diesmal verrechnet hatte. Die Streife bestand aus 60 Mann und war so ihm Zuge geordnet, dass die getrennte Bande selber in die größte Gefahr kam. Das Geplänkel begann, Hiasl stieß in sein Horn zum Zeichen, dass die andern wieder zu ihm stoßen sollen und er zog geregelt wie ein General in einer breiten Schützenlinie, aus welcher Tod und Wunden in die Schar der Jäger geschleudert wurden, einer Brücke zu gegen Schlingen, das in einem fremden Gebiet lag, auf das ihm nach den damaligen politischen Verhältnissen die Verfolger nicht folgen durften. Die Brücke aber war mit Bauern und Soldaten von Irrsee besetzt, die nicht Miene machten, den Pass zu räumen.

Hiasl kommandierte also zum Sturm, noch eine Salve zuvor, und 5 Soldaten wälzten sich im Blute, die zur Streife genötigten Bauern stäubten auseinander, Hiasl erstürmte unter wütenden Flüchen die Brücke und war gerettet. Hiasls Bande zählte 2 Verwundete.

Kap. 17: Hiasl als vielvermögender Brautwerber

Die Opfer dieses Kampfes hatten Hiasls Rachedurst auf einige Zeit gestillt, und da die Vorratskammer daheim gut versorgt war, zog er der Höhle zu, ließ der Bande lustige Tage, er selber aber streifte mit Tiras allein weit in den Wäldern herum.

Einst traf er im Walde ein Mädchen, das sich eben an einem Aste aufhängen wollte. Auf Befragen sagte sie, dass sie nimmer leben wolle, weil sie ihres Leids kein Ende wisse. Sie sei die Tochter des Försters Reindler von Trafing, und liebe einen Jägerburschen Namens Franz, den sie aber, weil er arm sei, nicht heiraten dürfe. Vor einer Stunde hätte der Vater den Franz fortgejagt und sie gepeitscht. Er erbarmte sich des Mädchens und versprach ihr, dass er die Sache schon richten werde, denn ihr Vater halte viel von ihm und schlage ihm die Bitte sicher nicht ab, da er Jägermeister sei und mit ihrem Vater oft zu tun habe.

Hiasl ging in des Försters Haus, wo er gerade zum Mittagessen recht kam, er setzte sich gleich zum Essen, während dem Förster kein Bissen mehr schmeckte, da er den Hiasl sogleich erkannte. Nach dem Essen sprach Hiasl: „Nichts für ungut! Ich hab mit dem Herrn Förster ein kleines Geschäft. Ich erschieß jeden, der an der letzten Streife gegen mich dabei gewesen ist. Ihr, Herr Förster, seid auch dabei gewesen. Aber ich bin die gute Stunde selber. Wenn Ihr mir einen Gefallen erweist, so tue ich Euch nichts.“

Förster: „Wertester Herr Hiasl, ich schätze mich wirklich glücklich Ihnen, mein hochverehrter Herr Hiasl einen Gefallen tun zu können.“

Nun rückte Hiasl mit der Brautwerberei heraus; lange wollte der Förster nicht anbeißen. Da aber Hiasls Überredungskraft zu mächtig und dem Förster sein Leben lieb war, so willigte er ein. Dorchen, die glückliche Braut, weinte vor Freude, und hätte den Hiasl beinahe geküsst. Franz aber, als er sein Gluck hörte, schwor zeitlebens Hiasls Freund zu sein.

Dem Förster Reindler aber gab Hiasl einen Freibrief folgenden Inhalts: „Wer dem Reindler Förster von Trafing am Leib oder Eigentum was zu Leid tut, außer im Fall der Notwehr, den soll der Teufel holen, so wahr dies schreibt der bayrische Hiasl.“

Kap. 18: Wie Hiasl in die Hände des schwarzen Martin gerät und von der schönen Afra befreit wird

Weit droben in der Nähe vom Bodensee hatte Hiasl eine sehr ergiebige Jagd abgehalten, schickte, nachdem das Wild an die Verkäufer übergeben war, seine Schützen heim, und ging allein der Wildbahn nach.

Tiras hatte er zu Hause gelassen. Hiasl verirrte sich und wurde von einem Gewitter überfallen. Unter einer dichten Tanne suchte er Schutz, und schlief ermüdet ein. Als er erwachte, war er mit Stricken gebunden, der schwarze Martin, der in jener Gegend hauste, hatte ihn gefunden und stand nun mit 30 Kerlen um ihn herum. „Jetzt bist du mein, schlechter Hund!“ höhnte der schwarze Martin, für die zwei Schützen, die vor des Krettenbuben Hütte von deiner Hand gefallen sind, musst du büßen. Der Galgen ist für dich zu gut, sonst würde ich mir die 1000 Gulden Fanggeld an dir verdienen. Du musst viel grausamer sterben, und durch meine eigene Hand!“

Was half dem gebundenen Helden Hiasl seine Wut? Sie spotteten seiner, schleppten ihn tiefer in den Wald, bis sie an eine tiefe Felsenhöhle kamen, in die er hinabgelassen wurde. „Morgen musst du sterben, Schuft!“ schrie ihm Martin noch zu und unter einem schallenden Hohngelächter verließ ihn die Bande, ohne eine Wache zurückzulassen, da Hiasl, gesetzt den Fall, es wäre ihm sogar gelungen, sich von seinen Banden loszumachen, doch nicht 18 Fuß hoch an der mauergeraden Wand emporklettern konnte.

Hiasl fluchte, doch niemand antwortete ihm, als das schale Echo des Felsens, in dem er wie lebendig begraben lag. Er sah ein, dass ihn nur ein außerordentliches Glück aus den grausamen Händen seines Todfeindes, des schwarzen Martin, retten könne. Dass er ohne sich wehren zu können so elend zu Grunde gehen solle, ging ihm tief zu Herzen, dass seine Bande seinen Tod rächen werde, wusste er auch; doch was half ihm das jetzt! Hoffnungslos, jedoch gefasst, sah er seinem Ende entgegen. Dessen wenigst sollte sich der schwarze Martin nicht rühmen können, dass er den bayrischen Hiasl zaghaft gesehen habe.

Mitternacht war’s, der Mond warf die langen Schatten der Bäume gespenstergleich auf den Kerker Hiasls; die Eulen riefen unheimlich, dass es gellte durch den wilden Forst; da flüsterte eine weibliche Stimme zu Hiasl hinab: „Hiasl, wachst du?“ „Ja, wer bist du und was willst du?“ antwortete er. „Kennst du deine Afra nimmer, Bobingers Schwester? Der schwarze Martin hat mich schon lange entführt. Ich will dich retten, mein Geliebter; nimm das Messer, das ich dir hinablasse, und schneide deine Stricke entzwei!“

Das aber war nichts Leichtes, denn die Hände waren ihm auf den Rücken gebunden. Endlich gelang es dennoch und Hiasl konnte in seinem felsigen Kerker frei aufrecht stehen. Da schwebte ein Strick herab und Afra sprach: „Eile, Hiasl, in einer Stunde bricht die Bande auf, der Strick ist an einen Baum gebunden, versuche ob du nicht emporklettern kannst!“ Hiasl, in allen körperlichen Übungen tüchtig, befand sich bald in Freiheit und fiel voll Dankbarkeit seiner Afra an die Brust. „Es ist keine Zeit zu verlieren!“ drängte Afra, „rette dich und mich, denn ich werde grausam und hart behandelt!“ – Beinahe wollte Hiasl zu der Bande und dem schwarzen Martin den Hals umdrehen, sich an der Bande rächend. Aber Afras Anblick hinderte ihn. Rasch ergriff sie Hiasl, die Rache aufsparend, an der Hand, und floh mit ihr in größter Eile von dannen. Als der Tag angebrochen war, rasteten sie, und erreichten gegen Mittag die Höhle.

Als der schwarze Martin das Werk der Rache an seinem Todfeind verüben wollte, schoss er eine Pistole los, die Bande sprang vom Lager auf und brüllte lauten Beifall als er rief: „Kommt, lasst uns unsern Todfeind metzeln!“ „Wo ist Afra?“ fragte Martin. Niemand hatte ihre Entfernung vom Lager bemerkt. „Verrat!“ schrie der Wildschützenhauptmann. Und er hatte recht geahnt; als sie zur Höhle kamen, war der Vogel ausgeflogen und hatte am Rand derselben ein stinkendes Andenken zurückgelassen.

Sogleich wurde zur Verfolgung aufgebrochen, doch Hiasl und Afra waren längst in Sicherheit.

Hiasl stellte nun Afra als die Frau der Wildschützenburg vor. Unter ihren Händen bekam die Höhle bald ein wohnlicheres Aussehen. Hiasl ließ eine Kammer für sie aushöhlen, wo sie schlief. In Afras Armen suchte und fand Hiasl Trost und Erholung, wenn er von seinen schweren Zügen heimkehrte.

Hiasls Bande war ergrimmt über die ihrem Hauptmann widerfahrne Schmach und Hiasl entflammte sie in ihrem Hasse aufs Höchste.

Kap. 19: Der Überfall in der Mühle. Hiasl als Retter.
Des schwarzen Martins elendes Ende

Bei den Mädchen war Hiasl sehr beliebt, dies erkannte er bei jeder Gelegenheit.

Einst traf er bei seinen einsamen Streifereien am Saum eines Waldes ein sehr schönes Mädchen, die eben Haselnüsse suchte. Hiasl spielte sogleich den Galanten, half ihr Nüsse suchen und fragte sie theilnehmend, ob sie sich allein nicht vor dem bayrischen Hiasl fürchte. Sie hieß Therese und war die Tochter eines Müllers in der Nachtbarschaft, der im Rufe eines reichen Mannes stund.

„O,“ sprach das Mädchen, der Hiasl ist recht gut gegen die Mädchen und tut ihnen nichts zu Leid. Wozu aber braucht Ihr, Herr Jäger, den furchtbaren Hund da an Eurer Seite.“

„Zum Hiaslfangen!“ antwortete er.

„Wenn Ihr mich lieb habt, so tut dem Hiasl nichts, sonst mag ich euch nimmer,“ entgegnete die holde Schöne.

„Wohlan, dir zu Lieb,“ sagte Hiasl. Unter solchen Gesprächen kamen sie an die Mühle und Therese lud ihn ein ins Haus. Die ganze Mühle schien tot zu sein, selbst das Mühlrad stand stil. Therese öffnete die Haustür, sie waren allein im Hause. Der Vater war zum Amte nach Kaufbeuern gegangen. Unter süßem Geflüster verging eine halbe Stunde, da schlug Tiras an. Hiasl sah rasch nach und gewahrte den schwarzen Martin und 12 seiner Bande, wie sie aus einer Schlucht zur Mühle herabstiegen, offenbar um sie auszurauben. Hiasl teilte dem Mädchen mit, dass Räuber heranzögen. Schnell wurden volle Mehlsacke, Tische u. s. w. vor die Türe gestellt und alles zu einem heißen Empfang des verruchten schwarzen Martin vorbereitet. Der Müller hatte drei Gewehre, die in der Kammer hingen, diese lud Hiasl frisch und schraubte neue Steine auf, damit sie sicher losgingen.

Da klopfte es draußen, Hiasl sah hinaus und erblickte zu seiner Freude seinen eben aus dem Zuchthaus gekommenen Buben Andreas. Dieser war auf den Wege den Hiasl aufzusuchen gewesen, da sah er ihn am Arme des schönen Mädchens der Mühle zuwandern und verbarg sich, bis Hiasl fortginge. Aber plötzlich erblickte er den schwarzen Martin und nun wollte er seinen Hauptmann warnen.

„Gut, dass du da bist,“ flüsterte Hiasl, wie du siehst, wird die Rachestunde für den Martin da sein! Lade nur immer fleißig, wenn die Gewehre abgeschossen sind.“

Tiras erhob ein entsetzliches Gebell. Draußen war es nicht heller als dass man die jetzt nahende Bande Martins sich bewegen sah.

Martin pumperte an die Türe und verlangte unter furchtbaren Drohungen, dass man öffne. Es krachte ein Schuss und ein Räuber stürzte, ihm folgten gleich drei andere, die ebenfalls zu Tod getroffen vor der Türe lagen.

„Tod und Teufel, Verrat!“ schrie Martin, sucht ob ihr nicht beim Rad einsteigen könnt!“

Schnell verteilten sich die Räuber um das Haus. Therese aber, die vielen Mut zeigte, führte den Hiasl zum Mühlrade hinunter. Schon kletterte Martin an den Schaufeln des Rades empor und fünf andere folgten ihm, da schrie Hiasl: „Steig zu, schwarze Kanaille, der bayrische Hiasl bin ich und du fahrest heut zur Hölle!“ Mit diesen Worten zog Hiasl die Schleuse auf, hieb mit der Axt den Rand der Schaufel ab, auf der das Sperrscheit lag, das Rad wälzte sich und zermalmte den schwarzen Martin, der noch einen markdurchdringenden Schrei ausstieß.

Die übrigen Räuber flohen, der Bube feuerte ihnen nach und traf noch zwei derselben.

Therese öffnete hierauf die Abzugsschleuse und sie waren sicher im Hause, wo sie beim Bierkrug den Anbruch des andern Tages erwarteten. Therese wusste nun freilich, dass der schmucke galante Jäger der bayrische Hiasl war, aber er war der Retter ihres Lebens und Eigentums und sie liebte den furchtlosen Mann aufs innigste.

Als der Müller morgens heimkam und den ihm wohlbekannten Hiasl im Hause sah, war er sehr erschrocken; nachdem aber Therese die nächtliche Heldentat erzählt und ihm die Leichen gezeigt hatte, da wallte sein Herz über von Dankbarkeit und er wollte dem Hiasl 200 Gulden geben; der aber nahm nichts an und schlug mit dem Buben den Weg zur Bande ein.

Ein Hurrah erschallte, als Hiasl das nächtliche Abenteuer und des schwarzen Martin Untergang erzählte, worüber sich besonders auch Afra freute.

Kap. 20: Der Weinhändler auf dem Ball. – Wie der Ball ausging

Um diese Zeit schien Hiasl wirklich bestimmt, das Unglück von fremden Menschen abzulenken. Hiasl kam zu einem Bauern, der ihm vieles Wild an Mann brachte, und fragte unter anderm wie er mit seiner Gutsherrschaft zufrieden sei, und der Bauer lobte den alten Baron und die Seinigen, aber jetzt solle so ein schäbiger Junker, der nur die Leute schinde, das Töchterlein, die Fräulein Justine heiraten und um dies wohltätige Fräulein sei es schade, denn der junge Bräutigam sei hochmütig und ein wahrer Tyrann. Heute sei im Schlosse drüben das Versprechen bei Tafel und Tanz.

Sogleich beschloss Hiasl sich einen Spaß zu machen. Auf seinen einsamen Zügen hatte er immer einen andern Anzug in der Jagdtasche; den zog er nun an und stund als Weinhändler vor dem erstaunten Bauer. Seine Jägerkleidung, Büchse, Ranzen und Tiras ließ er zurück, mit dem Bedeuten, wenn der Bauer einen Schuß höre, den Hund loszulassen. Nur 2 Pistolen trug er verborgen im Rocke.

Es war tief in der Nacht, Hiasl klofte an der Schlosspforte und als ein Mann öffnete, sagte Hiasl, er sei ein Weinhändler aus München, vor einer Stunde vom bayrischen Hiasl ausgeplündert worden und bitte für heute Nacht um ein dürftiges Obdach.

Der alte Baron ließ den Weinhändler vor sich kommen. Hiasl erzählte ihm den Unfall sehr anständig; ersterer lud ihn ein, in den Saal zur Tafel zu kommen, denn heute sei Versprechen seiner Tochter und bei ihm herrsche Gastfreundschaft. Er nahm den Hiasl am Arme und führte ihn in den Saal, wo er ihn der Gesellschaft vorstellte. Bei der Tafel erzählte Hiasl Stücklein aus seinem Leben und unterhielt die Herren und Damen aufs beste. Der junge Junker prahlte, binnen 4 Wochen müsse der bayrische Hiasl in seinen Händen sein, dem wolle er’s schon zeigen u.f.f.

So unterhielten sie sich, Hiasl tanzte mit der Braut, da schellte es am Gartentore und bald wurde dem Baron der Offizier einer Streife gemeldet und auch vorgelassen. Derselbe fragte, ob der Baron keine Verdächtigen um das Schloss herum heute beobachtet habe. Auf die Verneinung dieser Frage wollte der Offizier wieder abtreten, aber der Baron sprach auf Hiasl deutend: „Dieser Herr da ist vor ein paar Stunden ausgeraubt worden!“ Hiasl erzählte nun mit der größten Unbefangenheit sein Märchen. Der Offizier betrachtete zwar den Weinhändler mit bedenklichen Blicken, jedoch legte er auf die Unbefangenheit des Hiasls jeden Verdacht wieder ab und entfernte sich.

Um 2 Uhr nachts ging die Gesellschaft zu Bette, Hiasl kam in ein Zimmer, wo selten Fremde schliefen und überlegte eben, wie er den übermütigen Junker demütige und die Heirat mit Justine verhindere, da hörte er das leise Raspeln einer Feile, leise öffnet er das Fenster und sieht an 40 Räuber, die bereits über die Schlossmauer gestiegen waren und eben ein Fenstergitter absägten, durch das sie hätten ins Schloss dringen können. Hiasl war rasch entschlossen, holte die Diener, die noch im Saale beschäftigt waren, teilte ihnen rasch das Gesehene mit und erteilte nun Befehle gleichsam wie der Herr des Schlosses:

„Alle Lichter ausgelöscht, Gewehre und Pistolen in den Saal mit Pulver und Blei!“

Die Damen wurden geweckt, von der Gefahr unterrichtet und aufs Hiasls Rat in den Keller geführt, wo der Baron bei ihnen blieb.

Große Bündel Hanf ließ Hiasl ebenfalls bringen. Alle diese Rüstungen waren mit einer Ruhe und Schnelligkeit geschehen, dass die Dienerschaft schon auf den Posten stand, ehe die Räuber mit ihrer Arbeit fertig waren; sie hatten keine Ahnung davon, dass sie entdeckt seien. Der prahlerische Bräutigam hatte sich in der Küche versteckt.

Die Räuber stiegen jetzt durch das Fenster, Hiasl zündete die Flachsbundel an und warf sie in den Garten, dass es licht war wie am hellen Tag, und nun begann das Feuern.

Sogleich als es helle war, erkannte Hiasl die Bande als den größeren Teil von des verunglückten schwarzen Martins Leuten. Das Rachegefühl war in ihm wach geworden. Wie das Wild im Zwinger schossen nun die Diener aus den Fenstern auf die erschreckten Schurken, wo sich einer über die Gartenmauer schwingen wollte, purzelte er zu Tod getroffen in sein Blut zurück.

Hiasl aber tat Wunder der Tapferkeit. Einen Augenblick konnte er nicht schießen, da tobten die Räuber dicht gedrängt zur Treppe herauf. Doch Hiasl zog den Hirschfänger und hieb so mörderisch unter sie, dass sie wieder zum Fenster hinaus flohen und als sich plötzlich des Tiras Gebell, der vom Bauer auf den ersten Schuss war ausgelassen worden, in das Kampfgetobe mischte und von seinen grimmigen Zähnen erfasst ein Dutzend zerfleischt umherlagen, da er griffen die noch unversehrten Wenigen die Flucht. Der Garten und die Treppe zum Saale war mit Toten und sterbenden Räubern bedeckt.

Hiasl selbst war verwundet, und Tiras hatte 5 Hieb- und 2 Schusswunden, jedoch keine tötlich. Nun ließ Hiasl wieder alle Lichter anzünden und holte die Damen und den alten Baron aus dem Keller herauf. Sie hatten bei dem Flintengeknatter, dem Stöhnen der Getroffenen und dem Geschrei der Kämpfenden Todesangst ausgestanden.

Der Baron staunte, als er die Tapferkeit des Weinhändlers erfuhr und auch Hiasl ließ dem mutigen Benehmen der Diener alles Lob widerfahren.

Der Baron bot dem Hiasl sein halbes Vermögen als Lohn für seinen heutigen Dienst an und die Damen betrachteten den kräftigen stattlichen Mann mit unverhehlter Liebe und Zuneigung. Doch Hiasl sprach zum Baron: „Nur eine Bitte erfüllen Sie mir. Ich danke für Ihr Geldanerbieten, des Geldes bedarf ich nicht.“

„Und diese Bitte ist?“

„Dass der feige Junker, der sich während des Kampfes verkrochen hat, die Fräulein Justine nicht zur Braut bekommt!“ sprach Hiasl.

„Diese Bitte ist gewährt, mein Herr,“ sagte der Baron, denn einen feigen Eidam will ich nicht. Er hat meine Achtung verloren!“

„Die meinige auch,“ ergänzte Justine, die ohnehin keine Liebe zu dem Gecken gehabt hatte. Justine bekam später einen Mann, den sie auch lieben konnte.

Hiasl vom Kampf erschöpft, sprach nun dem Weinglas fleißig zu und die Gesellschaft fühlte sich sicher und heiter. Der Baron stand auf und trank mit der Gesellschaft das Wohl des tapfern Retters. Hiasl aber war seelenvergnügt, denn er hatte die Bande des schwarzen Martin gänzlich vernichtet.

Als er bei grauendem Morgen das Schloss verließ, gab er dem Baron einen ihn schützenden Freibrief und empfahl sich der staunenden Gesellschaft mit den Worten: „Der bayrische Hiasl empfiehlt sich!“

Kap. 21: Hiasl vor Bauern weichend. Rache dafür

Kurz darauf war in Tussenhausen die Hochzeit eines reichen Bauern; Hiasl ging mit 3 Kameraden in den Tanzsaal, 7 aber blieben im Erdgeschoss wohlbewaffnet, um nötigenfalls Hilfe zu leisten.

Hiasl tanzte mit der schönen Wirtstochter Grete, und hierauf mit der Braut, die an ihm viel Gefallen fand. Hiasl hatte rasch getrunken, war benebelt und küsste die Braut. Kaum als der Hochzeiter, ein vierschrötiger Bursche, dies sah, packte er den Hiasl, um ihn zu prügeln. Hiasl aber pfiff dem Tiras, der nun unter die dem Hochzeiter beistehenden Bauern wie rasend herumbis. trotz der starken Macht, die Hiasl bei sich hatte, musste er das Wirtshaus und das Dorf räumen, da Sturm geläutet wurde und die rüstigen Männer und Knechte mit Waffen aller Art in großer Zahl gegen ihn anstürmten.

Der Gemeindevorsteher von Tussenhausen, der das Sturmläuten angeordnet hatte, war schon des andern Tags der Gegenstand der Rache Hiasls.

Mit 24 Mann zog er also vor das Haus desselben und war begriffen, dasselbe zu stürmen und den Vorsteher, der sich mit seinen Knechten tüchtig bewaffnet und die Türen verrammelt hatte, zu massakrieren, da meldete der ausgestellte Posten, dass von Roggenburg her eine starke Streife gegen ihn anziehe. Hiasl zog also dieser Streife, deren 4 fache Zahl ihn nicht schreckte, mutig entgegen und stieß auf sie an einem Hügel. Sogleich verteilte er seine Leute in 3 Haufen und griff so verwegen an, dass sofort 2 Mann der Streife fielen. Die übrigen ergriffen die Flucht und Hiasl ging nach Roggenburg in’s Wirthshaus, wo er sich über die Tapferkeit der Soldaten lustig machte, und sagte, er stehe jedem auf 30 Schritte als Scheibe hin, es treffe ihn ja doch kein so Lumpenhund! Da der Wirt die Bewirtung der Bande verweigerte, weil der Klosterrichter bei schwerer Strafe solches verboten habe, bewirtete er, um dem Wirte keine Strafe zuzuziehen, seine Leute und sich selber und gab dem Wirt ein Zeugnis, dass er ihm die Schlüssel abgenommen habe. Sollte der Wirt gestraft werden, so werde Hiasl das Kloster stürmen, anzünden und alles umbringen.

Hiasl war nun 40 Jahr alt, alt genug, um einmal in sich zu gehen. Doch aber fing Hiasl jetzt erst recht zu spektakeln an.

Kap. 22: Der Verrat. Die Felsenhöhle geht verloren. Afra gefangen

Es war ein kalter Wintermorgen, der Schnee glitzerte und flimmerte, dass es eine Freude war, und jeder Fußtritt knarrte ächzend. Hiasl hatte sich eben 4 Tage lang mit fast der ganzen Bande auf einem großen Jagdzug im Burgauischen Forste herumgetrieben und große Beute gemacht, die für den ganzen Winter Proviant genug abwarf. Nur 5 von der Bande waren zur Bewachung der Höhle mit der schönen Afra zurückgeblieben. Mit Schmerz  zählte die holde Wildschützendirne die Stunden, wann ihr geliebter Hiasl sie wieder in seine kräftigen Arme schließen werde.

Da benützte die Abwesenheit des Hauptmanns der graue Wackerl, ein trefflicher Schütze und ein schöner blonder Wildfang, der dem Hiasl schon lange um Afra, diese Perle des dichten Waldes, neidig gewesen war. Er wollte um ihre Liebe werben, doch umsonst buhlte er, sie begegnete ihm kalt und als er zudringlich wurde, drohte sie ihm verächtlich: „Warte, grauer Bube, ich will es meinem Hiasl sagen, welchen verlässigen Wächter seiner Braut er an dir zurückgelassen hat, er wird dir Manier lernen, verlass dich drauf!“

Afra konnte leicht drohen, denn sie wusste, wie strenge es der Bande verboten war, der Geliebten des Anführers auch nur die leiseste unrechte Zumutung zu machen oder ihr überhaupt nahe zu treten. Und der graue Wackerl wusste gleichfalls recht gut, dass Hiasl in diesem Punkt keinen Spaß verstand.

Ohnehin hatte er neulich vor allen Kameraden eine herbe Demütigung erfahren müssen, und so fasste er den schwarzen Plan, das Versteck und seine eigenen Freunde zu verraten. Er war deshalb aus der Höhle fortgeschlichen und nach Türkheim geeilt, wo er die Anzeige und den Verrat ausführte. Augenblicklich wurden Boten an die nächsten Jäger geschickt und sie nach Burgau aufgeboten; ein reitender Kurier sprengte um eine Abteilung Reiterei nach Augsburg, die auch sogleich, 20 Mann stark, mit demselben am Sammelplatze außerhalb Türkheim, im Dorfe Reisnach, einritt. Unter der Leitung des Amtmanns von Burgau und geführt vom Verräter trat die Streife, als die 9. Abendstunde schlug, bei der grimmigsten Kälte, dass der Hauch zu Eis gefror, den Marsch zur Höhle an.

Mit teuflischer Lust wies sie Wackerl, dem die Rachelust wegen verschmähter Liebe schier die Brust zuschnürte, an, wie sie auf 3 Punkten, am Sumpf, an der steilen Höhe und am geheimen Ausgang im Gebusch Posto fassen sollen. 6 Jäger drangen nun durch das verborgene Loch, das wegen der großen Kälte mit Moos verstopft war, leise und vorsichtig in das Innere der Höhle, während 12 Mann auf dem fest gefrornen Sumpf an das Hauptfelsentor kamen, ohne bemerkt zu werden, denn die Wache hatte zwar den Wackerl vermist, eines solchen schmählichen Verrats jedoch hielten ihn seine Kameraden nicht für fähig, und so lagen alle 4 Wächter im tiefsten Schlafe, in dessen Armen auch Afra in ihrem Felsenkämmerlein sanft ruhte, träumend von Hiasl und seinen kühnen Heldentaten. Kein Lämpchen brannte, nur das leise Athmen der fest Schlafenden war zu hören, da erhellte plötzlich greller Fackelschein die düstre Steinburg und mit grimmiger Stimme schrie der Führer der Streife: „Auf, ihr Hallunken; ergebt euch!“ Erschreckt fuhren die Wildschützen empor und wollten nach den Waffen greifen, doch wurden sie von der Übermacht übermannt, gebunden und aus der Höhle geschleppt. Draußen grinste sie Wackerl mit teuflischem Gesicht an; als er jedoch Afra nicht sah, rief er: „Auf und zurück! Die Dirne ist in einem Verschlage, ich gehe selber mit!“

Afra, war von dem Lärm erwacht, der sich eben im fernen Forste zu verlieren schien, als sie auf einmal wieder verworrene Stimmen in der Höhle vernahm. Verrat ahnend sprang sie vom Lager empor, ergriff einen Hirschfänger, der an der Wand hing (denn sie hatte ebenfalls Waffen und konnte mit Büchse und Messer gut umgehen) und stellte sich vor den nur 3 Fuß hohen Eingang zu ihrem Kämmerlein. Da wurde eine Fackel durch die Öffnung zu ihr hineingeworfen und beim Wiederschein derselben sah sie den grauen Wackerl, wie er durch die Öffnung kroch, und mit süßlich höhnender Stimme sprach:

„Afra, holdes Täubchen, komm heraus, es sind Freunde da, dich warm zu betten, da drinnen ist’s so kalt, husch!“ Die Räuberbraut aber stieß ihm die scharfe Klinge durch die Brust, dass er zum Tod getroffen niedersank, und schrie: „So rächt Afra den Verrat!“

Dann aber verließ sie, einsehend, dass Widerstand vergebens sei, die Höhle und gab sich willig gefangen.

Sie wurde zu den andern Gefangenen gefesselt auf einen mitgebrachten Wagen geworfen und fort gings unter Bedeckung der Kavallerie im sausenden Galopp Buchloe zu, auf dem Wagen saßen zwei Gerichtsdiener, während zwei große Fanghunde in wilden Sätzen das Gefährte umkreisten.

Kap. 23: Die Befreiung. Woran Hiasl seine Geliebte erkennt.
Ein Stärkerer, als Hiasl ist

Nichts ahnend von dem, was Schreckliches daheim vorfiel, hatte sich Hiasl zufrieden mit dem Jagdergebnis der letzten Tage auf den Heimweg begeben und die Nacht in einer Waldhütte mit seiner Bande zugebracht. Eben so zog der lange Zug am Saum eines Waldes unweit der Landstraße über die gefrorene Schneedecke hin, als der Wagen mit Afra und den Wildschützen ankam. Hiasl sah kaum in der großen Ferne schon die Schwerter der Dragoner blitzen, als er seiner Bande befahl, in größter Eile sich an ein Gebüsch neben der Straße zu begeben. Dies war unbemerkt geschehen und nun teilte Hiasl seine Befehle aus. Zwei Mann mussten den Pferden in die Zügel fallen, zwei Mann die Hunde erschießen, da Tiras noch nicht ganz geheilt und zum Raufen unfähig war, und die andern sollten sich schussfertig halten.

Als der Wagen nahe war, krachte es, die zwei Rüden der Gerichtsdiener wälzten sich im Blute, der braune Nickl, der Tyroler und der Sattler, die 3 Verwegensten fielen den Pferden in die Zügel und der Tyroler schrie: „Die Waffen weg, ihr ungewaschnen Hunde, wenn euch euer Viehleben lieb ist, ihr Schufte.“ Hiasl stand schußfertig hinter dem Gebüsch, mit Behagen der Tapferkeit seiner Getreuen zuschauend.

Als die Bedeckung die Übermacht der Angreifer sah, ergriff sie in gestrecktem Galopp die Flucht. Hiasl befahl sie laufen zu lassen, da das Pulver gespart werden müsse, diese Hasenfüße aber keinen Schuss wert seien.

Im Wagen lagen auf Stroh das Gesicht zu Boden gekehrt die fünf, Hiasl richtete die Weibsperson zuerst auf, sie vermochte kaum zu stehen, da sie halb erstarrt war und entstellt von Wunden, die ihr rohe Soldaten zugefügt hatten.

Ein Schreckensruf entfuhr dem Hiasl, als er seine Afra und seine Schützen erkannte. Afra erzählte kurz, wie es gekommen, und endete begeistert: „Dem Verräter habe ich den kalten Stahl durchs Herz gestoßen!“ Hiasl schloss sie in seine Arme und gerührt sprach er: „Daran erkenne ich meine Geliebte, meiner würdig!“

Der Schlupfwinkel der Hiaslbande war nun ein für allemal verloren und die Bande musste sich trennen, um für die noch übrige Winterszeit geeignete Verstecke zu finden. Im Sommer reichten die dicht bebuschten Tannen hin zum Schutz gegen Sturm und Unwetter.

Noch waren sie mit ihren Verabredungen nicht fertig, als ein Spion eintraf mit der Meldung eine neue Streife sei im Anzug. Es war auch so; aber Hiasl griff sie an, trieb sie nach Buchloe zurück, tötete zwei Soldaten und drohte den Markt in Brand zu stecken.

Ein Teil der Bande zog nun nach dem Allgäu hinauf in die ehemaligen Schlupfwinkel des schwarzen Martin. 4 Mann von der Bande sollten immer hin und her unterwegs sein, um die Neuigkeiten zu melden, Beistand zu fordern, kurzum die Verbindung der Bande herzustellen.

Nebelgestimmt wie er war, kam dem Hiasl auf offener Straße der Amtsknecht Deufler von Blonhofen in den Weg, der sogleich umringt und elend misshandelt wurde. Deufler, ein sehr starker Mann, wollte jedoch sein Leben so teuer als möglich verkaufen, packte den Hiasl an und warf ihn zu Boden, ehe Tiras oder einer der Bande ihm beistehen konnte. Deufler musste das hart büßen, und Hiasl wollte ihm eben den Garaus machen, als eine ganze Eskadron Dragoner um einen Hügel bog und in sausendem Galopp zum Kampf heranstürmte.

Hiasl hielt es doch für besser, dieser Übermacht auszuweichen und eilte dem nächsten Walde zu.

Kap. 24: Ho, ho, Ihr Schergen! I bi der boarisch Hiasl, und fehl’n tuat mir nix

Das war ein heißer Tag, Hiasl und seine Bande waren ermüdet. Wir finden sie mitten in der Nacht in und um eine Waldhütte teils auf Moos schlafend, teils vor der Hütte zwischen lustigen Feuern sitzen, Hirschbraten verzehrend und den vollen Schnapsflaschen zusprechend. Im weiten Umkreise aber waren Posten ausgestellt, die alle Stunden abgelöst wurden.

Dem Hiasl gegenüber ruhte Afra auf Stroh, ein schönes Bild des Leidens und der Hingebung. Kaum als der Morgen graute, kam ein Straßenarbeiter aus Buchloe, der dem Hiasl gute Dienste als Spion tat, und erzählte, dass ein Gerichtsdiener und sein Gehilfe von Buchloe auf der Post geprahlt hatte, wenn Hiasl nochmal nach Buchloe komme, so würden sie ihn halbtot schlagen, und dann erst als Schinderfutter nach Dillingen einliefern.

Zornentbrannt hörte Hiasl diese freche Rede und brach sogleich mit 16 Mann, Rache zu üben, nach Buchloe auf, wo er sogleich im Gasthaus zur Post mit Ungestüm Essen und Trinken begehrte und lästerlich schimpfte: „Wo sind denn die prahlerischen Lumpenhunde von Schergen, die den bayrischen Hiasl halb tot schlagen.“ Es waren wohl mehrere Soldaten da, aber keiner rührte sich, und so schoss Hiasl etliche Mal ins Amthaus und zog dann fluchend ab und mit der Drohung, das ganze Nest anzuzünden, wenn ihm wieder solche Reden zu Ohren kämen.

Man sieht, dass sich Hiasl auf sein gutes Glück und auf seinen gefürchteten Namen verließ, sonst wäre er gewiss oft nicht so tollkühn gewesen.

Kurz darauf wurde ihm das Heranziehen einer starken Augsburgischen Streife gemeldet, mit welcher zugleich eine neue Türkheimer Streife wirke und die Bande zwischen 2 Feuer bringen wolle. Hiasl zog den Augsburgern entgegen, hieß sie unüberwindliche lange reichsstädtische Haarzöpfe und gab eine Salve, dass 4 Soldaten stürzten. Sodann machte Hiasl eine Scheinbewegung in den Wald, wich aber der zweiten Streife aus, erschien plötzlich im Rücken der Augsburger und fing ein mörderisches Schießen an, wodurch die größte Unordnung in die Streife kam, sodass sie den Rückzug antrat. Hiasl aber saß schon in Kellmünz und schickte den Streifern einen Boten, der sagen musste: „Die Staudenklepperer sollen zum bayrischen Hiasl ins Wirtshaus nach Kellmünz kommen; dort wolle er ihnen die Mägen noch voll mit Kugeln stopfen, wenn sie noch nicht satt hätten.“ Dabei aß und trank er lustig und sang ein Lied:

I bin der boarisch Hiasl
Koa Jaga hat a Schneid
Dass er mir a Federl
Vom Hütl abi keit!
Tuat Stroafn auf mi haltnGlei gar a Regiment,
Aber statt dasi s‘ mi dawischen tuan,
Wern s‘ hinten aufi brennt!
Drum bin i der boarisch Hiasl
Und fehln tuat ma nix
So lang i Blei und Pulver hab
Mein Hund und d‘ Doppelbüchs! – 

Dabei jauchzten die wilden Gesellen so unmäßig ihren Beifall, dass die Post erzitterte.

Da kam eiligen Laufs ein Bauer und zeigte dem Hiasl an, dass schon wieder eine starke Streife anrücke.

Das Streifkommando hatte der Hohn geärgert, den ihm der Hiasl hatte zurücksagen lassen, und zog wirklich mit verstärkten Kräften bereits die Höhen hinter Kellmünz herab.

Rasch langte Hiasl und seine Schützen nach den Stutzen und rannten den Feinden entgegen. Nach den ersten Schüssen schon stürzten 2 Soldaten tot und mehrere verwundet zu Boden und erst nach halbstündigem Feuern zog Hiasl sich zurück, da ihm verraten wurde, es ziehe auch in seinem Rücken eine Abteilung Soldaten an.

Bald deckte ihn der finstre Wald.

Kap. 25: Hiasl zieht nach Oberschwaben. Er rettet seine Marie vom Tode.
„Geht heim ihr Federvieh!“

Bis vor die Tore von Augsburg trieb ihn sein frecher Mut und einmal neckte er den Wachtposten am Klingertore, den er fragte, was die gestrengen Herrn von Augsburg von Hiasl neues wüssten?

Die regierenden Herrn beschlossen endlich mit Aufgebot aller Kräfte dem bayrischen Hiasl sein Handwerk zu legen, denn das untere Schwaben war weit und breit berüchtigt.

Hiasl zog also ausweichend, nachdem er die ganze Bande an sich gezogen hatte, in die obern Gegenden Schwabens. Doch sein Stern war dem Erbleichen nahe. Seitdem er durch Verrat um die sichere Felsenhöhle gekommen war, fiel es schon manchmal schwer, die zahlreiche Bande gehörig unterzubringen, und auch die täglich zu erneuernde Verproviantierung bot Schwierigkeiten.

In Oberschwaben waren zwar die Jäger und Soldaten noch nicht entmutigt, denn sie hatten mit Hiasl nie zu tun gehabt: aber die Bauern empfingen ihn als ihren Wohltäter, während die Bauern im untern Schwaben, nachdem Hiasl das meiste Wild weggerafft hatte, die ewige Unruhe satt, schwierig zu werden anfingen.

Bald zeichnete Hiasl seinen Weg mit Grausamkeit und Blut.

Hiasl hatte einmal einen starken Hirschen mit ungeraden 18 Enden angeschossen und nicht mehr finden können. Der reichsgräslich Wurzach’sche Jäger Werz zu Rieden bei Dillingen wurde als der Finder verraten. Sogleich überfiel er dessen Haus, schimpfte ihn, dass er ihm das rechtmäßig seiner Bande zustehende Wild gestohlen habe, misshandelte ihn schrecklich und nahm ihm alle seine Waffen weg.

Eines Tages streifte Hiasl mit Tiras ganz allein bei Donauwörth herum, da hörte er in einem Wald, durch den er ging, Hilfe schreien. Er erblickte, als er hinkam, sechs Kerls, die eben ein junges Weib an einen Baum binden wollten, während ein junger städtischer Mann aufgehängt werden sollte.

Diese Räuber waren der letzte Rest von der Bande des schwarzen Martin. Hiasl kannte sie sogleich an ihren Abzeichen, einen roten Reifchen am linken Ärmel.

Ohne Zögern schoss Hiasl 2 nieder, und hetzte seinen Tiras, der Mann für Mann niederriss und zerfleischte; es war als ob Tiras die Feinde seines Herrn so gut kenne, als Hiasl selber. Hiasl schoss noch 2 nieder und jagte die andern zwei fort, indem er ihnen nachschrie: „Kennt ihr mich noch, ihr Spizbuben, der bayrische Hiasl bin ich, lauft zu und erzählt, dass ihr von des schwarzen Hundes Bande der Rest seid, dem der Hiasl das Leben schenkt!“

Nun löste Hiasl des jungen Weibes Fesseln, und band den Mann vom Baum los. Wie aber staunte er, da er den Gegenstand seiner ersten Liebe, seine Marie vor sich sah. Sie war seit 1 Jahr in Nördlingen verheiratet und hatte eben daheim einen Besuch gemacht, als sie auf der Rückreise ausgeraubt und beinahe ermordet worden wäre.

Ihr Mann war Verwalter eines Gutes, das einem ungarischen Grafen gehörte, er bot dem Hiasl an, ihm eine Jägerstelle in Ungarn beim Grafen auszuwirken. Doch Hiasl lehnte es ab, denn es binde ihn ein schrecklicher Eid an seine Kameraden, die er nicht verlassen könne. Soll es aber einmal gar werden mit seiner Herrlichkeit als schwäbischer Oberjagdmeister, so komme er gewiss zu ihm.

Mit blutenden Herzen trennte er sich von Marie. Der ganze Himmel seiner Jugend war an ihm im Fluge vorübergerauscht. Er war nahe daran, sich selber zu erschießen.

Eines Abends stieß Hiasl auf 2 Schreiber, die Eichkätzchen geschossen hatten. Weil aber Hiasl das übermütige „Federvieh,“ wie er immer sagte, nicht leiden konnte, nahm er ihnen Flinten und Taschen und sagte: „Lasst euch in meinem Jagdbezirken nie wieder treffen, ihr Federvieh, sonst mach ich euch kaput!“ Die Schreiber waren froh, so gut weggekommen zu sein.

Kap. 26: Hiasl als Prälat

Hiasl machte mehreremale seiner jetzt 92 Mann starken Bande (es waren mehrere in den Scharmützeln umgekommen) den Vorschlag, es sollen diejenigen, die nicht mehr Lust hätten das beschwerliche Leben mitzumachen, austreten, – aber jeder beschloss auszuharren in Freud und Leid bei den kühnen lustigen Kameraden. Das hatte seine Folgen. Das Wildbret wurde weniger, der Erlös geringer und reichte nimmer aus. Nun wurde Hiasl Räuber.

Er überfiel das Haus des Obervogtes Heß zu Tefertingen nächst Augsburg, der bedeutende Summen Amtsgelder in Händen hatte.

In Unternessried bei Augsburg kam Hiasl in Kampf mit den Bauern. Er hatte im Wirtshause dort den Amtsknecht Schleißheimer von Agawang tötlich mißhandelt und wollte den mit Wunden bedeckten eben aufhängen, als die Sturmglocke ertönte und die über solche in ihrem Dorfe verübte Grausamkeit ergrimmte Bauernschaft in Scharen heranstürmte und den Verwundeten den Barbaren entriss. Hiasl musste den Bauern weichen, obwohl er unter sie hineinschoss. Das ärgerte ihn gewaltig.

Die Regierung zu Augsburg beschloss nunmehr, koste es was es wolle, den Unfug des bayrischen Hiasls nicht länger mehr zu dulden. Die Seele der kräftigen Unternehmungen, die nun stattfinden sollten, war der Baron von Rackniz, dessen rechte Hand aber der Oberamtmann von Haunsheim bei Dillingen.

Letzterer war einmal im Dominikanerkloster zu Medlingen als Gast, was Hiasl in Erfahrung brachte. Er ließ durch 4 seiner Bande den Glockenturm besetzen, um das Sturmläuten zu verhindern und ging mit Tiras ganz allein an die Pforte, wo er läutete. Der Pförtner öffnete, wollte aber sogleich wieder zu machen, denn er kannte den Hiasl. Dieser aber erzwang den Eingang und ließ sich zum Refektotium führen. Vor der Tore horchte er, und hörte gerade prahlerische Reden fallen, dass man diesen Vagabunden, den Hiasl nämlich, jetzt bald bekommen werde u. s. w. Hiasl machte rasch die Türe auf, die Versammlung war zum Tode erschrocken. Trotz aller frommen Reden über die Keckheit, unangemeldet in die heiligen Halle einzudringen, trotz Drohung mit dem Kirchenbann, sagte Hiasl, dass seine Leute in den Scheuern seien das Kloster anzuzünden.

„Ihr alle müsst sterben,“ rief er, fasste die Büchse, spannte den Hahn, bereit vor allen den Oberamtmann zu erschießen, weil er ein gar fürchterlicher Allerwelts-Hiaslfänger sei.

Als ihm der würdige Prälat gebot, im Namen Gottes und der Kirche den Saal und das Kloster zu verlassen, da donnerte Hiasl:

„Heut bin ich der Prälat!“ Ein einziger der Versammlung, ein 80jähriger Priester vermochte ihn gegen ein Abfindgeld von 500 Gulden von seinen mörderischen Absichten abzustehen. Er verließ das Kloster und der Prälat schickte ihm trefflichen Schweinsbraten und 30 Maß des besten Weins für sich und seine Kameraden ins Wirtshaus nach.

Kap. 27: Hiasls Geliebte, Afra, stirbt den Heldentod.
Der letzte Kampf Hiasls. Gebraten oder gehangen, Herr Hiasl?

Etliche Tage nach diesem Vorfall wurde die Bande in einem Wirtshaus in Oberelchingen bei Günzburg überfallen, die sie aufforderte, sich zu ergeben. Hiervon war natürlich keine Rede. Hiasl, von Afra und seinen Tapfersten umgeben, kämpften wie Verzweifelte. Da traf eine Kugel Afra tödlich. Ihr Leib sollte nicht in Feindeshand fallen; Hiasl kommandierte zu einem Ausfall, der mit aller Tapferkeit ausgeführt wurde, sodass die Streife das Feld räumen musste.

Afra starb in den Armen des tiefbetrübten Hiasl. Seine Leute machten im Friedhofe schnell ein Grab auf und Hiasl drang mit 2 Mann in den Pfarrhof und zwang den Pfarrer, sogleich die Leiche kirchlich einzusegnen. Später wurde der Leichnam Afras gerichtlich ausgescharrt und unter dem Galgen vergraben.

Die nächsten Tage nach dieser Affäre schändete Hiasl durch räuberische Einbrüche, jedoch immer nur bei Jägern, Amtsleuten u. dgl., nie bei Bauern.

Hiasls Stundenuhr lief ab, die Sanduhr seines Glücks war nahe am Verrinnen.

Der Oberamtmann von Hausheim hatte zwar zu Obermedlingen im Kloster versprechen müssen, nichts mehr gegen Hiasl zu unternehmen. Allein einem Räuber sein Wort zu halten, fiel ihm nicht ein.

Es wurde deshalb unter einem kriegsgeübten, tapfern Offizier, Namens Schedl, eine aus 200 Mann Freiwilligen bestehende Mannschaft ausgerüstet, und mit dieser verfolgte Schedl Tag und Nacht in schlauen Märschen und Gegenmärschen die ängstlich gewordene Bande des Hiasl und ermüdete sie bis zum Tode.

Am 13. Jänner 1771 gelang es dem Lieutenant Schedl im Dorfe Osterzell nächst Kaufbeuern in einer Scheune, in die sich Hiasl vom Nebel begünstigt mit 16 Mann geworfen, und sich sicher glaubend dem sehr nötigen Schlafe überlassen hatte, sie zu überraschen. Nicht einmal einen Posten hatte er ausgestellt.

Er war beobachtet worden. Schedl nahm in einiger Entfernung Stellung, besetzte die Zugänge zum Dorf, umzingelte in aller Stille die Scheune und da er vermutete, die Räuber seien im tiefen Schlafe, so traf er mit aller Bedachtsamkeit seine Maßregeln. Seine Leute waren in verdeckten Stellungen so gut postiert, dass Hiasl nicht wohl entkommen konnte: Um die Scheune hatte er eine Menge Stroh aufgehäuft.

Um das Leben seiner Leute zu schonen, da er den ärgsten Widerstand von Hiasl fürchten musste, zündete Schedl nun das Stroh an. Da schlug Tiras dumpf an, die Räuber fuhren empor, schon leckte das Feuer an den Strohhaufen empor und drohte sie lebendig zu braten. Jetzt öffnete sich das Tor und mit gespannten Büchsen sprangen die Räuber heraus, das Freie suchend. Doch Schuß um Schuß fiel auf allen Seiten und einer nach den andern wälzte sich im Blute; wohinaus sie auch drangen, überall spien ihnen die mörderischen Feuerrohre Tod und Verderben entgegen. Da ersah Hiasl den Lieutnant Schedl, und hetzte seinen Hund auf ihn ab, denn seinen Stutzen konnte er nicht mehr laden. Doch Tiras kehrte sich gegen Hiasl selber, biß ihn, sprang davon und verschwand für immer.

Hiasl stand verlassen da, vor ihm die brennende Hütte, ringsum Feinde, die Kameraden, die tapfer gefeuert aber wenig getroffen hatten, weil die Streifsoldaten zu gut gedeckt waren, lagen bis auf den Tyroler, der an einem eben von der Glut ergriffenen Balken gelehnt noch kämpfte, tot oder sterbend um ihn, da verließ ihn Mut und Selbstvertrauen.

Er warf das Gewehr weg. Schedl ließ sogleich das Feuern einstellen. Hiasl wurde nun aus sechs Wunden blutend gefesselt. Ohne Schedls Schuß hätten die Soldaten den Hiasl zerrissen, denn es waren ihrer 11 verwundet.

Wie es im Innern unsers gefallenen Helden aussehen mochte, mag sich der Leser leicht vorstellen.

Als morgens der Zug mit den Gefangenen und Toten in’s feste Blockhaus zu Dillingen abgeführt wurde, waren die Wege dahin mit Neugierigen übersät.

Hiasls Gefangennehmung war für Schwaben ein wichtiges Ereignis.

Verhaftung des bayerischen Hiasl im Jahr 1771 in Osterzell Kupferstich

Verhaftung des bayerischen Hiasl im Jahr 1771 in Osterzell, Kupferstich

Kap. 28: Hiasl im Gefängnis und im Tode

Hiasl wurde in Dillingen mit Ketten wohl verwahrt, ein Entkommen wäre nicht möglich gewesen. Man fürchtete anfangs, der Rest der Bande möchte einen Befreiungsversuch machen, weshalb Tag und Nacht 6 Wochen lang eine Escadron Husaren vor dem Blockhaus, wo die Wilderer saßen, schlagfertig aufgestellt war.

Allein diese Vorsicht war überflüssig, denn als Hiasl nicht mehr bei der Bande war, wagte der Rest nichts zu unternehmen.

Hiasl betrug sich gefasst, leugnete nichts, suchte jedoch die Hauptschuld immer auf seine Kameraden zu werfen, was bei dem geringen Bildungsgrade des Hiasl ihm nicht übel genommen werden kann. Er tat eben, was im Zustand der Notwehr unter 100 neunundneunzig Verbrecher tun würden.

Den 6. September 1771 sah Dillingen eine solche Menge Menschen, wie nie zuvor noch hernach.
In eine nasse Kuhhaut eingenäht wurde Hiasl auf den Richtplatz geschleift, zuvor ihm aber vom Rathaus aus, wo das rote Tuch des Blutbanns hing, sein Urteil nochmal verkündet.

Jenseits der Brücke stund das Schaffott. Vor ihm wurden zwei geköpft, jedoch musste er nicht zusehen. Unter dem Schaffott beichtete Hiasl nochmal und trank munter ein Glas Wein. Sein Los war, gerädert zu werden. Als er das Schaffott bestieg und die Maschine erblickte, schrak er zusammen, sammelte sich aber auf die Zusprüche zweier würdiger Priester schnell wieder. Der Henkersknecht erfasste ihn, legte ihn auf das Rad, Hände und Füsse wurden angeschraubt und ihm ein Säckchen über den Kopf gezogen. Im nämlichen Moment schnurrte das Rädchen neben dem Halse, der Strang um den Hals erdrosselte ihn schnell und das Rad des Henkers zerschmetterte ihm durch den Gnadenstoß die Brust, dann die übrigen Glieder.

Der bayrische Hiasl hatte gebüßt! Man trennte hierauf den Kopf vom Rumpfe, und schnitt den Körper in 4 Teile. Der Kopf und ein Viertel des Leibs hing lange am Galgen zu Dillingen, ein Viertel kam nach Lamendingen, einem Dorf bei Buchloe, das dritte nach Lechfeld, das vierte nach Schwabmünchen, wo es überall zur Warnung 8 Tage aufgehängt blieb.

Darstellung der Radbrechmaschine zur_Hinrichtung des Klostermayr Hiasl Kupferstich

Darstellung der Radbrechmaschine zur Hinrichtung des Klostermayr Hiasl, Kupferstich o.J.

Moral

So war nun Hiasl tot, der gefürchtete Ruhestörer und Waldtyrann im Schwabenlande, dessen Herz ein Gemisch von Stolz, Raserei, Verhärtung, Eigensinn, Blutdurst und Milde enthielt, dessen Leben ein schwarzes Tagebuch von Raub- und Mord- Geschichten ist; an List glich Hiasl einem Fuchsen, an Wut dem Tiger.

Du hast, freundlicher Leser, aus der Beschreibung die vor dir liegt, entnommen, dass Hiasl nicht als Verbrecher geboren wurde, dass er es auch nicht auf einmal geworden ist. Im Kleinen hat der Unglückliche eine künftige Verbrecherlaufbahn begonnen. Hätten seine Eltern die nötige Strenge gegen ihn geübt, und die Rute gebraucht, ihm den angebornen unbandigen Hang zum Herumstreifen nicht gestattet, so wäre Hiasl, der viele gute Anlagen besaß, vielleicht nie Wildschütz geworden. Aus dem Wildschützen wurde der Räuber und Mörder. Im Geringen geht der Lasterweg an, beim Schaffott in Henkershand endet er. Hätte Hiasl den guten Lehren seiner sterbenden Eltern nur ein wenig gefolgt, bei so vielen trefflichen Anlagen des Leibs und des Geistes hätte es ihm an einer anständigen Lebensstellung nie fehlen können und er wäre ein sehr nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft geworden.

Wer Vater und Mutter umsonst lehren lässt, vor dem weicht der Segen Gottes, betrübt flieht der Schutzengel von einem solchen Menschen, er stürzt von Laster zu Laster und entkleidet sich so gänzlich der menschlichen Würde und Ehre, dass er wie ein wildes Tier wird und verfolgt und vertilgt werden muss von dieser Erde.

Des Lasters Bahn ist Anfangs zwar
Ein breiter Weg von Auen;
Allein sein Fortgang wird Gefahr,
Sein Ende Nacht und Grauen.

Quelle: Der bayerische Hiasl, der verwegenste und merkwürdigste Wildschütz und Räuberhauptmann in Deutschland. Dessen Schreckliches Leben u. fürchterliche Abenteuer ganz der Wahrheit gemäß dargestellt nach den verlässigsten Angaben. Erschienen bei J.Lutzenberger, Burghausen, 1857. Aus dem Original transkribiert und sachte an heutige Schreibweise angeglichen durch W.Autenrieth, 2026 https://www.google.de/books/edition/Der_bayerische_Hiasl_der_verwegenste_un/3NlAAAAAcAAJ

Weitere Lebensbeschreibung des Hiasl

Bereits ein Jahr nach Hiasls Hinrichtung erschien seine Lebensbeschreibung:

Leben und Ende des bairischen Hiesels 1772

Leben und Ende des bairischen Hiesels 1772

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