Sprichwörter aus der Zimmerischen Chronik
Sprach- und Sagenforscher ➥ Anton Birlinger hat im 19.Jahrhundert die nachfolgenden Sprichwörter aus der ➥ Zimmerischen Chronik „excerpiert“ und in der Zeitschrift „Alemannia“ veröffentlicht. Als Zimmerische Chronik bezeichnet man ein deutsches Geschichtswerk aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Die Familienchronik der schwäbischen Herren von Zimmern (seit 1538: Grafen) wurde 1540/1558 bis 1566 von Froben Christoph von Zimmern im ➥ Schloss Meßkirch geschrieben.
Die Nummerierung folgt der von Birlinger. Es fehlen hier die Nummern 1-38, da diese nicht der Zimmer’schen Chronik entstammen. Diese sind in der Quelle am Fuß des Textes zu finden. Transkription mit Unterstützung durch Gemini-KI.
Original (Mhd. / Lat.) und heutige Schriftsprache:
39 – „Wer A sagt, mueß auch B sagen.“
Wer A sagt, muss auch B sagen.
40 – „Der abgang des einen ist des andern ufgang“.
Das Ende/der Niedergang des einen ist der Aufstieg des anderen.
41 – „Wann der abt die würfel legt, megen die münch im convent wol spielen.“
Wenn der Abt (die Regeln lockert oder selbst sündigt), dürfen die Mönche im Kloster/Konvent ruhig spielen.
42 – „Alt affen, jung pfaffen und wilde bern, soll niemands in sein haus begern.“
Alte Affen, junge Pfaffen (Priester) und wilde Bären soll niemand in seinem Haus wünschen/haben wollen.
43 – „So man ain affen will fahen, mueß man ime auch ain gescheuch darnach anlegen.“
Wenn man einen Affen fangen will, muss man ihm auch einen Köder/eine Falle/ein Lockmittel dafür auslegen.
44 – „Man soll die affen suchen, biß man sie facht.“
Man soll die Affen suchen, bis man sie fängt (Man soll eine Sache nicht aufgeben).
45 – „So ain alter zu einem narren gerät, so übertrifft er umb etliche pfund ain jungen gesellen.“
Wenn ein alter Mensch zum Narren wird, übertrifft er einen jungen Gesellen um einiges/bei weitem.
46 – „So ein alter zu ainem narren wird, so übertrifft er umb ain weites ain jungen.“
Wenn ein alter Mensch zum Narren wird, übertrifft er einen jungen um ein Weites.
47 – „Der hett für sein todt nit öpfelküechlin, wie man sprücht, gessen.“
Er hatte vor seinem Tod nicht Apfelküchlein (eine beliebte Speise) gegessen, wie man sagt (Er starb plötzlich und unerwartet).
48 – „Die zwelf apostel an der zal teten künig Rudolfen den fußfal.“
Die zwölf Apostel in ihrer Zahl erwiesen König Rudolf die Ehre (oder: beugten sich vor ihm).
49 – „Jenhalb bachs sein auch leut.“
Jenseits des Baches sind auch Leute (Die Welt ist größer als das eigene Dorf/Der Nachbar ist auch ein Mensch).
50 – „Gedenkt ainer under den bank, so bleibt er darunder.“
Wenn jemand (denkt oder handelt) unter dem Niveau (der Bank), so bleibt er darunter (Wer niedrig zielt, bleibt niedrig).
51 – „Es ist ihm bas mit dem bereiten, dann mit dem stechen.“
Ihm ist wohler mit dem Reiten (mit der Flucht/dem Aufgeben) als mit dem Stechen (dem Kampf).
52 – „Es ist keinem baß, dann so er das messer nur uf den disch legt und der würt schon bezalt ist.“
Es ist niemandem wohler, als wenn er das Messer nur auf den Tisch legt und der Wirt schon bezahlt ist (Alles ist erledigt/Ruhe ist eingekehrt).
53 – „User bast macht man hafensail. Was ain karger erspart, würt aim geuder zu tail.“
Aus Bast macht man Hafenseile (d.h. etwas Wertloses kann nützlich sein). Was ein Geizhals spart, wird einem Verschwender zuteil.
54 – „Ein baschart thuet er guet, so ist er ain abentheur oder doch ungewonlich; thuet er args, so handlet er nach seiner natur.“
Wenn ein Bastard Gutes tut, ist es ein Wunder/ein Abenteuer oder doch ungewöhnlich; tut er Schlimmes, so handelt er seiner Natur gemäß.
55 – „Ein bastart thuet er guets, so ists ain wunder. Gerat er nit es ist sein art besonder.“
Wenn ein Bastard Gutes tut, so ist es ein Wunder. Gelingt es ihm nicht (d.h. missrät er), so ist es seine besondere Art.
56 – „Ich behalt mir dasselbs, sprach graf Hanns von Werdenberg.“
Ich behalte mir das Gleiche/diesen Vorteil (im Gedächtnis), sagte Graf Hans von Werdenberg (Ausdruck für das Beharren auf seinem Recht/Vorteil).
57 – „Was übel und am wenigisten beritten, das will am allermaisten darvornen daran sein.“
Was am schlechtesten geritten (oder: beredet) ist, das will am allermeisten ganz vorne mit dabei sein/das Sagen haben.
58 – „Wan ain betler zu aim herren gerät, ist er vil wunderbarlicher, auch strenger, dann ein anderer.“
Wenn ein Bettler zum Herrn wird, ist er viel wunderlicher und auch strenger als ein anderer.
59 – „Wie man beichtet, so wirdt bueß gesprochen.“
So wie man beichtet, so wird Buße/Strafe verhängt (d.h. die Strafe richtet sich nach dem Geständnis).
60 – „Das ist ein Bitscher suppen, die von morgen siben oder acht bis umb die drei oder vier uren nachmittag dauert.“
Das ist eine Bitscher Suppe, die von morgens sieben oder acht bis nachmittags um drei oder vier Uhr dauert (Eine sehr langwierige Sache).
61 – „Das kam in domum Cadmi et Agenoris.“
Das kam in das Haus von Kadmos und Agenor (Bezieht sich auf eine mythische, sehr alte oder schwer zugängliche Zeit/Ort).
62 – „Ich main, du begerest auch zu wissen, wie ain carfunkelstain sehe.“
Ich glaube, du begehrst auch zu wissen, wie ein Karfunkelstein (Edelstein) aussieht (Du stellst unmögliche/unverschämte Forderungen).
63 – „Corruptio unius est generatio alterius.“
Der Verfall/Untergang des einen ist die Entstehung des anderen (Lateinischer Satz, oft in der Naturphilosophie verwendet).
64 – „Dat veniam corvis, vexat censura columbas.“
Die Zensur/Gerichtsbarkeit schont die Raben (die Schlechten) und verfolgt die Tauben (die Unschuldigen).
65 – „Man macht dir kein aigens.“
Man macht dir nichts Eigenes/Besonderes (Du erhältst keine Sonderbehandlung).
66 – „Sie kamen, wie man sprücht, ab equis ad asinos.“
Sie kamen, wie man sagt, von Pferden zu Eseln (Sie machten einen Rückschritt, wechselten von etwas Gutem zu etwas Schlechtem).
67 – „Ich bin ain böser esel, sprach der schuelmaister von Sigmaringen.“
Ich bin ein schlimmer Esel, sagte der Schulmeister von Sigmaringen (Selbstkritische Äußerung oder ironisches Understatement).
68 – „Hie ist alle tag die fasenacht.“
Hier ist jeden Tag Fasching/Karneval (Hier herrscht ständiger Ausnahmezustand/ständiges Vergnügen oder Unordnung).
69 – „Wo man feur und stro zesamen last nisten, es bleibt nit lang, es nimt zulezt ain auspruch.“
Wo man Feuer und Stroh zusammen lässt, dauert es nicht lange, es gibt zuletzt einen Brand/einen Ausbruch.
70 – „Frischlich angerennt ist wol halber gefochten.“
Frisch/mutig angegriffen ist schon halb gewonnen/gekämpft.
71 – „Fronte capillata post occasio calva.“
Die Gelegenheit hat vorn Haare, hinten ist sie kahl (Ergreife die Gelegenheit sofort beim Schopf, sonst ist sie vorbei).
72 – „Fründs mundt redet nimer oder doch selten wol.“
Der Mund des Freundes redet niemals oder doch selten gut (Freunde sind oft zu nachsichtig oder unkritisch).
73 – „Das best ist fuchs mit fuchsen fahen, beißt kainer den andern.“
Das Beste ist, Füchse mit Füchsen zu fangen, dann beißt keiner den anderen (Man bekämpft seinesgleichen am besten mit ihresgleichen, ohne dass Schaden entsteht).
74 – „Es ist bös, fuchs mit fuchsen fahen.“
Es ist schlimm/schwierig, Füchse mit Füchsen zu fangen.
75 – „Es ist ihnen wie den gaisen, die wol steen und doch scharren.“
Es ist (mit) ihnen wie den Ziegen, die gut stehen und doch scharren (Sie sind zwar zufrieden, aber nörgeln/suchen trotzdem nach etwas Besserem).
76 – „So es ain gans, es were darvon nit ein feder scin.“
Selbst wenn es eine Gans wäre, wäre davon nicht eine Feder schön (Alles ist schlecht daran).
77 – „Die gaus hat sibenhundert gens und ain halbe verjaget.“
Die Gauß (Gans/Frau) hat siebenhundert Gänse und eine halbe weggejagt (Übertreibung; Ausdruck für Großspurigkeit oder eine Lüge).
78 – „Wer vil hingibt, dem pleibt dester weniger.“
Wer viel hergibt/ausgibt, dem bleibt desto weniger.
79 – „Alt gelt und jung leut reimen sich nit zu samen.“
Altes Geld und junge Leute reimen sich nicht zusammen/passen nicht zueinander (Oft im Sinne von Altersunterschied bei Ehen).
80 – Die geratnen sind die bösten (besten).“
Die Geratenen/Erfolgreichen sind die Besten (oder die Bösen, je nach Kontext – hier wohl: die Erfolgreichen werden als die Besten angesehen).
81 – „Ain groß ge schrai, jedoch wenig wollen.“
Ein großes Geschrei, jedoch wenig Wolle (Viel Lärm um nichts).
82 – „Vill geschrais und wenig wollen.“
Viel Geschrei und wenig wollen (Viel Lärm um nichts).
83 – „Du bist gewaltig im haus wie der abt von Ochsenhausen.“
Du bist gewaltig (sehr mächtig) im Haus wie der Abt von Ochsenhausen.
84 – „Du bist auch gewaltig in deim haus, wie der von Ochsenstain den warf man die stegen hinab.“
Du bist auch mächtig in deinem Haus, wie der von Ochsenstein – den warf man aber die Treppe hinab (Eine Drohung oder ironische Anspielung).
85 – „Was in der jugendt gewonet, das behangt und bleibt merthails im alter.“
Was in der Jugend gelernt/(man) gewohnt wird, das haftet und bleibt größtenteils im Alter.
86 – „Wie die haushaltung, also gewinnt auch das haus zu letst ain gibel.“
Wie die Haushaltsführung ist, so bekommt auch das Haus zuletzt einen Giebel (d.h. einen Abschluss/ein Ergebnis).
87 – „Gleichs und gleichs gesellt sich gern, sprach der teufel zu aim koler.“
Gleiches und Gleiches gesellt sich gern, sagte der Teufel zu einem Köhler (d.h. Leute gleicher Art finden zueinander – oft in negativem Kontext).
88 – „Die gnad gehet fürs recht.“
Die Gnade geht dem Recht vor (d.h. Barmherzigkeit ist wichtiger als strenge Gerechtigkeit).
89 – „Gott und die natur schaffen oder thuen nichts one ursach.“
Gott und die Natur schaffen oder tun nichts ohne Ursache (Nichts geschieht ohne Grund).
90 – „Das walt Got! sprach pfaff Peter, do stig er uf die magt.“
Das walte Gott! sprach Pfaffe Peter, als er die Magd bestieg (Ironischer Spruch, der göttliche Beteuerung und sündhaftes Handeln gegenüberstellt).
91 – „Wir sein noch nit übern graben.“
Wir sind noch nicht über den Graben (Die Schwierigkeit/Gefahr ist noch nicht überwunden).
92 – „Hüte dich vor Gremlichs zeitungen.“
Hüte dich vor Gremlichs Zeitungen (Oder: Gerüchten, Neuigkeiten). (Bezieht sich evtl. auf Graf Gremlich von Menningen bei Meßkirch, dessen Nachrichten hier als unzuverlässig beurteilt werden).
93 – „Gris schlecht noch (nach) granen.“
Das Schwein schlägt/folgt dem Korn (Je besser man das Schbein füttert, umso besser gedeiht es).
94 – „Wann der haffen an boden begert, so überläuft er nit.“
Wenn der Topf/Hafen keinen Boden hat, so läuft er nicht über.
95 – „Das handtwerk hast und feindet ainandern.“
Das Handwerk hasst und ist einander verfeindet (Konkurrenz unter Handwerkern).
96 – „Was gehenkt soll werden, das ertrinkt nit gern.“
Wer gehängt werden soll, ertrinkt nicht gerne (Man entgeht dem Schicksal nicht; oder: Wer für ein großes Schicksal bestimmt ist, überlebt kleinere Gefahren).
97 – „Was erhenkt soll werden, das ertrinkt nit.“
Wer gehängt werden soll, ertrinkt nicht (Schicksalsglaube).
98 – „Der has hat allenthalben die zunftmaister uffressen.“
Der Hase hat überall (in der Zwischenzeit) die Zunftmeister aufgefressen (Ironisch: Er wurde nicht gefangen; er hat alle seine Jäger oder Feinde überlistet).
99 – „Welcher sein haus well sauber und rain behalten, der meidt pfaffen münch und tauben, und laß den lieben Got walten.“
Wer sein Haus sauber und rein erhalten will, der meide Pfaffen (Priester), Mönche und Tauben, und lasse den lieben Gott walten (Satirischer Spruch, der die Ordnungsliebe über bestimmte Besucher stellt).

Die Zimmersche Chronik wurde 1540/1558 bis 1566 von Froben Christoph von Zimmern im Schloss Meßkirch geschrieben
100 – „Wo haut und har kain nutz ist, da würt kain guter belz.“
Wo Haut und Haar nutzlos sind (schlecht) sind, da entsteht kein guter Pelz. (Man kann aus schlechtem Material nichts Gutes machen).
101 – „Nahe heirat und ferre herrendienst sind die besten.“
Eine Heirat in der Nähe und Untertan bei einem weit entfernten Herrn zu sein ist am besten (Man hat seine Ruhe im Beruf, doch die Familie in der Nähe).
102 – „Es ist nit guet, denen großen herren gelt zu leihen.“
Es ist nicht gut, großen Herren Geld zu leihen (Sie zahlen oft nicht zurück).
103 – Man kennt den herrn beim gesind und das wetter bim windt.“
Man erkennt einen Herrn anhand seines Gesindes (seiner Bediensteten) und das Wetter am Wind.
104 – „Herrengunst, Aprillenwetter, Frawengemüt und rosenbletter, Ross, würfel und Federspill, Verkern sich oft, wers merken will.“
Die Gunst der Herren, Aprilwetter, Frauengemüt und Rosenblätter, Pferd, Würfel und Federballspiel verändern sich oft, wer es bemerken will. (Alles ist wandelbar und unbeständig).
105 – „Er wüscht hinein, wie ain pfeifer in ain würtshaus.“
Er wischte (oder: huschte) hinein, wie ein Pfeifer (Musiker) in ein Wirtshaus (Er war sofort da, wo er freien Eintritt/Verpflegung erwartete).
106 – „Wie der hirt, so die schaff.“
Wie der Hirte (ist), so (sind) die Schafe
(Das Verhalten der Untergebenen spiegelt den Vorgesetzten wider).
107 – „Kain hochmuet hat langen bestand.“
Kein Hochmut besteht lange.
108 – „D’hund hinken, frawen wainen und d’kremer schweren, Dorau soll sich aber niemands keren.“
Hunde hinken, Frauen weinen und die Krämer schwören (lügen/betrügen), daran soll sich aber niemand stören/darauf soll niemand achten.
109 – „Die alten hundt sein beschwerlichen bendig zu machen.“
Alte Hunde sind schwer zu bändigen/erziehen.
110 – „Es soll sich menigelichen vor dreien dingen wol hüeten, nemlich frembde brief zu lesen, in ainer schmiten nichs anzugreifen und dann in ainer apotek oder ains arzen haus nichs zu versuchen.“
Es soll jedermann vor drei Dingen besser hüten: nämlich fremde Briefe zu lesen, in einer Schmiede nichts (etwas) anzufassen und dann in einer Apotheke oder im Haus eines Arztes nichts (etwas) zu probieren/versuchen.
111 – „Er ist am selbigen ort in ain getreng kommen, als der mit eim gelskolben durch ain weite gassen lauft.“
Er ist an jener Stelle in eine Bedrängnis gekommen, als der, der mit einem Maiskolben/Hahnenfuß durch eine breite Gasse läuft (Ein Sinnbild für einen unvorsichtigen Menschen in einer unangenehmen Situation).
112 – „Es ist kain sach so irrig, man kann sie vergleichen, und ist auch der Schweizer krieg eines gericht worden.“
Es ist keine Sache so verworren, dass man sie nicht vergleichen (lösen) könnte, und auch der Schweizer Krieg ist zu einem Urteil gekommen (Auch die kompliziertesten Streitigkeiten können beigelegt werden).
113 – „Es ist kein justitia mehr, zu gleich wie zu Rom, wann ein bapst stirbt.“
Es gibt keine Gerechtigkeit mehr, genauso wenig wie in Rom, wenn ein Papst stirbt (In der Anarchie/Unordnung hört die Gerechtigkeit auf).
114 – „Wem die kappen wird ufgesezt, der mueß sie tragen und haben.“
Wem die Kappe aufgesetzt wird (eine Rolle, ein Amt, oder auch eine Schande), der muss sie tragen und haben.
115 – „Wa die katzen ußerm haus, so reihen die meus.“
Wenn die Katze aus dem Haus ist, tanzen/regieren die Mäuse.
116 – „Kündern und hailigen ist guot phlegen, sie künden nit, oder dörfen nit vil reden.“
Kinder und Heilige soll man gut pflegen, sie können (oder: dürfen) nicht viel reden (Sie sind pflegebedürftig, aber anspruchslos oder harmlos).
117 – „Es ist umb ain haufen künder oder auch ander mentschen, wie umb ain haufen air.“
Es ist um einen Haufen Kinder oder auch anderer Menschen wie um einen Haufen Eier (Sie sind leicht zerbrechlich oder leicht durcheinander zu bringen).
118 – „Es ist nit ein geringe kunst, dem kündt ein vatter zuzurichten und zu bekommen.“
Es ist keine geringe Kunst, dem Kind einen Vater zuzurichten (oder: zu finden) und zu bekommen.
119 – „Es ist kain kunst, ain kindt zu machen, dann die bauren und unverstendigen kindens schier am besten, sonder das ist ain maisterschaft, dem kindt ain vatter schöpfen.“
Es ist keine Kunst, ein Kind zu machen, denn die Bauern und Unverständigen kinder fast am besten, sondern das ist eine Meisterschaft, dem Kind einen Vater zu schaffen/bestimmen (Die Vaterschaft zu sichern ist das Schwierige).
120 – „Wann das kündt gestorben, so ist die gefatterschaft auß.“
Wenn das Kind gestorben ist, so ist die Patenschaft beendet.
121 – Die weiber haben lange klaider und kurze sinn.“
Die Frauen haben lange Kleider und kurzen Sinn/Verstand. (Ein altes, sexistisches Sprichwort).
122 – „Kurzen mut und lange klaider tragen die frawen laider.“
Kurzen Mut und lange Kleider tragen die Frauen leider.
123 – „Das kriegen ußer der canzlei und künder zeugen ußer der apotek, ist selten fruchtbar.“
Das Kriegführen aus der Kanzlei (vom Schreibtisch aus) und Kinder zeugen aus der Apotheke (mit Hilfsmitteln/Tränken) ist selten fruchtbar.
124 – „Das kriegen user der canzlei und buelen uß der apoteka beschieht selten mit fruchten.“
Das Kriegführen aus der Kanzlei und das Buhlen (Liebschaften) aus der Apotheke (mit Hilfsmitteln) geschieht selten mit Erfolg/Früchten.
125 – Es gerat selten und bricht das ein tail die krieglin und der ander teil die hefelin.“
Es gelingt selten, und bricht der eine Teil die Krüglein und der andere Teil die kleinen Töpfe (Wenn beide Seiten streiten, geht alles kaputt).
126 – „Kue und kalb gehen, wie man sprücht mit ainandern.“
„Kuh und Kalb gehen, wie man sagt, miteinander (Sie passen zusammen/gehören zusammen).
127 – „Man darf keine leus in ein belz setzen dann sie wachsen für sich selbs.“
Man braucht keine Läuse in einen Pelz zu setzen, denn sie wachsen von selbst (Unerwünschtes stellt sich von allein ein).
128 – „Man darf kein leis in ein belz, setzen dann sie wachsen selbs darin.“
Man braucht keine Läuse in einen Pelz zu setzen, denn sie wachsen von selbst darin.
129 – „Wie er gelept, also ist er auch gestorben.“
Wie er gelebt hat, so ist er auch gestorben (Sein Tod entspricht seinem Lebensstil/Charakter).
130 – „Man mueß die leut reden laßen, die gens köndens nit.“
Man muss die Leute reden lassen, die Gänse können es nicht (Lass die Leute reden; ihre Worte sind so bedeutungslos wie das Geschnatter der Gänse).
131 – „Wo nit leut sein, da sezt man d’gens uf d’benk.“
Wo keine Leute sind, setzt man die Gänse auf die Bänke (In Ermangelung besserer Gesellschaft nimmt man, was man kriegen kann).
132 – „Ee ain liebs, kumend hundert laid.“
Ehe ein Liebes kommt, kommen hundert Leiden (Das Glück ist schwer zu erlangen).
133 – „Der frawen list über aller maister kunst ist.“
Die List der Frauen ist über aller Meister Kunst (Die weibliche Schläue ist unübertroffen).
134 – „Male quesita male dilabuntur.“
Schlecht erworbenes (Gut) verrinnt auf schlechte Weise (Unrecht Gut gedeihet nicht).
135 – „De male quesitis non gaudebit tertius heres.“
An schlecht erworbenem (Gut) wird sich der dritte Erbe nicht erfreuen (Unrecht Gut bleibt nicht lange in der Familie).
136 – „Kain maus, wie klain sie joch ist, erstickt under ainem großen hewschochen.“
Keine Maus, wie klein sie auch ist, erstickt unter einem großen Heuschober (Das Kleine findet immer einen Ausweg im Großen).
137 – „Der mentsch nümpt im für, aber der all mechtig ordnets und schaffts nach seinem willen.“
Der Mensch nimmt sich etwas vor, aber der Allmächtige ordnet und schafft es nach seinem Willen.
138 – „Und hettest des Mettelis gut, so mußt es doch alles verthon sein.“
Und hättest du das Gut des Metteli (einer reichen Frau), so müsste es doch alles verbraucht/vergeudet sein (Selbst große Reichtümer können vergeudet werden).
139 – „Ein meusle bringt ain anders meusle für.“
Ein Mäuslein bringt ein anderes Mäuslein hervor (Eine kleine Ursache führt zu einer weiteren kleinen Wirkung).
140 – Der mist und die gest sind im feldt zum besten.“
Der Mist und die Gäste sind im Feld am besten (Dort stören sie am wenigsten).
141 – „Welcher ehe in die müli kumpt, würt ehe gemalen.“
Wer früher in die Mühle kommt, wird früher gemahlen (Wer zuerst kommt, mahlt zuerst).
142 – „Man soll deren herren irer weiber und hundt mueßig geen.“
Man soll den Weibern und Hunden der Herren aus dem Weg gehen/sie in Ruhe lassen (Man soll sich aus ihren Angelegenheiten heraushalten).
143 – „Narren, kündt, volle leut, Die reden die warhait.“
Narren, Kinder, betrunkene Leute, die reden die Wahrheit.
144 – „Die narren mueßen getriben und geiebt sein, oder sie verderben und verligen sonst.“
Die Narren müssen angetrieben und beschäftigt werden, sonst verderben sie und verkommen.
145 – „Es ruempt sich uit zwen narren in ainem haus.“
Es rühmt sich nicht (d.h. es hält sich nicht) mit zwei Narren in einem Haus.
146 – „Es ist nit hie der sitt, das man setz d’narren über aier.“
Es ist hier nicht die Sitte, dass man die Narren auf Eier setzt (Man vertraut den Narren keine wichtigen/delikaten Aufgaben an).
147 – „Narren soll man mit kolben lausen.“
Narren soll man mit Keulen lausen (Narren versteht man nur mit Härte/Gewalt).
148 – „Kain narr will ein narr sein, so wenig als kein voller vol oder ain hur ain hur.“
Kein Narr will ein Narr sein, so wenig wie ein Betrunkener betrunken oder eine Hure eine Hure.
149 – „Was zu ainer neßlen wird, das print flux.“
Was zu einer Nessel wird, das brennt schnell (Schlechte Charaktereigenschaften zeigen sich früh).
150 – „Wan du zu Nürmberg werst, so geb man dir die wal.“
Wenn du in Nürnberg wärst, so gäbe man dir die Wahl (In Nürnberg gab es besondere Freiheiten oder ein Wahlrecht).
151 – Das ochsen- und kalbflaisch mag bei ainandern nit gesieden.“
Das Ochsen- und Kalbfleisch kann nicht beieinander gesotten (gekocht) werden (Die unterschiedlichen Arten/Parteien vertragen sich nicht).
152 – „Die könig und grose potentaten haben durchgebohrte oren und lange hendt, vernemen von weitem und greifen auch von weitem zu.“
Die Könige und großen Potentaten haben durchbohrte Ohren (hören alles) und lange Hände (reichen weit), vernehmen von Weitem und greifen auch von Weitem zu.
153 – „Post tres dies vilescit piscis et hospes.“
Nach drei Tagen verliert Fisch und Gast an Wert/wird verächtlich/verdorben. (Ein Gast sollte nicht zu lange bleiben).
154 – „Präcocia ingenia raro perveniunt ad frugem.“
Frühreife Begabungen (oder: Geister) gelangen selten zur Frucht (Frühbegabte erfüllen selten die Erwartungen im Alter).
155 – „Qualem te invenio, talem te judico.“
Wie ich dich finde, so beurteile ich dich.
156 – „Kein würt steckt von ains gasts wegen ain raif uß.“
Kein Wirt steckt wegen eines Gasts einen Reifen (ein Fass) an/bricht es auf (Ein Gast allein ist nicht den Aufwand wert).
157 – Es pringt kein rapp kein distelfogel und kein wolf kein schaf.“
Es wird kein Rabe (oder: Krähe) ein Distelfink und kein Wolf ein Schaf (Jeder bringt hervor, was seiner Art entspricht – Böses bringt kein Gutes hervor).
158 – „Wer reut, der reut, wer leit, der leut.“
Wer reitet, der reitet; wer lügt, der lügt. (Man bleibt bei seiner Art/Handlung).
159 – „War auch ain ross umb ain sackpfeifen, wie man spricht.“
Es war auch ein Pferd um eine Sackpfeife (einen Dudelsack) (Es war etwas Wertvolles für etwas Wertloses – ein schlechter Tausch).
160 – „Rüeben pieren sein laßen.“
Rüben sollen Birnen sein lassen (Jeder soll bei seiner Art bleiben, sich nicht verstellen).
161 – Es reimpt sich gleich als salzmessen und ich waiß nit was.“
Es reimt sich so gut wie Salzmessen und ich weiß nicht was (Es reimt sich überhaupt nicht; es passt nicht zusammen).
162 – „Man thuts nit überal, das man die schaff sengt.“
Man tut es nicht überall, dass man die Schafe sängt (brandmarkt)
Es ist eine seltene, ungewöhnliche oder unnötige Sache.
163 – „Dem schuldigen schlottert das mentele.“
Dem Schuldigen zittert der Mantel (Der Schuldige verrät sich durch seine Angst/Nervosität).
164 – „Die Schweizer haben nie kainem geholfen, dem darvor nit baß gewest.“
Die Schweizer haben nie jemandem geholfen, dem es davor nicht schon besser gegangen wäre (Die Schweizer helfen nur den Starken/Gewinnenden – zynische Beobachtung).
165 – „Was nit sein soll, das schickt sich nit, und straift aim ain reis ab.“
Was nicht sein soll, das schickt sich nicht (passt nicht) und streift/reißt einem einen Zweig ab (Es geht schief oder bringt Unglück).
166 – „Was eim nit werden soll, das streift ain reis ab.“
Was einem nicht bestimmt ist, das streift einen Zweig ab (Es wird durch ein kleines Hindernis verhindert).
167 – „Selbs thon, selbs haben.“
Selbst tun, selbst haben (Wer arbeitet, soll den Ertrag haben).
168 – „Si non caste, tamen caute.“
Wenn nicht keusch ist, dann doch vorsichtig (Wenn man schon sündigt, soll man es wenigstens heimlich/klug tun).
169 – „Uf ain sparer gehert ein verthoner.“
Auf einen Sparer folgt ein Verschwender.
170 – „Den spott zum schaden haben.“
Den Spott zum Schaden haben (Man erleidet Schaden und wird zusätzlich noch verspottet).
171 – „Es stimmt zusammen, als wenn man zum wetter läutet.“
Es stimmt so gut zusammen, als wenn man zum Unwetter läutet (Es passt überhaupt nicht zusammen).
172 – „Einer, der theur bout und wolfel geit.“
Einer, der teuer baut und billig gibt. (Er investiert viel, aber der Ertrag ist gering).
173 – „Ain thor kan ein so ungeruempte fragen thon, das zehen weisen im die nit verantworten wissen.“
Ein Tor/Dummkopf kann eine so unverblümte Frage stellen, dass zehn Weise sie nicht zu beantworten wissen.
174 – „Ein narr kann mer fragen, dann zehen die allerweisesten verantworten.“
Ein Narr kann mehr Fragen stellen, als zehn die Allerweisesten beantworten können.
175 – „In worten, kreuter und holz sind grosse tugenden.“
In Worten, Kräutern und Holz sind große Tugenden/Kräfte (Drei wichtige Dinge im Leben: Kommunikation, Medizin, Baustoff).
176 – „Es war ain Dutlinger friden der nit lang weret.“
Es war ein Tuttlinger Friede, der nicht lange währte (Ein fauler, instabiler Frieden).
178 – „Wer wol kan übersehen, Dem mag wol guts beschehen.“
Wer gut übersehen (Mängel ignorieren/tolerieren) kann, dem mag wohl Gutes geschehen.
179 – „Es leut nur am übersehen, als die von Weiters hausen.“
Es liegt nur am Übersehen (der Mängel), wie bei denen, die weiter entfernt hausen. (Ein Beispiel für eine tolerante oder nachsichtige Haltung).
180 – „Man sagt gemeinlich, es kom kein unfahl allain.“
Man sagt gemeinhin, es komme kein Unglück allein.
181 – „Es ist weger ungefragt und geschwigen, dann ein böse oder unverhoffte antwurt erlangen.“
Es ist besser, ungefragt zu schweigen, als eine böse oder unerwartete Antwort zu erhalten.
182 – „Untrew trifft seinen aignen herren.“
Untreue trifft ihren eigenen Herrn (Der Verräter schadet sich selbst am meisten).
183 – „Es ist fraw Urslen abförtigung (so ainer ain bösen abschaidt oder abförtigung bekommen).“
Das ist Frau Ursulas Abfertigung (wenn jemand einen bösen Abschied oder eine Abweisung bekommt).
184 – „Vogel iß oder stürb.“
Vogel, friss oder stirb (Man muss sich fügen oder untergehen; keine Wahl haben).
185 – „Man sicht an seinen federen, was er für ein vogel ist.“
Man sieht an seinen Federn, was er für ein Vogel ist (Man erkennt die Art am Äußeren oder am Verhalten).
186 – „Uf den hochzeiten und haimfierungen soll man voll sein.“
Auf den Hochzeiten und Beerdigungen soll man betrunken sein.
187 – „Was bald wechst, das verdürbt auch bald.“
Was schnell wächst, das verdirbt auch schnell.
188 – „Wagen gewint, wagen verlürt.“
Wagen (Wagnis) gewinnt, Wagen (Wagnis) verliert (Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man beim Eingehen eines Risikos).
189 – „Wie in den waldt geschrawen würt, also erhilt er auch.“
Wie in den Wald hineingeschrien wird, so schallt es auch heraus.
190 – „Die stillen wasser, so sie ußprechen, sind schedlicher und nachtailiger.“
Die ruhigen Gewässer, wenn sie ausbrechen, sind schädlicher und nachteiliger (Die stillen Menschen sind, wenn sie wütend werden, gefährlicher).
191 – „Er het das weib, wie einest einer die amsel, die flog noch im waldt.“
Er hatte das Weib, wie einst einer die Amsel (hatte), die noch im Wald flog (Er hatte sie nur scheinbar, sie war noch nicht gefangen/gewonnen).
192 – „Kein weiser man thut keine kleine dorheit.“
Kein weiser Mann tut keine kleine Torheit (Auch Weise machen Fehler).
193 – „Die welt ist und bleibt die welt.“
Die Welt ist und bleibt die Welt (Man kann die Welt nicht ändern).
194 – „Die welt will und mueß betrogen sein.“
Die Welt will und muss betrogen sein (Die Menschen lassen sich gerne täuschen).
195 – „Was einer nit waist, das thuet im nit wee.“
Was jemand nicht weiß, das tut ihm nicht weh (Unwissenheit schützt vor Schmerz – „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.“).
196 – „Zu vil witz ist nit allweg guet.“
Zu viel Witz/Klugheit ist nicht immer gut.
197 – „Zu vil witz und fürsorg mag zu zeiten mehr unfahls bringen, als die thorheit.“
Zu viel Witz/Klugheit und Vorsorge kann zuweilen mehr Unglück bringen als die Torheit.
198 – „Guete wort und alt gelt, das verricht alles.“
Gute Worte und altes Geld (oder: viel Geld), das erledigt alles.
199 – „Dem würt der nutz und mir die mühe, Dem würt das flaisch und mir die brüe.“
Ihm wird der Nutzen und mir die Mühe; ihm wird das Fleisch und mir die Brühe (Ungerechte Verteilung des Ertrags).
200 – „Wann ain gestud zergeen will, so beisst es ime selbs den schwanz ab.“
Wenn ein Gestüt (oder: eine Herde) zerfallen will, so beißt es sich selbst den Schwanz ab.
Quelle: Anton Birlinger: Sprichwörter aus der Zimmerischen Chronik.in: Alemannia, Zeitschrift für Volkskunde, Dialektologie, Literatur- und Lokalgeschichte, Hrg:Anton Birlinger/Fridrich Pfaff, Bonn/Freiburg, 1873–1917, Bd. 1 (1873), S. 304–307, https://books.google.de/books?id=O3oKAAAAIAAJ Anmerkung: Die Sprüche Nr.1-38 stammen nicht aus der Zimmerschen Chronik.