Die verschollenen Altäre der Nikolaikirche Isny
Vorbemerkung: Diese Seite über die Altäre der Nikolaikirche Isny ist „work-in-progress“ und wird ständig an neue Informationen angepasst. Möglicherweise entstehen dadurch auch Dopplungen und etwas holprige Formulierungen. Verbesserungsvorschläge und Hinweise nehme ich gerne entgegen (strigel – ät – autenrieths.de).
Die Informationen dieser Website sind noch nicht final wissenschaftlich abgesichert und 100% fundiert und zum Teil begründete Spekulation – ich bemühe mich jedoch um Quellensicherheit und bin mit mehreren fachkundigen Kunsthistorikern im Kontakt. Es handelt sich um „offene Forschung“ – mit dem Aufruf an alle Leser, falsche Vermutungen zu widerlegen und mir fundierte Informationen zu senden.
Eine Abkürzung zu dieser Seite lautet:
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Altarretabel der Nikolaikirche um 1520
Um 1500 war Isny katholisch und die Nikolaikirche war die „Leutekirche“, während St. Georg als kleinere Kirche von den Benediktinern als Klosterkirche genutzt wurde. Die heutige Größe erhielt St. Georg erst nach dem Stadtbrand von 1631, bei dem sie völlig zerstört wurde.
Die Nikolaikirche besaß zu jener Zeit – wie in katholischen Kirchen üblich – mindestens 8 Altäre (Hauptaltar und 7 „Kapläne“), die verschiedenen Heiligen und Schutzpatronen geweiht waren. Jeder Altar „ernährte“ durch Stiftungen und Messen einen Kaplan sowie durch Abgaben das Kloster, da Abt und Kloster die Kapläne stellten. Die Altäre von St.Nikolaus enthielten wie üblich Marien- und Heiligendarstellungen. Die freie Reichsstadt Isny war damals durch Handel und besonders durch den Tuchhandel eine der reichsten Städte Oberschwabens und die Patrizier stifteten reichlich für ihr Seelenheil.
Um 1520 begann in Isny eine Auseinandersetzung zwischen dem zunehmend selbstbewussteren Bürgertum, das die „Leutekirche“=Nikolaikirche besuchte und dem katholischen Klerus im Kloster, der in St.Georg die Messe feierte. Die Lehren Luthers und Zwinglis fielen auf fruchtbaren Boden, die Handelsleute brachten aus ganz Europa neue Nachrichten und Schriften nach Isny, die durch den neu erfundenen Buchdruck verbreitet wurden. Die reichen Kaufleute stellten eigene, hoch gebildete Prädikanten für den Gottesdienst ein und statteten diese mit Büchern und Schriften aus, die noch heute in der Prädikantenbibliothek der Nikolaikirche bewundert werden können. Dort befinden sich zahlreiche Inkunnabeln der Druckkunst, viele Schriften Luthers, Zwinglis und anderer Reformatoren, sowie wissenschaftliche Werke und Atlanten.Die Prädikantenbibliothek wurde von den zahlreichen Stadtbränden verschont und befindet sich noch heute im Originalzustand aus der Zeit um 1500.
Diese wachsenden Auseinandersetzungen und Reibereien führten letztlich zur Reformation in Isny – die Freie Reichsstadt unterschrieb beim Reichstag in Speyer 1529 als eine der wenigen Reichsstädte in Deutschland gemeinsam mit mehreren Fürsten das Protestationsdokument der Evangelischen Stände und führte innerhalb der Stadtmauern die neue Kirchenordnung ein.
Georg Bader<sup>13</sup> schreibt: „In den Jahren um 1540 stand Isny auf der Höhe seiner Entwicklung. Die Feuerstein’sche Chronik berichtet, dass die Stadt als Glied der „Ravensburger Gesellschaft“ jährlich für 150.000 fl (=Gulden) Leinwand verkaufte. Niederlassungen der großen Ravensburger Handelsgesellschaft waren in Venedig und Genua, in Spanien und in den Niederlanden, in London, Schlesien, ja bis hinein in den fernen Osten (…)
Nach Reformation und dem „Ausräumen der Nikolaikirche“ waren die Altarbestandteile und Retabel der Kirche einige hundert Jahre verschwunden, bis sie um 1850 wieder zum Vorscheinkamen, als sie in den aufkommenden Kunsthandel gelangten.
Mit hoher Wahrscheinlichkeit nachgewiesen
Frauenaltar
Der Frauenaltar – vermutlich der Hochaltar – wurde von Bernhard Strigel um 1518 gestaltet. Teile konnte ich in der Gemäldegalerie Berlin und der Kunsthalle Karlsruhe verorten – dort wird als Provenienz jeweils die Nikolaikirche Isny angegeben. Einige Tafeln mit Heiligendarstellungen wurden am Ende des 2.Weltkrieges bei einem Bombenangriff in Berlin zerstört. Siehe dazu meinen Rekonstruktionsversuch.
Hinweis zum Frauenaltar in Quellen:
– Mehrere Autoren, die über die Nikolaikirche berichten, beklagen den „Verlust des Strigelaltares“.
Auch Scharff schreibt über die Reformationszeit:
„…darnach haben die Helfer und der Prediger eine Meß, weiß nit aus was für einem Model gegossen, die sie eine evangelische Messe ohne Gift getauft und diese hierfür auf dem Frauenaltar zu halten befohlen“ (S. 30)
Damit ist mit hoher Wahrscheinlichkeit der Altar gemeint, der von Bernhard Strigel gestaltet wurde. (Bernhard Scharff: „Die Geschichte der Reformation in Isny“, Waldsee, 1871)
Katharinenaltar
Es gab in Isny einen St.Katharinen-Verein. „Was dann den St.Katharinenverein, dessen Patron der Prälat auch sei, anbelange, dessen Einkommen die von Isny auch einnehmen, einigen Kaplänen aber davon das Gebührende geben, so sei es des Prälaten Begehren, sie sollten den ihm gebührenden Teil herausgeben.“ (Scharff S.68) Dies deutet auf die Existenz eines Katharinenaltares in der Nikolaikirche hin.
Der Schutzheilige der Schmide, der Hl. St.Elegius, ist auf der Werktagsseite des Katharinenaltares dargestellt. 4 Tafeln des Katharinenaltares befinden sich heute im Dominikanermuseum Rottweil (und werden dort in der Provenienz der Nikolaikirche Isny zugeordnet)
Siehe dazu die Seite zum Katharinenaltar
Nikolausaltar
„Die Monstranz und andere silberne Geräte, Kelche haben die Isnyer aus der Kirche genommen und daraus Münzen schlagen lassen. Die Heiltümer (Reliquien), darunter namentlich St. Nikolai Zahn haben sie verunehrt“ (S.31) (Bernhard Scharff: „Die Geschichte der Reformation in Isny“, Waldsee, 1871)
Für eine derart wertvolle Reliquie war sicherlich ein Altar vorhanden.
Wahrscheinlich um 1500 in der Nikolaikirche vorhandene Altäre
St.Sebastian
Es gab in Isny eine „löbliche Bruderschaft der Armbrustschützen zu Ehren St.Sebastians“ (Scharff S.68) aus dem der Isnyer Schützenverein hervorging. Vermutlich gab es für diese Bruderschaft einen Altarschrein mit dem Hl.Sebastian.
Vermutlich gab es noch weitere Altäre zu Ehren der Schutzheiligen der Zünfte (Schmiede, Bäcker, Weber).
Altar für St.Ursus
Scharff berichtet von einem Altar für St.Ursus (Scharff S. 100)
Michaels-Altar
Für einen St. Michaelsaltar gab es die Stiftung einer Frühmesse (Scharff S.100)
Verschollene Altäre aus Kapellen
Friedhofskapelle
In der Schrift von Bernhard Scharff: „Die Geschichte der Reformation in Isny“, Waldsee, 1871 steht in der Fußnote auf Seite 45 über die von Peter Buffler 1521 gestiftete Friedhofskapelle, die auf sein Betreiben und Anraten Blarers im März 1531 wieder abgerissen wurde – weil nach protestantischer Lehre der „Totenkult“ heidnisch sei.
„Der Abbruch der sehr schönen Kapelle scheint nicht auf einmal geschehen zu sein, wie aus einem an Truchseß Wilhelm abgefassten Berichte vom 16 März erhellt; denn es heißt dort „etc. etc. sie haben das Gewölb im Chor, sogar den Turm mehr als halb, auch den Frauenaltar abgebrochen u.s.w“.
Der „Rückbau“ der Kapelle war geordnet vonstatten gegangen, was für die „Sicherungsverwahrung“ der Altarbestandteile spricht und gegen den Zeitpunkt der Räumung der Nikolaikirche 1534 beim „Bildersturm“. Abt und Truchsess beklagten sich bei der Stadt, dass die „geweihten“ Steine der Kapelle für Vieh- und Pferdeställe Verwendung fanden. Bislang habe ich keine weiteren Strigeltafeln gefunden, die in Stil, Format und Thematik zu den bereits entdeckten Tafeln passen. Ein zweiflügeliges Retabel spricht von der Größe eher gegen einen Hochaltar und mehr für den Standort in der Friedhofskapelle. Leider kann ich den zugehörigen Schrein nicht finden. Darin befanden sich in der Regel geschnitzte Heiligenfiguren, Figuren von Jesus und Maria, Johannes, Anna etc.
Somit existierten eventuell sogar zwei Frauenaltäre (= Marienaltäre) in Isny.
Bernhard & Ivo Strigel – und die Altäre in Isny
➥ Bernhard Strigel hatte vermutlich einen der verschollenen Altäre der ➥ Nikolaikirche Isny zwischen 1515 und 1520 gestaltet. Der Katharinenaltar wurde um 1480 von Bernhards Vater Ivo Strigel gestaltet.
Der Hauptaltar des Bernhard Strigel könnte zum Besuch von Kaiser Maximilian und der Fertigstellung des neuen Choranbaus der Nikolaikirche 1508 bestellt worden sein.
Aufgetaucht sind Altarbestandteile erst wieder in ➥ Bestandslisten der Sammlung Hirscher um 1846. Heute befinden sich die Teile des Altars weltweit verstreut in renommierten Museen und Privatsammlungen. Entdeckt habe ich Teile, die der Nikolaikirche zugeordnet werden, in Sammlungen der Gemäldegalerie Berlin und der Kunsthalle Karlsruhe.