CH-9468 Sax (SG)
Die Herren von Hohensax
Zwischen dem Altmann-Berge, dem Nachbar des Hohen Säntis, und dem Rheintale liegt die alte Stammburg der Freiherren von Hohensax. Deren einer hieß Hans Philipp, war ein ritterlicher Kriegsheld und zog ins Niederland, für dessen Freiheit er mitfocht, war ein Protestant und gerade in Frankreich, als die Ketzerverfolgung begann. Mit Mühe entrann er der Pariser Bluthochzeit.
Dieser Freiherr von Hohensax hielt die alten Lieder gar wert, welche die Minnesänger in der Schweiz und in Schwaben gedichtet und gesungen hatten, und besaß von ihnen jenes hochwerte Buch, das ein Stolz der deutschen Poesie, jetzt aber in den Händen der Franzosen ist, die es vordessen aus Deutschland entführt haben und nimmermehr wieder herausgeben, weil man es ihnen nicht wieder genommen hat, da es rechte Zeit dazu war. Gar wert hielt der Freiherr das alte Liederbuch, da geschah es, dass ihn, manche sagen um des Glaubens willen, sein Neffe Ulrich Georg von Hohensax erschlug, das geschah im Jahre 1559.
Darauf kam das Buch mit dem unverwelklichen altdeutschen Liederschatz in die Hände und in die Liberei des Kurfürsten von der Pfalz gen Heidelberg, von wo es durch die Franzosen weggeschleppt wurde. Wunderbares aber begab sich mit dem Leichnam des Ermordeten; dieser verweste nicht, als er in der Kirche zu Sennewald beigesetzt war, das dünkte die Umwohner ein absonderliches Zeichen, und meinten, obgleich der Verstorbene stetig ein Protestant gewesen, er müsse etwa doch ein heiliger Mann gewesen sein. Verschafften sich heimlich von ihm erst einen Finger, dann deren mehr, endlich wurde der ganze Leichnam hinweggeführt, gerade wie sein alter Liederschatz, nur mit dem Unterschied, dass die Sennenwalder Klage erhoben um den Leichnam des Hohensaxers und derselbe wieder herüberwandern musste, da sie ihn denn noch heutigen Tages in ihrer Kirche als eine Mumie zeigen.
Vordessen lebte auch noch ein Freiherr dieses edlen Geschlechts auf Hohensax, der war mit einem Ding begabt, das nicht eben selten ist in diesen felsreichen Alpentälern, einem Glied, das ihn ärgerte, und konnt‘ und mocht‘ es doch nicht ausreißen und von sich werfen, wie die Schrift gebeut. Da zog er mit zu Felde, und in einer heißen Schlacht, in welcher Mann gegen Mann kämpfte, empfing er einen Schwerthieb, dass ihm gleich das Blut stromweis vom Halse abquoll. Doch hatte der Feind den glücklichsten Streich getan, er hatte dem Freiherrn von Hohensax das ärgernde Glied weggehauen, seinen Kropf.
Quelle: Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch. Meersburg und Leipzig 1930, S. 22. Permalink: http://www.zeno.org/nid/2000453459X