Überlegungen zum Verbleib der Altäre zwischen 1523 und 1846
Räumung der Kirche von Bildwerken
Luther und Zwingli forderten die Abschaffung der Heiligenverehrung und der „Götzenbilder“ in den Kirchen. In den Gotteshäusern sollte nur das Wort Gottes wirken. Hintergrund war auch das ausufernde Stiftertum, mit dem sich wohlhabende Bürger aus dem Höllenfeuer freikaufen wollten. Die Reformatoren wollten, dass Wohltaten nur den Armen, Alten und Bedürftigen gegeben – und nicht für „gülden Tand“ in den Kirchen verwendet werden solle. Isny war – auch durch den regen Handel – mit der Nordschweiz verbunden. Zwingli predigte in Zürich und setzte 1523 dort durch, dass die Altäre geschlossen und die Bilder abgedeckt und nicht mehr gezeigt wurden. Luther verlangte nicht die völlige Räumung von Bildwerken – die Heiligenbilder sollten jedoch verdeckt oder aus den Gotteshäusern weichen.20 21
Isny wurde – nachdem zuvor bereits der Gottesdienst in „beiderlei Gestalt“ abgehalten wurde – im Jahr 1531 protestantisch. „Erst mit dem Beitritt der Reichsstadt zum Schmalkaldischen Bund am 2. Februar 1531 war jedoch jene politisch-militärische Absicherung gegeben, die auch in Isny zur entschiedenen Einführung der Reformation – Auftakt war die Abschaffung der Messe am 10. März – führte. Nach Luthers (und besonders Zwinglis) Lehre sollte in den Kirchen nur das Wort Gottes wirken – und keine heidnischen „Götzenbilder“ mit der Darstellung von „gottgleichen“ Heiligen.
Gottfried Wilhelm Locher schreibt 30, dass die Altäre wurden auf Veranlassung von Konrad Frick mit Hilfe von Ambrosius Blarer (die beide der Lehre Zwinglis nahe standen) 1533/1534 aus der Nikolaikirche entfernt wurden. Meiner Vermutung nach wurden sie in die Ölbergkapelle „ausgelagert“.
Was ist so interessant am „Strigel-Altar“?
Nun. Strigel war Zeitgenosse Dürers, Holbeins, Zeitbloms und anderer Künstler der Deutschen Frührenaissance und er spielte „in derselben Liga“. Die Relikte befinden sich heute in der Gemäldegalerie Berlin und der Kunsthalle Karlsruhe.
Die Tafeln zum Marienaltar („Frauenaltar“) stammen von einem einzigen, großen, (eventuell doppelt wandelbaren) Altarretabel. Dafür spricht, dass die Tafeln der Marien-/Jesus-Geschichte und die Bilder der Heiligendarstellungen dasselbe Rastermaß aufweisen (87 x 72 cm) und die Malweise von derselben Qualität und Handschrift ist, sowie Bernhard Strigel zugeordnet werden.
Wo befanden sich die Altarteile zwischen 1534 und 1820?
Vielleicht wurden die Gemälde nach dem Bildersturm den Stiftern übergeben, die auf den Tafeln (wie damals üblich) portraitiert waren – und dafür gute Gulden bezahlt hatten.
1534 kam es schließlich auch zum „Bildersturm“ der Isnyer Bürger auf die Klosterkirche St.Georg („Sankt Jörgen“). Die Isnyer forderten die Abschaffung der Messe im Kloster selbst und entfernten die Altäre und Bilder aus der Georgskirche.“19. Die Reichsstadt fand sich dafür stark genug, nachdem der evangelische Herzog Ulrich 1534 nach Württemberg zurückkehren konnte. Die Altäre wurden jedoch nur teilweise zerstört, die meisten Teile wurden in die „Muttergotteskapelle“ gebracht, die heute als „Marienkapelle Bestandteil der Kirche St.Georg ist – wie die Specht’sche Chronik berichtet. 14Kammerer schreibt von der „anstoßenden Frauenkapelle“ (=Marienkapelle, die sich im Kloster an der St. Georgskirche befindet) als Lagerort. 17
Spätestens 1552 wurde die Nikolaikirche dann vollständig von „Bildwerk“ befreit.
Specht berichtet, dass sich die Isnyer 1629 mit dem Argument gegen den Vorwurf wehrten, der Zwingli’schen Lehre anzuhängen, denn die Kirche sei – gemäß der Vorgaben Luthers – völlig ohne Bildwerke.15 21 Dies deutet darauf hin, dass die Altäre vermutlich 300 Jahre lang in der Ölbergkapelle verblieben – bis Hirscher den „Schatz“ zu Beginn des 19.Jahrhunderts hob. Gleichzeitig ist dies ein Indiz dafür, dass die Bilder wirklich aus Isny stammen. Wenn die Altäre seit 1533/34 in der Ölbergkapelle gelagert waren, haben sie dort auch die verschiedenen Stadtbrände unbeschadet überstanden. Die Ölbergkapelle war das einzige Gebäude der Stadt, das stets von den ➥ Isny’er Katastrophen verschont blieb. 22
Ein neuer, barocker Altar
In der Specht’schen Chronik25 ist auf Seite 65/66 zu lesen:
„Anno 1644 wurde der untere Altar von Holz gemachet, welcher in allem 137 fl gekostet. Dazu hat solches Geld Jacob Eberz der jüngere, des Leonhard Eberz feel Sohn in die Kirche verehrt. In eben diesem Jahr sind die Bilder zum obern Altar aufgesetzet worden, welche mein Ur-Groß-Vater seelig Hanß Rudolph Specht zu mahlen und zu vergulden die Ehre gehabt hat . Die Bilder kosteten vom Bildhauer 200 fl. und alles zusammen sie samt der großen Tafel zu mahlen 412 fl. Dieses Geld hat Herr Jacob Eberz der ältere in die Kirche verehrt, dahero sein und seiner Frauen Magdalena gebohrner Burkhardin Wapen oben aufgesetzt worden und in dem alten Leichen Buch ist ihm so wohl deßwegen als auch weil er zu Entrichtung der sehr beschwerlichen Kriegs Contributionen jährlich ein nahmhafftes und rühmliches hergeschossen, dieser Wunsch in die Ewigkeit nachgeschickt worden. Der Allmächtige getreue Gott wolle ihm solche Wohlthaten in der Ewigkeit in Gnaden vergelten.“
Dies deutet darauf hin, dass sich der Strigel-Altar 1644 nicht mehr in der Kirche befand und ein neuer Altar (im barocken, „modernen“ Stil) entstand. Ob alle Teile in der Ölbergkapelle eingelagert wurden – oder einzelne Tafeln in das Eigentum der ehemaligen Stifterfamilien übergingen, ist schwer nachzuvollziehen. Möglicherweise wurden einige Tafeln beim Stadtbrand 1631 vernichtet oder fanden den Weg in die Schweiz, als nach dem Stadtbrand einige Patrizier dahin übersiedelten.
Damals war auch der Zeitgeschmack bereits im Barock angekommen, was ein Indiz dafür sein kann, dass der Strigel-Altar nicht mehr in die Kirche kam. In der Sakristei wurde ein Aquarell zur Neugestaltung des Altars aus dieser Zeit gefunden – siehe Abbildung:
In der Ortsbeschreibung des Oberamts Wangen ist über die Nikolaikirche vermerkt:
„Im Jahr 1631 brannte sie mit Ausnahme des gewölbten Chors und der Sakristei gänzlich aus, und wurde darauf durchgängig restaurirt. Sie steht erhaben und frei, ist hell und für die Gemeinde vollkommen zureichend. Im Chor steht noch aus den Zeiten des katholischen Kultus ein schöner Hochaltar mit künstlicher Schnitzarbeit. Hierbei kann (und wird) es sich wohl um den von Specht beschriebenen Altar handeln – der für eine evangelische Kirche durchaus ungewöhnlich, jedoch dem barocken Zeitgeschmack entsprach.29
Neuer, gotischer Altar 1910
Dazu schreibt Kammerer:26 „Man wünschte sich dazu auch die frühbarocken Altäre zurück, besonders den oberen im Chor. Von seinem stattlichen Aufbau und seiner unbefangenen Farbigkeit gibt das in der Baugeschichte erwähnte und in der Sakristei befindliche Aquarell eine gute Vorstellung.“ Auf einen Altar aus dem 17. Jahrhundert deutet auch diese Stelle hin: „Aus derselben Zeit, in welcher Karl Heideloff von Nürnberg aus die alten Kirchen Süddeutschlands emsig von barocker Ausstattung reinigte und neu gotisierte, stammt auch die Orgel und das hölzerne Maßwerk der Brüstung ihrer Empore (1856).“11
Der neugotische Hochaltar (der bis zur Kirchenrenovierung 1972 in der Kirche stand) wurde jedoch erst 1910 im neugotischen Stil errichtet.
Kamen die Altäre kamen nach dem Bildersturm 1534 wieder in die Nikolaikirche zurück?
Eine Notiz von Johann Heinrich Specht in seiner Abhandlung „Isnysches Denkmal“ aus dem Jahr 1750 deutet gegen die These vom Verbleib oder der „Rückkehr“ des Strigel-Altares in die Kirche. Im Jahr 1629 – also noch vor dem großen Stadtbrand, wurde die Stadt Isny beschuldigt, nicht dem Lutherischen, sondern dem Zwinglischen Glauben anzuhängen. Specht schreibt dazu auf Seite 51:
„(…) 2. Warf Gegenteil vor: Unsere Kirche habe keine Bilder noch andern Ornat1 mehr. Auf diesen Vorwurf antwortet der Pfarrer Hiller also2: Sei etwas bei der Reformation mit den Bildern und anderem Ornat wieder die Gebühr3 vorgenommen worden, so müsse man es dahin verstehen, dass der Missbrauch vieler Dinge, welche vorher in Übung gewesen so groß, unverantwortlich und unleidenlich gewesen, dass aus Unwillen und menschlichem Eifer etwas mit unterlaufen (sei) wie es bei solchen Sachen im ersten Sturm zu geschehen pflege. Man verwerfe deswegen unsererseits die Bilder nicht, wünschte sich mehr, dass sie geblieben wären, nicht aber wie vorher zum Gebrauch einiger Abgötterei, sondern zur Zierde und Erinnerung. (…)“
Dieser Vorwurf deutet sehr darauf hin, dass die Altäre und Gemälde bereits vor dem Stadtbrand 1631 aus der Nikolaikirche entfernt worden waren – vermutlich bereits beim Bildersturm 1531.
Der Kauf der Altarbestandteile durch Hirscher im 19.Jahrhundert
Denn dort erwarb Johann Baptist Hirscher, Pfarrer und Kunstsammler, 1855 ein Gemälde „von Grünewald“ für seine Sammlung – durch seine Hände gingen auch die Tafeln des Strigel-Altares und landeten schließlich in Karlsruhe und Berlin. 31 Das Bild aus der Ölbergkapelle war mit hoher Wahrscheinlichkeit die Predella, die sich heute in Karlsruhe befindet und aus der Hand von Martin Schaffner (Ulm, * um 1478; † nach 1546) stammt.
Strigel wurde – da er die Tafeln nicht signiert hatte – bis Ende des 19.Jahrhunderts noch mit dem Notnamen „Meister der Sammlung Hirscher“ bezeichnet. Da einige Bestandteile des Strigel-Altares bereits im Kunstblatt 1846 28 als Teile der Sammlung Hirscher genannt werden, muss der Verkauf an Hirscher vor 1846 erfolgt sein. Auch in der ➥ Bestandsliste der Sammlung Hirscher von 1857 tauchen Tafelbilder des Strigel-Altares
Möglicherweise hatte Hirscher Teile des Altares den Isnyern bereits um 1817 abgekauft. Damals herrschte eine große Hungersnot, die Stadt war verarmt und es wurde im Spital am Marktplatz eine Suppenküche eingerichtet. Hirscher war damals noch katholischer Priester in Bodnegg und bekannt dafür, dass er seine finanziellen Möglichkeiten für wohltätige Zwecke einsetzte. Zwei der Tafeln tauchen jedoch erst in der dritten Liste von Hirscher aus dem Jahr 1857 auf – werden jedoch von Waagen bereits 1846 als Besitz der Sammlung Hirscher erwähnt28.
Die Bildtafeln wurden vermutlich im Zeitraum zwischen 1815 – 1850 (eventuell in mehreren Margen) an Johann Baptist Hirscher und/oder andere Kunstsammler verkauft, um die Neugestaltung der Nikolaikirche zu finanzieren. Es gab einen Stiftungsrat, der um 1815 das alte Schnitzwerk des Hochaltares verkaufte. Dieses stammte
Die Predella von Martin Schaffner
Es existiert ein Kaufvertrag von 1855 mit Johann Baptist Hirscher, in dem dieser ein Bild von „Grünewald“ aus der Ölbergkapelle erwarb. Im Bestandsverzeichnis von Hirscher aus dem Jahr 1857 wird nur ein einziges Grünewaldbild erwähnt, das heute in der Kunsthalle Karlsruhe als Werk Michael Schaffners angesehen wird und die Predella des Strigel-Altares gebildet haben könnte. Eventuell hatte dieser in der Strigelwerkstatt in Memmingen ausgeholfen. Schaffner und Strigel kannten sich vermutlich aus der gemeinsamen (wenn auch nicht zeitgleichen) „Lehrzeit“ bei Zeytblom in Ulm. Zudem liegen Memmingen und Ulm nicht allzu weit auseinander.
Der Katharinenaltar von Ivo Strigel
Beim ➥ Katharinenaltar nehme ich an, dass dieser bereits im 16. Jahrhundert abgebaut und aus der Nikolaikirche entfernt wurde. Heiligenbilder waren in den Augen der Reformatoren Zwingli und Luther „Götzenbilder“, die keinen Platz im „Haus Gottes“ haben sollten – dort sollte allein Gottes Wort aus der Bibel wirken. Der Katharinenaltar könnte sich zuvor jedoch auch in der Spitalkirche befunden haben.
Die Konsequenz daraus wäre jedoch, dass der Altar wirklich bereits vor 1531 aus der Kirche entfernt wurde – und nicht mehr aufgebaut wurde. 1532 haben die (protestantischen) Isnyer Bürger die benachbarte Klosterkirche St. Georg gestürmt und die Bildwerke entfernt – diese jedoch in der benachbarten Marienkapelle eingelagert. Vermutlich kamen sie wenige Jahre später wieder zurück, nachdem das „Interim“ des Augsburger Reichstages einen brüchigen Frieden zwischen den Konfessionen erreicht hatte. Die Nikolaikirche blieb jedoch lutherisch – und daher ohne Bildwerke. Dafür spricht auch, dass erst 1644 für den Chor ein neuer Bildaltar erstellt wurde.
Die Umgestaltung der Nikolaikirche im neugotischen Stil 1850-1910
Die Umgestaltung der Nikolaikirche im neugotischen Stil steht hier im Zusammenhang mit der Aufbruchstimmung in Deutschland nach der Revolution 1848. Es waren moderne Zeiten angebrochen – die Textilfabrik von C.U.Springer und andere Firmen brachten neuen Wohlstand und Arbeit nach Isny, Jules Verne hatte seine Romane veröffentlicht, König Ludwig ließ das Schloss Neuschwanstein im neugotischen Stil erbauen, die Fürsten von Hohenzollern bauten bei Hechingen ein neugotisch-mittelalterliches Schloss auf den Zollern. Da wollten die Isnyer vermutlich nicht zurückstehen.
Der Frauenaltar der Friedhofskapelle
Es könnte sich bei den Altartafeln auch nicht um einen Altar aus der Nikolaikirche, sondern um den Frauenaltar handeln, der sich in der Friedhofskapelle in Isny befand.
1521 hatte Peter Buffler, Patrizier aus Isny, die Friedhofskapelle gestiftet. Sie muss eine beträchtliche Größe gehabt haben, da sich darin ein Versammlungsraum, ein Chor, Säulen und ein Glockenturm – sowie der Frauenaltar befand. Die Entstehungszeit könnte zum Spätwerk Strigels passen – ebenso die Verbundenheit Isnys mit Memmingen. Interessant an diesem Gebäude ist zudem, dass es bereits 1531 (10 Jahre später) auf Betreiben des Stifters Buffler und des Reformators Blarer komplett „geschliffen“ wurde. Grund war, dass Blarer und die Isnyer Reformatoren den katholischen Totenkult der „Altgläubigen“ ablehnten. (Siehe dazu ➥ Reformation und Bildersturm in Isny) Der Isnyer Abt beklagte sich bitterlich, dass die geweihten Steine sogar für die Errichtung von Pferdeställen in Isny Verwendung fanden.
Einschränkung und Grund für weitere Nachforschungen
In Karlsruhe wird die Provenienz ausschließlich mit „aus der Nikolaikirche in Isny“ angegeben, in Berlin jedoch als „aus Isny oder Aulendorf“ stammend. Die Bilder des Frauenaltares könnten somit auch nicht aus Isny, sondern aus Aulendorf oder aus Rot an der Rot stammen. Dafür habe ich bislang jedoch keine Hinweise gefunden. Für eine Provenienz aus Aulendorf müssten die Altarbestandteile im zuge der Barockisierung aus der Kirche entfernt worden sein, da Aulendorf durchgängig katholisch blieb und keinen Bildersturm erlebte.
Vorgehensweise bei der Rekonstruktion und Recherche
Ich versuche bei der „Spurensuche“ auf drei Wegen den Altar und seine Geschichte zu rekonstruieren:
– Recherche nach Zeitpunkt und Ursachen des Verschwindens aus der Nikolaikirche
– Recherche nach Zeitpunkt und nach Stiftern (Financiers) des Altares am Beginn des 16.Jahrhunderts
– Ähnlichkeitsvergleich in der Malweise mit weiteren Bildern Strigels, um daraus ein geschlossenes Altarensemble zu rekonstruieren
– Recherche in den Notizen der Kunstsammler des 19.Jahrhunderts wie Hirscher, Abel und Dursch, in deren Sammlungen Altarteile beschrieben sind
(siehe dazu auch ➥ Käufer – und „Zweitbesitzer“ des Altars
– Recherche in Steuerbüchern von Memmingen, Kassenbüchern der Evang. Kirchengemeinde Isny
– Recherche im Klosterarchiv mit den verzeichnissen der einnahmen der Kapläne, die aus Messen an verschiedenen Altären der Nikolaikirche „generiert“ wurden.
– Recherche in Bestandslisten verschiedenster Museen (fündig geworden in der Kunsthalle Karlsruhe, der Gemäldegalerie Berlin, dem Dominikanermuseum Rottweil)
Probleme bei der Spurensuche
Die Spurensuche gestaltet sich schwierig, weil Strigel erst ab ca. 1885 als Maler zahlreicher Altarbilder erkannt wurde. Er hatte als „Handwerker der Altarwerkstatt“ seines Vaters Ivo Strigel die Bilder nicht signiert oder mit Monogramm versehen. An der Schwelle von der Gotik zur deutschen Renaissance entwickelten die Künstler erst nach und nach ein entsprechendes Selbstbewusstsein – das besonders bei Dürer ausgeprägt zum Vorschein trat. Bis 1885 wurde Strigel als „Meister der Sammlung Hirscher“ bezeichnet, seine Bilder ➥ Hans Holbein dem Jüngeren, ➥ Bartholomäus Zeitblom (mit dem Strigel einige Zeit gemeinsam arbeitete), ➥ Hans Baldung Grien oder anderen Zeitgenossen zugeschrieben und tauchen in Bestandslisten der Sammlungen des 19.Jahrhunderts unter diesen Zuschreibungen auf.
Auch durch die Titel der Gemälde Strigels ist eine Zuordnung zum Isnyer Altar schwierig. Die Familie Strigel hatte in Memmingen eine kleine „Altarfabrik“ mit zahlreichen Gesellen und versorgte Süddeutschland, Österreich, Oberitalien und die Nordschweiz mit Altären. Dabei wurden auch ähnliche Altäre mit ähnlichen Motiven gestaltet. Unter einem Bildtitel sind im Netz mehrere Darstellungen von Strigelgemälden auffindbar. Ich betrachte die Altäre etwas „ketzerisch“ als mittelalterliche „Comic-Strips“, die jeweils eine Geschichte für die Gläubigen erzählen. Heute wie damals ist in derartigen Bildergeschichten immer eine dem Werk eigene Bildsprache erkennbar – selbst wenn es sich um denselben Künstler handelt. Dies ist mein Ansatz zur Rekonstruktion des Altares.
Indizien für die Provenienz aus Isny
Dafür, dass Hochaltar und Katharinenaltar der Nikolaikirche von Bernhard Strigel geschaffen wurde, gibt es bislang keinen gesicherten Nachweis mit schriftlichen Quellen aus der entstehungszeit um 1500 zur Provenienz. In der Literatur und den Zuweisungen der Museen, die Tafeln besitzen, werden die Tafelbilder als „aus Aulendorf oder Isny“ stammend oder „aus der Nikolaikirche Isny“ angegeben. Mehrere Autoren weisen den Hochaltar aus der Nikolaikirche jedoch Bernhard Strigel zu. Von besonderem Wert erscheint mir die Bemerkung von Immanuel Kammerer, der als Archivar der evangelischen Kirchengemeinde in Isny tätig war und die Quellen studierte. Er schreibt 1949 11: „Schade, dass dem Innenraum der Kirche das Kunstkleinod des Altars von Bernhard Strigel, der in Memmingen wirkte, entfremdet ist. Die Altarflügel mit vier Heiligenpaaren auf Goldgrund sind über die Sammlung Hirscher nach Berlin ins Museum gewandert.“
Auf den Bildtafeln verwendet Strigel in der Ikonographie – mit Ausnahme des Bildes der „Verkündigung an Maria“ nur noch sehr schwach angedeutete Heiligenscheine – dies zeigt den Übergang von der gotischen Heiligendarstellung zur „Vermenschlichung“ während der Frührenaissance.
Wahrscheinliche Bestandteile der Altäre
Zu den möglichen Bestandteilen des Hochaltars (Marienaltars) habe ich ein ➥ eigenes Kapitel „Marienaltar / Hochaltar“ angelegt
Zu den Bestandteilen des Katharinenaltares gibt es ein ➥ Kapitel „Katharinenaltar“
Bernhard Strigel (1460-1528): Fußwaschung Christi (Christus wäscht die Füße des Petrus),
Hinweis: Ein Klick in die jeweilige Abbildung zeigt eine größere Ansicht
Fußnoten
Die Fußnotennummerierung im Text mag sprunghaft erscheinen – sie zeigt jedoch die Reihenfolge, in der ich Quellen entdeckt, bearbeitet und eingefügt habe 😉
1 vgl. Kammerer, Immanuel: Isny im Allgäu – Bilder aus der Geschichte einer Reichsstadt, Kempten, 1956, S. 101
2 Isny hatte eine besondere Beziehung zu Kaiser Maximilian I.:
Sein Vater, Kaiser Friedrich III verlieh der Stadt 1488 „…für besondere Tapferkeit bei der Befreiung seines Sohnes König Maximilian aus der Gefangenschaft der Stadt Brügge das Recht, einen golden gekrönten Adler mit silbernem Brustschild, in dem sich das bisherige Wappen, ein Hufeisen befindet, fortan als neues Wappen zu führen. …1507 gewährte Maximilian der Stadt das Recht, Silbermünzen zu prägen
(vgl. Hartmann/Stützle (a.a.O., Kapitel: „Aus der Isnyer Geschichte)
3 Diese Literaturangaben habe ich dankenswerterweise von Frau Siegloch, Stadtarchivarin der Stadt Isny erhalten
4 E. Rettich: Ergänzungen und Berichtigungen zu Alfred Stanges „Deutsche Malerei der Gotik,“ VIII. Band, „Schwaben in der Zeit von 1450 bis 1500“, Zeitschrift für Kunstgeschichte, 22. Bd., H. 2 (1959), S. 158-167, (Quelle: ➥ https://www.jstor.org/stable/1481450)
5 Isny im Allgäu – Führer durch Stadt und Umgebung, Hrg. Stadt Isny, 1978, S.53
6 Helmut Schmid: Bilderbuch einer württembergischen Allgäustadt, 1995, ISBN 3-00-008119-4, S.66/67
9 Alfred Weitnauer: Allgäuer Chronik, Band III, S.222, 10 A. Weitnauer, S. 280
11 Immanuel Kammerer und Georg Kopp: Die Nikolaikirche in Isny und ihre Bibliothek, Im Selbstverlag des Verfassers, 1949, S.19
12 Alfred Weitnauer: Allgäuer Chronik, Bilder und Dokumente, Verlag für Heimatpflege Kempten/Allgäu, 1962, S.212. Anmerkungsteil: „Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Inv. Nr. 61. Vier weitere Tafeln dieses Altars, die sich in Berliner Museumsbesitz befinden, wurden während des zweiten Weltkrieges zerstört. Vgl. dazu A.Stange, Malerei der Gotik VIII, S.144“
13 Georg Bader: Freiheit kostet Kraft – Vom Existenzkampf der kleinen Reichsstadt Isny, Manuskript für eine Hörfunksendung des Südwestfunks zum 600. Jahrestag der Erhebung zur Freien Reichsstadt 1965
14 Specht’sche Chronik, S.34
➥ https://books.google.de/books/about/Isnisches_Denkmal_welches_in_sich_fasset.html?id=QKepSYrij2YC&redir_esc=y
15 a.a.O., S.49
16 Sonderausgabe „Strigel-Nummer – den Teilnehmern an der Tagung des Schwäbischen Museumsverbandes am 9. und 10. Juni 1928 gewidmet
➥ https://web.archive.org/web/20190219072908/https://stadtarchiv.memmingen.de/fileadmin/Allgemeine_Dateiverwaltung/Bereich_Amt13.3_Stadtarchiv/MGBl-1928-Jg-14-Hefte-01-02.pdf (Seite 10)
17 vgl. Kammerer, Immanuel: Isny im Allgäu – Bilder aus der Geschichte einer Reichsstadt, Kempten, 1956, S. 141
18 Ich gehe davon aus, dass die Heiligenbilder, die von Strigel geschaffen wurden, nicht Bestandteile des Marienaltares (7 Freuden/7 Leiden), sondern des Katharinenaltares waren. Diese Zuordnung ergibt mehr Sinn.
19 Reformation in der benediktinischen Geschichtsschreibung des 18. Jahrhunderts: Das Abbatiat des Elias Frei in Isny (1538-1548) in Georg Doblers , Gründlich und ausführlicher Bericht‘ von 1767: Einleitung, Edition und Kommentar, S. 234
➥ https://www.researchgate.net/(.,.)Reformation_in_der_benediktinischen_Geschichtsschreibung_des_18_Jahrhunderts_Das_Abbatiat_des_Elias_Frei_in_Isny_1538-1548(…).pdf
20 ref.ch – Das Portal der Reformierten: „Disputationen waren keine Plauschrunden“ – Vor 500 Jahren hat der Rat von Zürich die Reformation beschlossen. Vorhergegangen waren zwei Disputationen, in denen Huldrych Zwingli die Behörden und die Bevölkerung von seinen Ideen überzeugen konnte.
➥ https://www.ref.ch/news/durchbruch-reformation-zurich-disputationen-zwingli-500-jahre/
21 Ratschlag des Züricher Reformators Huldrych Zwingli an den Rat der Stadt Zürich (10.-19.12.1523):
„Erstens ist unsere Meinung, dass man jetzt die Tafeln (Altartafeln) schließen und nicht mehr öffnen soll bis auf weiten Bescheid. Man schließt sie ja auch zur Fastenzeit und verhängt die Bilder. Die silbrigen, goldenen und sonstigen zierlichen Bilder soll man nicht herumtragen, weder an Feiertagen, noch an anderen Tagen, sondern man soll den höchsten Schatz des Wortes Gottes in die Herzen der Menschen tragen und nicht die Götzen in die Öffentlichkeit.
Demnach lassen wir es bei den zuletzt ausgegangenen Gebot bleiben, also dass niemand ein Bild weder in den Tempel noch aus dem Tempel tun soll, außer er hat es vorher hinein getan oder eine Kirchengemeinde hat mit Mehrheit entschieden, die Bilder zu entfernen. Dies soll ohne Schmach und Spott und ohne mutwillige Verärgerung von jemandem geschehen.
Zum letzten: Seit aufgrund des Wortes Gottes öffentlich bekannt ist, dass die Messe kein Opfer ist, auch dass man keine Bilder haben soll, aber etliche Pfaffen in unserer Stadt weiterhin mit aufrührerischen, irrigen und unbegründeten Worten dagegen reden, so ist unsere Meinung, entweder mit ihnen zu reden oder ihnen ihre Pfarrgründe zu entziehen, da sie nichts für das Wort Gottes tun.“
Huldrych Zwingli: Werke. 2.Bnd. Leipzig 1908, S. 81 ff, vereinfacht von Franziska Conrad,
zitiert aus ➥ https://www.friedrich-verlag.de/fileadmin/_processed_/f/3/csm_517173-006_Gle173_Bildersturm_Material_3_thumb_dc5e26a6d1.jpg (ges.14.10.2023)
22 Sabine Arend: Rezension zu Gudrun Litz (Die reformatorische Bilderfrage in den schwäbischen Reichsstädten, Tübingen 2007) vermerkt, dass Luther wohl ein weniger radikales Bilderverständnis als Zwingli und Blarer hatte. So kamen gegen Ende des 16. und im 17.Jahrhundert wieder Andachtsbilder bin die reformierten Kirchen.
➥ https://www.hsozkult.de/searching/id/reb-9647
23 Litz, Gudrun: Die reformatorische Bilderfrage in den schwäbischen Reichsstädten, Tübingen, 2007, Kapitel: Reformation in Isny, S.204 Fußnote 24
24 Otto, Gertrud; Strigel, Bernhard [Hrsg.]: Bernhard Strigel, Berlin [u.a.]: Deutscher Kunstverlag, 1964, Seiten 51/52
➥ https://doi.org/10.11588/diglit.52601 (Universität Heidelberg: Heidelberger historische Bestände – digital)
25 Johann Heinrich Specht: Isnisches Denkmal, welches in sich fasset eine gewisse Nachricht von der … 1750
➥ https://books.google.de/books?id=QKepSYrij2YC&hl=de&pg=PA35
26 Immanuel Kammerer und Georg Kopp: Die Nikolaikirche in Isny und ihre Bibliothek, Im Selbstverlag des Verfassers, 1949, S.18
27 Beschreibung des Oberamts Wangen/Kapitel B 13, Gemeinde Isny, Stadt. – siehe daraus auch das Zitat zur Zeit in meiner “
➥ Beschreibung der Isnyer Katastrophen„
28 siehe Kunstblatt: ➥ https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstblatt29_1848/0244/image,info, aus der Beschreibung der Sammlung Hirscher, hier – bereits 1848 – noch Hans Holbein d. Jüngeren zugeschrieben), ➥ https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/A5YKEP35SOEKIH5HYP4OFYQKH5UQGSUU,
Abbildung aus: Otto, Gertrud; Strigel, Bernhard [Hrsg.]: Bernhard Strigel, Berlin [u.a.]: Deutscher Kunstverlag, 1964, Quelle: ➥ https://doi.org/10.11588/diglit.52601
29➥ https://de.wikisource.org/wiki/Beschreibung_des_Oberamts_Wangen/Kapitel_B_13
30 Gottfried Wilhelm Locher: Die Zwinglische Reformation im Rahmen der europäischen Kirchengeschichte, Göttingen, 1979, Fußnote Seite 476 ➥
31 Quelle: Ev. Kirchenarchiv Nikolauskirche Nr. 2285; 1855/1857; Verkauf eines Bildes aus dem Ölberg an Prof. Hirscher in Freiburg um 85 fl 20 K.
„Disclaimer“
Bei der Gestaltung und dem Inhalt dieser Website bitte ich um Nachsicht – und um Korrekturhinweise. Ich habe Kunst und Kunstgeschichte studiert, bin jedoch kein Spezialist für die Kunst des Mittelalters. Erst Ende Juli 2023 wurde ich auf die verschollenen Altäre meiner Heimatstadt aufmerksam und sammle seitdem Hinweise. Diese Seite ist „work-in-progress“, Dokumentation meines Erkenntnisgewinns und „öffentliche Diskussionsgrundlage. Dafür, dass die Strigel-Bilder tatsächlich aus der Nikolaikirche stammen, habe ich noch keinen „gerichtsfesten“ Beweis entdeckt. Nachdem jedoch die Gemäldegalerie Berlin, die Kunsthalle Karlsruhe und die Staatsgalerie Stuttgart und andere Quellen (die ich im folgenden zitiere und nenne) die Herkunft aus Isny als „wahrscheinlich“ betrachten, verorte ich den Strigel-Altar in meine Heimatstadt. Der Inhalt dieser Website ändert sich mit jeder neuen Erkenntnis, neuer Quellenlage und beinahe täglich. Hinweise, Ergänzungen und Korrekturen nehme ich sehr gerne entgegen. Bei der Auswahl der Bilder orientiere ich mich an der Beschreibung einzelner Altartafeln durch Gertrud Otto24. Zudem orientiere ich mich an den in den Fußnoten angegebenen Quellen, sowie den Provenienzangaben der Museen.
Letztes Update und Umgestaltung der Seite: Januar 2026


